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Ernährung

Krankmacher Erdnuss

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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In Amerika braut sich ein neuer Trend zusammen: Immer mehr Menschen reagieren allergisch auf Erdnüsse. Ihnen drohen Anfälle bis hin zum Erstickungstod. Bereits jetzt forschen Genetiker daher an der allergenfreien Nuss.

Bei der Einschulung der Zweijährigen in der renommierten New Yorker Vorschule »Beginnings« wunderten sich die Eltern über den orangefarbenen Zettel am Eingang: »Beginnings ist eine nussfreie Schule«. Nussfrei? Zwei Monate später wird allen die Brisanz des Themas klar: Als der kleine Owen im Klassenzimmer seinen Geburtstag feiert – wie üblich mit Cupcakes, den beliebten Miniküchlein mit einem Kringel Buttercreme –, beschwört seine Mutter Melinda Chu die anderen Eltern: »Bitte nur selbst gebackene Cupcakes ohne Nüsse!« Die Ärzte haben Owen eine schwere Allergie attestiert – beim geringsten Kontakt mit Erdnüssen kann er einen so genannten anaphylaktischen Schock bekommen. Dann droht Lebensgefahr.

Die Angst der Mutter ist wohlbegründet. Zwar haben Nüsse in Cupcakes nichts zu suchen – aber in der Backstube könnte sich ein Nuss-Stäubchen aus irgendeinem anderen Gebäck in die Küchlein verirrt haben – diese »Überkreuzkontamination« würde ausreichen. Die New Yorker Bäckerei »Babycakes« hat die Marktlücke entdeckt und wirbt damit, dass sie ausschließlich allergenfreie Cupcakes herstellt – ohne Nüsse, Gluten, Weizen und Milchprodukte.

Drei Millionen Amerikaner sind gegen Erdnüsse allergisch. Die botanisch zu den Hülsenfrüchten gehörende Nuss löst besonderes heftige allergische Reaktionen aus: Hautrötungen, Schwellungen von Lippen, Nase und Kehle, außerdem Atemnot, Bauchkrämpfe, plötzlicher Blutdruckabfall – bis hin zu Ohnmacht und Tod. Pro Jahr sterben in den USA rund 125 Menschen an der Schockreaktion. In Tests reagierte ein Prozent aller amerikanischen Kinder allergisch auf Erdnüsse. Mit rapide steigender Tendenz: Von 1997 bis 2003 hat sich die Zahl der Fälle verdoppelt.

In Deutschland gibt es weniger Fälle. Doch immerhin rangiert die Erdnuss hierzulande auf Platz drei unter den Auslösern von Lebensmittel-Allergien, gleich nach Haselnuss und Sellerie. Der Epidemiologe Thorsten Schäfer, Professor an der Universität Lübeck, schätzt: In Deutschland sind Erdnüsse für rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung gefährlich.

Dabei wird weltweit kaum ein anderes Lebensmittel so gern verzehrt. Ob als geröstete und gesalzene Nuss zum Bier, als Erdnussbutter auf dem Brot und in der Form der lockeren Flips – die Erdnuss ist nicht wegzudenken. Aber da sie sich auch in vielen anderen Lebensmitteln versteckt, wird sie für manche Allergiker zum Todfeind. Je nach Herstellungsart kann selbst Erdnussöl noch anaphylaktische Schocks auslösen.

Dass plötzlich immer mehr Kinder betroffen sind, stellt die Forscher vor Rätsel. »Vielleicht liegt es daran, dass sie immer früher in ihrem Leben Erdnüssen ausgesetzt werden«, meint der New Yorker Allergie-Experte Scott Sicherer von der
Mount Sinai School of Medicine. »Vielleicht liegt es an den Müttern, die schon während der Schwangerschaft oder in der Stillzeit Erdnüsse essen, vielleicht liegt es aber auch an Umwelteinflüssen.« Dass allein zunehmender Konsum die Allergiehäufigkeit steigert, ist allerdings umstritten. Denn in Indien und China, den größten Erdnusskonsumenten der Welt, sind allergische Reaktionen fast unbekannt.

