Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur liegt darin, daß du in der Demokratie wählen darfst, bevor du den Befehlen gehorchst.
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Die Welten der Philosophen
Karl Popper
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Gibt es eine ewige Wahrheit?
Wenn beide eine ruhige Stunde fanden, unterhielt sich der Wiener Tischlerlehrling Karl Popper gern mit seinem Meister Adalbert Pösch. Einmal verriet ihm Pösch, dass er jahrelang an einem Perpetuum mobile getüftelt hatte. Als Karl ihn skeptisch anschaute, setzte der Meister hinzu: »Da sag’n s’, dass ma’ so was net mach’n kann; aber wann amal eina eins g’macht hat, dann wer’n s’ schon anders red’n.« Später behauptete der mittlerweile weltbekannte Philosoph, dass er über Erkenntnistheorie mehr von Meister Pösch gelernt habe als von sonst einem Lehrer.
Popper, das dritte und letzte Kind eines wohlhabenden Juristen, wurde am 28. Juli 1902 geboren und wuchs in einem Haus gegenüber dem Wiener Stephansdom auf. Die Eltern, getaufte Juden, waren liberal und weltoffen. Karl hatte stets freien Zugang zur väterlichen Bibliothek. Oft fand man Vater und Sohn vertieft in eine rege Unterhaltung über Gott und die Welt.
Mit dem Ersten Weltkrieg ging diese paradiesische Kindheit jäh zu Ende. Die Familie verarmte, Karl musste das Gymnasium aus finanziellen Gründen verlassen. Er zog nach Grinzing, wurde Hilfsarbeiter. Und glühender Sozialist: Am 15. Juni 1919 demonstrierte er mit anderen Arbeitern gegen Unrecht und Elend. Die Polizei schoss in die Menge – zehn Menschen starben, achtzig wurden verletzt. Popper lehnte diese Brutalität des Staates kategorisch ab. Aber ebenso war er entsetzt, dass die Anführer der Arbeiter den Tod von Demonstranten bewusst in Kauf genommen hatten. Er verließ die Arbeiterbewegung.
Nun holte der ehrgeizige Popper seine Matura auf dem zweiten Bildungsweg nach und besuchte zeitgleich die Universität in Wien als Gasthörer. Nach dem Schulabschluss ging es zweigleisig weiter: Da er auch Praktisches leisten wollte, wurde er 1922 Tischlerlehrling bei Meister Pösch, während er zugleich an der Lehreranstalt studierte. Zwei Jahre später legte er die Gesellen- und die Lehrerprüfung ab. Der asketische junge Mann, der lieber in den Bergen umherkraxelte als im Café zu hocken, arbeitete jetzt mit schwer erziehbaren Jugendlichen. Gleichzeitig studierte er Pädagogik an der Universität. Und begann um diese Zeit, sich für die Philosophie zu interessieren. 1928 promovierte er in diesem Fach. 1930 heiratete er und bekam eine Stelle als Schullehrer. Privat verkehrte er jetzt mit den Philosophen des so genannten »Wiener Kreises« – unter anderem Moritz Schlick und Rudolf Carnap. 1934 veröffentlichte er sein bahnbrechendes Buch »Logik der Forschung«.
Darin griff er den grundsätzlichen Zweifel auf, den ihm der liebenswürdige Meister Pösch einst eingeschärft hatte: Egal, wie hartnäckig jemand behauptet, dass etwas möglich oder unmöglich ist – »wann amal eina eins g’macht hat, dann wer’n s’ schon anders red’n«. Die »Logik der Forschung« drückte Poppers Zweifel an der Zuverlässigkeit von Naturgesetzen aus. Alle Kenntnisse seien nur so lange wahr, bis sie widerlegt würden. Man könne zwar eine Feststellung als höchst wahrscheinlich gelten lassen, etwa dass Glas keinen Strom leitet; dennoch müsse man darauf gefasst sein, dass eines Tages doch eine Strom leitende Glasart entdeckt werde. Popper rät vom Versuch ab, eine Hypothese verifizieren (beweisen) zu wollen – dies hielt er für unmöglich. Über den Wert einer Hypothese entscheide die Antwort auf die Frage, ob sie empirisch falsifiziert (als falsch widerlegt) sei. Wie soll man beweisen, dass alle Schwäne weiß sind – niemand kann »alle Schwäne« kennen? Findet man einen einzigen schwarzen Schwan, wäre die Behauptung mit einem Schlag falsifiziert. Und in der Tat: Es gibt welche!
Man bezeichnete Poppers Philosophie als »Kritischen Rationalismus«. Nicht von ungefähr ist sie im 20. Jahrhundert, einer Zeit vieler großer Umbrüche, entstanden: Kaiserreiche sind kollabiert, Newtons mathematisch präzise »Naturgesetze« wurden von Physikern wie Einstein und Heisenberg auf den Kopf gestellt. Poppers Meinung dazu: »Dies ist normal, denn wir verfügen nicht über absolutes Wissen.«
Das Aufkommen der Nazis empfand Popper als wachsende Gefahr. Nach den Gesetzen des Nachbarlandes galt er als Volljude. 1937 zog der Philosoph mit seiner Frau nach Christchurch in Neuseeland und unterrichtete dort an der Universität. 1944 veröffentlichte er sein zweites Buch – von nun an schrieb er in Englisch. »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« war eine scharfe Auseinandersetzung mit der Politik. Er stellte darin sämtliche politischen Ideologien in Frage, weil sie alle eine ideale Gesellschaft erzwingen wollten. »Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle«, war seine Überzeugung.
1946 folgte Popper einem Ruf der London School of Economics und kehrte als Professor der Philosophie nach Europa zurück. 1950 zog er mit seiner Frau nach Fallowfield im englischen Buckinghamshire, 1964 wurde der geachtete Philosoph in den Adelsstand erhoben. Auch in seinen späteren Schriften plädierte er für gesunde Skepsis gegenüber »ewigen Wahrheiten«. Bis ins hohe Alter wurde Karl Popper seinem Ruf als »Arbeitstier« gerecht – er schrieb gern und viel. Mit 92 Jahren starb er 1994 in London.
























