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Kultur & Gesellschaft

Können wir unseren Instinkten heute noch trauen?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Können wir unseren Instinkten heute noch trauen?Können wir unseren Instinkten heute noch trauen?
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Wir werden von Kräften des Unterbewusstseins gesteuert, die seit Millionen von Jahren in uns stecken und uns zur mächtigsten Spezies der Erde werden ließen. Jeder von uns trägt die Instinkte seiner Urahnen in sich, die das Überleben in einer gefährlichen Umwelt sichern. Aber die Welt hat sich gewandelt, wir haben sie uns „untertan“ gemacht. Sind unsere Instinkte noch zeitgemäß?

Es gab einmal eine Zeit, in der die Menschen um jede Kalorie kämpfen mussten. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen kannten sie nur ein Ziel: möglichst viel Fettes und Süßes zu sich nehmen. Denn wer konnte schon wissen, was am folgenden Tag auf dem Speiseplan stehen würde, und ob es überhaupt etwas zu essen gäbe? Es war die Zeit, in der die Gier lebensnotwendig war, die Fettesten hatten die besten Chancen zu überleben. Das war vor etwa zwei Millionen Jahren in den Savannen Ostafrikas, wo unser Urahn, der Australopithecus, als Erster den aufrechten Gang übte, und sich aus dem Dschungel in die freie Landschaft wagte. Uralte Fressinstinkte sitzen tief verankert in unseren Genen. Der Süßhunger, der nach zuckerreicher Nahrung verlangt, der Fetthunger, der Kalorien speichert. Allerdings sind heute die Vorzeichen andere: Nur die Schlanken überleben. Die Fetten haben eine deutlich geringere Lebenserwartung.

Sind Instinkte stärker als unser Denken?

Sind uns unsere Instinkte eigentlich noch dienlich, oder haben sie sich still und heimlich gegen uns gekehrt – gegen uns und unsere Umwelt? Verhaltens- und Umweltforscher warnen: Wenn wir unserem Fortpflanzungstrieb weiter ungezügelt folgen, „werden die Gegenmaßnahmen der Natur alles zersetzen, wofür die zivilisierte Menschheit steht“, schreibt der amerikanische Soziologe Arthur Blech. „Wenn wir uns als unfähig erweisen, die Überbevölkerung unter Kontrolle zu bekommen, dann hauptsächlich deshalb, weil unser Fortpflanzungstrieb stärker ist als unser Denkvermögen.“ Der Mensch unterliege wie zu Urzeiten der „Knechtschaft seines Selbsterhaltungstriebes“.

Wo viel Instinkt ist, ist wenig Denken. Die Instinkte des Menschen – Wissenschaftler sprechen heute lieber von „Fixed Action Patterns“, von „Erbkoordinaten“ oder von „angeborenen Auslösemechanismen“ – liegen seit Hunderttausenden von Jahren im Dauer-Clinch mit unserem wachsenden Denkvermögen. Was bestimmt das menschliche Verhalten stärker, was nützt dem Menschen mehr? Unsere Lebensumstände haben sich gewandelt, seit einigen Generationen in rasendem Tempo. Unsere Instinkte jedoch sitzen tief in den Genen, so schnell werden wir sie nicht los. Laut wissenschaftlicher Definition sind sie „Wirkungsgefüge des Verhaltens, in denen Reizsituationen auf angeborene Auslösemechanismen treffen, was situationsgerechte Handlungen freigibt“ – allerdings nur „unter den Bedingungen des natürlichen Lebensraums“. Aber wer von uns lebt in einem natürlichen Lebensraum? Was ist überhaupt ein natürlicher Lebensraum?

Was ist so gut an Instinkten?

„Unsere Instinkte sind in höchstem Maße altmodisch“, räumt der britische Verhaltensforscher Prof. Robert Winston ein, der für seine wissenschaftlichen Verdienste zum Lord geadelt wurde. Aber: Er ist wie die Mehrzahl seiner Kollegen der Überzeugung, dass sie uns auch in Zukunft sicher durch die Evolution führen werden. Zu mächtig, zu erprobt und zu bewährt sind sie, als dass sie von rasch wechselnden Lebensumständen aus dem Konzept gebracht werden könnten.

