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Psychologie
Kennen Sie Ihre dunkle Seite?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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In ausgeklügelten Versuchen decken Psychologen die verborgenen Abgründe der menschlichen Natur auf. Ein riskantes Spiel. Viele der Experimente sind eskaliert und endeten in Menschenquälerei. Manche Versuchspersonen sind für den Rest ihres Lebens traumatisiert.
Ein halbes Jahr lang wurden die elf kleinen Waisenkinder erbarmungslos schikaniert – im Dienst der Wissenschaft. »Deine Sprache ist nicht normal«, redeten ihre Betreuer ihnen ein, »du stotterst!« Auch wenn die Kinder gar nicht stotterten, schärfte man ihnen ein: »Du musst sofort damit aufhören! Sag nichts, was du nicht richtig aussprechen kannst!« Jeder kleine Sprechfehler wurde bestraft.
Dieser brutale Versuch fand 1939 im Soldatenwaisenhaus des US-Bundesstaats Iowa statt. Die verantwortlichen Psychologen hatten es gut gemeint. Sie wollten beweisen, dass Stottern kein Schicksal, sondern eine erworbene Störung ist, also heilbar. Ihr Leiter Wendell Johnson war selbst starker Stotterer. Doch sie scheiterten. Die Stotterer unter den Versuchskindern stotterten weiter, sogar noch stärker. Und schlimmer noch: Manche der zuvor gesunden Kinder begannen zu stottern. Andere wollten überhaupt nicht mehr sprechen. Die Forscher hatten tatsächlich gezeigt, dass Stottern ein erworbenes Leiden ist – aber nicht indem sie die Kranken heilten, sondern indem sie die Gesunden krank machten. Als sie erkannten, was sie angerichtet hatten, war es zu spät: Die gepeinigten Kleinen litten lebenslang unter der Misshandlung. Ihr Selbstwertgefühl war irreparabel gebrochen.
Später bekam der unselige Versuch den Namen »Monsterstudie«. Es war nicht der erste Fehltritt der Seelenforschung, und es blieb nicht der letzte. Immer wieder täuschten, triezten und quälten Psychologen die ihnen anvertrauten Versuchspersonen. Sie lernten viel über die verborgenen Seiten der Psyche. Aber der Preis war hoch. Viele der Versuchspersonen trugen bleibende Schäden davon.
Menschenversuche haben eine lange Geschichte, länger noch als die der Naturwissenschaft. Schon bei den alten Ägypter ging es los. Im 7. vorchristlichen Jahrhundert wollte Pharao Psammetich I. herausfinden, welche Ursprache den Menschen von Natur aus gegeben ist. Er ließ Neugeborene aufziehen, ohne ein Wort mit ihnen zu sprechen. Eines der Kinder äußerte das phrygische Wort »Bekos« für Brot, worauf Psammetich das damals im heutigen Anatolien gesprochene Phrygisch für die Ursprache hielt.
In Wahrheit, so berichteten später die Geschichtsschreiber, war es ein phrygischer Diener, von dem das Kleine das Wort aufgeschnappt hatte. Und womöglich hat der Diener ihm mit dem heimlichen Zusprechen das Leben gerettet.
Das zeigte sich, als Friedrich II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das Experiment unter verschärften Bedingungen nachmachte: Er ließ Babys von ihren Müttern säugen und waschen, verbot aber jedes Streicheln oder Sprechen. Der Kaiser war gespannt: Würden die Kleinen anfangen, Hebräisch zu brabbeln? Oder Griechisch? Lateinisch? Nichts davon. Die Kinder starben. Ihr verfrühter Tod mahnt für immer: Menschen verkümmern ohne Zärtlichkeit.
Menschenversuche mit tödlichem Ausgang – das kann sich heute niemand mehr erlauben. Aber auch in Zeiten universell gültiger Menschenrechte waren die Experimentatoren nicht immer zimperlich. In den 1960er Jahren bestrahlten amerikanische Wissenschaftler die Hoden von Sträflingen mit Radioaktivität. Von den 1930er bis in die 1970er Jahre verwehrten US-Staatsforscher syphiliskranken Armen die Behandlung, um den Krankheitsverlauf beobachten zu können.
