Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Erderwärmung

Kann Geo-Engineering die Erderwärmung stoppen?

Die Politik hat bei der Reduzierung der CO2-Emissionen versagt. Jetzt drückt die Wissenschaft aufs Tempo: Mit milliardenteuren Techniken will sie die Erderwärmung stoppen. Wie die Natur auf die abenteuerlichen Manipulationen reagieren wird, ist noch völlig unklar.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Mit »Geo-Engineering«, das Herumdoktern an der Erde, versucht man den Klimawandel aufzuhaltenMit »Geo-Engineering«, das Herumdoktern an der Erde, versucht man den Klimawandel aufzuhalten
Mit »Geo-Engineering«, das Herumdoktern an der Erde, versucht man den Klimawandel aufzuhalten
iStockphoto

Am Anfang war das Wort, und das Wort war ketzerisch: »Gebt mir einen halben Tanker voll Eisen, und ich gebe euch eine Eiszeit«, prophezeite der US-Meeresforscher John Martin Anfang der 1990er Jahre. Dem Wort sollten alsbald Taten folgen. Rund um den Globus stachen Wissenschaftler in See, um ein klein wenig Gott zu spielen. Der Eisendünger in ihren Tanks, so die Hoffnung, sollte das Algenwachstum in den Ozeanen anregen. Die Algen sollten Kohlendi­oxid aufnehmen und am Ende ihres Lebens auf den Meeresgrund sinken – mitsamt dem schädlichen Gas. Aus den Augen, aus dem Klimakreislauf, aus dem Sinn.

Auch deutsche Forscher konnten der Versuchung nicht widerstehen. Anfang vergangenen Jahres kippten sie sechs Tonnen Eisen in den Südatlantik – verteilt auf eine 300 Quadratkilometer große Region. Wie erhofft, fingen die Algen an zu blühen. Doch dann passierte das Unerwartete: Anstatt sich mit Kohlendioxid vollzupumpen und abzusterben, lockten die Algen hungrige Ruderfußkrebse an. Die wiederum weckten das kulinarische Interesse der Flohkrebse. Das große Fressen begann. Zurück blieben etliche wohlgenährte Krebse und genauso viel Klimagas wie zuvor.

Immerhin haben sie es versucht – und liegen damit voll im Trend: »Geo-Engineering«, das Herumdoktern an der Erde in der Hoffnung, den Klimawandel aufzuhalten, ist gesellschaftsfähig geworden. Eisen im Ozean, Schwefel in der Atmosphäre, Spiegel im Weltall, ja sogar riesige Kohlendioxid-Staubsauger sollen die Erde vor dem Hitzetod bewahren. Und das, obwohl völlig unklar ist, wie die Natur auf die abenteuerliche Manipulation reagiert und ob Politik und Menschheit überhaupt verantwortungsvoll mit den neuen Möglichkeiten umgehen können.

Nicht zuletzt deshalb war allein schon der Gedanke an Geo-Engineering lange Zeit verpönt. Wer das Thema trotzdem ansprach, galt als Anhänger eines unverbesserlichen Technikwahns, als Pfuscher, der sich über die Natur und ihre ehernen Gesetze erheben wollte.

In den letzten Monaten hat sich das grundlegend geändert: Spätes­tens seit dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen ist vielen Wissenschaftlern klar, dass sie sich im Kampf gegen die steigenden Temperaturen auf die Politik und den gesunden Menschenverstand nicht mehr verlassen können.

»Immer hieß es, die Möglichkeiten des Geo-Engineerings sollten so lange zurückgehalten werden, bis wir vor einem echten Notfall stehen«, sagt Michael MacCracken, wissenschaftlicher Leiter am Climate Institute in Washington. »Dabei stecken die Menschen in der Arktis bereits heute in einer äußerst bedrohlichen Situation.« Für März hat MacCracken führende Köpfe aus dem Bereich des Geo-Engineerings nach Kalifornien eingeladen, um über Konzepte für die Zukunft zu sprechen.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3 (2 Bewertungen)
Autor/in: Alexander Stirn


Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

CO2-Emission  /  Erderwärmung  /  Geo-Engineering


Dieser Artikel ist Teil des Specials: