Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Kult ums Schwert
Macht, Magie und Männlichkeit
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Wer die Kunst beherrschte, ein vortreffliches Schwert zu schmieden, stand in hohem Ansehen bei Königen, Kaisern und Rittern. Sein geheimes Wissen vererbte ein Schmied seinem Sohn, oder er nahm es mit ins Grab. Die edelsten dieser legendären Waffen trugen magische Namen wie Excalibur, Balmung und Durendal
Es war der 15. August des Jahres 778. Die Nachhut Karls des Großen hatte sich bei Roncesvalles in einem engen Tal der Pyrenäen zur Rast niedergelassen. Die Männer waren nach einem aufreibenden Eroberungszug im muslimisch besetzten Spanien erschöpft und sehnten sich danach, endlich wieder in heimatliche Gefilde zu kommen. Doch plötzlich stürmten wie aus dem Nichts feindliche Basken von den Hängen und fielen über die müden Krieger her. Karls Männer hatten keine Chance. Ehe sie eine Gegenwehr organisieren konnten, war ein Großteil gefallen, und schon bald war nur noch Karls Paladin Roland am Leben. Sein Signalhorn »Olifant« hatte er bereits auf dem Schädel eines Angreifers zertrümmert. Jetzt versuchte er, bereits tödlich getroffen, sein Schwert »Durendal« an einem Felsen zu zerschmettern, damit es nicht in die Hände der Feinde fiel. Doch das Schwert schien unzerstörbar. Statt zu brechen, schlug die Klinge große Stücke aus dem Fels. Um Durendal dennoch zu schützen, legte er die Waffe schließlich unter sich, sodass er sie mit seinem Körper bedeckte – und starb. So weit die Legende.
Als Roland im 8. Jahrhundert sein Schwert höher einschätzte als das eigene Leben, hatte die Waffengattung schon eine lange, wechselvolle Geschichte hinter sich. Wahrscheinlich waren es Schmiede irgendwo in Mittelanatolien gewesen, die vor gut 3000 Jahren den Bronzedolch zum Schwert weiterentwickelten. Die Klinge war länger, breiter und dicker geworden, und die aus einem Stück gefertigte Waffe hatte einen spe-ziellen Griff erhalten, der verhinderte, dass die Hand des Kämpfers beim Stoß in die eigene Klinge rutschte.
Theoretisch stand mit dieser Innovation eine überlegene Waffe zur Verfügung. Im Gegensatz zu den schon lange bekannten Beilen, Keulen und Speeren verfügte das Schwert über zahlreiche Vorteile: Es war relativ leicht zu handhaben und eignete sich für geschwungene Schläge ebenso wie auch zum Stechen und Schneiden. Die neue Wunderwaffe aus Bronze hatte allerdings auch einen entscheidenden Nachteil: Sie war für den harten Kampfeinsatz weitgehend untauglich. Zwar ließen sich aus Bronze lange, schmale Klingen herstellen, doch dieses Material war relativ weich. Beim direkten Aufeinanderprallen der Klingen wurden diese schnell schartig oder brachen sogar. Letzteres bedeutete auf dem Schlachtfeld den sicheren Tod für den Kämpfer.
Erschwerend kam hinzu, dass man für die Herstellung von Bronze Kupfer und Zinn benötigte, die meist unter Tage abgebaut und von weit her transportiert werden mussten. Kupfer fand sich zwar in größeren Mengen auf Zypern, aber Zinn musste aus dem fernen Cornwall herangeschafft werden. Eine aufwändige und gefährliche Reise, die Bronzewaffen entsprechend teuer und wertvoll machte. Deshalb waren solche Schwerter in erster Linie ein Statussymbol, mit dem sich Fürsten zu Lebzeiten schmückten und nach ihrem Tode begraben ließen. Die militärische Bedeutung des Schwertes blieb jedoch bis in die Eisenzeit hinein zweitrangig.
Die Überlegenheit eiserner Schwerter lernten unter anderem die Ägypter im 13. Jahrhundert v. Chr. beim Kampf gegen die Hethiter kennen, die militärische Großmacht in Anatolien. Die ägyptischen Soldaten setzten hauptsächlich auf Bögen und Speere für den Fernkampf, beim Nahkampf kamen Äxte, Dolche und Keulen zum Einsatz. Gegen die hethitischen Eisenwaffen waren die bronzenen der Ägypter im Nachteil. Diese erkannten das zwar bald, eine Aufrüstung mit den neuen Waffen war allerdings nicht so schnell möglich, denn Eisenerz kam im ägyptischen Einfluss-gebiet kaum vor. In der Folgezeit importierte man daher das Metall, um daraus das begehrte Kriegsgerät herzustellen.
