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Neurowissenschaft

Ist dem Gehirn zu trauen?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Ist dem Gehirn zu trauen?Ist dem Gehirn zu trauen?

Wer glaubt, er sei der uneingeschränkte Herrscher seiner Gedanken, Gefühle und Handlungen, der täuscht sich. Denn alles, was sich in unserem Kopf abspielt, ist voller Fallen und Abenteuer.

Alles im Griff unter der Schädeldecke? Da drinnen, in Ihren ganz privaten anderthalb Litern Schädelvolumen, können Sie nach Belieben schalten und walten – glauben Sie vielleicht. Aber wissen Sie es? Was macht Sie sicher, dass die Welt so klingt, riecht und aussieht, wie Ihre Sinneszentren es Ihnen vorgaukeln? Können Sie wirklich sagen, was Ihnen an Ihrer Lieblingsfarbe so gut gefällt? Warum Sie vorgestern so grantig aufgewacht sind? Wer Ihnen diesen Ohrwurm in den Kopf gesetzt hat? Warum Sie sich ausgerechnet in Ihren Partner verliebt haben? Die Ursachen liegen irgendwo zwischen Ihren Ohren, aber außerhalb Ihres Bewusstseins. Sie halten sich für den Chef in Ihrem Oberstübchen? Mag sein. Aber Sie wissen ja, wie das mit Chefs ist, die sich allzu sicher fühlen. In Wirklichkeit bestimmen andere.

Andere Gehirnteile, einige aus den Urzeiten der Evolution, wollen mitbestimmen über Ihr Denken, Fühlen und Entscheiden – und sie sind geübt, Sie glauben zu machen, es wäre Ihre Idee gewesen! »Wir sind nicht Herr im eigenen Haus«, sagte Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, schon vor einem Jahrhundert. Umso wichtiger ist es, gut mit seinem Gehirn auszukommen, denn so hat man mehr von ihm. P.M. gibt Ihnen auf diesen Seiten einige praktische Tipps für den Gebrauch Ihres Gehirns.

Vieles an Ihnen ist ersetzbar: Chirurgen können Ihnen das Herz oder eine Niere eines anderen Menschen einsetzen, Sie können Blut- und Hautspenden erhalten. Wer aber Ihr Gehirn verpflanzt, der verpflanzt Sie. Sie sind Ihr Gehirn! Und Sie sind mehr, als Sie vielleicht ahnen. Das bewusste Denken macht nur einige wenige Prozent Ihrer Gehirnaktivität aus.

Ganz aus der Nähe betrachtet sind Sie, ehrlich gesagt, ziemlich hässlich. Wenn man einem Toten das Gehirn entnimmt, sieht es aus wie ein zerkochter Blumenkohl. Ein lebendes Gehirn ist glibbrig wie Götterspeise, weil es zu 80 Prozent aus Wasser besteht, und rosafarben, weil es stark durchblutet ist. Wenn Ihr Gehirn schon nicht der schönste Teil Ihres Körpers ist, dann immerhin der geschäftigste: 100 Milliarden Neuronen funken durcheinander, so viele wie Sterne in der Milchstraße. Jedes Neuron steht mit Tausenden Kollegen in Verbindung, elektrisch und über Dutzende Botenstoffe. Die Vernetzung ist so eng, dass jedes Neuron für jedes andere über drei Zwischenstationen erreichbar ist. Ein einziger Dschungel! Jeder von uns kann mit Stolz behaupten, das komplizierteste Objekt des bekannten Universums im Schädel zu tragen.

Man kann sich heute vorstellen, dass den Menschen lange Zeit unklar war, wofür ihr Gehirn überhaupt gut ist. Aristoteles hielt das Herz für den Sitz der Seele, das Gehirn lediglich für ein Kühlgerät des Herzens, »blutleer, kalt und empfindungslos«. Erst der griechische Arzt Galen ahnte im 2. Jahrhundert, dass das Gehirn eine Steuerzentrale des Körpers ist. Aber wie es funktioniert, blieb bis ins 20. Jahrhundert rätselhaft. Noch im 17. Jahrhundert erklärte René Descartes die Zirbeldrüse zum Sitz des Bewusstseins, weil jeder Mensch nur eine davon hat und das Bewusstsein unteilbar ist. In Wirklichkeit steuert sie mittels des Hormons Melatonin den Schlaf-Wach-Rhythmus.

Heute bieten Forscher alle verfügbare Hochtechnologie auf, um den Neuronendschungel zu erkunden. Sie belauschen das Gehirn mit Elektroden, durchleuchten es mit Röntgenscannern und Positronenemissionstomografen. Im Projekt »Blue Brain« von IBM und der Polytechnischen Hochschule Lausanne simuliert einer der stärksten Computer der Welt die Funktion von Gehirnregionen – und in einigen Jahren einer kompletten Großhirnrinde, hofft Blue-Brain-Leiter Henry Markram. Auf diese Weise haben die Forscher unserem Gehirn inzwischen manches Geheimnis entlockt. Sie wissen, wie es Sinnesreize in elektrische Signale übersetzt und verarbeitet, welche Areale die Muskeln steuern, welche besonders aktiv sind, wenn wir ein Gemälde betrachten oder um Geld feilschen. Sie beginnen, die neuronalen Grundprozesse des Gedächtnisses, des Lernens und Entscheidens zu verstehen. Aber all das hilft so wenig beim alltäglichen Denken wie ein Studium der Fahrzeugtechnik im Straßenverkehr.

Bis vor einigen Jahren betrachteten Forscher das Gehirn als natürlichen Computer. Aber das war im Kreis gedacht. Denn die ersten Computer waren dem Gehirn nachgebaut – weshalb man sie »Elektronengehirne« nannte. Doch dieser Ausdruck ist aus gutem Grund veraltet. Oder fühlen Sie sich als Rechenautomat? Gerade Rechnen ist keine Stärke des Gehirns. Es ist ein soziales, fühlendes und erkennendes Organ. Zahlen sind etwas für Taschenrechner.

Ein Computer hat eine starre Architektur: Prozessor, Speicher, Eingabe, Ausgabe. Unser Gehirn dagegen ist eine Dauerbaustelle. Areale, die wir von den Reptilien geerbt haben, haben in unseren Köpfen neue Denkaufgaben übernommen. Zeit unseres Lebens wachsen uns frische Gehirnzellen nach, die uns merk- und lernfähig halten. Ein Computer erledigt seine Rechenaufgaben Schritt für Schritt, immer der Reihe nach. Im Gehirn geht es eher zu wie auf einem orientalischen Basar. Alle laufen und schreien durcheinander, und zum Schluss hat doch jeder, was er will. Das Gehirn ist gerade da stark, wo es desorganisiert ist.

Nehmen Sie zum Beispiel Ihr Gedächtnis. Sie hätten bestimmt gern ein besseres. Wünschen Sie sich nicht zu viel! Es gibt tatsächlich Menschen mit einem Gedächtnis wie ein Computer: mit »hypermnesischem Syndrom« – also Gedächtnisüberfunktion. Hypermnesiker erinnern sich an wirklich alles. Wenn man ihnen ein Datum nennt, wissen sie sofort, was sie an jenem Tag erlebt haben. Das hypermnesische Syndrom ist keineswegs ein Segen für die Betroffenen. Stellen Sie sich vor, sämtliche Autokennzeichen, die Sie je gesehen haben, würden Ihnen noch im Kopf herumgeistern! »Ein System, das zwangsläufig jede Kleinigkeit aufzeichnet, endet in totalem Durcheinander«, sagt der Gedächtnisforscher Dan Schacter von der Harvard University. Zu einem guten Gedächtnis gehört es, das Wichtige zu erkennen und den Rest zu vergessen. Diese Sortierarbeit geschieht großteils im Unbewussten. Wir können uns nicht zwingen, etwas zu vergessen.

Unsere Erinnerungen haben nicht nur Lücken, sondern auch Fehler. Es ist erstaunlich einfach, dem Gedächtnis falsche Erinnerungen unterzujubeln. Mit »Hirntrick 3« auf diesen Seiten können Sie das auf harmlose Weise selbst versuchen. Weniger harmlos ist es, wenn ein übereifriger Anwalt einem Zeugen einen falschen Tathergang unterschiebt oder ein Psychotherapeut sich und seinem Patienten einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit einredet. Das Gehirn trügt nicht nur uns manchmal, es lässt sich auch leicht betrügen.

Das Gehirn? Wir haben nicht nur eines, sondern vier! Physiologen unterscheiden Hirnstamm, Kleinhirn, Zwischenhirn und Großhirn. Sie sind im Lauf einer halben Milliarde Jahre Evolution nach und nach hinzugewachsen. Der Hirnstamm ganz unten an der Schädelbasis stammt noch aus jener grauen Vorzeit, als unsere Vorfahren aus dem Wasser an Land krochen. Er übernimmt das erste Schreckmanagement, wenn uns etwas überrascht, steuert Atmung und Lidreflexe – und plagt uns mit Schluckauf, wenn er die längst verschwundenen Kiemen durchspülen will. Außen um das menschliche Gehirn liegt sein jüngster und raffiniertester Teil: die Großhirnrinde. Dort erledigen die sprichwörtlichen »grauen Zellen« das höhere Denken und Fühlen.

Bei so einer Vielfalt an Denkwerkzeug ist es kein Wunder, dass Goethe einst klagte: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.« Er konnte froh sein, dass es nur zwei waren! Um zu erleben, wie Instinkt, Gefühl und Vernunft gegeneinander ankämpfen, genügt es, hungrig in eine Konditorei zu gehen. Man kommt meist mit mehr Teilchen heraus, als man eigentlich wollte – und mit nahrhafteren. Man ärgert sich über das verschwendete Geld und freut sich gleichzeitig auf den reich beladenen Kaffeetisch.

Hunger mag nicht immer der klügste Instinkt sein. Aber in den letzten Jahren haben Hirnforscher und Psychologen in vielen Studien erkannt, dass es sich oft lohnt, seinem Bauchgefühl zu folgen. Schachgroßmeister spielen die besten Züge, Fußballspieler die besten Pässe, und Ärzte stellen die besten Diagnosen, wenn sie auf ihre innere Stimme hören, statt lange zu grübeln. Bei der Partnerwahl prüfen unbewusste Programme in unserem Gehirn den oder die Anvisierte auf Qualitäten wie Beständigkeit und Fortpflanzungsfähigkeit und teilen uns das Ergebnis als Gefühl der Zuneigung mit.

Im Jahr 1779 gab der amerikanische Wissenschaftler und Staatsmann Benjamin Franklin seinem Neffen Harry, der zwischen zwei Frauen hin und her gerissen war, diesen Rat: »Notiere alle Gründe, pro und kontra, in zwei Spalten auf einem Blatt Papier. Prüfe, welche Motive und Gründe in der einen Spalte denen in der anderen Spalte an Wichtigkeit entsprechen. Wenn du alle Gleichwertigkeiten auf beiden Seiten gestrichen hast, kannst du sehen, wo noch ein Rest bleibt.« Harry befolgte die »moralische Algebra« seines Onkels, spürte, dass das Ergebnis seinem Herzen widersprach – und entschied sich für die andere Frau. Nicht der Verstand brachte ihn zur richtigen Entscheidung, sondern das Gefühl.