Der wichtigste Vorteil unserer Instinkte gegenüber unserem Denken: Sie sind um ein Vielfaches schneller. Sie erkennen Situationen schon, bevor sie überhaupt eintreten, sie veranlassen uns zu Verhalten, von dem wir oft selbst nicht wissen, wie es dazu kam und wieso es unter Umständen unser Leben gerettet hat. Vom ersten bis zum letzten Atemzug begleiten uns unsere Instinkte, sind in uns und um uns wie Schutzengel. Und ihr Wirken beginnt schon vor der Geburt. Ein Beispiel: Menschenbabys sind von allen Säuger-Neugeborenen die hilflosesten, denn sie kommen viel zu früh zur Welt. Der Grund: Seit sich der Mensch den aufrechten Gang angewöhnt hat, ist das weibliche Becken kleiner geworden, der menschliche Kopf hingegen immer größer. Damit eine Geburt überhaupt noch möglich ist, wurde sie quasi vorverlegt, die Babys kommen unfertig und lebensuntüchtig zur Welt.

Aber die Embryonen sind bereits mit allen wesentlichen Instinkten ausgestattet, einer davon ist der Kampfinstinkt. Das Ungeborene „weiß“, dass seine Zeit eigentlich noch nicht gekommen ist und greift zur Gegenwehr: Es treibt durch Hormonausschüttungen den mütterlichen Blutdruck, der sich zur Vorbereitung der Geburt drastisch abgesenkt hatte, so in die Höhe, dass eine Geburt eigentlich nicht möglich ist. Es beginnt ein Kampf auf Biegen und Brechen, der für beide gefährlich ist und tödlich enden kann. Aber irgendwann setzt sich der stärkere Organismus durch und es gibt kein Entkommen mehr: Die Wehen setzen ein, das Kind wird durch den Geburtskanal „ausgetrieben“.

Woher weiß das Baby, welche Nahrung ihm gut tut?

Und wieder weiß das Kind instinktiv, was es zu tun hat: Um nicht zu verhungern, veranlasst es der zweite Schlüsselinstinkt, der Überlebensinstinkt, sich unüberhörbar bemerkbar zu machen: Sein Schreien mit Lautstärken eines Presslufthammers (bis 97 Dezibel wurden gemessen) lässt in der Mutterbrust die Milch einschießen. Bei manchen Frauen funktioniert das nicht, es muss zugefüttert werden. Und auch jetzt kann sich das Neugeborene auf seine Instinkte verlassen: Der Nahrungsinstinkt sagt ihm, was ihm gut tut und was nicht. Ein süßer Bananenbrei wird von den 5000 Geschmacksknospen auf der Zungenspitze, die bereits voll funktionieren, als gut erkannt und gierig geschluckt, der viele Zucker liefert wertvolle Energie. Bitteres hingegen wird ausgespuckt. Die meisten Gifte schmecken bitter – ein „Wissen“, das in jedem von uns steckt. Ebenso sicher wie der Nahrungsinstinkt funktioniert vom Beginn unseres Lebens an der Ekelinstinkt, der uns vor Krankmachendem wie Würmern, Maden und sogar vor unsichtbaren Erregern wie Bakterien zurückschrecken lässt.

Kaum der Mutterbrust entwöhnt, geht der lebenslange Kampf in die nächste Runde: Die Konkurrenz mit den Geschwistern um die Aufmerksamkeit der Eltern verlangt nicht nur stete Aktivität, sondern prägt auch den Charakter für das weitere Leben. Beim Bemühen um die Zuwendung der Eltern treten die jüngeren Geschwister eher laut und rebellisch auf, die älteren dagegen artig und vernünftig. Eine weltweite Studie mit 12 000 Teilnehmern zeigte, dass unter den unangepassten und unkonventionellen Menschen der Anteil der jüngeren Geschwister besonders hoch ist.

Warum sind wir manchmal unbesiegbar?

Der Kampf um die eigenen Interessen, gehört zu uns vom Tag der Geburt an. Unser Körper ist programmiert auf Siegen, der Kampfinstinkt beherrscht uns mit einem ausgeklügelten Belohnungssystem: Bei einem Sieg fühlen wir uns großartig! Der Neurotransmitter Dopamin, der auch beim Orgasmus tätig wird, setzt im Hirn Endorphine frei, die uns in Euphorie versetzen und das Schmerzempfinden blockieren; ein Gefühl, von dem wir nicht genug bekommen können, das uns scheinbar unbesiegbar macht.