Um diese Zeit begann auch der griechische Stamm der Dorer, sich mit eisernen Waffen auszurüsten. Und so kämpften Jahrhunderte später Griechen mit ihrem Kurzschwert gegen die Perser. Doch die Hauptwaffe der griechischen Soldaten war der Speer, weswegen es den römischen Legionen vorbehalten war, dem Schwert endgültig zum Durchbruch zu verhelfen. Jeder der meist weit über 100000 Legionäre war mit dem Gladius, einem Kurzschwert, ausgerüstet, das die Römer in Spanien kennen gelernt und weiterentwickelt hatten. Bei den frühen Schwertern des »Mainzer Typs« verjüngte sich die Klinge erst und wurde dann zur Spitze hin wieder breiter. Spätere Schwerter vom Typ »Pompeji« (1. Jahrhundert n. Chr.) hatten hingegen eine gerade Klinge mit kürzerer Spitze. Jeder Gladius war etwa siebzig Zentimeter lang, acht Zentimeter breit und wog circa 2,5 Kilogramm.
Im Gegensatz zu den meisten späteren Kämpfern trugen die Legionäre den Gladius an der rechten Seite an einem Schultergurt. Da das Schwert jedoch auch mit der rechten Hand geführt wurde, war einiges Training nötig, bevor die Legionäre ihr Schwert auch im Gefecht schnell von der »falschen« Seite ziehen konnten. Der Grund für das Ziehen von rechts war der sperrige Schild, der die linke Körperseite deckte und damit dem Schwert im Weg war. Einzig die Centurionen, die über einen kleineren Schild verfügten, durften ihr Schwert links tragen.
Das römische Schwert war wegen seiner relativ kurzen Klinge in erster Linie eine Stoßwaffe. Fechtkämpfe kamen nur in Ausnahmefällen vor. Verlief die Schlacht planmäßig, griffen die Legionäre den Gegner in geschlossener Formation hinter der sicheren Deckung ihrer Schilde an. Erst im 2. Jahrhundert n. Chr. setzte sich in den Legionen eine neue Waffe durch: die Spatha. Sie war ein Langschwert, das hauptsächlich als Hiebwaffe eingesetzt wurde. Kennen gelernt hatten die Römer diesen Typ bei ihren nördlichen Nachbarn.
Im Gegensatz zu dem relativ geordneten Staatsgebilde der Römer bestanden die Reiche der Kelten und Germanen lange Zeit aus kleineren, unabhängigen Einheiten, die nicht selten gegeneinander Krieg führten. Statt des namenlosen Soldaten stand hier der einzelne Krieger im Vordergrund. Wer ein Schwert besaß, demonst-rierte damit, dass er ein freier Mann war. Es war das Zeichen für Wohlstand und Macht. So war es üblich, sein Schwert den Göttern zu weihen oder ihm einen eigenen Namen zu geben. Die Bedeutung, die das Schwert besonders in der Zeit der Völkerwanderung besaß, spiegelt sich bis heute in zahlreichen Mythen und Sagen wider:
König Artus’ sagenhaftes Schwert wird im Walisischen »Caledfwlch« genannt, bei den Engländern wurde es zu »Caliburn« und daraus schließlich das französische »Excalibur«. Der Name soll vom lateinischen »chalybs« abgeleitet sein, was zunächst Stahl und dann auch Schwert bedeutete. Artus erhielt es der Sage nach von der »Herrin des Sees«, und es wurde nach seinem Tod an sie zurückgegeben.
Der Königssohn Siegfried schmiedete aus der zerbrochenen magischen Klinge »Gram« sein eigenes Schwert »Balmung« und konnte damit den Drachen Fafnir erschlagen. Und natürlich besaßen auch die anderen Helden dieser sagen-haften Zeit ihre eigenen Wunderschwerter: Dietrich von Bern kämpfte mit »Nagelring« und »Eckesachs«; Arngrim, ein Held der altislän-dischen Liedersammlung Edda, besaß das verfluchte Schwert »Tyrfing«, das jedem Besitzer den Tod brachte. Und Hal Fosters (1892–1982) Neuschöpfung »Prinz Eisenherz«, auch er ein Ritter am Hofe von König Artus, führte mit Elan das »Singende Schwert«.
