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Energieversorgung

Kalter Krieg im Eismeer

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Kalter Krieg im EismeerKalter Krieg im Eismeer

Unter der weitgehend unerforschten Eiswüste rund um den Nordpol lagert nach amerikanischen Schätzungen ein Viertel aller Öl- und Gasreserven. Russland, Dänemark, Kanada, Norwegen und die USA streiten sich um die Bohrrechte.

Mit dem Hissen der Nationalflagge wurde der Claim abgesteckt. Es war eine weltweit beachtete Aktion, als ein russisches U-Boot der Mir-Klasse in 4261 Meter Tiefe unter dem ewigen Eis des Nordpols mithilfe eines Roboterarms die rostfreie Trikolore aus Titan in den schlickigen Boden rammte. Die Demonstration der Macht im Herbst 2007 sollte Russlands Anspruch auf den Nordpol untermauern und der staunenden Weltgemeinschaft bekunden: Seht her, bis zum Pol gehört alles uns!

Dieses »Alles« meint das arktische Gebiet von Sibiriens Küste bis zum nördlichsten Punkt der Erde. Das Recht dazu glauben die Russen aus dem Verlauf des unter dem Polarmeer liegenden Gebirgszugs, dem Lomonossow-Rücken, ableiten zu können. Nach russischer Lesart ist das untermeerische Gebirge Teil der sibirischen Landmasse, also gehöre auch die nördliche Eiskappe zum russischen Territorium. Zur Disposition steht eine Fläche von zwölf Millionen Quadratkilometern Wasser und Eis, ein Teil davon ist das nördliche Polarmeer.

Die symbolhafte, völkerrechtlich allerdings unwirksame U-Boot-Aktion hat bei den Anliegerstaaten des »achten« Ozeans heftige Irritationen ausgelöst. Denn Dänemark (mit Grönland), Norwegen, die USA (mit Alaska) und Kanada sehen ihre eigenen Interessen im arktischen Meer verletzt. Vor allem Dänemark erhebt Anspruch auf den Lomonossow-Rücken, da er sich, so die Dänen, von Grönland aus direkt bis zum Nordpol erstrecke. Durch die selbstbewusste Deklamation, die über dem unterseeischen Gebirge liegende Hans-Insel – seit Jahrhunderten eigentlich völlig unbedeutend – gehöre zu Grönland und damit zu Dänemark, haben die Dänen den Konflikt um diesen Teil der Welt noch einmal ordentlich angeheizt.

Wenn das kleine Königreich den geologischen Nachweis für seine Behauptung erbringen kann, dürfte es seinen Hoheitsbereich nach dem internationalen Seerechtsabkommen von 1994 deutlich über die heute bestehende 200-Meilen- Zone hinaus erweitern. Bis 2012 haben die Dänen Zeit, schlüssige Beweise vorzulegen – drei Jahre mehr als die Russen, die ihre Begründung schon 2009 einreichen müssen. Beide Staaten sind jetzt dabei, die Eiswüste zu vermessen und den Meeresboden zu kartografieren. Dänemark forderte für diese Arbeit bereits kuriose Unterstützung an: russische Eisbrecher.

Warum dieser Streit um Eis und Wasser im hohen Norden? Das Terrain innerhalb des Polarkreises zwischen Spitzbergen und der Beringstraße, zwischen Julianehab (Grönland) und Kotzebue (Alaska), ist eine Schatzkammer voll hochwertiger Rohstoffe. Vor allem gigantische Erdöl- und Erdgasreserven werden hier vermutet, die nach Schätzungen amerikanischer Geologen ein Viertel der weltweiten Reserven ausmachen sollen. 90 Milliarden Barrel Öl (12,3 Mrd. Tonnen) und 50 Billionen Kubikmeter Erdgas sollen es sein. Gelingt es, diesen Schatz zu heben, könnte damit vier Jahre lang der Weltbedarf gedeckt werden.

Angesichts dieser unvorstellbaren Menge und des damit einhergehenden Reichtums wird der Freund von gestern schnell zum Feind von morgen. So streiten sich Kanada und die USA derzeit lautstark über die Nordwestpassage. Die Kanadier reklamieren die Wasserstraße zwischen Pazifik und Atlantik als nationale Route für sich und wollen die alleinige Kont-rolle. Die USA hingegen pochen darauf, die Nordwestpassage sei ein internationales Gewässer und stünde somit allen Staaten zu jeder Zeit offen, also auch den USA.

