Den meisten Lärm machen die Demokraten, wenn sie auf ihr Recht pochen.
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Bürger diskutieren über Nanotechnologie
Kennzeichnungspflicht für Nano-Produkte gefordert
Am 7. Okober 2006 haben sich 60 Nanointeressierte im Deutschen Museum zum Nano-Dialog getroffen. Nach einer Einführung durch das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie wurden drei Szenarien zur Zukunft mit Nanotechnologie von Schauspielern aufgeführt. Diese im Rahmen des EU Projektes Nanologue erarbeiteten Zukunftsaussichten beleuchten in unterschiedlichen Nuancen Chancen und Risken der Technologie. Die Teilnehmer des Nano-Dialogs bildeten drei Arbeitsgruppen mit den Schwerpunktthemen:
Gesundheit und Medizin
Herstellung, Entsorgung, Recycling und Umweltaspekte
Visionen für die Technologie
Die Forderungen der Gruppen wurden im Plenum vorgestellt und der Vertreterin der EU Kommission, Dr. Angela Hullmann, übergeben. Sie versicherte, die Anregungen in die weiteren Entscheidungen der EU Kommission in Sachen Nanotechnologie einzuspeisen. Die Veranstaltung wurde moderiert von Axel Fischer, Vorstandsmitglied der Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftlicher Publizistik TELI.
Acht Forderungen der Arbeitsgruppen
1. Hersteller von Produkten mit Nano-Inhaltsstoffen sollten verpflichtet werden, der Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft gerecht zu werden. Dazu zählen die Sicherstellung von Rücknahme und Entsorgung ebenso wie die Erforschung der Auswirkungen und die Aufklärung über Schutzmaßnahmen.
2. Die mit der Entwicklung, Produktion und Nutzung von nanotechnologischen Anwendungen einhergehenden Risiken sollten systematisch erforscht werden. Dabei ist eine Differenzierung in natürlich vorkommende und technisch hergestellte Nanopartikel wichtig. Die Vergabe öffentlicher Forschungsmittel sollte an die hinreichende Berücksichtigung der Auswirkung auf Umwelt und Gesellschaft gebunden sein.
3. Auch in Bereichen, die als risikobehaftet identifiziert wurden, sollte die Forschung weitergetrieben werden, denn nur wer „am Ball bleibt“ kann dazu beitragen, Risiken zu reduzieren.
4. Die Verwendung technisch hergestellter Nanopartikel und Materialien sollte auf den fertigen Produkten gekennzeichnet sein.
5. Ein Informations- und Dokumentationszentrum als zentrale Anlaufstelle für Infor-mationen zu nanotechnologischen Produkten und Materialien sollte eingerichtet werden (z.B. als ein von der EU Kommission betriebenes Portal). Informationen über Produkte und Materialien sollten dort mit unterschiedlichen Komplexitätsgraden vorgehalten werden.
6. Der Transfer von Wissen und Produkten in Entwicklungsländer wird grundsätzlich begrüßt. Vorrang sollte der Transfer von Wissen, z.B. über die Bereitstellung von Forschungsstipendien oder die Förderung von Bildungseinrichtungen vor Ort haben. In den Bereichen der Grundbedürfnisse, wie z.B. Wasser, Energie, Gesundheit oder auch Umwelt ist auch der Transfer von Technologie akzeptabel. Im Rahmen dieses Transfers sollten allerdings Rahmenbedingungen, wie z.B. die Demokratisierung im Zielland, die Wahrscheinlichkeit für militärische Anwendungen aber auch wirtschaftliche Interessen der EU Berücksichtigung finden.
7. Einige Probleme in der Kommunikation über Nanotechnologie resultieren aus der unscharfen Definition des Begriffs. Da nur von der Größe, aber nicht vom jeweiligen Fach- oder Anwendungsgebiet gesprochen wird, wäre es ratsam, präzise von Nano-Medizin, Nano-Elektronik oder Nano-Energietechnik usw. zu sprechen, anstatt von Nanotechnologie als Ganzem. Diese Unterscheidung erscheint notwendig, auch im Hinblick auf die genaue Information der Gesellschaft. Diese sollte verstärkt in den Schulen ansetzen.
