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Stadtsoziologie
Keine Angst vor Mega-Citys!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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In naher Zukunft werden mehr Menschen in der Stadt leben als auf dem Land. Das bringt Gefahren – eröffnet aber auch riesige Chancen.
Das größte Elendsviertel der Welt heißt Dharavi. Eine Million Menschen drängen sich hier auf engstem Raum am Rande eines stinkenden Mangrovensumpfes in der indischen 20-Millionen-Stadt Mumbai. Dharavi ist nur einer von etwa 100 Slums in dieser Stadt, die früher Bombay hieß. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt in illegalen Bretterverschlägen, Kartonhütten – oder ganz auf der Straße: Etwa 60 Prozent des 1200 Kilometer langen Straßennetzes werden nach Berichten einer Forschergruppe der Universität Magdeburg nachts zum Schlafplatz für die Ärmsten der Armen. Viele haben noch nicht einmal eine alte Zeitung, um sich daraufzulegen.
Trotzdem kommen jeden Tag 2000 Neuankömmlinge nach Mumbai. Sie träumen natürlich nicht von Dharavi, sondern von den nördlichen Vierteln Bandra und Juhu, wo die Superstars der Bollywood-Filmstudios luxuriös in bewachten Villen leben. Arm und Reich verbindet in dieser Stadt nur das eine: Wer ins Zentrum will, braucht Zeit. In den chronisch verstopften Straßen dauert es bis zu zwei Stunden pro Kilometer – egal, ob zu Fuß, in der Rikscha oder in der Stretchlimousine.
Ähnlich wie in Mumbai geht es auch in den anderen Mega-Citys der Welt zu. Nach den bisherigen offiziellen Statistiken ist Tokio mit fast 40 Millionen Einwohnern die größte Metropolregion der Welt. New York liegt mit 22,5 Millionen auf Platz zwei. London, mit 12,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Europas, belegt Platz zwölf der Weltrangliste, das Ruhrgebiet mit zwölf Millionen Platz 18. Aber diese Rangfolge wird sich ändern. Die Geschwindigkeit des urbanen Wachstums verlangsamt sich in den hochindustrialisierten Gegenden Japans, Amerikas und Europas. In der Alten Welt beginnen die Städte wegen der geringen Geburtenraten und der rigiden Einwanderungspolitik sogar zu schrumpfen.
In den armen Ländern dagegen beschleunigt sich das Wachstum. Wie Mumbai verzeichnen Mexiko-Stadt, Jakarta/Indonesien, Manila/Philippinen und eine Reihe von afrikanischen Metropolen eine extreme Zunahme der Einwohnerzahlen. Chongqing in China arbeitet sich nach einer Reihe von Eingemeindungen mit 30 Millionen Bewohnern auf einen (noch) inoffiziellen Platz zwei der Hitliste vor und wird New York überflügeln. Jährlich wächst die Bevölkerung von Chongqing um 200000 Menschen. Die Experten rechnen damit, dass in den nächsten Jahrzehnten einige Monsterstädte die 50-Millionen-Grenze erreichen werden – das wären dann mehr Menschen als in ganz Spanien.
Erstmals in der Geschichte wird im Jahr 2007 jeder Zweite in einer Stadt leben – mehr als ein Drittel davon in Slums, am Rande oder unterhalb der Armutsgrenze.
Der Trend zur Stadt begann langsam, entwickelte dann aber eine ungeheure Dynamik. Um 1800 lebten etwa zwei Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Hundert Jahre später waren es schon zehn Prozent, 1990 fast 45 Prozent. Spätestens 2050 werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) drei von vier Menschen in der Stadt leben. Ursache dafür ist der agrartechnische Fortschritt: »Die Geschichte hat gezeigt, dass städtische Entwicklung eng mit der Industrialisierung der Landwirtschaft verbunden ist, was wiederum die Menschen vom Land in die Stadt treibt«, sagt Anna Tibaijuka, Exekutivdirektorin der UN-Unterorganisation Habitat, die sich mit Siedlungsfragen befasst. Verhindern kann diese Entwicklung nach Einschätzung von Habitat niemand – nicht einmal in Ländern, in denen es keine Demokratie gibt. In China drängen jährlich 25 Millionen Bauern in die urbanen Zonen. In 15 Jahren werden mehr als zwei Drittel der 1,4 Milliarden Chinesen in Städten wohnen. Dort baut man schon Millionen neue Häuser. China verschlingt bereits 40 Prozent der weltweiten Zementproduktion und zählt ein Viertel aller Baukräne.
