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Träumen

Im Traum sind wir alle Kinder

Wir denken im Schlaf nicht weniger als im Wachzustand. Aber ganz anders. Wer sich im Träumen übt, hat mehr von seinem Gehirn.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wenn wir träumen, ist das Hirn nur mit sich selbst beschäftigt, wie ein Computer im Offline-Betrieb.Wenn wir träumen, ist das Hirn nur mit sich selbst beschäftigt, wie ein Computer im Offline-Betrieb.
Wenn wir träumen, ist das Hirn nur mit sich selbst beschäftigt, wie ein Computer im Offline-Betrieb.
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Eines Nachts des Jahres 1865 döste der 36-jährige Chemiker August Kekulé im Sessel in seinem düsteren Junggesellenzimmer. Vor seinem geistigen Auge begann ein Tanz der Atome. Die Teilchen fügten sich zu »größeren Gebilden mannigfacher Gestalt«, erinnerte Kekulé sich später, »schlangenartig sich windend und drehend«. Und da, plötzlich, biss sich eine der Atomschlangen in den Schwanz. Kekulé erwachte »wie durch einen Blitzstrahl«. Er hatte die ringförmige Struktur des Benzolmoleküls erkannt. Es war eine der bedeutendsten Entdeckungen der Chemie. Und wohl der bedeutendste Traum der Wissenschaftsgeschichte.

Im Schlaf war Kekulé ein Gedankenschritt gelungen, an dem er und seine Kollegen im Wachzustand jahrzehntelang gescheitert waren. Nur wie? Warum scheinen unsere Träume so viel mehr zu wissen als wir selbst? Seit Menschen träumen, wundern sie sich darüber. Auf einigen der frühesten Höhlenmalereien, mehr als 40000 Jahre alt, bildeten unsere Ahnen sich mit Geweihen und Vogelköpfen ab – so unwirklich, dass Archäologen sie für Traumdarstellungen halten. Gilgamesch, der Held des ältesten überlieferten Epos, ließ sich auf seinen Abenteuerreisen durchs Zweistromland von Traumvisionen leiten. Seither ist der menschliche Forschergeist tief in die Geheimnisse des Kosmos gedrungen. Aber Träume bleiben ein Rätsel.

In den letzten hundert Jahren haben Forscher unsere nächtlichen Fantasien von zwei Seiten in Angriff genommen: Psychologen haben viel über die Rolle der Träume in unserem Seelenleben verstanden. Neurologen haben dem Hirn mit Elektroden und Scannern beim Träumen zugeschaut. Aber erst in jüngster Zeit näherten sich die beiden Seiten so an, dass sie miteinander ins Gespräch kamen. Aus der so gewonnenen Stereoperspektive zeigt sich: Träumen ist eine ganz eigene Art des Denkens. Wer sich in ihr übt, hat mehr von seinem Gehirn.

Wer heute nach dem Wesen der Träume sucht, muss sich an Sigmund Freud messen lassen, der vor einem Jahrhundert danach forschte. Der Begründer der Psychoanalyse vermutete, dass die Seele in ihrer nächtlichen Abgeschiedenheit ihre geheimen Wünsche auslebt. Wunscherfüllung? Danach fühlen sich die meisten Träume so gar nicht an. Freud erklärte das damit, dass unsere Wunschvorstellungen fratzenhaft verzerrt aus dem Unbewussten wiederauftauchen. Dorthin haben wir sie verdrängt, weil wir sie fürchten oder uns ihrer schämen. Die moderne Hirnforschung kann manches belegen, was Freud einst mit genialer Intuition über das Träumen behauptete. Neurologen sehen in ihren Gehirnscans, dass während des Träumens unser Belohnungszentrum besonders aktiv ist, das unser Wollen und Streben steuert.

Allerdings war der Pionier der modernen Traumdeutung auch in mancher Hinsicht auf der falschen Fährte. Zum Beispiel war er überzeugt, dass an der versteckten Wurzel fast all unseres Handelns der Sexualtrieb liege und dass deshalb das Sexuelle auch die Welt der Träume dominieren müsse. Ein Mann zieht im Traum an einer Zigarette? Nach Freud muss er sich nach oraler Befriedigung sehnen – auch wenn er nichts davon ahnt. Eine Frau träumt vom Reiten? Für Freud ein klarer Fall von verdrängtem Koituswunsch. Heutige Traumpsychologen lassen eine geträumte Zigarette auch mal einfach eine Zigarette sein. Systematische Auswertungen von Traumberichten haben ergeben, dass nur gut zehn Prozent aller Männerträume einen sexuellen Gehalt haben – bei Frauen sind es nicht einmal vier Prozent. Tagsüber denken wir sicherlich nicht weniger an Sex.

