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Familie

Kinderreiche Eltern? Nein. Elternreiche Kinder!

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Kinderreiche Eltern? Nein. Elternreiche Kinder!Kinderreiche Eltern? Nein. Elternreiche Kinder!

Wie sieht das Familienleben der Zukunft aus? In einem Punkt sind sich Forscher einig: Statt nur mit Mama und Papa werden die Kinder mit vielen »Eltern« und Halbgeschwistern aufwachsen. Die traditionelle Kleinfamilie macht dem Groß-Clan Platz – und das wird kein Nachteil für die Kinder sein.

Eine Konfirmation im Jahr 2025. Jana hat ihre ganze Familie eingeladen – und musste dafür ziemlich viele Namensschilder malen. Papa mit seiner neuen Frau Anni, deren Sohn aus erster Ehe und dem ge-meinsamen Baby Max. Mama mit ihrem neuen Freund und dessen erwachsener Tochter, die gerade schwanger ist. Ihre Kinderfrau Helene, die jahrelang auf sie aufgepasst hat und wie ein Fels in der Brandung war, als Janas Eltern sich haben scheiden lassen. Vier Großmütter, ein Opa und eine fast unübersichtlich große Schar an neuen Tanten. Auf jeden Fall: ziemlich viele Geschenke.

Jana wird sich überhaupt nicht komisch vorkommen, wenn in der Kirche neben ihr Mama und Papa sitzen, dahinter die Wahlverwandtschaften. Denn sie wird nicht das einzige Kind sein, das in einer bunten neuen Familie lebt. Ihr Freund Janis, der mit ihr konfirmiert wird, sitzt nur mit seiner Mama in der ersten Reihe. Leander hat zwei Papas: einen leiblichen und dessen schwulen Lebensgefährten. Sandra hat zwar verheiratete Eltern, aber ihr Papa arbeitet an einem Forschungsprojekt in Südostasien und konnte nicht zur Konfirmation anreisen.

Nicht nur die Pfarrer haben es manchmal schwer, die Mitglieder der neuen Familien zu sortieren. Auch den Statistikern macht es Mühe, den Überblick zu behalten: Im Jahr 2003 vemeldet das Statistische Bundesamt, dass in Westdeutschland noch 83,9 Prozent aller Kinder unter 18 bei ihren verheirateten Eltern leben, im Osten sind es 69 Prozent. Der Rest lebt – in dieser Reihenfolge: bei allein erziehenden Müttern, in Stieffamilien und bei allein erziehenden Vätern.

Keine Angst, die Normalfamilie wird keinesfalls aussterben! Die meisten Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als bis ans Lebensende mit der großen Liebe und zwei reizenden Kindern zu leben. Viele werden die Einheit Vater-Mutter-Kind auch tatsächlich erleben – aber nur als einen Abschnitt unter mehreren. Wenn Familienforscher überhaupt eine Zukunftsprognose wagen, dann diese: »Wir werden künftig im Lauf eines Lebens wechselnde Familienformen kennen lernen«, sagt Markus Teubner vom Deutschen Jugendinstitut in München, Autor der Studie »Stieffamilien in Deutschland«. Weil wir immer älter werden. Und weil wir uns öfter scheiden lassen.

Man wird heiraten, sich trennen, eine Zeit lang allein erziehen, eine Stieffamilie gründen, vielleicht auch eine zweite, denn Stieffamilien scheitern noch häufiger als Normalfamilien. Nicht weniger als 380 Familienkonstellationen hat Teubner bereits im Jahr 2002 gezählt – je nachdem, ob die leiblichen Eltern nach Trennung oder Todesfall wieder heiraten, weitere Kinder kriegen, ob der neue Partner Kinder mitbringt. Die Arbeitsgemeinschaft der Jugend- und Eheberatungsstellen schätzt, dass jedes zweite Kind nicht in der Familie aufwachsen wird, in die es heute hineingeboren wird.