8. Öffentliche Fördergelder sollten auf gesellschaftlich relevante Anwendungsfelder konzentriert werden. Dazu zählen Medizin, Materialien, Umweltschutz und Energie. Militärische Anwendungen sollten keine Förderung erhalten.
Elemente des Nano-Dialogs
In einem Pressegespräch erläuterte Dr. Walter Hauser vom Deutschen Museum und Leiter des Zentrums neue Technologien das Projekt Nano-Dialog.
Schrittmacher der technologischen Revolution
Nano steht heute für die Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts: ob als Chiffre für neue, maßgeschneiderte Materialien, als Schrittmacher für die nächste Stufe der digitalen Revolution oder in der Verknüpfung mit der Medizin. Als eine „enabling technology“ wird sie Produkte und Verfahren fast aller Technologiebranchen befruchten. Bereits heute ist sie Bestandteil des Alltags.Sie wird in der Kosmetik verwendet, in der Kommunikationstechnik oder bei Putzmitteln und Farben. Für die Nutzer bleibt sie meist unsichtbar.
Nano weckt Ängste und Visionen
Die potenziell unbegrenzten Möglichkeiten dieses Technologie wecken enorme Hoffnungen, aber auch Ängste. Von Beginn an war die Nanotechnologie visionär aufgeladen, faszinierte die Nanoforscher die Idee, die Materie gewissermaßen an der Wurzel zu packen.
Deutsche Museum fördert offensiven Dialog in der Öffentlichkeit
In einer potenziell derart mächtigen Technlogie liegen immer Risiken, aber auch enorme Chancen. Um diese zu realisieren, braucht es einen offensiven Dialog über Nano in der Öffentlichkeit: einen Dialog, der erstens mögliche Risiken offen anspricht, der zweitens den Nutzen der neuen Technologie transparent macht und der drittens ein Vertrauen in deren Akteure ermöglicht: nicht re-aktiv, sondern pro-aktiv von Seiten der Wissenschaft. Hier sieht sich das Deutsche Museum – eine der traditionsreichsten Institutionen dessen, was man heute „Public Understanding of Science“ nennt – hauptsächlich gefordert.
Weder Partei noch Lobby der Nano-Tech
Den Dialog müssen zum einen die Wissenschaftler, die Akteure der Nanoforschung, selbst führen. Hierbei brauchen sie aber geeignete öffentliche Orte und anerkannte Mittlerorganisationen – Foren und Marktplätze, die allen offen stehen und nicht von vornherein Partei oder Lobby sind.
Museen sind ideale Plattform des Nano-Dialogs
Wo gibt es die Institutionen, in denen gleichermaßen jung und alt aller Bildungsschichten zu finden sind? Wo sind die genuin öffentlichen Orte im Herzen der Gemeinwesen? Wo die Institutionen mit wissenschaftlicher Autorität und politischer Unabhängigkeit? Das sind doch Museen, und ich bin froh, dass dies von der Politik erkannt wird und die Europäische Union in ihrem Projekt „Nano-Dialog“ Museen und Science Centers von Lissabon bis Tartu in Estland, von Neapel bis Göteborg als dezentrale, lokale Plattformen und Anker eines solchen europaweiten öffentllichen Dialogs ausgewählt hat.
Museumsbesucher blicken Nano-Forschern über die Schulter
Das Deutsche Museum ist im wörtlichen Sinne ein solcher „Omni-Bus“, der jährlich über eine Million Menschen quer durch alle Schichten mitnimmt. Es ist in Deutschland immer erste Adresse, wenn es darum geht, Naturwissenschaft und Technik aus den Labors in die breite Öffentlichkeit zu bringen. In jüngster Zeit bringen wir die Forscher selbst ins Museum zu Experimenten, bei denen die Besucher der Nano-Wissenschaftlern bei der Arbeit über die Schulter schauen und mit ihnen ins Gespräch kommen können.