Wir wissen heute viel mehr als Freud darüber, was während des Schlafens in uns geschieht. Die Fragen, die ihn damals beschäftigten, stellen sich neu: Warum träumen wir überhaupt? Warum ruht die Seele sich nachts nicht einfach aus? Warum gaukelt sie sich so täuschend echte Bilder vor?

Im Schlaf ist das Hirn nur mit sich selbst beschäftigt, wie ein Computer im Offline-Betrieb. Das tagsüber Erlebte wird geistig verdaut. Frische Erinnerungen bestehen aus zarten neuronalen Spuren. Während das Bewusstsein schläft, ist unser unbewusstes Denken hellwach und entscheidet, welche dieser Erinnerungen verfestigt, welche aussortiert werden. »Das muss offline geschehen«, sagt der Gedächtnisforscher Jan Born von der Universität Lübeck, »sonst würde das Gehirn Erinnerungen und Sinneseindrücke durcheinanderbringen und würde halluzinieren.«

Seit vielen Jahrzehnten untersuchen Forscher, wie unser Gedächtnis sich nachts konsolidiert. Sie wissen zum Beispiel, dass das Gehirn sich im Schlaf verstärkt solche Gedächtnisinhalte einprägt, die es mit Belohnung, Bestrafung und starken Gefühlen verbindet. So können Probanden sich emotional befrachtete Texte besser merken, wenn sie nach dem Lesen ein Nickerchen machen. »Noch nach vier Jahren können wir den Unterschied nachweisen«, sagt Born.

Noch stärker wirkt Schlaf auf das sogenannte prozedurale Gedächtnis, in dem unser Handlungsrepertoire gespeichert ist. Unser schlafendes Gehirn stabilisiert nicht nur, was es im Wachen an Motorik gelernt hat. Es übt still weiter: Ob Musizieren, Radfahren oder Jonglieren, nach dem Aufwachen sind wir geschickter als vor dem Einschlafen. »Wer ein perfekter Klavierspieler werden will, muss nach dem Üben schlafen«, sagt Jan Born.

Aber daraus folgt nicht, dass die nächtliche Aufräumarbeit unter unseren Schädeldecken in Träumen besteht. Im Gegenteil: Lange war es die vorherrschende Meinung unter Neuroforschern, dass Träume ein bloßes Hintergrundrauschen der nächtlichen Hirntätigkeit seien, ihr Inhalt nichts als Zufall. »Der Lärm, den das Gehirn macht, während es seine Hausaufgaben erledigt«, wie es der Harvard-Nervenforscher Allan Hobson formuliert. So, wie der Magen grummelt, wenn er verdaut.

Während wir schlummern, sendet unser Stammhirn (jener Teil unseres Denkorgans ganz unten an der Schädelbasis, den wir von den Reptilien geerbt haben) alle anderthalb Stunden eine Signalwelle durchs Schädelinnere. Sie versetzen unser Gehirn in einen Zustand, der als REM (Rapid Eye Movement, schnelle Augenbewegung) bekannt ist. In REM-Phasen ist unsere Muskulatur fast gänzlich gelähmt – bis auf jene der Augen, die wild umherzucken. Schlafende, die aus REM-Phasen geweckt werden, sagen zu mehr als 90 Prozent, sie hätten gerade geträumt – weswegen Forscher lange »REM-Schlaf« gleichbedeutend mit »Traumschlaf« setzten. Nacht für Nacht verfallen wir drei- oder viermal in diesen Zustand, für insgesamt an die zwei Stunden. Schon schlafende Embryos zeigen die charakteristischen Augenzuckungen.

Harvard-Forscher Hobson und seine Anhänger glauben, dass Träume im REM-Schlaf entstehen, wenn das synaptische Gewitter aus dem Stammhirn auf die Großhirnrinde prasselt, die für höhere Denkaufgaben zuständig ist. Dann nämlich versuche die Großhirnrinde, aus den sinnleeren Signalen irgendwie Sinn zu machen. Träume hätten demnach allenfalls die Bedeutung eines Bildschirmschoners: Hauptsache, es tut sich noch was. Egal, was.

Womöglich, so glauben noch immer manche Neurowissenschaftler, träumen wir gar nicht wirklich, sondern erinnern uns nur fälschlich daran. Dann wären Träume nur das Nachleuchten des Schlafs auf der Großhirnrinde. Tatsächlich kann das Gehirn in Sekundenbruchteilen scheinbar episch lange Träume konstruieren. So träumte der französische Arzt Alfred Maury einmal im 19. Jahrhundert von der Schreckensherrschaft der Revolutionszeit, wurde dann selbst vors Gericht zitiert, nach längerer Verhandlung verurteilt, auf den Richtplatz geführt und auf dem Schafott vom Henker aufs Brett gebunden. Das Beil der Guillotine fiel. Er spürte, wie sein Kopf vom Rumpf getrennt wurde. In diesem Moment wachte er verängstigt auf – und bemerkte, dass der Bettaufsatz ihm auf die Halswirbel gefallen war. Auf den Weckreiz hin muss sein Gehirn sich den Traum also blitzschnell im Nachhinein zusammengereimt haben.

Das Dogma von den Träumen als bloßen Hirngespinsten beherrschte die Schlafforschung für mehr als drei Jahrzehnte. Aber es widerspricht der Intuition. Zu allen Zeiten und in vielen Kulturen hatten die Menschen das sichere Gefühl, dass Botschaften in ihren Träumen stecken – ob von den Göttern oder aus dem Unbewussten.

Und es widerspricht den Prinzipien der Evolution. Im Alter von 70 Jahren hat ein Mensch durchschnittlich sechs dieser Jahre mit Träumen verbracht. Warum sollte die Natur ihm so lange eine so aufwendige und mitunter verstörende Tätigkeit zumuten, wenn sie sinnlos wäre – und dann noch in einem Zustand, in dem der Mensch fast hilflos seiner Umwelt ausgeliefert ist? Es wäre wohl die größte Verschwendung in der Bauweise des Menschen – und die größte Fahrlässigkeit.

Dass Träume überlebenswichtig sind, zeigte sich in einem Experiment, das Wissenschaftler der Universität Wisconsin in den USA vor vier Jahren mit Ratten unternahmen. Die Nagetiere durften schlafen, so viel sie wollten, wurden aber immer geweckt, sobald sie in eine REM-Phase wechselten. Nach einigen fast traumlosen Nächten testeten die Forscher das Verhalten der Ratten in bedrohlichen Situationen. Ratten sind geborene Überlebenskünstler, doch ohne Träume verloren die Tiere ihre Instinkte. Sie flohen nicht mehr und versteckten sich nicht mehr. In der Wildnis wären sie leichte Beute gewesen. Immer nervöser wurden sie, bis sie nach zwei Wochen an Fieber starben.

Und so glauben inzwischen die meisten Forscher, dass Träume mehr sind als »Schäume«. Sie haben wahrscheinlich sogar mehr als nur eine Funktion. »Beim Träumen sorgen wir uns vor Bedrohungen, wir planen für Gutes, wir fantasieren und lösen Probleme«, sagt die Harvard-Psychologin Deirdre Barrett, »Träume sind Denken in einem anderen biochemischen Zustand.«

Worin genau dieser Zustand besteht, ist nicht so leicht herauszufinden. Denn leider lässt das Gehirn sich nicht ohne Weiteres beim Träumen zuschauen. Heutige Gehirnscanner sind laut und ungenau. Verkabelt im Labor schlafen Probanden oft unruhiger als im heimischen Bett – und ob sie gerade träumen, weiß man erst, nachdem man sie geweckt und gefragt hat. Träume sind noch immer das Privateste, was ein Mensch erleben kann. Von innen bleibt dem erwachten Träumer nur die Erinnerung an sie. Von außen bleiben sie unzugänglich. Forscher kennen nur die Gehirnzustände des traumreichen Schlafs.