Bisher sind 20 verschiedene Proteine in der Erdnuss als allergieauslösend entlarvt worden, am häufigsten die Eiweiße Ara h1, Ara h2 und Ara h3. Laut einer Studie aus dem Jahr 2003 könnte außerdem das in der westlichen Welt verbreitete Rösten der Nuss schuld sein: Die Proteine Ara h1 und h2 werden dadurch chemisch so verwandelt, dass sie sich schlechter verdauen lassen.

Um die Kinder zu schützen, haben in den Schulen der USA die beliebten Erdnussbutterbrote mit Marmelade Hausverbot; private Kindergärten und immer mehr öffentliche Lehranstalten verbieten generell Pausensnacks mit Nüssen; vereinzelt überprüft man sogar die Inhalte von Pausenbroten, deren Zutaten die Eltern auf einem Zettel auflisten sollen. Die amerikanischen Fluggesellschaften, die noch vor ein paar Jahren drei Millionen Kilogramm Erdnüsse pro Jahr an ihre Passagiere austeilten, sind inzwischen auf Brezeln umgestiegen.

Bei uns sind flächendeckende Verbote kein Thema – dabei gibt es auch hier immer mehr Kinder, die unter lebensbedrohlichen Allergien leiden. »In Deutschland müssen die Eltern das in Kindergärten und Schulen ganz allein auskämpfen«, beklagt Michael Kreinbihl. Der Vater eines hochallergischen Jungen hat im Internet das Diskussionsforum »Erdnussallergie« eröffnet. Die Hoffnung: dass Allergikerschutz so selbstverständlich wird wie Nichtraucherschutz. Viel zu oft sind Eltern, etwa im Restaurant, auf Auskünfte von Fremden angewiesen, denen die Gefährlichkeit der Situation nicht immer bewusst ist. Selbst mit den in der EU gerade verbesserten Vorschriften für Auszeichnungen auf Lebensmittelverpackungen sind Allergiker nicht vor Überkreuzkontaminationen geschützt – eine tödliche Gefahr. Die US-Lebensmittelproduzenten weisen aus Angst vor Schadenersatzansprüchen auf fast jedem Lebensmittel darauf hin, wenn es in einer Fabrik hergestellt wurde, in der auch Erdnüsse verarbeitet werden.

Wie schwer es selbst in den USA ist, Verständnis für Allergiker zu wecken, zeigt der Fall des fünfjährige Daniel Clowes. Als der extrem allergisch auf Erdnüsse reagierende Junge in Pennsylvania eingeschult wurde, erklärte die gesamte Schule sich zwar zur nussfreien Zone und verteilte eine Liste von Produkten, die Daniels Gesundheit nicht gefährden. Doch als seine Eltern während einer Halloween-Feier die von den Kindern mitgebrachten Leckereien inspizierten, beschwerten sich viele Eltern bei der Schulleitung. »Warum dürfen die allen anderen diktieren, was sie zu tun haben«, regten sie sich auf. Die einfache Antwort: weil das Risiko zu groß ist! Anne Munoz-Furlong von FAAN, dem Verband für Allergie und anaphylaktischen Schock in Fairfax, Virginia: »Ist die Mutter nur einmal nachlässig, könnte ihr Sohn sterben.«

Doch zunehmend setzen die Allergiker in den USA ihren Anspruch auf Schutz durch. In einem Fall in Milford, Connecticut, wurde 2006 sogar die Fällung von drei stattlichen Hickory-Bäumen gerichtlich angeordnet, weil auf dem Nachbargrundstück ein dreijähriges, hochgradig gegen Nüsse allergisches Kind lebte. In jedem Herbst fielen die Hickory-Früchte in Nachbars Swimmingpool – ein Risiko für den Kleinen.

