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Können Schlafwandler zu Mördern werden?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Sie geistern durch die Wohnung, stürzen vom Balkon, fahren Motorrad und wissen nicht, was sie tun. Schlafwandler sind unberechenbar. Das kann sie gefährlich machen.
An einem Urlaubsmorgen im Sommer 2009 erwacht Brian Thomas (58) in seinem Wohnmobil in Wales und findet neben sich im Bett seine Ehefrau Christine (57) erwürgt vor. Wie die Ermittlungen der Polizei – vom Ehemann gerufen – ergeben, hat er selbst die Tat im Schlaf begangen. Thomas, der seit Kindesbeinen an Schlafstörungen leidet, kann sich an nichts erinnern. Ende November verzichtet die Staatsanwaltschaft auf Anklageerhebung mit der Begründung: „Nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit“.
Dass Schlafwandler zu Mördern werden ist kein Einzelfall. Besonderes Aufsehen erregte die Tat des Kanadiers Kenneth Parks: Schlafend steht er nachts in seiner Wohnung in Toronto auf, zieht sich an, setzt sich ans Steuer seines Autos, fährt 23 Kilometer bis zum Haus seiner Schwiegereltern und ersticht die Schwiegermutter. Später kann sich auch Parks an nichts mehr erinnern, die Gutachter erklären ihn für schuldunfähig.
Wie viele Schlafwandler gibt es, und wie wird man dazu?
Schlafwandler sind nicht selten. Es gibt zwar keine statistischen Zahlen, da die meisten Schlafwandelepisoden nie gemeldet werden, Experten gehen jedoch davon aus, dass fünf Prozent der Erwachsenen es tun. In Deutschland sind das rund vier Millionen Menschen. Hinzu kommt ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen, die gelegentlich zum Schlafwandeln neigen.
Die Ursachen für den Somnambulismus (lat.: somnus: Schlaf und ambulare: wandern) sind kaum erforscht und liegen daher weitgehend im Dunkeln. „Die Muskulatur erwacht, aber das Gehirn schläft weiter. Es ist eine Art Aufwachstörung,“ erklärt Prof. Dr. Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum an der Universität Regensburg. Einen prädestinierten Schlafwandlertyp hat der Forscher bisher nicht ausgemacht: Jeder könnte ein Schlafwandler sein – oder werden. „Viele Schlafwandlerkarrieren sind vermutlich vererbt“, sagt Zulley. „In Familien, in denen es bereits Schlafwandler gibt, ist die Wahrscheinlichkeit für Somnambulismus zehnmal höher.“ Jeder fünfte hat einen Elternteil, der ebenfalls darunter leidet; sind beide Eltern betroffen, erhöht sich das Risiko auf bis zu 60 Prozent bei den Nachkommen. Besonders wenn das Schlafwandeln
gemeinsam mit nächtlichen Angstzuständen auftritt, findet man in vier von fünf Fällen unter den Angehörigen jemanden mit ähnlichen Symptomen.
Psychologen vermuten überdies eine Abhängigkeit von der Persönlichkeitsstruktur. Wenn sich Erwachsene regelmäßig zu nächtlichen Ausflügen aufmachen, spiele meist die Psyche mit. Sabine Eller, Leiterin des Schlaflabors der Klinik Schillerhöhe im baden-württembergischen Gerlingen: „Dann kann es sich um eine psychische Überlagerung handeln: Unverarbeitete Konflikte, Kränkungen oder Traumata werden vom Tag in die Nacht hineingetragen. Hier ist dringend ärztliche Hilfe erforderlich.“ Prof. Zulley ergänzt: „Aggressionsgehemmte und introvertierte Menschen neigen deutlich eher zur Schlafwandelei.“
Die aktuellen Auslöser sind vielfältig: Stress, Schlafentzug, Fieber, Alkohol, Drogen, Depressionen, Schichtarbeit und manche Medikamente gegen Schlafstörungen. Aber auch organische Reize wie eine gefüllte Blase oder äußere Beeinträchtigungen wie Lärm können einen nächtlichen Ausflug auslösen. Schlafwandelphasen lassen sich durch HirnstromMessungen (EEG) und Aufzeichnungen körperlicher Abläufe relativ sicher nachweisen. „Meistens stellen wir eine partielle Unreife des zentralen Nervensystems fest“, sagt Zulley. Das erklärt auch, warum mehr Kinder und Jugendliche schlafwandeln als Erwachsene: Bei ihnen ist dieser Reifeprozess einfach noch nicht abgeschlossen.
