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Gesundheit
Ist Fett ansteckend?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Übergewicht wird die Epidemie des 21. Jahrhunderts, warnt die WHO. Schon heute gibt es weltweit mehr Übergewichtige als Untergewichtige. Selbst in China und Indien verfetten die Menschen. Falsche Ernährung kann nicht der einzige Grund sein. Mit Hochdruck suchen Forscher nach den Ursachen. Genetische Faktoren stehen unter Verdacht, Hormone – und jetzt sogar Viren.
Alle sind schnell mit Ratschlägen dabei, wenn es ums Übergewicht geht. Tausende von Diäten kursieren: von Atkins über Kohlsuppe bis zur Weintraubendiät. Mehr Sport treiben, zu Fuß zur Arbeit laufen, die Fernbedienung wegwerfen, heißt es. Angebliche Schlankmachprodukte überschwemmen den Markt. »Weniger essen und sich mehr bewegen«, ist die Parole, die Tausende von Ärzten an ihre fülligen Patienten ausgeben. Insgeheim denken sich die meisten Dünnen, dass die Dicken sich einfach nicht beherrschen können beim Essen.
Doch was wäre, wenn Fettsucht eine ansteckende Krankheit ist? Wenn ein Virus dahinter steckt, dass manche Menschen schon vom Anschauen einer Sahnetorte zunehmen? Und wenn sich jedermann einfach infizieren kann? Das ist die provokante These des Forschers Nikhil Dhurandhar an der Wayne State University in Detroit. Er und eine ganze Riege anerkannter Experten forschen nach neuen Erklärungen für die immer schnellere Gewichtszunahme – wir gehen gleich näher darauf ein.
Im Kampf um die schlanke Taille suchen die Wissenschaftler auch nach Botenstoffen, die dem Gehirn den jeweiligen Ernährungsstand des Körpers melden, nach Genen, die das Dicksein vererben und sogar nach Auslösern vor der Geburt.
Die weit verbreitete Überzeugung, dass Übergewichtige selbst schuld sind an ihrer Misere, steht auf tönernen Füßen. Diäten haben ihre Wirkungslosigkeit zu Genüge bewiesen: 95 Prozent aller Fettleibigen, die ihre Ernährung dauerhaft umstellen, nehmen mittelfristig das verlorene Gewicht wieder zu – das ist der berüchtigte Jo-Jo-Effekt.
Übergewicht grassiert weltweit wie eine Seuche. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Fettsucht zur Epidemie des 21. Jahrhunderts erklärt. Mit 300 Millionen Betroffenen leiden weltweit mehr Menschen an Fettleibigkeit als an Untergewicht. Mit 108 Millionen Übergewichtigen führen die Amerikaner die Tabelle an – fast jeder Zweite wiegt zu viel. Ein Drittel der US-Bevölkerung ist sogar krankhaft dick – das heißt, ihre Körperfettmasse, gemessen am »Body-Mass-Index« (Körpergewicht, geteilt durch Körpergröße zum Quadrat) liegt über 30 – zwischen 20 und 25 liegt das Normalgewicht, ab 25 ist man übergewichtig. Adipositas heißt das Fachwort für extreme Leibesfülle. Seit 1980 hat sich der Anteil der Adipositas-Kranken in der US-Bevölkerung verdoppelt. Ähnlich dramatisch sehen die Statistiken in Großbritannien und Deutschland aus. Längst sind auch Schwellenländer betroffen: Dort sind 115 Millionen Menschen zu dick. In Ghana leiden in manchen Gebieten 40 Prozent der Menschen unter Übergewicht. Auch in Indien und China wächst der Taillenumfang.
Die gängige Erklärung, dass unsere zucker- und fettlastige Ernährung die Hauptursache fürs Dicksein ist, mag die wahren, organischen Mechanismen dahinter verschleiern. »Es ist erstaunlich, wie viele Leute zunehmen. Gemessen am Nahrungsmittelangebot ist es aber noch erstaunlicher, dass wir nicht noch viel dicker sind«, sagt Randy Seeley, Neurologe im Obesity Center der Universität von Cincinnati. Seine Erklärung: Ein durchschnittlicher Mann verbrennt pro Jahr 900000 Kalorien. Um ein amerikanisches Pfund (453 Gramm) im Jahr zuzunehmen, muss er über das Jahr verteilt nur 4000 Kalorien mehr verspeisen. Pro Tag macht das genau 11 Kalorien aus – das entspricht dem Brennwert eines einzelnen Kartoffelchips. Diesen Balanceakt, der darüber entscheidet, ob man zunimmt oder schlank bleibt, schafft die Mehrheit, ohne darüber nachzudenken. Aber »wir sind weit davon entfernt, pro Jahr pro Person ein Pfund zuzunehmen«, schwärmt Seeley. »Unser Körper funktioniert so akkurat, dass selbst eine Essenswaage nicht dagegen ankäme.« Bei den Normalgewichtigen – wohlgemerkt! Doch bei den Dicken läuft irgendwo irgendetwas anders.