Wie vermeiden wir Fehler, die uns schaden?Doch das ist nur die Hälfe des ausgeklügelten Systems. Denn ganz anders „belohnt“ uns der Körper fürs Verlieren – eine noch viel intensivere Erfahrung, die sich schrecklich anfühlt. Im Körper laufen jetzt gegensätzliche hormonelle Prozesse ab wie beim Siegen: Das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet, trifft auf das Adrenalin, und beide sorgen für Panikzustände, die bis zur körperlichen Erstarrung führen. Im Fall einer katastrophalen Niederlage werden fast alle Körperfunktionen eingestellt, Blut wird in hohem Maße dem Magen abgezogen (flauer Magen), die Muskeln erschlaffen (weiche Beine). Schließlich wird der Hippocampus aktiv, das Erinnerungszentrum im Gehirn, damit wir uns diesen Zustand genau einprägen und ihn nicht vergessen.

Vor der Niederlage oder gar vor dem Tod soll uns der Angstinstinkt bewahren. Und das tut er sehr zuverlässig. Der „Fight-or-flight-Instinkt“, wie die Verhaltensforscher ihn nennen, ist auch beim modernen Menschen ungebrochen intakt. Er sagt uns, wann wir besser Fersengeld geben als uns unnötig einer Gefahr zu stellen. Schon bevor wir eine Gefahrensituation mit dem Verstand erfassen, wird das Angstzentrum unseres Gehirns, die Amygdala, tätig: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln werden vermehrt mit Sauerstoff versorgt, wir entwickeln übermenschliche Kräfte bei dem Bemühen, einer Gefahr lebend zu entkommen. Denn vom Augenblick der Geburt an hat das eigene Überleben Vorrang.

Welches ist der wichtigste unserer Instinkte?

Das ändert sich erst, wenn wir uns fortgepflanzt haben. Dann steht auf einmal jemand anderes im Mittelpunkt unseres Interesses: Der Nachwuchs wird die Nummer eins der zu schützenden Güter. Der Fortpflanzungsinstinkt sichert den Fortbestand unserer Gene in der Zukunft, er ist der wichtigste und mächtigste von allen. Im Laufe unseres Lebens wenden wir eine Viertelmillion Kalorien für Sex auf, mehr als für alles andere; wir paaren uns durchschnittlich 3000-mal im Leben. Der Drang zur Fortpflanzung ist bei Männern wie Frauen gleichermaßen vorhanden – allerdings mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen.

Die rein Äußerlichen Unterschiede kennt jeder aus eigenem Erleben: Frauen fliegen auf die V-Form, Männer mit breiten Schultern und schmalen Hüften versprechen Kraft, Gesundheit und ein gutes Immunsystem, alles von Vorteil für den Nachwuchs. Die Birnenform dagegen hat schlechte Karten. Männer reagieren auf möglichst runde Körperformen, sie verheißen ein hohes Maß an Fruchtbarkeit.

Woran erkennen wir die Gene eines Sexualpartners?

Die Unterschiede zwischen Frauen und Männer gehen aber viel tiefer, schließlich haben beide völlig unterschiedliche Funktionen bei der Arterhaltung: Frauen sollen die besten Gene für ihren Nachwuchs sichern, Männer möglichst viel Nachwuchs zeugen. In der Zeit, in der eine Frau schwanger ist, kann ein Mann theoretisch Hunderte von Nachkommen zeugen. Ein Unterschied, der sich auch im Körper widerspiegelt: Die weibliche Eizelle ist eine der größten Zellen, es werden ca. 400 im Leben einer Frau produziert. Die männliche Samenzelle hingegen ist eine der kleinsten, pro Ejakulation werden Millionen produziert. Eine Schwangerschaft verbraucht 80 000 Kalorien, eine Ejakulation dauert nicht länger als ein Niesen – ein gänzlich unterschiedlicher Aufwand, der sich auch bei der Wahl des Sexualpartners niederschlägt: Frauen sind weitaus wählerischer.

Unter Sexualforschern berühmt ist ein Versuch der Florida State University, bei dem eine Schauspielerin und ein Schauspieler auf der Straße Männer bzw. Frauen ansprachen. Sie erzählten ihnen, wie attraktiv sie sie fänden und fragten dann, ob sie mit ihnen ins Bett gehen möchten. 75 Prozent der Männer sagten spontan „ja“, hundert Prozent der Frauen sagten „nein“. Wiederholungen des Versuches in anderen Ländern ergaben ähnliche Ergebnisse. Wenn Frauen allerdings der Richtige gegenübersteht, geschieht dasselbe wie beim Mann: Die Pupillen weiten sich, das Gehirn produziert blitzartig Dopamin, in den Schweiß werden Pheromone ausgeschüttet, das Blut wird mit Adrenalin angereichert und schießt in die Lippen und die Sexualorgane.

Das Duft-Hormon Pheromon spielt eine ganz besondere Rolle: Je angenehmer und anziehender der Geruch empfunden wird, desto unterschiedlicher sind die Gene – und das ist gut für das Immunsystem des Nachwuchses. Wir können am Körpergeruch erkennen, ob die Gen-Übereinstimmung gut oder schlecht für mögliche Kinder ist.

Warum werden Frauen untreu?

Frauen haben weniger Lust auf die sexuelle „Gelegenheit“ als Männer – außer, wenn der Eisprung einsetzt. Im Gegensatz zu allen anderen Säuger-arten, deren Körper den Eisprung sichtbar signalisieren – zum Beispiel gerötete Hinterteile bei den Affen –, sieht man es den Frauen nicht an, dass sie sich gerade in jenen vier Tage des Zyklus befinden, an denen sie schwanger werden können. Die Stirling-Universität in Schottland hat untersucht, wohin das führt. An diesen Tagen reagieren Frauen heftig auf besonders „männlich“ wirkende Männer: ein kräftiger Hals, ein ausgeprägtes Kinn, energische Augen-partien – das verspricht Kraft und gesunden Nachwuchs. Die Folge: Die Seitensprungbereitschaft der Frauen steigt an diesen Tagen, die Suche nach dem besten Partner für ihre Kinder lässt sie sogar untreu werden. So kommt es, dass weltweit jedes zehnte Kind nicht von seinem biologischen Vater großgezogen wird.

Und noch ein Instinkt spielt für die Partnerwahl der Weibchen eine Rolle: Welchen Schutz verspricht das Männchen für den Nachwuchs, welche materielle Sicherheit kann es bieten? Das ist nicht nur beim Menschen so: Die Königspinguine werben um die Gunst der Weibchen, indem sie möglichst viele Steinchen sammeln, die sie stolz vor ihren Füßen auftürmen. Das Weibchen erwählt denjenigen zur Paarung, der am meisten Steine zu bieten hat. Denn damit werden später die Nester gebaut, die die Brut schützen sollen.

Ist es dann zur Fortpflanzung gekommen, meldet sich der Schutzinstinkt, der alles dafür tut, das Leben unseres Nachwuchses zu hüten. Denn nie sind wir der Unsterblichkeit näher, als wenn wir unsere Gene an die nächste Generation weitergeben. Da Menschen in der Regel nur ein Kind gleichzeitig haben, wird dieses besonders intensiv gehütet: Das Hormon Oxytocin, das im Gehirn jeder Mutter produziert wird, sorgt dafür, dass sie sich fortan immer dann am wohlsten fühlt, wenn sie sich um ihr Neugeborenes kümmert. Entsprechend wirken Hormone auch beim Mann beruhigend auf ihn ein und dämpfen seine Aggressionen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Mütter und Väter ihr Leben riskieren, um das ihrer Kinder zu schützen. Und auch das tun sie letztendlich aus evolutionärem Eigennutz: Die eigenen Gene sollen für die Nachwelt bewahrt werden.

Was macht den Menschen zum Menschen?

Aber es gibt auch einen Schutzinstinkt gegenüber Nicht-Verwandten, sogar gegenüber wildfremden Menschen, ein Instinkt, der uns einzigartig unter allen Arten dieser Welt macht: der Sozial-instinkt. Er hat uns geholfen, die erfolgreichste Spezies der Erde zu werden. In Ansätzen gibt es ihn auch in Tierpopulationen, bei denen Hilfe und Unterstützung für Schwächere gewährt wird, etwa bei den Vampir-Fledermäusen im Dschungel Costa Ricas: Die Blutsauger verlassen nachts ihre Höhlen und suchen nach schlafenden Tieren, bei denen sie sich bedienen. Wenn sie dann im Morgengrauen zurückkehren, werden diejenigen mit Blut versorgt, die in der Nacht wenig oder gar keine Beute gefunden haben: Die Satten würgen den Hungrigen Nahrung in den Rachen. Allerdings nur denen, die sich in umgekehrter Situation ebenso verhalten. Wer mehrfach diese Hilfe verweigert, wird aus der Gruppe ausgeschlossen.

Verbündete finden, sich gegenseitig unterstützen und erkennen, dass gemeinsames Handeln stark macht – das ist die Erfolgsformel, die uns zur „Krone der Schöpfung“ (Aristoteles) werden ließ. „Die Menschen sind eine so erfolgreiche Art, weil sie mehr Instinkte entwickelt haben als alle anderen Arten“, sagte Prof. Robert Winston. „Jeder Mensch ist ein geborener Gewinner, denn wir sind die Nachkommen hunderttausender Generationen, die immer wieder erfolgreich überlebt haben.“

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