In den 1920er Jahren war die Psychologie noch ganz am Anfang. Es war noch nicht lange her, dass Sigmund Freud seinen Patienten Kokain verschrieben hatte, statt sie auf der Couch zu analysieren. Damals wollte der angesehene amerikanische Forscher John Watson nachweisen, dass Angst ein erlerntes Gefühl ist, kein angeborenes. Also versuchte er, den elfmonatigen Sohn eines Mitarbeiters das Fürchten zu lehren. Zuerst zeigte er dem Säugling, den er den »kleinen Albert« nannte, einen Hund, eine Ratte, einen Hasen, einen Pelzmantel und Baumwollbälle. Keine Spur von Angst.
Dann aber schlug Watson jedes Mal, wenn er dem kleinen Albert einen dieser Gegenstände zeigte, hinter dessen Kopf lautstark mit einem Hammer gegen ein Metallstück. Albert fürchtete sich so sehr vor dem Klirren, dass er schon beim Anblick der Spielzeuge die Hände vors Gesicht schlug, weinte und vom Experimentiertisch floh. Watson war zufrieden, wollte dem Kind die Furcht wieder abgewöhnen, kam jedoch nicht dazu, weil er wegen einer Affäre mit einer Sekretärin entlassen wurde. Die Identität des kleinen Albert ist unbekannt, aber vielleicht lebt irgendwo in Amerika heute noch ein 90-jähriger Greis, der beim Anblick von Wollbällchen in Panik ausbricht.
Der Nationalsozialismus war ein großes Experiment in Massenpsychologie und der beste Beweis, wie zerstörerisch psychischer Druck sein kann. Doch er stimulierte die Neugier der Forscher noch weiter, statt sie zu stillen. Berühmt geworden ist das Experiment des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram im Jahr 1961 – kurz nach Beginn des Kriegsverbrecherprozesses gegen den deutschen Holocaust-Planer Adolf Eichmann. Milgram wollte die Mechanismen von Autorität, Befehl und Gehorsam erforschen. Dazu narrte er seine Probanden: Er machte ihnen weis, sie seien Assistenten in einem Lernexperiment. Sie sollten einem »Schüler« per Knopfdruck immer stärkere Elektroschocks versetzen, wenn er Fehler macht – von »15 Volt, leichter Schock« bis »450 Volt, Gefahr, heftiger Schock«.
In Wirklichkeit waren sie selbst die Probanden, der angebliche Schüler spielte die Schmerzen nur. Milgram wollte sehen, wie weit sie bei der Erfüllung ihrer Aufgabe gehen würden. Der schauspielernde Schüler schrie und wand sich vor Schmerzen. Ungerührt drückten die Probanden den Knopf. Selbst wenn ihnen vorher gesagt worden war, der gequälte Schüler sei herzschwach. Wer zögerte, wurde vom Versuchsleiter nachdrücklich an seine »Pflicht« erinnert. Fast alle gehorchten. Zwei Drittel der Probanden waren sogar bereit, dem Schüler einen tödlichen Stromschlag zu versetzen – auf den Befehl eines Menschen hin, den sie nicht einmal kannten! Milgram hatte den »kleinen Eichmann« in ihnen geweckt, wie ein Kommentator schrieb.
Milgrams Versuch löste heftige Reaktionen aus. Er hatte seine Probanden so sehr unter Stress gesetzt, dass einige von ihnen nachhaltig traumatisiert waren. Die Fachwelt reagierte gespalten: Einerseits verlieh ihm der amerikanische Wissenschaftlerverband einen Preis. Andererseits schloss ihn der amerikanische Psychologenverband für ein Jahr aus. Die renommierte Harvard University verweigerte ihm wegen seines fragwürdigen Experiments eine Anstellung.