Geologisch gesehen liegen in der Arktis die ältesten Strukturen der Erde. Mit einer Fläche von 21 Millionen Quadratkilometern ist die gesamte Arktis (ohne die Insel Grönland) so groß wie Nordamerika und besteht zu einem Drittel aus Land. Hilmar Rempel, Geologe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, spricht von einem »kaum erschlossenen Gebiet mit großem Potenzial für die Zukunft«. Erst ein Viertel sei in den letzten Jahren erkundet worden. Rempel: »Aufgrund der Erdformation und Sonarmessungen müssten mineralische Rohstoffe in großen Mengen vorhanden sein. Eindeutig nachgewiesen sind sie jedoch bislang nicht.«

Aber die topografischen wie geologischen Voraussetzungen zur Gewinnung von Erdöl und Erdgas sind hervorragend. Es sind vor allem die Flachwassergebiete vor den Küsten Alaskas und Kanadas, wo der Treibstoff für die Industriestaaten gewonnen wird, sie heißen North Slope, Beaufort Sea oder Mackenzie Delta. Zusätzliche Vorkommen, die sich als sogenannte Schelfs unter Wasser ausbreiten, befinden sich vermutlich auf dem Festlandssockel. Beim Blick auf die Karte wird deutlich, dass sie fast alle innerhalb der 200-Meilen-Zone der Anrainerstaaten liegen. In diesen riesigen Becken haben sich im Laufe der Erdentwicklung, vor allem während der tropischen Schönwetterzeiten des Paläozäns, gewaltige Schichten von Sediment abgelagert und die Grundlage für Erdöl und Erdgas gebildet.

Milliarden Tonnen Krill und Plakton wurden von Sand, Schiefer und Ton luftdicht eingeschlossen und im Laufe von Millionen Jahren durch Druck und Temperaturen von 100 Grad Celsius zu Öl und Gas umgewandelt. Dieser Prozess unterscheidet sich fundamental von der auf Spitzbergen geförderten arktischen Steinkohle, die aus Pflanzen entstanden ist. Öl und Gas sind nicht stationär, das heißt, sie fließen ständig durch das Gestein. Nur ein Prozent der Menge sammelt sich in großen Blasen, die es sich anzuzapfen lohnt.

Deutsche Geologen aus Hannover sagen, dass bei einem moderaten Anstieg des Erdölverbrauchs eine ausreichende Versorgung mit konventionellem Rohöl bis etwa 2020 gewährleistet sei. »Bis zu diesem Zeitpunkt wird ein Höhepunkt der Förderung von konventionellem Erdöl erwartet. Das heißt nicht, dass der Erdball dann bis auf den letzten Tropfen ausgepresst sein wird«, sagt Hilmar Rempel. Er ist einer der Autoren der Studie »Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen 2006«.

Ab 2020, dem »Peak Oil«, erfolgt ein Rückgang der Förderung, weil die Quellen nicht mehr so stark sprudeln. Das sogenannte »nicht konventionelle Erdöl« – damit meinen Fachleute nicht fließendes, festes Öl, also Schwerstöle, Bitumen, Ölsande, Ölschiefer, wie sie in der kanadischen Provinz Alberta und in Venezuela gewonnen werden – könne zwar zu einer Minderung des zu erwartenden Abfalls der Förderung beitragen, aber die entstehende Angebotslücke nicht schließen.

Daher der Run auf das Nordmeer. Die besten Ausgangspositionen werden jetzt vergeben. Die Explorationen sind in vollem Gange oder bereits abgeschlossen. So wird das riesige Schtokman-Gasfeld in der russischen Barentssee 2012 seine Produktion aufnehmen. Nachdem es in den 1990er Jahren mithilfe deutscher Spezialisten erforscht wurde, beteiligen sich an der Ausbeutung heute der russische Energiekonzern Gazprom, der norwegische Förderer Statoil, das französische Unternehmen Total und der deutsche Ruhrgas-Konzern. 3200 bis 3700 Milliarden Kubikmeter Erdgas soll die gewaltige Blase im eisigen Sediment umfassen; sie würde allein für Deutschland rund 40 Jahre reichen.
Die tatsächlichen russischen Erdgasreserven sind weitaus größer. Seriöse Schätzungen gehen von 48 000 Milliarden ( = 48 Billionen) Kubikmetern aus (Quelle: Gazprom). Hinzu kommen noch 10 Milliarden Tonnen an Rohöl, die vor Sibiriens Küste darauf warten, angebohrt zu werden. Aber so einfach ist die Erschließung nicht. Die Kosten sind um gut 50 Prozent höher als bei herkömmlichen Lagerstätten. Der arktische Dauerfrost verlangt einen gigantischen Aufwand und spezielle Bohr- und Fördertechnologien. Statoil hat ein Verfahren entwickelt, bei dem die Förderanlagen für Erdgas unter Wasser liegen. Das herausschießende Gas wird gereinigt und anfallendes Kohlendioxid (CO2) gleich wieder in die Lagerstätte zurückgepresst. Dieses zukunftsträchtige Verfahren soll bald auch für deutsche Kohlekraftwerke erprobt werden.