Und so hat das Unbewusste in jüngster Zeit enorm an Ansehen gewonnen. »Besser als bewusst?« lautete der Titel eines internationalen Fachkongresses vor zwei Jahren in Frankfurt – immerhin mit einem Fragezeichen. Mehrere neu erschienene Bücher preisen »die Kraft der Intuition«, »die Weisheit der Gefühle« und »die Intelligenz des Unbewussten«.

Das liest sich, als könnten wir getrost unserem Unbewussten das Steuer überlassen und das bewusste Denken einstellen. Aber nicht immer sind Bauchentscheidungen die schlauesten. Der australische Psychologe Ben Newell hat in mehreren Experimenten gezeigt, dass man in manchen Situationen besser seine Vernunft walten lässt. Er stellte seine Probanden vor die Entscheidung, in welche von zwei (fiktiven) Wohnungen sie ziehen oder welches von mehreren Autos sie kaufen wollten. Bei Probanden, die rein nach Gefühl entschieden, gaben oft Zufälligkeiten den Ausschlag – etwa, ob sie zuerst die guten oder zuerst die schlechten Eigenschaften eines Autos hörten. Die Vernunftentscheider hingegen ließen sich nicht so beirren. »Wer Entscheidungen zu treffen hat, muss seine Hausaufgaben machen«, sagt Newell, »es gibt kein magisches Unbewusstes.«

Leider bemerken wir nicht immer, wie unser Unbewusstes uns beeinflusst. Das zeigte sich zum Beispiel vor einigen Jahren bei einem Test in einem englischen Supermarkt. Als die Kunden vor dem Weinregal mit französischen Chansons berieselt wurden, griffen sie zu 80 Prozent zu französischen Weinen. Dann legten die Angestellten eine CD mit deutscher Volksmusik ein – und plötzlich wurde zu zwei Dritteln deutscher Wein gekauft. Bedeutet das, dass unser Bewusstes dem Unbewussten willenlos ausgeliefertist? Einige Experimente der letzten Jahrzehnte haben Forscher tatsächlich zu dieser Schlussfolgerung gebracht.

Das berühmteste von ihnen hat der kalifornische Psychologe Benjamin Libet 1983 durchgeführt: Er setzte Elektroden auf die Köpfe von fünf Probanden und bat sie, bewusste Bewegungen auszuführen, zum Beispiel einen Finger zu heben. Mit seinen Messgeräten erkannte Libet, dass die Probanden sich erst einige Sekundenbruchteile später ihrer Absicht bewusst werden, als diese sich in der Gehirnaktivität zeigt. Er folgerte, dass unser Gehirn uns oft nur vorgaukelt, wir hätten eine bewusste Entscheidung getroffen. Libets Experiment ist zu aufwendig, um es zu Hause nachzumachen. Aber ein ähnliches Phänomen des Unbewussten können Sie mit »Hirntrick 4« an sich beobachten.

Inzwischen haben andere Forscher Libets Experiment verfeinert und können ziemlich verlässlich die Bewegungen ihrer Probanden voraussagen, bevor diese sich ihrer Absichten bewusst werden. »Unsere Entscheidungen sind festgelegt, lange bevor das Bewusstsein ins Spiel kommt«, sagt John-Dylan Haynes vom Center for Computational Neuroscience in Berlin.

Sind wir also Sklaven unseres Unbewussten? Ist der freie Wille eine Illusion? So wollen Haynes und andere Forscher ihre Experimente nicht gedeutet wissen. Sie sehen darin einen Hinweis auf das Zusammenspiel zwischen Bewusstem und Unbewusstem: Das Unbewusste versucht, die bewusste Entscheidung vorauszuahnen, und bereitet die motorischen Zentren schon mal auf sie vor. Wir könnten die Bewegung noch stoppen. Das letzte Wort über unser Handeln bleibt immer noch unserem Bewusstsein vorbehalten. Sie sind der Chef in Ihrem Gehirn. Aber ein guter Chef hat immer ein Ohr für seine Mitarbeiter.

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