Seit 1960 steigen die Scheidungsziffern kontinuierlich – und »durchaus dramatisch«, sagt Professor Hartmut Esser von der Universität Mannheim, der Deutschlands größte Scheidungsstudie verfasst hat. Ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar, andere Länder wie England und die USA haben noch höhere Ziffern als Deutschland zu vermelden. Folgende Faktoren tragen dazu bei:

- Frauen sind wirtschaftlich selbstständiger geworden und können sich eine Trennung finanziell leisten. Zwei Drittel aller Scheidungen werden von Frauen eingereicht, auch bei Umfragen in bestehenden Ehen sind Frauen unzufriedener mit der Beziehung als Männer. Offensichtlich stellen sie höhere Ansprüche – und suchen öfter den Absprung. Ein Trend, der sich fortsetzt, denn gerade macht eine Generation Abitur, in der zum ersten Mal mehr Mädchen als Jungen an die Universität überwechseln, später also mit hoher Wahrscheinlichkeit wirtschaftlich selbstständig sein werden.

- Scheidung ist kein Tabu mehr, im Gegenteil: Der Münchener Familienforscher Wassilios Fthenakis spricht sogar von einer »Scheidungskultur«. Diese senke die Hemmschwelle, »es selbst zu tun«. Auch Professor Esser hat festgestellt, dass Scheidung fast wie ein ansteckendes Virus funktioniert – je mehr Nachbarn, Verwandte und Freunde sich trennen, desto leichter fällt einem selbst der Schritt. Der neueste Tabubruch ist die Scheidung im hohen Alter: In den letzten Jahren, so das Statistische Bundesamt, ist das Scheidungsrisiko für »Jungehen« gleich geblieben, das für länger als zehn Jahre Verheiratete dagegen stark gestiegen. Anwälte berichten von 70-Jährigen, die noch den Schritt zum Scheidungsrichter tun.

- Die Kirche mit ihrem Konzept vom »heiligen Band der Ehe« hat als Instanz weitgehend ausgedient. Vereinzelt bietet die Evangelische Kirche sogar »Scheidungsgottesdienste« an – und wenn sie in der bunten Familienzukunft nicht in Bedeutungslosigkeit versinken will, wird sie noch mehr Rituale für getrennte Paare, verlassene Ehepartner und Scheidungskinder anbieten müssen. Bei Beerdigungen müssen Pfarrer schon heute diplomatisch mit der Tatsache umgehen, dass am Grab oft nicht nur eine Witwe steht.

- Die Anforderungen der Arbeitsmarktes und der Globalisierung erlauben immer weniger Familien, zusammen im Einfamilienhaus auf dem Land zu wohnen. Man zieht in die Stadt, und dort ist das Angebot an potenziellen neuen Partnern größer. Oder man wird ins Ausland versetzt – was enorme Belastungen fürs Familienleben mit sich bringt. Der »flexible Mensch«, den der amerikanische Soziologe Richard Sennett beschrieben hat, versucht sich auch in seinen privaten Beziehungen der »elastisch angelegten Wirtschaft« anzupassen.

- Die wachsende Unsicherheit des modernen Lebens führt zu einer Überforderung vieler Ehen und Familien. »Gegen die Großrisiken der Weltgesellschaft werden Menschen sich mehr denn je an die Liebe klammern«, prophezeit der Münchner Soziologe Ulrich Beck. Vor einer »Überhitzung des Privaten in einer erkalteten Gesellschaft« warnte Niklas Luhmann schon 1984 – heute ist ein Heer von Therapeuten damit befasst, Paare von den riesigen Erwartungen zu entlasten, die sie an die Ehe haben.

- Die Fitness-Gesellschaft stellt immer höhere Ansprüche auch ans Sexualleben. Höher, besser, weiter – die Maßstäbe des Sports werden künftig in den Betten gelten, glaubt Sexualforscher Gunter Schmidt aus Hamburg. Viagra und Schönheitsoperationen verstärken den Druck, forever young und sexuell aktiv zu sein – was aber der Realität langjähriger Beziehungen schlicht nicht entspricht. Im Klartext: Im Lauf der ersten fünf Beziehungsjahre halbiert sich die Sex-Frequenz von zwölfmal auf sechsmal im Monat.