Wieland, ein Schmied göttlicher Abstammung, hatte als Fachmann natürlich ein ganz besonderes Geheimrezept zu hüten: Als er die Klinge »Mimung« für seinen Sohn Wittich schuf, war er mit den ersten Ergebnissen nicht zufrieden. Kurzerhand feilte er die minderwertige Waffe zu Spänen und mischte diese in Brotteig. Nachdem er das Brot gebacken und an seine Hühner verfüttert hatte, sammelte er deren Kot ein, verbrannte ihn, sammelte die Metallreste und buk sie erneut in Brotteig. Diesen Vorgang wiederholte er mehrere Male. Aus dem Metall, das er so »gereinigt« hatte, schmiedete er anschließend ein neues Schwert, das härter war als alle bis dahin bekannten Waffen.
Was für seine Zeitgenossen reine Magie war, können heute die Chemiker erklären: Das Eisen wurde durch den Verdauungsvorgang entschlackt, und Magensäure und Mageninhalt der Hühner reicherten es mit weiteren Elementen an – vor allem mit Stickstoff und Kohlenstoff. Das Verfahren war zwar abenteuerlich, führte aber tatsächlich zu höherwertigem Stahl, wie das Museum of English Rural Life in den 1950er-Jahren im Versuch nachwies.
Veredelt durch derart mystische Herstellungsverfahren und allerlei Geheimwissen durfte das Schwert natürlich auch bei offiziellen Anlässen nicht fehlen. Schon im 8. Jahrhundert war es daher unter den Karolingern üblich, junge Regenten durch die Schwertleite in die Volljährigkeit zu entlassen. Dabei wurden den Thronanwärtern feierlich ihre Waffen übergeben. Erst dann durften sie in den Krieg ziehen und sich zum König wählen lassen. Die Verbindung von Schwert und Männlichkeit beschränkte sich dabei keineswegs nur auf offizielle Zeremonien. Nicht erst seit Sigmund Freud erkannte man in den Waffen Phallussymbole, die die germanischen Recken konsequenterweise in einer »Scheide«, römische Legionäre hingegen in einer »Vagina« transportierten.
Nicht nur die Schwertkämpfer, auch die Schmiede genossen höchstes Ansehen. Da ihre Fertigkeiten ausschließlich auf Erfahrung und Überlieferung beruhten und nicht auf dem Verständnis der beim Schmieden ablaufenden chemischen und physikalischen Vorgänge, war ihre Arbeit in jeder Hinsicht eine magische Kunst. Nur durch den richtigen Herstellungsprozess wurde aus minderwertigem Eisen wertvoller Waffenstahl.
Das A und O bei der Herstellung ist dabei nicht nur die Reinheit des Metalls (möglichst wenig Schlacke), sondern auch die Menge an Kohlenstoff: Eisen, das weniger als ein halbes Prozent Kohlenstoff enthält, ist relativ weich. So lässt es sich zwar leichter bearbeiten, verbiegt sich jedoch beim Aufeinanderprallen zweier Klingen und wird schnell schartig. Ist der Kohlenstoffgehalt im Eisen höher als zwei Prozent, wird das Material so hart und spröde, dass die Klinge beim Aufprall zerbricht.
Für die Schmiede ging es also darum, eine Klinge herzustellen, die weder zu weich noch zu hart war. Sie sollte flexibel sein, um Spannungen zu verkraften, und hart genug, damit sie sich im Kampf nicht abnutzte. Der ideale Kohlenstoffgehalt, der den antiken und mittelalterlichen Schmieden natürlich unbekannt war, liegt, wie man heute weiß, zwischen 0,5 und 1,5 Prozent. Dieses Mischungsverhältnis erreichte man per Zufall, weil man Holzkohlenfeuer zum Schmieden verwendete. Je nach Temperatur des Feuers variierte später der Kohlenstoffanteil im Eisen: Denn bei sehr hohen Schmiedetemperaturen (über 1130 Grad Celsius) verbrennt der Kohlenstoff, und der Anteil im Eisen sinkt. Bei niedrigeren Temperaturen (über 723 Grad), oder wenn man die Klinge direkt in Holzkohlenstaub hämmert, steigt der Anteil. Aus dieser Erkenntnis ergab sich ein weiteres Problem: Die richtige Temperatur konnte nur an der Farbe des glühenden Stahls abgeschätzt werden, eine Fähigkeit, die vom Schmied große Erfahrung erforderte.