Damit sind wir wieder bei Nikhil Dhurandhar. Er hat in den USA Medizin studiert und kümmerte sich in den 1980er Jahren in seiner Heimatstadt Bombay um Übergewichtige. Rund 9000 Fälle gingen durch seine Praxis. Wohl 25 Prozent der Menschen in Bombay sind übergewichtig, schätzt er. Dhurandhar verschrieb Diäten und Sport – bis er eines Tages mit dem Familienfreund S. M. Ajinkya sprach, einem Tierpathologen, der gerade eine Geflügelseuche erforschte. Der machte den Ade-novirus SMAM-1 dafür verantwortlich, dass das Federvieh an viel zu großen Lebern und Nieren verendete, die vor lauter Fett weißlich schimmerten. »Die Symptome passten eigentlich nicht zu einem Virus«, erzählt Dhurandhar. Doch dann kam ihm die zündende Idee: »Macht das Virus die Vögel dick? Und: Könnten auch dicke Menschen infiziert sein?«
Zunächst verglich der Forscher die Entwicklung von drei Hühnergruppen bei gleicher Ernährung: Die erste Gruppe war gesund, die zweite mit SMAM-1 infiziert, die dritte in Kontakt mit den infizierten Hühnern. »Innerhalb von zwei Wochen waren die Gruppen zwei und drei dick und fett geworden, ihr Cholesterinspiegel blieb allerdings niedrig. Die erste Kontrollgruppe dagegen blieb unverändert schlank.«
Im zweiten Schritt prüfte Dhurandar das Blut seiner übergewichtigen menschlichen Patienten auf Antikörper gegen das Geflügelvirus. Der erstaunliche Befund: 20 Prozent von ihnen wurden positiv getestet, und wie das Geflügel waren sie besonders dick, litten aber nicht unter zu hohen Cholesterinwerten. »Das war ein so tolles Ergebnis, dass ich beschloss, in die USA zurückzugehen, um dort das Phänomen näher zu erforschen.« Doch mehr als zehn Jahre wollte dort niemand dem Inder Gehör schenken. Zu abstrus kam den Forscherkollegen dieser Ansatz vor. Erst als Dhurandar in Washington den führenden Fettforscher Richard Atkinson traf, kam Schwung in seine Mission. Per Zufall testeten die beiden AD36, eines von 50 menschlichen Adenoviren, die sich durch eine geometrische Form auszeichnen und die Atemwege befallen. 1997 infizierte das Duo Hühner mit dem menschlichen Virus - auch sie wurden dick.
Dann testete Dhurandhar über- und normalgewichtige Menchen auf AD36: 30 Prozent der Dicken hatten Antikörper und nur fünf Prozent der Normalgewichtigen. Selbst diese infizierten fünf Prozent der Normalgewichtigen wogen mehr als der Durchschnitt ihrer Gruppe. Das Virus stimuliert das Wachstum neuer Fettzellen im Körper – das hat Dhurandhar in Versuchen in der Petrischale bewiesen. Jetzt forscht er weiter – nach anderen Erregern und möglichen Impfstoffen.