In den USA liegt die Erdnuss auf Platz zwölf der meistangebauten Nahrungspflanzen – eine Industrie mit einem Umsatz von fast einer Milliarde Dollar. Die ältesten Funde dieser Frucht, wissenschaftlich Arachis hypogaea genannt, sind laut Archäologen 7600 Jahre alt. Botanisch gehört sie zur Familie der Bohnen. Erdnussbüsche werden rund 30 bis 50 Zentimeter groß; sind ihre gelben Blüten bestäubt, entwickeln sich drei bis sieben Zentimeter lange Bohnen, die sich unter die Erde graben, um dort zu reifen. Ihren Siegeszug rund um die Welt trat die Erdnuss in Mexiko an, wo sie von den Konquistadoren entdeckt wurde. Von Brasilien aus nahmen portugiesische Siedler sie 1800 mit nach Afrika, Sklaven brachten sie um 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten. Im Südosten des Landes angebaut, gilt sie heute als eines der wichtigsten Agrarprodukte der USA. In Form der Erdnussbutter ist die Frucht aus Amerikas Küchen nicht mehr wegzudenken.

Aus Sorge um die Zukunft der Erdnuss gehen die Produzenten jetzt in die Offensive. Sie arbeiten an einer allergenfreien Nuss, stellen dafür einen Forschungsetat von 17 Millionen Dollar zur Verfügung und veröffentlichen auf ihren Websites eigene Rubriken zum Thema Allergie. »Eine allergenfreie Erdnuss würde die Nachfrage erheblich steigern«, glaubt Bob Sutter, Vorstand der Vereinigung der Erdnuss-Erzeuger aus North Carolina. Ergebnisse kann er bislang aber noch nicht vorweisen.

An der staatlichen Universität A&T North Carolina versucht der Forscher Mohamed Ahmedna ebenfalls, die Erdnüsse von den Allergenen zu befreien. Er behandelt sie nach der Ernte mit Enzymen, die die allergieauslösenden Proteine vernichten – in der Laborschale gelingt ihm das nach eigenen Angaben bereits zu 100 Prozent. Einen dritten Weg beschreitet Maria Gallo an der University of Florida. Sie erforscht die Proteine Ara h1, h2 und h3: In manchen Erdnüssen sind diese Eiweiße leicht verändert – mutierte Formen, die bei Tests in den Blutproben von zwei Allergikern keine Reaktion ausgelöst haben. Jetzt will Gallo Pflanzen mit diesen Mutationen züchten – und deren Erdnüsse an einer größeren Patientengruppe auf Ungefährlichkeit testen.

Robert Wood, Kinderallergologe an der Johns Hopkins University, hält von all diesen Versuchen nicht viel: »Eine Sorte Erdnüsse, die allergenfrei ist, würde den Leidensdruck ohnehin nur geringfügig lindern. Zwar könnten Kinder dann sichere Erdnussbutterbrote verzehren, aber die Ungewissheit, ob irgendein anderes Lebensmittel mit herkömmlicher Erdnuss in Berührung gekommen ist, bliebe bestehen.«

Vielversprechender scheint Experten der Einsatz eines Asthmamittels mit dem Wirkstoff TNX-901. Das Medikament ist ein Rezeptor, der den iGe-Antikörper, der die allergische Reaktion im Blut auslöst, bindet. In Studien konnten Versuchspersonen, die normalerweise nach dem Verzehr einer halben Erdnuss Allergiesymptome aufwiesen, nach der Einnahme dieses Wirkstoffs ohne Probleme bis zu neun Nüsse verspeisen. Leider tobt um das Medikament ein Urheberrechtsstreit, weitere klinische Tests sind auf Eis gelegt – und sich das Asthmapräparat auf eigene Faust in den USA zu kaufen kostet 1000 Dollar pro Monat.

Für die Eltern des kleinen Owen in der New Yorker Vorschule »Beginnings« ist das unbezahlbar. Und so passierte, was irgendwann passieren musste: Beim vierten Geburtstag seiner großen Schwester biss Owen in ein Cupcake und lief rot an. Aber der Vater stach dem Kind geistesgegenwärtig eine Spritze mit Anapen, verdünntem Adrenalin, durch das Hosenbein in den Oberschenkel. Von dem Hormonstoß wurde Owen aschfahl, und der plötzliche Schmerz ließ die »Tränen kullern. »Aber jetzt«, meint seine Mutter, »versteht er, warum er keine Nüsse essen darf.«

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Autor/in: Nele Husmann

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