In mühsamer Kleinarbeit mit Hirnstromschreibern und Röntgenscannern haben Wissenschaftler ein ungefähres Bild gewonnen, was im träumenden Gehirn vor sich geht. Sie wissen, welche Hirnegionen beim Träumen besonders viel Energie verbrauchen und welche blockiert sind. Auffällig aktiv ist unser Sehzentrum, das die lebhaften Traumbilder erzeugt. Auch das limbische System, der Hauptsitz unserer Gefühle, arbeitet auf Hochtouren, wenn wir träumen – besonders jener kleine Teil namens Amygdala, der sich alle Ängste unseres Lebens merkt.

Dagegen sind die Bereiche des präfrontalen Cortex, die für unser Ich-Gefühl und unser Zeitgefühl zuständig sind, auf Sparbetrieb geschaltet. So erklärt sich, dass die Zeit im Traum regelmäßig außer Takt gerät – und ganze Jahrhunderte in Sekunden verfliegen können. Auch jene Hirnareale, mit denen wir im Wachen logisch-analytisch denken, arbeiten im Traumzustand nur eingeschränkt. Das assoziative Denken hat freien Lauf. Deshalb verlaufen viele nächtliche Halluzinationen so bizarr.

So reichhaltig ist das nächtliche Geschehen im Kopf, dass immer weniger Forscher noch an die Hobson’sche These glauben, Träume seien bloße Reflexe auf Zufallssignale aus den Tiefen des Hirns. »Mag ja sein, dass das Stammhirn die Bühne für Träume bereitet«, sagt Michael Wiegand, Leiter des Schlafmedizinischen Labors am Münchner Klinikum rechts der Isar, »aber die höheren Zentren führen Regie.«

Was jetzt über die Gehirnfunktion beim Träumen ans Licht kommt, bestätigt eine Ahnung Freuds – wenn auch anders, als er es sich dachte. Freud war nämlich überzeugt, dass der Schlüssel zu den Träumen in der Kindheit liege. Und dort scheint er tatsächlich zu liegen – allerdings nicht darin, was wir erleben, sondern wie wir es erleben. Bevor wir im dritten Lebensjahr beginnen, unsere Persönlichkeit und rationales Denken zu entwickeln, nehmen wir die Welt vermutlich bildhafter und gefühlsbetonter wahr. »Der Traumzustand könnte uns in diese Erlebnisform zurückversetzen«, sagt Brigitte Holzinger, Leiterin des Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien.

Im Schlaf öffnet sich eine Tür in unsere frühen Jahre. Wir finden eine spielerische, assoziative Denkweise wieder, wie sie viele Erwachsene im Wachen längst verlernt haben. »Träume knüpfen Zusammenhänge«, sagt der amerikanische Traumforscher Ernest Hartmann, »aber es sind Gefühle, die diese Zusammenhänge leiten, nicht die Vernunft.« Kleine Kinder kennen es noch nicht anders. Kein Wunder, dass sie sich schwertun, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Nachts die Welt für ein paar Stunden mit dem geistigen Auge eines Kindes zu sehen kann uns tagsüber vielfältig helfen: Mit einer Ehescheidung zum Beispiel kommen die gewesenen Partner besser zurecht, wenn sie noch eine Weile vom anderen träumen, hat die Chicagoer Traumforscherin Rosalind Cartwright beobachtet. Ihr Mannheimer Kollege Michael Schredl hat festgestellt, dass Träume auf Alkoholiker als heilsame Abschreckung wirken können, wenn sie ihnen die üblen Folgen ihrer Sucht vor Augen führen. »Jeder Traum ist eine kleine Psychotherapie«, sagt Brigitte Holzinger.

Auch wo echter Scharfsinn gefragt ist, kommen wir schlafend oft weiter als wach. In einer Umfrage unter amerikanischen Studenten im Jahr 1892 gab ein Drittel der Befragten an, schon einmal ein Denkproblem im Traum geknackt zu haben: Einer fand einen Buchhaltungsfehler, ein anderer eine ganze Schachpartie. Ein weiterer stellte beim Aufwachen verwundert fest, gerade eine Passage von Vergil aus dem Lateinischen übersetzt zu haben! Zahlreiche berühmte Entdeckungen und schöpferische Leistungen geschahen im Traum.