»Die Idee mit dem Virus ist gar nicht so verrückt«, sagt Louis Aronné, Forscher an der New Yorker Cornell-Universität und Präsident der NAASO, der amerikanischen Gesellschaft für Übergewicht. »Krankheiten wie Diabetes und Herzerkrankungen, die mit Fettsucht einhergehen, entstehen durch Entzündungen in den Fettzellen. Und Entzündungen sind klassischerweise Anzeichen von Virus-Infektionen.«
Aronné will die Entzündung stoppen, indem er die Fettzellen dazu bringt zu schrumpfen. Dabei sucht er nicht nach einem Mittel, das die Viren direkt bekämpft. »Wir verstehen jetzt schon so viel von der Fettsucht, dass wir in einem Jahr eine Behandlungsmethode vorweisen können.« Welchen Ansatz er genau verfolgt, verrät er nicht: »Zu oft schon haben sich vielversprechende Ideen in letzter Minute in Luft aufgelöst.«
Die meisten führenden Fett-Forscher glauben, dass nicht eine Ursache allein zum Übergewicht führt. Weil die Nahrungsaufnahme überlebenswichtig ist, sind mehrere Systeme für die Steuerung zuständig. »Und greifen wir ein System an, übernimmt ein anderes«, sagt Seeley. Der Neurologe setzt seine Forschung beim Gehirnstoffwechsel an: »Das Gehirn weiß bei gesunden Menschen genau, wie viel Fett es gerade zur Verfügung hat, und zügelt den Appetit entsprechend.« Von den Fettzellen ausgesandte Hormone steuern den Hunger. Machen wir eine Diät, erfährt das Gehirn durch die Hormone, dass der Körper Fett verliert. Das Gehirn versteht, dass es verhungert, und stellt den Appetit höher. Zugleich senkt es den Kalorienverbrauch. Damit kein Missverständnis entsteht: Ganz ohne Fett geht es nicht. Die Natur bevorzugt sogar ein Fettpolster: Ein Mensch verhungert innerhalb von zwei Wochen, an Übergewicht stirbt er erst innerhalb von 20 Jahren
Vor zehn Jahren glaubten Forscher, den Durchbruch geschafft zu haben. Sie entdeckten das Hormon Leptin, das die Information über die Völle der Fettzellen ans Gehirn weiterleitet. Das US-Biotech-Unternehmen Amgen zahlte Millionen für das Patent. Es hoffte, mithilfe von Leptin das Gehirn auszutricksen: Wiegt ein Mensch 300 Kilogramm, könnte man sein Gehirn mit einer extra Dosis Leptin glauben machen, er wiege 350 Kilogramm, sodass er die Differenz automatisch abnehmen würde. Doch das Experiment scheiterte. Offenbar, so Seeley, vermittelt Leptin Mangelsignale besser als eine Überdosis. Aber die Nachricht, dass sein Körper unter Mangel leidet, braucht ein Übergewichtiger als Allerletzes.
Seeley erforscht Dutzende anderer Neurochemikalien, die dem Gehirn vermitteln, dass der Körper mehr Nahrung braucht – um sie ausschalten zu können. Aber nur eines davon auszuknipsen reicht nicht. Seeley vermutet: »Am Ende wird es beim Übergewicht so sein wie beim Kampf gegen die Depression: Verschiedene Medikamente wirken bei verschiedenen Menschen, oft müssen mehrere parallel verabreicht werden. Und sie müssen mit einem gesunden Lebensstil kombiniert werden.«
Andere suchen nach einer genetischen Erklärung für Übergewicht. Studien an Zwillingen, die durch Adoption in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind, legen nahe, dass biologisch Verwandte ihr Gewicht ähnlich gut oder schlecht halten. Dabei geht es nicht um Mutationen eines einzelnen Gens – die machen nur eine kleine Anzahl von Menschen übergewichtig. Die Risikofaktoren bestehen vielmehr aus vielschichtigen genetischen Kombinationen; jede einzelne erhöht das Risiko, schnell zuzunehmen, nur ein wenig.
Seit zwei Jahren durchforstet der US-Pharmakonzern Merck mit der isländischen Gendatenbank DeCode Genetics die DNA-Datensätze von 70000 Isländern und ihren Vorfahren. Ziel der Suche: ein Zusammenspiel von Genen, das den übergewichtigen Isländern gemeinsam ist. Wenn es eine solche Gemeinsamkeit gibt, dann wird es vielleicht möglich sein, mit den neuen Erkenntnissen das Übergewicht auszuhebeln.
Der Kampf gegen die Fettleibigkeit ist zäh, dennoch: Schon heute befinden sich vielversprechende Medikamente gegen Adipositas in der klinischen Erprobung. Das Epilepsie- und Migräne-Medikament Topomax etwa hilft Menschen, die zu schnell zu viel essen, ihre Futterattacken zu überwinden. Im Versuch verloren Patienten im Schnitt 14 Kilogramm. Niemand weiß, wie es funktioniert, aber die Menschen fühlen sich schneller satt. »Am vielversprechendsten ist das Pep-tid PYY3-36, das vom Verdauungstrakt gemäß dem Kaloriengehalt der Mahlzeit freigesetzt wird«, erklärt Aronné. »Wenn Leute diese Substanz inhalieren, fühlen sie sich automatisch satt.«
Forschern wie Aronné oder Dhurandhar liegt nicht nur die Heilung von Fettsucht nahe. Sie wollen auch für mehr Verständnis für die Dicken werben. »Unsere Gesellschaft diskriminiert Übergewichtige«, sagt Dhurandhar. »Wer zu viel wiegt, gilt als faul und unbeherrscht. Er wird selbst für seinen Körper verantwortlich gemacht. Diabetes ist eine ganz ähnliche chronische Krankheit – doch da käme niemand auf die Idee, die Betroffenen auszulachen.«
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