Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Sexualität
Krieg der Spermien
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wenn Sie »danach« entspannt genießen, beginnt der Stress – für die Spermien. Mit raffinierten Strategien und gerissenen Tricks versuchen sie, bis zur Eizelle durchzukommen. Aber neueste Untersuchungen zeigen: Wie der Kampf ausgeht, hängt nicht allein von den Spermien ab, sondern auch von Ihnen!
Am Psychologie-Laboratorium der Staats-Universität von New York in Albany ging es zu, als prüfe die Stiftung Warentest die Qualität von Sex-Spielzeug. Eine Forschungsgruppe um den Evolutionspsychologen Professor Gordon Gallup hatte sich Gummi-Penisse jeder Größe (so genannte Dildos) und unterschiedlich geformte Vaginas aus Latex besorgt. Jetzt hantierten einige der Wissenschaftler mit den Gerätschaften, während andere sorgfältig Protokoll führten. Insbesondere achteten sie darauf, welche hydraulischen Verhältnisse in der Vagina auftraten, wenn der Dildo darin bewegt wurde. Das Experiment sollte ein wenig mehr Klarheit in die komplizierten Vorgänge bringen, die beim Geschlechtsverkehr ablaufen.
Obwohl jeder Mensch im Laufe seines Lebens durchschnittlich 2000- bis 3000-mal Sex mit einem Partner hat, wusste bis vor kurzem niemand so genau, was dabei im Körper abläuft. So stark tabuisiert war die Sexualität, dass selbst mutige Wissenschaftler lieber spekulierten, als wirklich zu forschen. Erst seit ein paar Jahrzehnten getrauen sich Psychologen, Biologen und andere Experten, auch im intimsten Bereich des Menschen mit wissenschaftlicher Gründlichkeit vorzugehen. Dafür montierten einige sogar winzige endoskopische Kameras am Penis, um live mitverfolgen zu können, was beim Einführen des Glieds in der Vagina geschieht. Bei den Versuchen, die das Team von Professor Gallup mit Dildos und Latexvaginas unternahm, ging es um eine sehr spezielle Frage: Warum legen sich Männer beim Sex eigentlich so stark ins Zeug? Genauer: Warum machen sie bei einem einzigen Geschlechtsakt bis zu 500 stoßende Hüftbewegungen? »Die erste Antwort ist natürlich: weil es Spaß macht«, sagt der Evolutionspsychologe Professor Harald Euler von der Uni Kassel. »Aber die Natur macht nichts einfach so aus Jux und Dollerei. Wenn etwas Spaß macht, gibt es einen Grund dafür. Wir Evolutionspsychologen vermuten, dass die Kopulationsbewegungen des Mannes dazu dienen, eventuell vorhandenes Sperma eines anderen Mannes aus der Vagina der Frau zu entfernen.«
Tatsächlich wurde diese Annahme jetzt durch die Versuchsreihe von Gallup bestätigt. Mit seiner außergewöhnlichen Form (große Eichel, schmaler Schaft) ist der menschliche Penis bestens dafür geeignet, die Vagina »auszuschaben«, bevor das eigene Sperma dort deponiert wird. Damit bestärkte das Experiment auch eine weitere Theorie der Evolutionsbiologen und -psychologen: Die Spermien unterschiedlicher Männer liefern sich einen gnadenlosen Kampf um die weiblichen Eizellen.
Sowohl Männer als auch Frauen haben im Laufe der Evolution raffinierte Strategien entwickelt, um sicherzustellen, dass nur die beste Gen-Kombination zu Nachwuchs führt. Die weibliche Strategie besteht im Wesentlichen darin, einen hoch komplizierten Hindernis-Parcours für die männlichen Spermien aufzubauen, den nur die Besten gewinnen können. Die Männer haben sich darauf spezialisiert, mögliche Nebenbuhler auszuschalten. Beide Geschlechter setzen dabei harte physische und chemische Waffen ein.
Die britischen Evolutionsbiologen Robin Baker und Mark Bellis finden das Geschehen, das sich während des Ge-schlechtsverkehrs im weiblichen Unterleib abspielt, so brutal, dass sie von einem »Krieg der Spermien« sprechen. Armeen von Samenzellen liefern sich – so Baker und Bellis – erbitterte Schlachten um den Zugang zur Eizelle. Während ein paar tausend »Ei-Krieger-Spermien« sich auf den Weg machen, das Ei zu befruchten, lassen Millionen andere Spermien ihr Leben bei dem Versuch, fremde Samenzellen zu behindern oder zu vernichten. Baker und Bellis haben »Kamikaze-Spermien« entdeckt, die den Zugang zur Gebärmutter passiv blockieren, und »Killer-Spermien«, die mit DNA-Sensoren Konkurrenzzellen aufspüren und dann mit einem Zellgift zerstören. Eine durchschnittliche Ejakulation enthält nur eine Million potenzielle Befruchter, aber 300 Millionen Killer und 100 Millionen Blockierer.