Es mutet schon fast wie Ironie an, dass mit zunehmender Erderwärmung die Chancen für die Erschließung der Polarwelt steigen. Das ewige Eis scheint nicht mehr bis in alle Ewigkeit zu bestehen. Die Gletscher schmelzen ab, die Eisdecke bricht, der Permafrostboden taut auf. »Für Offshore-Bohranlagen ein gewaltiger Vorteil«, sagt Rempel. Der technische Aufwand für Förderanlagen auf dem Meer sei jetzt nicht mehr so hoch. Hingegen müssten an Land größere Anstrengungen unternommen werden, damit die Bohrtürme und Pumpen nicht im morastigen Grund versinken. Welche Folgen das freigesetzte Methangas aus dem auftauenden Tundraboden für das Erdklima haben werde, wage er noch nicht abzuschätzen.

Dramatische Veränderungen kündigen sich an: Vergeblich versuchte der Eistanker Manhattan noch im September 1970, die Nordwestpassage zu befahren, die um diese Jahreszeit von einer dicken Eisschicht bedeckt ist. Im vergangenen Jahr war die Schiffsroute durch die Beringstraße zum ersten Mal seit Menschengedenken in einem September-Monat passierbar. Satellitenaufnahmen bestätigten dies. Für die Seefahrt ist diese Nachricht von großer Bedeutung, denn wie es aussieht, können Schiffe die Abkürzung durch die Nordwestpassage jetzt in noch mehr Monaten des Jahres nehmen. Das spart Zeit und damit viel Geld. Denn der Weg von Hamburg nach Shanghai schrumpft auf 17 000 Kilometer anstelle der 20 000 Kilometer durch den Suezkanal oder der 25 200 Kilometer durch den Panama-Kanal.

Natürlich ist die Route nicht das ganze Jahr über eisfrei. Auch in den wenigen polaren Sommermonaten sind spezielle Schiffe notwendig, damit es nicht zum »Titanic-Effekt« kommt, wie Fachleute befürchten. Die Stahlrümpfe der Frachter müssen verstärkt werden, um Eisschollen zu brechen, die in der Fahrrinne driften. Das macht die Schiffe teuer. Gleichzeitig weisen Beobachter darauf hin, dass die Zahl der Schiffsneubauten der Eisklasse 2 drastisch gestiegen ist. Das sind eindeutige Zeichen eines kommenden Booms.

Der Ölrausch im hohen Norden hat auch ein Projekt wiederbelebt, das ein französischer Ingenieur der Zarenfamilie bereits vor hundert Jahren schmackhaft gemacht hat: einen Tunnel zwischen Russland und Alaska. Von dieser Idee war Nikolaus II., der letzte russische Zar, so begeistert, dass er 1905 mit dem Bau einer 103 Kilometer langen Röhre beginnen wollte. 38 Jahre, nachdem sein Großvater Alexander II. Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die USA verkauft hatte, sollten Asien und Amerika mit einer transkontinentalen Eisenbahnlinie unter Wasser verbunden werden. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde das Projekt nicht weiter verfolgt.

Wagemutige Investoren wollen jetzt einen neuen Anlauf riskieren. Die Kosten in Höhe von 47 Milliarden Euro schrecken sie nicht ab. Ihr Plan: Russlands gigantische Erlöse aus dem Öl- und Gasexport sollen die Finanzierung des Projekts garantieren. Geplant sind zwei Eisenbahngleise, eine Pipeline für Erdöl und ein Kabel für den Datenverkehr. Dann rücken Russland und die USA ganz dicht zusammen. Der wirtschaftliche Aufschwung in der Arktis scheint nicht mehr zu stoppen. Die Beringstraße wird zum Nabel der Welt.

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