Vielen Menschen machen Mega-Citys Angst. Aber ist sie letztlich wirklich berechtigt? Sicher müssen wir angesichts einer Weltbevölkerung von demnächst vielleicht neun Milliarden Menschen enger zusammenrücken als die 6,5 Milliarden heute. Aber das kann ökologisch von Vorteil sein. Würden nämlich alle auf dem Land leben, gäbe es für Tiere und Pflanzen keine Rückzugsgebiete mehr – und die verbleibenden Anbauflächen wären zu klein, um alle Menschen zu ernähren. Ökologisch notwendig sind deshalb Ballungsräume, in denen die Bevölkerung extrem verdichtet und in möglichst hohen Häusern zusammenlebt: Das verringert den Landschaftsverbrauch und schont die Umwelt.
Logistische Herausforderungen sind die Folge: Die Versorgung mit Energie, Nahrung, Wasser und Waren muss ebenso optimiert werden wie das Transportwesen oder die Abwasser- und Müllbeseitigung. Und: Die Spaltung in Arm und Reich darf die Gesellschaft nicht destabilisieren. Vor diesem Problem standen schon die Römer vor 2000 Jahren, als ihre Stadt zur ersten Millionen-Metropole der Welt wurde und Menschen unterschiedlichster Herkunft und sozialer Stellung beherbergte. Rom löste die Aufgabe durch effiziente Verwaltung, klare Gesetzgebung, Förderung von Kunst, Kultur und Unterhaltung sowie weltweiten Handel.
Experten für Bevölkerungsentwicklung wie der ehemalige UN-Umweltdirektor Klaus Töpfer glauben, dass dies auch heute gelingen kann: »Ohne einen sozialen Ausgleich in den Städten wird eine friedliche Entwicklung dieser Welt nicht möglich sein. Ausgleichende Stadtentwicklungsplanung ist Friedenspolitik für die Zukunft.« Und Hoffnung gibt es. So beobachtet Töpfer in den Mega-Citys »eine Renaissance des Regionalen und der kleinen sozialen Netzwerke«. Die Menschen organisieren sich in ihren Vierteln selbst – und oft besser, als die Politik es jemals könnte. »Dort«, sagt Töpfer, »entsteht ein Gegengewicht zu einer Entwicklung, die eigentlich nur den Dollar oder den Euro ehrt.« Für ihn sind die sozialen Netzwerke ein Garant für kulturelle Vielfalt und geistige Identität: »Es muss alles darangesetzt werden, diese Netze nicht zu zerstören, denn sonst könnten viele Menschen mental und physisch nicht überleben.«
So werden die Mega-Städte zu Zukunfts-Laboratorien. Hier entwickeln sich neue Lebensformen, neue soziale Geflechte, Techniken, Philosophien, Kreativität und Innovation. Die Städte treiben die Entwicklung an. In Thailand beispielsweise produziert die Hauptstadt Bangkok 50 Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts. Die weltweit zehn größten Städte mit der größten Wirtschaftskraft beherbergen nur zwei Prozent der Weltbevölkerung – erwirtschaften aber 20 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Außerdem gibt es in der Stadt mehr Arbeitsplätze, Bildungseinrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten. Hautfarbe und Religion spielen eine geringere Rolle – ebenso das Geschlecht. »Die Urbanisierung ist der Hauptgrund für den gestiegenen Bildungsgrad der Frauen«, sagt Ernst-Ulrich von Weizsäcker von der Expertenkommission »Urban 21«.
Und die Nachteile der Stadtlebens? Wohnungsnot, Verkehrsbelastung, Luftverschmutzung, Kriminalität sowie mangelhafte Infrastruktur sind vielerorts nicht zu übersehen. Insbesondere Mega-Citys mit über 20 Millionen Einwohnern sind kaum noch regierbar. Ganze Stadtviertel klinken sich aus der Gemeinschaft aus, weil es für sie von der Kommune kaum Unterstützung gibt. Strom, Trinkwasser und Kanalisation sind in vielen Slums unbekannt, Schulen und Krankenhäuser fehlen. Die Polizei lässt sich in den Elendsvierteln nur sporadisch sehen, Gangs übernehmen das Gewaltmonopol. Ausnahmen sind die Ballungsgebiete der Industrienationen, wo Stadtwerke, Müllabfuhr und Ordnungsämter effizient funktionieren und wo die Kriminalität im Vergleich zu den Mega-Citys der Dritten Welt und der Schwellenländer gering ist.