Doch der Kampf um den Erfolg bei der Fortpflanzung beginnt schon viel früher. Zwar hat die moderne Reproduktionsmedizin mit dem Einsetzen fremder Eizellen in die Gebärmutter eigentlich unfruchtbarer Frauen die Frage nach der Mutterschaft verkompliziert, doch im Prinzip und seit Urzeiten ist hundertprozentig sicher, wer die Mutter eines Babys ist. Männer aber müssen (zumindest theoretisch) immer bangen, ob wirklich sie der Vater sind. Offenbar ist die Angst, betrogen zu werden, so tief in ihnen verwurzelt, dass sie zu unterschiedlichen Strategien greifen, um sich zu schützen. Gordon Gallup und die Forscherin Rebecca Burch von der Staats-Universität New York haben vier davon identifiziert – bewusste und unbewusste. Der klassische Weg: Männer tun alles, um ihre Frau unter Kontrolle zu bekommen. Deshalb wurden (und werden) Frauen eingesperrt, ins Haus, in einen gut bewachten Harem oder – noch direkter – in einen Keuschheitsgürtel.
Die zweite Strategie spielt sich auf der organischen Ebene ab, ohne bewusstes Zutun des Mannes: die Sperma-Konkurrenz. Samenzellen können viel mehr als »nur« eine Eizelle befruchten, sie können auch fremdes Sperma bekämpfen. Zu dieser Strategie gehört die bereits erwähnte »Reinigung« der Vagina durch die Pumpbewegungen des Penis. Die dritte Strategie ist die »vorsorgliche« Beendigung einer bereits eingetretenen Schwangerschaft – etwa durch häusliche Gewalt oder durch Bedrohung der Frau, mit dem Ziel, dass sie abtreibt. Die vierte Strategie beinhaltet Maßnahmen nach der Geburt des Kindes: Verleugnung der Vaterschaft, Ablehnung des Kindes, Kindsaussetzung und manchmal sogar Mord.
So übertrieben und unmenschlich die meisten dieser männlichen Strategien auch anmuten – grundlos ist das männliche Misstrauen nicht. Jede vierte Frau, die in einer festen Beziehung lebt, hatte nach einer aktuellen Untersuchung aus den USA schon Sex mit einem anderen Mann als ihrem Partner. In einer älteren Erhebung aus Großbritannien kam heraus, dass jede dritte Frau schon einmal innerhalb von 24 Stunden Geschlechtsverkehr mit zwei verschiedenen Männern hatte.
Womöglich, so vermuten die Fachleute, legt es die Frau unbewusst sogar darauf an, unterschiedliche Spermaproben in sich aufzunehmen – so ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die besten Gene zum Zug kommen. Damit das möglich wird, hat die Evolution eine Reihe von Tricks entwickelt. Der raffinierteste und damit auch entscheidende: Anders als der große Rest der Säugetierweibchen ist die Menschenfrau nicht nur an wenigen Tagen im Jahr fruchtbar, sondern alle vier Wochen. Und: Man sieht es ihr nicht an, wenn es so weit ist. Ein Riesenunterschied zur Tierwelt! Bei den Tieren können die Männchen das Geschehen viel leichter kontrollieren. An den wenigen »heißen« Tagen im Jahr passen sie auf wie ein Luchs, damit sich kein Nebenbuhler am Weibchen zu schaffen macht. Manche, wie bestimmte Spitzmäuse, gehen noch einen Schritt weiter: Sie verplomben nach der Besamung den Vaginaltrakt des Weibchens mit einer Art Kitt. Pech für sie: Die Evolution hat einen Ausweg gefunden. Im Penis der Mäusemänner hat sich ein Knochen entwickelt, mit dem die Plombe wie mit einer Brechstange aufgehebelt werden kann. Raffiniert auch der Trick der Hunde: Der Rüde bleibt nach dem Verkehr noch bis zu einer Stunde im Weibchen stecken, um weiteren Interessenten keine Chance zu lassen.
Die Menschenfrau dagegen hält ihren Eisprung so geheim, dass meist nicht einmal sie selbst merkt, wann es so weit ist. Evolutionär hat das – vermuten wieder andere Forscher – aber auch noch einen weiteren Vorteil. Männer, die sicher sein wollen, dass das Kind von ihnen stammt, müssen in der Nähe ihrer Frau bleiben, Nebenbuhler vergraulen und regelmässig Sex haben, um den unbekannten Zeitpunkt der möglichen Empfängnis nicht zu verpassen. Das alles fördert eine stabile Paarbildung und erhöht die Überlebens-chancen des Nachwuchses.