Wissenschaft und Öffentlichkeit koppeln
Dabei geht es um mehr als um Wissenschaftspopularierung. Die Nanotechnologie ist ein Beispiel für zunehmende „Koppelung“ (Peter Weingart) von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Wenn wir über Nanotechnologie reden, geht es daher nicht nur um Wissen – es geht auch um Erwartungen und Meinungen der Bürgerinnen und Bürger, die bei diesen Entwicklungen ein Wörtchen mitreden wollen und sollen.
Ausstellung verlangt von Besuchern eine Meinung
Das Projekt Nano-Dialog – eine europaweite Kollaboration – macht mit diesem Dialog Ernst. So zieht sich durch das Ausstellungsmodul eine Gegenüberstellung von Positionen „pro“ und „contra“. Die Besucher konnten ihre Meinungen an einem Terminal online eingeben. An bis zu fünf Tagen standen qualifizierte Betreuer Rede und Antwort, in Fokusgruppen fand ein intensiver Diskussionsprozess statt. Wir haben mit einer systematischen Besucherbefragung, die an allen acht Standorten der Ausstellung in Europa durchgeführt wurde, ein Meinungsbild zur Nanotechnologie erhoben, das derzeit ausgewertet wird. Das heutige Dialog-Experiment in Zusammenarbeit mit dem Projekt Nanologue und dem Wuppertal-Institut beschließt diese Reihe von diskursiven Angeboten.
Besucher-Input wird von Entscheidern in Brüssel diskutiert
Die Erfahrungen und Ergebnisse an den acht Stationen werden in einen abschließenden Bericht an die Europäische Kommission einfließen und im Februar in Brüssel auf einer Schlusstagung auf politischer Ebene diskutiert.
Ex-cathetra-Duktus von Ausstellungen aufbrechen
Nano-Dialog war ein Testfeld für den Umgang mit kontroversen Technikthemen und einer dialogorientierten Besucherkommunikation im Museum. Es ermutigt uns, in dieser Richtung weiterzumachen. Im gerade entstehenden „Zentrum Neue Technologien“ in der ehemaligen Eisenbahnhalle wird die Nanotechnologie Schwerpunktthema sein, 2008 wird dort die Ausstellung eröffnet. Mit ihr werden wir dann auch in einer großen Dauerausstellung den bisherigen „ex cathedra“-Duktus von Technik- und Wissenschaftsausstellungen aufbrechen.
Alternative zum Top-down-Entscheidungsweg
Deutschland hat noch eine führende Position auf einigen Feldern dieser Forschung, vor allem in der chemischen Nanotechnologie. Das ist eine Chance dafür, in der globalisierten, dynamischen Welt zukünftig Wohlstand zu sichern. Auch das Deutsche Museum wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Nicht im Sinne einer allzu simplen Akzeptanzförderung „top down“, sondern einer von Bürgerinnen und Bürgern aktiv mitgetragenen und mitgestalteten Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik, von der alle profitieren.
Soziale, ethische und legale Aspekte problematisieren
Volker Türk, Projektleiter von Nanologue am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie führte zum Thema aus:
Die kontrovers geführte Debatte um genetisch modifizierte Organismen hat beispielhaft gezeigt, wie wichtig bei der Entwicklung neuer Technologien die Berücksichtigung gesellschaftsrelevanter Aspekte ist. Hauptziel des Nanologue-Projektes war es, den aktuellen Stand und die wichtigsten Positionen in der Diskussion um soziale, ethische und legale Aspekte der Nanotechnologie zusammenzutragen.
Darüber hinaus wurde ein internetbasiertes Bewertungsinstrument entwickelt. Der „NanoMeter“ ermöglicht eine Berücksichtigung aller relevanten Aspekte bereits in der Planungsphase.