Verhalten sich alle Schlafwandler gleich?
Die meisten Somnambulen stehen im ersten Drittel der Nacht auf, während der Tiefschlafphase. Sie ist traumlos und der Schlafwandler kann sich später an nichts erinnern. Menschen in diesem Zustand sind eher sanft und wollen eigentlich nur eines: weiterschlafen. Manche setzen sich einfach im Bett auf, fummeln etwas an ihrer Steppdecke, nuscheln Unverständliches und legen sich wieder hin. Andere verlassen das Bett, öffnen Schranktüren, Schubläden und Fenster oder gehen die Treppe auf und ab.
Die meisten tun Dinge, die ihnen durch den Alltag vertraut sind. Einige entwickeln unbändigen Hunger, stopfen wahllos alles Essbare in sich hinein, oft auch inklusive der Verpackung. Das kann so weit gehen, dass sie mit Messer und Gabel ein Buch zersäbeln in der Annahme, es handele sich um Kuchen. Am anderen Morgen sehen sie die Spuren ihrer nächtlichen Mahlzeit und können sie sich nicht erklären.
Es kommt aber auch vor, dass der Schlafwandler Dinge erledigt, die ihm tagsüber nie in den Sinn kämen. Da beginnt ein Mann, der sonst keinen Handschlag im Haushalt tut, plötzlich nachts die Küche zu wischen und die Treppe zu fegen. Hofft die Ehefrau nun darauf, dass er das ständig macht, wird sie enttäuscht werden.
Auch aus dem Rahmen fiel der Ausflug eines elfjährigen Jungen aus Illinois: Er kletterte im Schlaf in einen Güterzug, und erwachte erst nach 160 Kilometern. Ebenso ungewöhnlich ein Franzose, der sein Fernweh befriedigte, in dem er sich – schlafend und nackt – aufs Motorrad setzte und losfuhr. Dass er im Fahrtwind fror, merkte er erst, als er nach ein paar Kilometern erwachte.
Einmal Schlafwandler, immer Schlafwandler?
Manche tun es drei- oder viermal im Leben, andere regelmäßig. Letzteren raten die Experten vorzubeugen. Notorischen Schlafwandlern empfiehlt Sabine Eller „einen Schutzraum“ zu schaffen. Man müsse ja nicht gleich ins Erdgeschoss umziehen, aber: „Gefährliche Gegenstände, an denen sich ein Schlafwandler verletzen könnte, müssen aus seiner Umgebung entfernt werden. Um Stürze zu verhindern, sollte man Fenster und Schlafzimmertür fest verriegeln. Denn Menschen im Tiefschlaf sind in der Lage, sehr komplexe Bewegungen auszuführen.“
Wann werden Schlafwandler gewalttätig?