Aber was bedeutet das für die Zukunft? Werden wir alle drei bis fünf Jahre den Partner verlassen und uns neu in den Beziehungsdschungel stürzen? Werden wir als Singles die Großstädte unsicher machen, nichts und niemandem verpflichtet außer dem eigenen Spaß?

Dagegen spricht viel. So deutet nichts auf einen neuen Single-Trend hin. Die hohe Zahl der Singles erklärt sich vor allem durch das gestiegene Lebensalter, viele ältere Frauen wohnen in Einpersonenhaushalten. Vor allem aber: Die Lust auf Beziehung und auf Kinder ist bei jungen Menschen ungebrochen. Da sind sich alle Umfragen einig.

Immer mehr Frauen, vor allem beruflich erfolgreiche, bleiben dennoch kinderlos – weil sie erst einen Beruf ergreifen, weil sie nicht gleich den richtigen Mann finden, weil sie sich erst mit Ende 30 Zeit nehmen fürs Kinderkriegen, wenn die Fruchtbarkeit deutlich sinkt. Aber das heißt nicht, dass sie nie mit Kindern leben werden. Wie der Trendforscher Matthias Horx in seiner Zukunftsstudie »Senior Living« schreibt, begegnen ihnen mit 40 auf dem »zweiten Heiratsmarkt« geschiedene Väter, die eine neue Partnerin suchen. Außerdem werden sich neue »Ersatzfamilien« zusammenfinden, glaubt Horx: Wohn- und Hausgemeinschaften, kommunitäre Modelle, wo Getrennte und Singles, Junge und Alte zusammenleben.

Gegen diese Unübersichtlichkeit ihres Beziehungslebens werden die Menschen verstärkt versuchen, sich mit Verträgen abzusichern. Zum Teil aus durchaus vernünftigen Gründen: Wer nach der ersten Scheidung Unterhalt bezahlen muss, kann sich ausrechnen, dass er nach einer zweiten finanziell ruiniert sein wird, wenn er sich nicht vertraglich abgesichert hat. Der Münchner Soziologe Ulrich Beck prognostiziert darüber hinaus emotionale Gründe, Verträge abzuschließen. »Rettungsringe« wollen sich Paare in diesen stürmischen Zeiten anlegen: je unsicherer die Zeiten, desto größer das Bedürfnis, den anderen festzubinden, ihm sexuelle Treue oder sexuelle Toleranz abzuverlangen, die Aufgabenteilung in Haus und Familie schriftlich zu vereinbaren.

In den USA gibt es heute schon zwei Klassen von Ehen. In Louisiana wurde im Jahr 1997 der »Covenant Marriage Act« unterzeichnet. Seither können sich Paare dort aussuchen, ob sie eine »Ehe light« schließen, die relativ leicht wieder geschieden werden kann. Oder ob sie eine »covenant«, eine verpflichtende Ehe eingehen: mit Ehevorbereitungskursen, langer Trennungszeit und schwierigen Scheidungsmodalitäten. Schon im ersten Monat nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zeichnete sich die Tendenz klar ab: Von 3000 Hochzeitspaaren entschieden sich nur 26 für die verpflichtende Variante.

Denkbar ist auch, dass Paare in Zukunft grundsätzlich nur Ehen auf Zeit schließen. Vielleicht werden sie sich, ähnlich wie beim Fußball, nach einer bestimmten Frist zur Vertragsverlängerung treffen. Und beim Standesbeamten, der dann längst zum Mediator fortgebildet wurde, aushandeln: Wollen wir zusammenbleiben? – Jenseits dieser höchst vernunftgesteuerten Modelle wird es Zwischenwelten geben. Nicht alles wird sich am Reißbrett modellieren und mit Vertragstinte absichern lassen – mehr denn je werden Menschen auch in nicht kontrollierte Beziehungswelten flüchten. In die Prostitution, die durch die Öffnung der Grenzen zu ärmeren Ländern in den nächsten Jahren noch zunehmen wird. Und ins Internet, wo Chaträume und Flirtbörsen jetzt schon einen nie geahnten Boom erleben.