Aber mit dem richtigen Kohlenstoffanteil war es noch lange nicht getan. Kühlte die Klinge nach dem Schmieden sehr langsam ab, blieb den Eisenmolekülen genügend Zeit, sich in einem regelmäßigen Kristallgitter anzuordnen. Das Ergebnis: relativ weicher Stahl mit eingelagerten spröden Eisen-Kohlenstoff-Verbindungen (so genannter Zementit). Schreckte man das glühend geschmiedete Eisen aber zum Beispiel in kaltem Wasser ab, kam es gleichsam zu einem »Schockgefrieren« der Eisenmoleküle, die sich nicht mehr in einer entspannten Lage anordnen konnten. Es entstand ein Kristallgefüge, in dem sich die Moleküle in einer verzerrten Gitterstruktur verspannten: Gehärteter Stahl war entstanden.
Doch beim Abschrecken wird Stahl so spröde wie Glas. Eine solche Klinge kann beim ersten Schlag zerspringen. Daher erwärmt man sie heute wie damals auf etwa 200 bis 300 Grad Celsius – man nennt den Vorgang »Anlassen« –, wodurch sich die Spannungen im Metall ausgleichen. Sprödigkeit und Härte verringern sich, Haltbarkeit und Elastizität nehmen entsprechend zu.
Zum Abschrecken (Härten) nahm man kaltes Wasser oder Öl, wobei die Temperatur langsamer als in Wasser abgesenkt wird. Ebenso eignen sich stickstoffhaltige Flüssigkeiten. »Entdeckt« wurde diese Methode des Härtens der Legende nach in Damaskus, wo man einen Gefangenen mit einer glühenden Klinge durchbohrte: Nach der Hinrichtung stellte man fest, dass sich dadurch die Klinge gehärtet hatte. Glücklicherweise fand man heraus, dass derselbe Effekt mit Urin oder Wasser, in das man Leder eingeweicht hatte, erzielt werden konnte. Bei derart »mystischen« Verfahren mussten selbst die besten Schmiede regelmäßig Rückschläge hinnehmen. Man schätzt, dass die Zusammensetzung des Stahls nur bei jedem zweiten oder dritten Schwert stimmte. Der Rest war Ausschuss.
Nach dem Untergang des Römischen Reiches waren Kettenhemden lange Zeit der wichtigste Körperschutz gewesen. Mit zunehmendem Einsatz von Langbögen und Armbrüsten bestand im Hochmittelalter allerdings die Notwendigkeit, die Rüstungen weiterzuentwickeln. Die Kettenpanzer wurden nach und nach durch Platten-panzer verstärkt oder ersetzt. Sie umschlossen erst nur Arme und Beine, später schließlich den ganzen Körper.
In diesem »Rüstungswettlauf« mussten zwangsläufig auch die Schwerter verbessert werden. Zuerst fertigten die Schmiede siebzig bis hundert Zentimeter lange »Bastardschwerter«, die sich wahlweise mit einer oder zwei Händen führen ließen. Spätere Waffen wurden noch länger und schwerer, sodass man kraftvolle Schläge austeilen konnte. Zwar war es auch mit den besten Klingen nicht möglich, einen Plattenpanzer zu durchschlagen, aber die Wucht des Aufpralls ließ Knochen splittern und rief schwere innere Verletzungen hervor. War der Gegner ungepanzert, konnte man selbst mit einem stumpfen Schwert Arme, Beine oder Kopf abschlagen: Die Masse des Schwertes war wichtiger geworden als die Schärfe der Klinge. Gleichzeitig wurden so genannte Panzerbrecher gefertigt, etwa 25 Zentimeter lange Dolche mit spitz zulaufender Klinge und drei- oder viereckigem Querschnitt. Zweck dieser Waffe war es, die gegnerische Rüstung zu durchstoßen oder die Klinge zwischen die Platten des Panzers zu bohren.
Mit der zunehmenden Größe der Schwerter und der Entwicklung des Körperpanzers kam es zu einer weiteren wichtigen Veränderung: Der Schild, seit jeher wichtiger Ausrüstungsteil eines Ritters, wurde überflüssig, Angriffe wehrte man nur noch mit der Waffe ab. Deren Parierstange, die zwischen Klinge und Griff zum Schutz der Hand angebracht war, wurde nun besonders aufwändig gestaltet.