Der Milgram-Skandal hätte den Forschern eine Warnung sein können. Aber das gefährliche Spiel mit der Psyche ging weiter. 1966 machte der amerikanische Psychiater Charles Hofling eine Feldstudie in einem Krankhaus. Er schleuste falsche Ärzte ein, die den Krankenschwestern anordneten, ihren Patienten eine Überdosis eines gefährlichen Medikaments zu spritzen. Die Schwestern folgten gefügig. Obwohl ihnen das Risiko für ihre Patienten bewusst war, hätten sie ihnen die gefährliche Spritze gesetzt, wenn die Experimentatoren sie nicht vor dem Krankenzimmer abgefangen hätten. Wie bereits im Milgram-Experiment war offenbar geworden, wieviel blinder Gehorsam im Menschen steckt.
Ihren Höhepunkt fanden die Psychoversuche mit dem Stanford-Prison-Experiment im Jahr 1971. Kalifornische Psychologen wollten das Denken und Fühlen von Inhaftierten und ihren Aufsehern ergründen. Der Kopf des Projekts, Philip Zimbardo, ein Schulfreund von Stanley Milgram, bereitete das Experiment akribisch vor. Er wählte 24 männliche Studenten als Versuchspersonen aus mehr als 70 Bewerbern aus. Mit heimlichem Münzwurf entschied er, wer Gefangener wurde, wer Wärter. Wen das schlechtere Los traf, der wurde ohne Ankündigung verhaftet und in ein extra aufgebautes Gefängnis im Keller des Psychologischen Instituts der Stanford University gesperrt. Statt ihres Namens trugen sie nur noch eine Nummer. Jeden Morgen mussten sie zum Appell aus ihren kleinen Zellen treten. Jedes Detail stimmte, sogar die Uniformen der Wärter und die Häftlingskleidung.
Was dann geschah, schockierte alle. Aus dem Experiment wurde Wirklichkeit. Die Aufseher begannen, die zunehmend verängstigen Gefangenen zu quälen, schlugen sie, erniedrigten sie sexuell, ließen sie auf dem nackten Betonboden schlafen. Aus braven Studenten wurden brutale Menschenschinder. Am dritten Tag kam unter den Wärtern das Gerücht einer Gefängnisrevolte auf. Sie brachen daraufhin in die Zellen ein, entkleideten die Gefangenen, zogen ihnen Säcke über den Kopf und ließen sie Liegestütze machen bis zur Erschöpfung. Nach sechs Tagen musste Zimbardo den Versuch abbrechen, weil er außer Kontrolle zu geraten drohte. Ohne Absicht hatte er die im zivilisierten Menschen schlummernde Bestie bloßgelegt. »Sie waren unsere Marionetten, und wir genossen es«, erzählte einer der Wärter im Rückblick.
Solche Exzesse der psychologischen Forschung wären heute nicht mehr ohne Weiteres möglich. Sechs der Waisen, denen in der Monsterstudie so übel mitgespielt worden war, bekamen 2007 von einem Gericht 925 000 Dollar Entschädigung zugesprochen. Die meisten Universitäten haben ihren Wissenschaftlern inzwischen verboten, Versuchspersonen unter extremen Stress zu setzen. Doch es ist immer noch üblich, Teilnehmer von Experimenten bewusst zu täuschen. Zum Beispiel ließen Harvard-Psychologen im Jahr 2009 ihre Probanden bei Verhören zuschauen, in denen die Verdächtigen auch körperlich gefoltert wurden. Das überraschende Resultat: Je heftiger die Verdächtigen sich in Schmerz wanden, desto schuldiger erschienen sie den Zuschauern – die nicht ahnten, dass die Szenen gestellt
waren!
In ihren Versuchen wollten die Forscher austesten, wie weit sich Menschen in Extremsituationen treiben lassen. Dabei waren auch die Forscher selbst Teil eines großen Experiments. Stanley Milgram schrieb in sein Tagebuch: »Es ist ethisch fragwürdig, Menschen ins Labor zu locken und in eine Lage zu bringen, die belastend für sie ist.« Er und seine Kollegen haben es dennoch getan, und damit gezeigt, wie leicht sich Menschen zu unmenschlichen Handlungen verleiten lassen. Nicht nur unter Druck. Es genügt ein wenig Forschergeist.
























