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Wissenschaft aktuell

Kohle-Abbau

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Kohle-AbbauKohle-Abbau

Alternative zu den schwindenden Erdölreserven: Mit modernsten Hightech-Maschinen wollen die deutschen Bergwerke noch vierhundert Jahre lang Kohle fördern.

Unter Tage findet eine technische Revolution statt – fast unbemerkt. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten schwitzende Kumpel mit Haue und Schaufel rackerten, regiert heute Hochtechnologie. In der Entwicklung neuer Bergbautechniken ist Deutschland weltweit führend. Zum Hightech-Equipment gehören raffinierteste Spezialgeräte zum Abbau und Transport des Brennstoffs sowie modernste Kühl- und Kommunikationssysteme. Oder der elektrohydraulische Stützarm der DBT GmbH (ehemals Deutsche Bergbau Technik), der in modernen Bergwerken die Stollen vorm Einsturz bewahrt: Dieser Weltmeister im Gewichtheben könnte zwei voll betankte Jumbojets stemmen.

Steinkohle kann heutzutage nahezu vollautomatisch gewonnen werden. Die eigentliche Arbeit verrichtet dabei ein 20 Tonnen schwerer so genannter Walzenschrämlader – ein Abbaugerät mit Feingefühl, das die Kohle aus dem Flöz löst. Mit seinen 25 Zentimeter langen und vier Zentimeter dicken Meißelzähnen, die an einem rotierenden spiralförmigen Fräskopf sitzen, kann das Gerät den Rohstoff in zentimetergenauen Schichten abtragen.

Mit dem Einzug der Technik in die Gruben hat sich das Berufsbild des Bergmanns völlig gewandelt. Gasexplosionen, Wassereinbrüche und Grubeneinstürze machten die Arbeit im Bergwerk früher zu einem Höllenjob. Bei Tropenhitze und dicker Luft kämpften sich die Männer mit einfachem Werkzeug durch das dunkle unterirdische Labyrinth. Viele starben an der berüchtigten Staublunge oder kamen bei Grubenunglücken ums Leben. Diese Zeiten sind in Deutschland vorbei. Der Kumpel des 21. Jahrhunderts fährt zwar noch ein, aber die Abbaumaschinen steuert er fern. In nicht allzu ferner Zukunft soll er gar nicht mehr in die Tiefe abtauchen: Als Computerexperte wird er in einer Schaltzentrale über Tage sitzen und den Betrieb von hier aus regeln. Wurden 1970 pro Mann und Schicht 3755 Kilogramm Steinkohle gefördert, ist der Ertrag heute doppelt so hoch.

Mit dem Fortschritt sind auch die Gruben größer geworden: An die 150 Kilometer Stollenlänge kommen in einem modernen Bergwerk zusammen, das sich bis zu 1500 Meter unter der Erdoberfläche erstreckt. In diesen Tiefen (Bergmannssprache: »Teufen«) herrschen normalerweise über 60 Grad Celsius. Heute kühlen so genannte Strebwetterkühler die Luft auf unter 25 Grad ab. Sie funktionieren wie Kühlschränke: Bei der Verdunstung von Wasser oder einem Kühlmittel entsteht Kälte, die an die Umgebung abgegeben wird. Das nun gasförmige Kühlmittel wird in einem Kompressor in seinen flüssigen Zustand zurückversetzt. Dabei entsteht Wärme, die über Rohre abgeleitet wird. Für die Verteilung der kalten Luft in dem verzweigten Gängegewirr sorgen Ventilatoren mit Durchmessern von bis zu fünf Metern – die größten Ventilatoren der Welt.

Hochsensible Thermometer erfassen das Wetter (Grubenklima) und melden die Werte an einen Zentralrechner. Chemische Sensoren überwachen die Gaszusammensetzung unter Tage: Sie verbrennen in winzigen Testkammern Grubenluft – enthält diese zu viele schädliche Anteile, wird Alarm ausgelöst. Beispiel Methangas, das oft aus dem Gestein austritt: Es bildet zusammen mit anderen Gasen eine hochexplosive Mischung, die die Hightech-Sensoren schon bei Konzentrationen von unter einem Prozent erkennen. Die Flöze entstanden vor 350 Millionen Jahren, als die riesigen Urwälder der Erde in Ozeanen versanken und das Holz sich unter Druck und Hitze in Steinkohle verwandelte. Sie ist nach wie vor eine der wichtigsten Energiequellen der Erde. Gut zu wissen, weil das Erdöl möglicherweise in einigen Jahrzehnten zur Neige geht: Die deutschen Steinkohlevorräte werden noch 400 Jahre reichen, versichern Experten. Deshalb wird weiter mit Hochdruck an noch effektiveren Abbau-Technologien gearbeitet.

So möchte die Deutsche Steinkohle AG (DSK) Wettersatelliten nutzen, mit deren Hilfe unbekannte Steinkohlevorkommen erkannt und vermessen werden können. Satelliten sollen auch die Sicherheit unter Tage weiter steigern: Aus ihren gefunkten Daten lassen sich zum Beispiel Bewegungen im Erdreich errechnen. Auch Grundwasserreservoirs oder gasgefüllte Hohlräume, die den Vortrieb der Stollen gefährden, können aus dem All entdeckt werden.

Autarke Abbau-Roboter sollen bald in Tiefen vorstoßen, die wegen der dort herrschenden Hitze kein Bergmann gefahrlos betreten könnte. Die Ausbildung der Kumpel wird professionalisiert: Ähnlich den Piloten im Flugsimulator lernen junge Bergleute am Computer die Bedienung virtueller Walzenschrämlader. Und der künftige Grubenmechaniker wird mit halb durchsichtigen Simulationsbrillen ausgestattet: Bei der Reparatur der Abbaumaschinen werden ihm Instruktionen auf die Brille projiziert, sodass er beide Hände zum Arbeiten frei hat – wie ein Chirurg bei einem komplizierten Herzeingriff.

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Autor/in: Wolfgang C. Goede