In Europa kam es in dieser Zeit jedoch nicht nur zu eigenen Weiterentwicklungen, auch Schwerter aus anderen Kulturen fanden, gerade durch die Kreuzzüge, ihren Weg in die Waffenschmieden. Bei ihren ersten Zusammenstößen mit den Muslimen lernten die Ritter den Scimitar kennen. Dieses Krummschwert, dessen Name aus dem Persischen kommt, war zwischen 75 und neunzig Zentimeter lang und hatte eine gebogene Klinge, die nur an einer Seite geschliffen war. Durch die Krümmung eignete es sich zwar nicht besonders zum Stechen, aber es war eine hervorragende Schlagwaffe. Sie setzte sich in Europa nur langsam durch, weil sie gegen Panzerungen wenig ausrichtete. Erst Jahrhunderte später wurde das Krummschwert in abgewandelter Form als Kavalleriewaffe eingesetzt.
Großen Eindruck machten die in so genannter Damaszenertechnik hergestellten Klingen, benannt nach der Stadt Damaskus, dem Zentrum der Waffenherstellung im Orient. Diese Klingen waren wesentlich schärfer als die der euro-päischen Ritter. Zu erkennen waren sie an einem wellenförmigen Muster, das die Klinge zierte und durch die Art der Herstellung entstand. Die Fertigungstechnik dieser »echten« Damaszenerklingen wurde erst vor einigen Jahren wiederentdeckt, nachdem sie im 17. Jahrhundert in Vergessenheit geraten war. Ausgangsmaterial waren aus Indien eingeführte »Wootz-Barren«, die neben Eisen auch Kohlenstoff und Spuren von anderen Elementen enthielten, zum Beispiel Silizium, Mangan, Phosphor, Schwefel oder Vanadium. Sobald man den Rohbarren von zehn Zentimeter Durchmesser und fünf Zentimeter Dicke erhitzt und in Langform hämmert, entstehen im Innern neue Kristallstrukturen.
Dieser Arbeitsgang – im Feuer erhitzen und schmieden – wird oft über dreißig Mal wiederholt. Bei jedem Abkühlen wachsen im Stahl tannenbaumartige Gitterstrukturen. An ihnen lagern sich nun Atome anderer Legierungsbestandteile und des Kohlenstoffs (als so genannter Zementit) an. Es »wächst« gleichsam im Stahl eine Struktur, die an eine Holzmaserung erinnert und dem Werkstück Festigkeit verleiht. Damaszenerstahl erkennt man an hellen Linien, die durch das abschließende Ätzen der Klingen sichtbar werden. Schwerter, die aus mehreren (manchmal geflochtenen) Stahlstäben geschmiedet wurden, zeigen ein ähnliches Klingenmuster und werden daher ebenfalls als Damaszenerstahl bezeichnet. Diese Technik war jedoch wesentlich älter und beruhte auf einem anderen Verfahren.
Bei diesem Damaszener-Stahlverbund ging es darum, die Vorteile von hartem Stahl und weichem Eisen zu kombinieren. Dazu wurde Stahl mit unterschiedlich hohem Kohlenstoffgehalt zusammengeschmiedet. Das so entstandene Stahlband wurde halbiert, dann legte der Schmied beide Bänder erneut aufeinander und hämmerte sie wiederum zusammen. Dieses »Sandwichschmieden« wiederholte er viele Male, bis die Klinge schließlich bis zu 300 Lagen aufwies. Sie wurde gehärtet und geätzt, wobei sich die einzelnen Lagen unterschiedlich färbten. Das Ergebnis war ein Werkstück, das einer aus Wootz geschmiedeten Klinge optisch ähnelte, dessen Herstellung sich aber grundlegend unterschied. Beide Damaszenerstähle haben eine Zeichnung, die an eine Holzmaserung erinnert.