Egal, welche pragmatischen oder absurden Modelle sich die Erwachsenen ausdenken für ihr postmodernes Beziehungschaos – die Kinder werden damit zurechtkommen müssen. »Elternreiche Kinder, nicht kinderreiche Eltern sind die Zukunft«, witzelt Familienforscher Fthenakis, der sich mit Kindern in »Übergangs-Situationen« befasst hat. Viel weiß man bislang nicht darüber, wie sich das Leben in wechselnden Familienkonstellationen auf Kinder auswirkt. Das liegt vor allem an einem Konsens, der die Forschung bislang ganz selbstverständlich bestimmte: Stillschweigend und durchaus politisch gewollt ging man davon aus, das beste für Kinder sei das traditionelle Modell – Vater arbeitet, Mutter Hausfrau, ordentlich verheiratet, zwei Kinder. »Alle Abweichungen von diesem Modell«, schreiben Klaus-Jürgen Tillmann und Ulrich Meier vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, »stehen bislang unter dem Verdacht, dass sie sich ungünstig auf die Entwicklung der Kinder auswirken.« Und dazu passend gibt es Studien zuhauf: Scheidungskinder sind demnach bindungsgestört, schlechte Schüler, hyperaktiv, anfällig für Neurosen aller Art.

Höchste Zeit, dass künftig differenziert wird: Die verlassene Mutter in großer sozialer Not und ohne Kontakt zum Vater steht anders da als die Mittelschicht-Familie mit zwei Patchwork-Haushalten. Dass Eltern nach einer Scheidung keinen Rosenkrieg anzetteln, sondern weiterhin gemeinsam ihre Kinder erziehen – zum Beispiel, indem die Kinder eine Zeit lang bei der Mutter, eine Zeit lang beim Vater sind – könnte das Modell der Zukunft sein. Seit drei Jahren verpflichtet der Gesetzgeber Geschiedene zum gemeinsamen Sorgerecht, und seither hat die Zahl der sorgenden Väter enorm zugenommen.

Erst in jüngster Zeit richtet die Familienforschung ihre Aufmerksamkeit auch auf die Chancen, die in den neuen Familienkonstellationen liegen. Und siehe da: Die Pisa-Studie hat zutage gebracht, dass Abweichungen vom traditionellen Modell oft äußerst förderlich sind. Kinder berufstätiger Mütter sind bessere Schüler. Einzelkinder schaffen es öfter aufs Gymnasium. Und Kinder von Alleinerziehenden oder aus Patchworkfamilien sind ebenso gute Schüler wie Kinder aus so genannten intakten Familien – vorausgesetzt, die Familie ist materiell gut gestellt. Und die Mutter bringt »kulturelles Kapital« mit in die Familie, hat also selber eine gute Bildung.

Die Zukunft wird genauer zeigen, wie sich das Leben mit vielen Eltern auf die Persönlichkeits-Struktur der Kinder auswirkt. Werden sie früh selbstständig? Leichter auf neue Leute zugehen, Konflikte aushalten und ihren Alltag organisieren? Denn das hat jedes Mitglied einer Patchwork-Familie gelernt: Ohne Kalender, klare Absprachen und viel Kommunikation überlebt man nicht in der modernen Großfamilie.

Auch der Arbeitsplatz der Zukunft verlangt diese sozialen Kompetenzen. Vielleicht haben Kinder aus neuen Familien da sogar Vorteile. Und wenn Jana, Sandra, Leander und Janis im Jahr 2030 sich um dieselbe Stelle bewerben, könnte Jana das Rennen machen. Denn der Personalchef weiß: Jana hat die aufwändigste Fusion mitgestaltet, die unsere Gesellschaft zu bewerkstelligen hat – die Fusion zwischen zwei Familien mit weit verzweigten Tochterunternehmen und widerstreitenden Kulturen.

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