Nur: Rund um die Uhr kann auch der eifersüchtigste Mann seine Frau nicht kontrollieren. Auch im strengsten Überwachungssystem bietet sich Frauen immer mal wieder die Chance auf Sex mit einem anderen. Und auf genau diese Gefahr haben sich die Spermaproduktion und das männliche Sexverhalten eingestellt. Das jedenfalls ist das eindeutige Ergebnis mehrerer neuer Studien. In jedem Mann tickt danach eine innere Uhr, die exakt zu wissen scheint, wie viel Zeit seit dem letzten Zusammensein mit der Partnerin verstrichen ist. Handelt es sich um eine nur kurze Zeitspanne – was die Gefahr eines Seitensprungs erheblich minimiert –, reduziert sich die Spermienmenge bei der Ejakulation um bis zu 50 Prozent auf gerade mal 200 bis 300 Millionen Zellen. Das Motto lautet in diesem Fall: Geiz ist geil. Schließlich ist die Spermaproduktion aufwändig. Es dauert mindestens zwei Monate, bis eine Samenzelle einsatzbereit ist.
Ist die Zeitspanne seit dem letzten Zusammensein aber länger als ein paar Tage, lässt sich der Mann nicht lumpen. Er lädt den Nebenhodengang mit 500 bis 600 Millionen Samenzellen und macht besonders heftige Hüftstöße, um eventuelles Konkurrenz-Sperma vor der Ejakulation aus der Vagina zu entfernen. Außerdem ejakuliert er mit besonders hoher Energie, sodass die Vagina wie von einem Hochdruckreiniger gesäubert wird. Die Spermien schießen in diesem Fall mit fast 20 km/h aus der Penisspitze und fliegen (ungebremst) bis zu 60 Zentimeter weit. Das Motto lautet hier: Viel hilft viel.
In einer Studie, die von dem kanadischen Psychologen Nicholas Pound (McMaster-Universität, Hamilton) vor drei Jahren veröffentlicht wurde, gab es einen weiteren Beleg für die Vermutung, dass Sperma-Konkurrenz die männliche Erregung beim Sex stark beflügelt. Pound hat untersucht, welche pornografischen Bilder Männer im Internet bevorzugt anklicken. Erstaunlicherweise waren es nicht die Bilder von einem Mann mit mehreren Frauen (wovon Männer angeblich träumen), sondern im Gegenteil Darstellungen von einer Frau mit mehreren Männern. Pound erklärt das so: »Wenn wir davon ausgehen, dass Sperma-Konkurrenz ein wichtiges Auswahlkriterium in der menschlichen Evolution war, dann ist es nur logisch, dass Männer das Risiko einer verschärften Sperma-Konkurrenz erregend finden. Deshalb werden sie von Bildern besonders stark stimuliert, die Hinweise auf Nebenbuhler enthalten.«
Aber auch wenn Männer unter dem Druck der möglichen Konkurrenz besonders viel Sperma produzieren, ist noch längst nicht sicher, dass sie damit den Krieg der Spermien gewinnen können. Die Spielregeln in diesem Kampf bestimmen letztlich nicht die Männer, sondern – die Frauen. Diese entscheiden, ob und wie lange die Spermien in ihrem Körper bleiben dürfen. Stellt das Unbewusste schlechte Zensuren für den Sex-Partner aus, entledigt sich das weibliche Becken der unerwünschten Spermien schon 30 Minuten nach dem Geschlechtsverkehr. Die Vagina lässt das Ejakulat ziemlich »lieblos« hi-nausfließen. Und auf die paar Millionen renitenten Samenzellen, die den Ort des Geschehens nicht freiwillig verlassen wollen, stürzen sich dann die weißen Blutkörperchen des Immunsystems. Bei einer positiven Bewertung dagegen nimmt die Gebärmutter die Samenzellen bis zu fünf Tage in so genannten Ruheräumen auf. Das erhöht die Chancen für eine Befruchtung: Sobald das Ei in die Befruchtungszone eingewandert ist, bekommt eines der Spermien in Wartestellung seine Chance. Hat die Frau in dieser Zeitspanne wieder Sex mit dem gleichen Partner, verzupfen sich die Älteren sang- und klanglos und sterben ab, opfern sich sozusagen für die jüngere Sperma-Generation. Ganz anders aber, wenn eine Ladung fremden Spermas nachkommt: Dann tobt der Krieg der Spermien. Die Killerzellen des frischen Spermas versuchen die ruhenden Spermien noch schnell auszuschalten, ehe der Wettlauf zur Eizelle beginnt.
