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Journalismus ohne Moral

Im Journalismus gibt es immer mehr Public Relations, Propaganda und Geschenke. Dagegen wendet sich das »Netzwerk Recherche«, ein Zusammenschluss, der dem kritischen Journalismus wieder Geltung verschaffen will.

»Netzwerk Recherche« schlägt Alarm. Public Relations (PR), die Öffentlichkeitsarbeit von Interessenverbänden und Unternehmen, kolonisiere den Journalismus, heißt es in einer Stellungnahme des Vereins, dem Journalisten und Medienwissenschaftler angehören. Betroffen von dem Problem ist heute wohl so ziemlich jeder Journalist, ob im Rundfunk, Fernsehen oder in der Zeitungsproduktion: Die Zeit ist knapp, die Besetzung der Redaktionen ausgedünnt, die Honorare der freien Mitarbeiter sind meist hundsmiserabel. Da ist die Verlockung groß, auf fertige Textbausteine aus Presseerklärungen zurückzugreifen. Gute Pressesprecher haben längst gelernt, Mitteilungen so zu formulieren, dass Redaktionen sie ohne weiteres als eigenes Produkt ausgeben können. Nur selten wird der Leser durch das verschämte Kürzel »ots« (für »Originaltextservice«) darauf hingewiesen, doch die wenigsten werden dessen Bedeutung kennen.

Die Übernahme von Presseerklärungen ist noch die harmlosere Variante. Gravierender sind allerlei Geschenke an Journalisten und redaktionelle Beilagen, die eigens zur Platzierung von Anzeigen erstellt werden. Mit entsprechend gefälligen Artikeln, die das Beworbene – zum Beispiel Reisen oder Autos – zusätzlich anpreisen, versteht sich. Das I-Tüpfelchen besteht schließlich im Vermeiden kritischer Beiträge, die den Werbekunden unangenehm sein könnten. Seit 2000 habe dieser Einfluss der PR zugenommen, meint man beim »Netzwerk Recherche«. Das ist just jenes Jahr, in dem es in der Druckbranche zu einem drastischen Einbruch des Anzeigengeschäfts kam und mehrere tausend Redakteure auf die Straße gesetzt wurden.

Doch der rührige Verein sieht neben den ökonomischen Zwängen noch andere Zusammenhänge. So würde an vielen Fachhochschulen in der Ausbildung inzwischen die Trennung zwischen Journalisten und »Öffentlichkeitsarbeitern« aufgehoben. Ein Blick in die Verbandsorgane der Deutschen Journalistenunion (DJU), die Teil von ver.di ist, und des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) zeigt zudem, wie unkritisch man an das Problem herangeht. PR-Tätigkeiten werden dort mit großer Selbstverständlichkeit als journalistische Arbeit geschildert, ohne dass das Spannungsfeld zwischen unabhängigem Journalismus und interessensgeleiteter Öffentlichkeitsarbeit auch nur erwähnt wird.

»Netzwerk Recherche« beschäftigt sich unter anderem mit dem Einfluss der Geheimdienste auf die Berichterstattung, mit der Datenmacht der Suchmaschine Google, dem Versagen des Wissenschaftsjournalismus und der Rolle von Experten in Presse, Funk und Fernsehen. Außerdem will es die »verschlossene Auster« verleihen. Und zwar an die Person des öffentlichen Lebens, die sich als besonderer »Informationsblocker« hervorgetan hat. Wir sind gespannt - und hoffen, dass unser Magazin von diesen Vorwürfen unbetroffen bleibt!

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