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Spurensuche

Ist das sein wahres Gesicht?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Verblüffendes Experiment: Italienische Kriminalisten haben mit modernsten Methoden das Gesicht des jungen Jesus rekonstruiert. Als Vorlage diente das Grabtuch von Turin. Doch ist darauf wirklich Jesus zu sehen? Je mehr Wissenschaftler sich mit dem rätselhaften Stoff beschäftigen, desto mehr Fragen tauchen auf. Gibt es Wahrheiten, die verborgen bleiben sollen?

Als Jesus zwölf Jahre alt war, ging er seinen Eltern bei einer Pilgerreise verloren. Erst nach drei Tagen fanden sie ihn wieder. Er saß im Tempel von Jerusalem, inmitten würdiger Schriftgelehrter, die er durch sein Charisma und seine Klugheit stark beeindruckte.

Mit diesem jungen Jesus beschäftigt sich eine aktuelle italienische TV-Serie, die sonntags vom Privatsender »Retequattro« ausgestrahlt wird. Weil die Produzenten, die »Mediaset«-Gruppe, ihren Zuschauern ein möglichst authentisches Bild des zwölf-jährigen Jungen präsentieren wollten, schalteten sie Kriminologen ein. Mithilfe eines speziellen Computerprogramms, das die Polizei bei der Suche nach Vermissten einsetzt, sollten sie aus dem Bild des erwachsenen Jesus das Kind wieder entstehen lassen. Ausgangspunkt für die Rekonstruktion war das berühmte Antlitz auf dem Grabtuch von Turin. Und heraus kam ein auffallend hübsches Gesicht mit großen Augen und hoher Stirn.

Die Idee, das Grabtuch heranzuziehen, liegt nahe. Denn das darauf sichtbare schmale und tieftraurige Gesicht entspricht exakt dem Bild, das die meisten Menschen sich intuitiv von Jesus machen. Doch ist es wirklich sein Gesicht?

Seit mehr als hundert Jahren taucht das geheimnisvolle Tuch von Turin immer wieder in den Schlagzeilen auf. Seine Geschichte liest sich wie ein Krimi, der bis heute keine Auflösung hat. Die Fragen, um die sich alles dreht: Wie alt ist das Tuch? Stammt es wirklich aus der Zeit Jesu? Wie sind die Abdrücke von Gesicht und Körper in den Stoff gelangt? Sind darunter tatsächlich Blutspuren eines Mannes, der am Kreuz starb? Oder war vielleicht ein raffinierter mittelalterlicher Maler am Werk?

Darstellungen und textliche Erwähnungen eines Tuchs, in das der tote Jesus gehüllt wurde, finden sich schon im Alten Byzanz. Doch niemand weiß, ob es sich dabei um dasselbe Tuch handelt, das heute als Grabtuch verehrt wird. Dessen Existenz wird erstmals 1357 einwandfrei dokumentiert: Es ist auf einer Pilgermünze abgebildet, zusammen mit dem Wappen seines damaligen Besitzers, eines gewissen Geoffrey de Charney. Möglicherweise hatte dieser es von Kreuzfahrern oder Rittern des Templerordens bekommen. Öffentlich ausgestellt wurde es zum ersten Mal 1389, auf Wunsch der Ehefrau des inzwischen verstorbenen Besitzers, in der Stiftskirche von Lirey bei Troyes in der Champagne.

Schon ab diesem Zeitpunkt ist jene Spaltung der öffentlichen Meinung belegt, die bis heute existiert: Die »Gläubigen« hielten und halten das Tuch für echt, die »Ungläubigen« – darunter auch hochrangige Kirchenmänner – sahen und sehen darin eine Fälschung.
Nach 1389 wurde die Reliquie in unregelmäßigen Abständen zur Schau gestellt; 1453 ging sie in den Besitz des Hauses von Savoyen über; seit 1578 wird sie im Dom zu Turin aufbewahrt und in großen Abständen öffentlich gezeigt. 1983 schenkte der Exkönig von Italien das Tuch dem Vatikan. Zweimal wurde die kostbare Reliquie durch Feuer beschädigt: 1532 durch eine Feuersbrunst in Lirey, 1997 im Dom von Turin. Nach dem ersten Brand wurde das Leinen von Nonnen geflickt – so geschickt, dass der Übergang von neuem zu altem Tuch kaum mehr erkennbar ist. Wie noch zu sehen sein wird, spielt dieses Detail eine zent-rale Rolle im »Krimi«.

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