Für diesen brutalen Kampf Sperma gegen Sperma sind die männlichen Samenzellen gut gerüstet. Die Krieger-Spermien sind mit einem extrem starken Fructose-Motor ausgestattet, der es ihnen ermöglicht, blitzschnell in den Gebärmutterhals einzudringen. Die Kamikaze-Zellen koagulieren in dieser Zeit und bilden einen zähen Wall, der sich an den Wänden der Vagina festkrallt, um die »Ei-Krieger« gegen eventuell folgende feindliche Kohorten zu schützen. Tagelang kann der Kampf im weiblichen Körper dauern, sodass am Schluss tatsächlich nur die gesündesten und fittesten Spermien in die Befruchtungszonen des Eileiters vorstoßen.
Auf dem Weg dorthin ist allerdings noch eine Reihe weiterer Schikanen eingebaut. Ein Teil davon ist biochemischer Art. Die Spermien müssen Zonen durchqueren, in denen der weibliche Körper gefährliche Gifte versteckt hat. Andere Risiken sind physikalischer Natur: Immer wieder geraten die Spermien in labyrinthähnliche Sackgassen, in denen sie verhungern, bevor sie den Weg zurück finden.
Und selbst für die »Sieger-Spermien«, die endlich am Ziel – bei der reifen Eizelle – angekommen sind, ist die Sache längst nicht entschieden. Ihnen steht genau genommen der anstrengendste Teil des Hindernislaufs noch bevor: Die im Vergleich zu den kleinen Samenzellen riesengroße Eizelle ist durch eine dreifache Hülle geschützt. Jetzt wird jedes der verbliebenen Spermien zum »Einzelkämpfer«: Wer es schließlich als Erster schafft, in die Eizelle einzudringen, und warum ausgerechnet dieser, ist bis heute nicht geklärt. Dagegen sind die Forscher einem weiteren unglaublichen Phänomen in dieser letzten Phase auf die Spur gekommen: Haben es einmal »zu viele« Samenfäden bis zur Eizelle geschafft – ein Zeichen dafür, dass der Auswahlprozess wohl zu mild war, wird die Eizelle von den Giften der Killer-Spermien getötet. Der ganze Kampf war vergeblich. Heute weiß man: Nur jede dritte Eizelle, die Kontakt mit Spermien hatte, führt tatsächlich zur Geburt eines Babys. Die Chance, eine Eizelle erfolgreich zu befruchten, ist also relativ gering.
Kein Wunder, dass sich im Lauf der Evolution immer wieder neue Strategien he-rausgebildet haben, um die Bilanz zu verbessern. Sogar die Beschneidung scheint dazuzugehören. Eine vor fünf Jahren veröffentlichte Untersuchung kam zum Ergebnis: Auch diese Prozedur – bisher nur als religiöser und hygienischer Akt gedeutet – bringt Vorteile im Krieg der Spermien. Weil ihre Eichel unempfindlicher ist, machen beschnittene Männer heftigere, schnellere und tiefere Hüftstöße beim Geschlechtsakt als unbeschnittene Männer. Dadurch kann mehr potenzielles Konkurrenz-Sperma entfernt werden. Andererseits besteht natürlich – beschnitten oder nicht – die Gefahr, dass beim Raus-und-Rein auch der eigene Samen wieder entfernt wird, wenn der Sex nach der Ejakulation weitergeht. Aber da hat die Natur eine Notbremse eingebaut. Bei den meisten Männern steigt die Empfindlichkeit der Penis-Nerven nach dem Erguss so stark an, dass sie jede überflüssige Bewegung unverzüglich einstellen und der Penis schrumpft.
Und auch ein weiteres Geheimnis haben die Spermakrieg-Forscher um Professor Gallup mit ihrem Dildo-Test gelüftet – die heiß diskutierte Frage, ob ein großer Penis besser ist für die Fruchtbarkeit als ein kleiner. Zunächst einmal ermittelten sie die Durchschnittsdaten: 12,7 bis 17,8 Zentimeter Länge und 2,5 Zentimeter Durchmesser. Und dann gaben sie die Antwort. Evolutionsbiologisch gesehen ist größer eindeutig besser. Der Grund: Die Vagina wird gründlicher von Fremdsperma gereinigt, und ein längerer Penis kann die eigenen Samenzellen tiefer einbringen. Ein kleiner Vorteil im Krieg der Spermien.
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