Das Mittelalter brachte nicht nur waffentechnische Veränderungen, auch der Ritus der Schwertleite änderte sich: Es war nun nicht mehr überwiegend hochadligen Personen vorbehalten, sich zum Ritter schlagen zu lassen. In einer aufwändigen Zeremonie, in der die Anwärter eine Nacht betend vor dem Altar verbrachten, wurde ihnen am folgenden Morgen ein geweihtes Schwert überreicht. Als christliche Ritter verpflichteten sie sich, den Glauben zu verteidigen, ihrem Kaiser treu zu dienen und Witwen und Waisen zu schützen. Der bis heute übliche und in Großbritannien noch praktizierte Ritterschlag, bei dem die Schulter mit dem Schwert berührt wird, wurde im 14. Jahrhundert in Frankreich eingeführt und später in Deutschland übernommen.
Unterdessen entwickelte man die Bastardschwerter weiter, fertigte immer mächtigere Hiebwaffen, bis man in der Renaissance schließlich bei Größe und Gewicht an Grenzen stieß. Der Anlass für die Entwicklung dieser riesen-haften Waffen war die Infanterie. Sie war im 16. Jahrhundert dazu übergegangen, sich in geschlossenen Gevierthaufen aufzustellen und sich mit Lanzen und Piken gegen die Kavallerie zu schützen. Um diesen Wald aus Spießen schon
vor dem Angriff zu lichten und den Weg für die eigene Reiterei freizuschlagen, brauchte man besonders große Schwerter, die so genannten Bidenhänder. Diese Waffen waren beinah zwei Meter lang und gute fünf Kilogramm schwer. Einige hatten zusätzlich eine Aussparung an der Klinge, sodass man das Schwert dort greifen und wie einen Speer schleudern konnte. Geführt wurden die Zweihänder in erster Linie von Landsknechten, die für ihr Können den doppelten Sold bekamen. Da sich Schwerter von diesen Dimensionen nicht mehr ohne weiteres aus einer Scheide ziehen ließen, trugen die Doppelsöldner ihre Waffen blank auf dem Rücken.
Allerdings zeigte sich recht schnell, dass diese Schwerter erhebliche Nachteile hatten. Zwar konnte der Söldner mit Brachialgewalt eine Schneise in die Linien der Gegner mähen, im anschließenden Nahkampf war er mit seinem unhandlichen »Gassenhauer« allerdings deutlich im Nachteil. Abhilfe sollte hier der Katzbalger schaffen. Diese Nahkampfwaffe hatte eine etwa achtzig Zentimeter lange Klinge mit Handschutz und wurde bevorzugt von den Landsknechten getragen, die als Hauptwaffe auf Pike, Bidenhänder und andere für den Nahkampf ungeeignete Langwaffen setzten.
Die Verbreitung von Schusswaffen brachte den Abstieg des Schwertes mit sich. Da selbst die schwersten Panzerungen gegen Musketen- und Pistolenkugeln wirkungslos waren, ging man zu leichteren Waffenröcken über, und das unhandliche, schwere Schwert wurde zu Säbel und Rapier weiterentwickelt. Dank einfacherer Fertigung und damit niedrigerer Preise verbreiteten sie sich schnell in allen Bevölkerungsschichten. In der Folge entstanden vor allem in Frankreich und Italien zahlreiche Fechtschulen.
Militärisch verlor die Verwendung von Schlagwaffen indes rasch an Bedeutung. Säbel und Degen wurden zwar bis ins 18. Jahrhundert noch von der Kavallerie benutzt, doch bald dienten sie nur noch als Rangabzeichen, mit dem sich Offiziere schmückten. Allerdings erleben diese Waffen in jüngster Zeit eine Renaissance: Viele Städte und Gemeinden begeistern die Zuschauer jeden Sommer mit mittelalterlichen Ritterspielen, bei denen Turniere und Schaukämpfe von Stuntmen und Fechtmeistern die Vergangenheit aufleben lassen. Sie zeigen, wie viel Geschick zu einem echten Schwertkampf gehörte.
Zahlreiche Sportgruppen und Vereine bieten heute die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten im Schwertkampf zu üben. Und das Angebot an mehr oder weniger authentischen Schwertern für den »Hausgebrauch« wird immer größer. Neben allerlei Fantasieschwertern aus billigem Blech, Chrom oder recycelten Autoteilen, die sich bes-tenfalls als Wandschmuck eignen, gibt es auch hoch qualifizierte Schmiede, die die alten Waffen originalgetreu nachbauen. Historische Werkstoff- und Schmiedetechniken werden von diesen Hightech-Handwerkern in der Praxis überprüft und weiterentwickelt. Wir verdanken ihnen die Entschlüsselung so manch archaischer Schwertlegende.
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