Wesentlich aggressiver hingegen können Schlafwandler sein, die an einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung leiden. Sie befinden sich in der Traumphase (REM engl.: Rapid eye movement), während sie sich aus dem Bett erheben, und können dann sehr schnell gewalttätig werden. Ursachen sind nicht verarbeitete Alltagsbelastungen und der begleitende Traum. Viele handgreifliche Schlafwandler träumen dabei von tätlichen Auseinandersetzungen. Sabine Eller hält Gewalttaten in diesem Zustand „rein mechanisch“ für möglich: „Die Behauptung, einen Mord im Schlaf ausgeübt zu haben, kann immer stimmen. Deshalb muss jeder Fall durch Fachleute überprüft werden.“
Die Chance, einen solchen Schlafwandler zu wecken, ist fast unmöglich. Der Neurologe und Gerichtsgutachter Dr. Göran Hajak: „Die Aufwach-Schwelle im REM-Schlaf liegt sehr hoch, das muss so sein, weil Menschen sonst jedes Mal aufwachen, während sie intensiv träumen.“ Sein Kollege Prof. Jürgen Zulley: „Aggressives Verhalten unter Schlafwandlern ist aber
außerordentlich selten.“
Schlafforscher betrachten Behauptungen, man habe ein Verbrechen im Schlaf begangen, deshalb grundsätzlich mit großer Skepsis. So hatte eine 35-jährige Arzthelferin, die angeklagt war, ihren Mann im Bett ermordet zu haben, vor dem Landgericht Baden-Baden mit ihrer Verteidigung keinen Erfolg: Die Frau behauptete, die Tat hätte ihre 12-jährige Tochter beim Schlafwandeln verübt. „Eine ungeheuerliche Anschuldigung, die sich nicht bewahrheitet hat“, hieß es in der Urteilsbegründung des Richters. Die Arzthelferin erhielt lebenslang.
Kann man im Schlaf vergewaltigen?
Eine besonderte Art der Schlafstörung ist die Sexomnia – so nennt man es, wenn sich jemand nachts in eindeutiger Absicht seinem Partner zuwendet und sexuell aktiv wird, selbst aber nichts davon mitbekommt. Der US-Mediziner Carlos Schenk von der Universität Minnesota hat diese Variante des Schlafwandelns untersucht und festgestellt, dass sie gar nicht so selten ist, nur lange Zeit nicht als solche erkannt wurde: „Die wenigsten Betroffenen suchen psychologische Hilfe. Entweder, weil sie ihr Verhalten nicht als medizinische Störung verstehen, oder weil es ihnen unangenehm ist, darüber zu reden.“
Er rät allen Betroffenen zu einer Therapie. Schenk: „So wird nicht nur Stress vom Betroffenen und seinem Partner genommen, sondern auch verhindert, dass diese Menschen mit dem Gesetz in Konflikt geraten.“ So wie der 22 Jahre alten James Bilton im englischen York. Er hatte mit einer jungen Frau eine ausgedehnte Kneipentour hinter sich, als beide müde wurden und sich gegenseitig versprachen, nun ganz brav zu schlafen: die Frau in Biltons Bett, er selbst auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Als die junge Frau mitten in der Nacht wach wurde, fand sie sich unter Bilton wieder. Er hatte ihr die Hose ausgezogen und war in sie eingedrungen. Sie schrie, kratzte und strampelte, doch Bilton ließ nicht von ihr ab. Er war, wie die Frau später vor Gericht erklärte „sehr schnell, roh, rücksichtslos und ohne jedes Gefühl“. Bilton selbst erklärte, er könne sich an nichts erinnern. Die Beobachtungen des Opfers bestätigten das: Der Vergewaltiger habe mit leeren Augen ins Zimmer gestarrt: „Er sah so aus, als sei er auf Drogen.“ Später habe er sich dann wortlos umgedreht und reglos geschlafen.
Wie sollen Angehörige von Schlafwandlern reagieren?
Während eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung immer einen Fall für den Arzt oder eine psychologische Behandlung darstellt, ist der eigentliche Somnambulismus kein Grund zur Beunruhigung, weder für die Betroffenen selbst noch für die Angehörigen. Zumindest so lange nicht, wie Gefahrenquellen aus dem Weg geräumt sind. Das Einzige, was dann noch zu tun bleibt ist, den nächtlichen Ausflug zu beenden. Der Rat der Schlafmediziner: „Wecken sie den Schlafwandler nicht auf. Das erschreckt ihn nur unnötig. Führen sie ihn lieber sanft aber bestimmt zurück ins Bett. Das geht im Allgemeinen ganz komplikationslos und entspricht dem Wunsch des Schlafwandelnden.“ So landen nächtliche Ausflüge nicht vor Gericht, und alle Beteiligten finden ihre verdiente Ruhe.























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