Das Leben in den riesigen Städten, der ständige Lärmpegel, die Reizüberflutung, die Umweltbelastung, die dichte Besiedlung, die Anonymität und die zunehmende Armut führen zu Verhaltensänderungen: Drogensucht, Prostitution und Gewalt spielen eine größere Rolle als auf dem Land. Durch die räumliche Nähe von großem Reichtum in den Villenvierteln und extremer Armut in den Elendsgebieten steigt die Kriminalitätsrate: Wer etwas zu verteidigen hat, heuert Bodyguards an; wer nichts hat, versucht etwas zu ergattern vom Reichtum der anderen. Mega-Citys sind Strukturen, die das Beste, aber auch das Schlechteste im Menschen hervorrufen – so eng wie hier liegen Gut und Böse nur noch im Krieg beieinander. »Wir sitzen auf einer sozialen Zeitbombe«, warnt der »Habitat-Bericht« der UN. »Nur wenige Maßnahmen hatten wirtschaftliche oder soziale Auswirkungen auf die arme städtische Bevölkerung.« So wurden in den Slums von Mumbai von der Weltbank Toiletten und Duschen gebaut – jeweils eine für 150 Personen. Aber da niemand sich um die Reinigung und Wartung kümmerte,sind die meisten Anlagen inzwischen unbenutzbar.
Die »Münchener Rück«, die andere Versicherungen versichert, ist durch eine spezifische Anfälligkeit der Mega-Citys beunruhigt. In den 22 größten Städten der Welt leben heute nicht nur fast 300 Millionen Menschen, hier wird auch ein Großteil des globalen Handels mit Rohstoffen, Energie, Waren und Geld abgewickelt, hier sitzen die wichtigsten Banken und Fabriken. Katastrophen in einem dieser Ballungszentren können unkalkulierbare Folgen für die ganze Welt haben. Tokio beispielsweise ist von Erdbeben, Sturmfluten und Tornados stark bedroht. New York muss Angst haben vor Terrorangriffen, Stromausfällen und Winterstürmen, Südkoreas Hauptstadt Seoul (22,2 Millionen Einwohner) vor Überschwemmungen und Mexiko-Stadt (22,4 Millionen) vor Vulkanausbrüchen. Nahezu jedes Metropolengebiet haben die Risikoermittler der Münchener Rück überprüft – keines ist gegen Katastrophen gefeit.
Sieht man von diesem (nicht alltäglichen) Risiko einmal ab, wird die Entwicklung der Mega-Citys aber eine eher positive Richtung nehmen – das sagen die Experten von »Urban 21« voraus. Sie stellen für jede der drei Gruppen ein Zukunftsszenario auf:
á Die »überalterten Städte« in Europa, Japan und den USA haben die Ressourcen, um ihre Umweltprobleme selbst zu lösen; die Deindustrialisierung ist weitgehend abgeschlossen, aber es gibt noch Arbeitslosigkeit. Die Lösung: mehr Bildungseinrichtungen, mehr Kultur, mehr Dienstleistungen.
- In »Städten des Wachstums« wie Brasilia in Südamerika und Shanghai, Hongkong oder Singapur in Asien schaffen Wachstum und Wohlstand Umweltprobleme, die jedoch lösbar sind. Die Bildung steigt, die Geburtenrate sinkt. Aber die Städte sind sozial geteilt: Neben glitzernden Hochhäusern, Shopping-Malls und Golfclubs wuchern Slums. Die Lösung: bessere Nahverkehrssysteme und moderne Technologien, damit alle an Wachstum und Wohlstand teilhaben können.
- In »Städten des Hyperwachstums« wie Delhi oder Mumbai kann die Wirtschaft mit dem Bevölkerungswachstum nicht mithalten. Deshalb blühten Schwarzarbeit und Kleinhandel. Die Lösung: bessere Bildung für Frauen, das senkt die Geburtenrate.
In ihrer Zusammenfassung kommen die »Urban 21«-Experten zu dem Ergebnis, dass Mega-Citys zwar viele Probleme erzeugen – aber noch viel mehr lösen. Würde nicht die Hälfte der Menschheit in Städten leben, wäre die Erde dermaßen zersiedelt, dass kaum noch Nahrungsmittel erzeugt werden könnten. Die Folge wären Kriege um die landwirtschaftlichen Ressourcen. Gleichzeitig sorgen die Städte dafür, dass mehr Menschen Zugang zu Bildungseinrichtungen haben. Und je gebildeter die Menschen sind, insbesondere die Frauen, desto geringer wird die Zahl der Geburten. Das bedeutet: Städte sind das beste Mittel gegen ihr ureigenstes Problem der Überbevölkerung – je größer sie sind, desto besser.
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