Schlauer im Schlaf – dieses Phänomen zeigt sich auch unter kontrollierten Versuchsbedingungen. Jan Born und seine Lübecker Kollegen stellten Probanden die Aufgabe, Zahlenreihen nach bestimmten Regeln möglichst schnell zu bearbeiten. Was sie den Probanden nicht verrieten: Ein versteckter Trick führte direkt zum Ergebnis, ohne die mühsame Zahlenschieberei. Ein Teil der Probanden bekam die Aufgabe morgens, ein anderer bekam sie abends vor der Nachtruhe. Nach jeweils acht Stunden bekamen sie erneut Zahlenreihen vorgelegt. Das Ergebnis war deutlich: Die Probanden, die drüber schliefen, fanden die Abkürzung doppelt so häufig wie jene, die wach blieben.

Naturvölker wissen längst um die Erkenntniskraft ihrer Träume. Die Ureinwohner Afrikas und Amerikas sehen sie als Wegweiser durchs tägliche Leben: Wo jagen wir? Wo schlagen wir unsere Zelte auf? Welches sind unsere Verbündete, welches unsere Feinde?

Für unsere Ahnen in vorgeschichtlichen Zeiten könnte Träumen so überlebenswichtig gewesen sein wie für die Ratten im Experiment. Der finnische Traumpsychologe Antti Revonsuo glaubt, dass Träume den Zweck hatten, uns für Gefahren zu trainieren. Im Schlaf, vermutet Revonsuo, schärften unsere Vorfahren ihre Überlebensinstinkte. So wäre es natürlich, dass uns nachts oft Schreckensszenarien begegnen. Und es würde erklären, warum diese Szenarien uns so wirklich vorkommen. Tatsächlich berichten Menschen, die lebensbedrohliche Situationen durchlebt haben – einen Verkehrsunfall, einen Brand oder einen Überfall –, in einen traumähnlichen Zustand verfallen zu sein und dann fast nur noch automatisch gehandelt zu haben.

Das schlafende Ich verliert sein Bewusstsein – fast immer. Der meisten Träume werden wir uns erst beim Erwachen bewusst. Aber nicht immer: In sogenannten Klarträumen bleibt das Ich-Bewusstsein wach. Man kann frei handeln wie im wirklichen Leben – manchmal sogar das gesamte Traumgeschehen gestalten. Manchen Menschen, speziell künstlerisch veranlagten, kommen Klarträume von selbst. Andere können es mit der sogenannten Reflexionstechnik lernen: Indem sie sich den regelmäßigen Realitäts-Check »Träume ich gerade?« angewöhnen. Wer es sich dann auch im Traum fragt, hat gute Chancen, innerhalb dieses Traums zu Bewusstsein zu erwachen. Stephen LaBerge, ein Pionier der Klartraumforschung, bemerkte bei einer Besteigung eines Achttausenders im Himalaya, dass er nur ein T-Shirt trug: »Plötzlich verstand ich, dass ich träumte. Ich breitete die Arme aus, sprang in die Luft und flog davon.«

Klarträume eröffnen die Möglichkeit, das in uns schlummernde Denkvermögen zu lenken: Sie können als »Weltsimulator« dienen, in dem man fürs wirkliche Leben trainieren kann wie das Fliegen in einem Flugsimulator. Zum Beispiel können Sportler und Akrobaten im Klartraum an ihren Bewegungsabläufen feilen, ohne einen einzigen Muskel zu rühren.

Aber man muss nicht unbedingt klarträumen, um Probleme aus dem Wachleben im Schlaf zu bearbeiten. Mit etwas Übung kann man sie auch in normale Träume mitnehmen. Es genügt, beim Einschlafen fest an sie zu denken. »Trauminkubation« heißt diese Übung. »Sie ist schlicht eine Frage der Konzentration«, sagt Brigitte Holzinger. So arbeitete der englische Schriftsteller Graham Greene im Schlaf, wenn er wach nicht weiterkam: »Wenn ein Hindernis unübersteigbar scheint, dann lese ich das Tageswerk vor dem Schlafengehen. Wenn ich aufwache, ist das Hindernis fast immer beseitigt: Die Lösung ist da und offensichtlich – vielleicht kam sie in einem Traum, den ich vergessen habe.«

Einen noch tieferen Sinn bekommen Träume, wenn man im Wachen über sie nachdenkt. So versuchen die Menschen seit je, in ihren Träumen zu lesen. Schon von den Assyrern und alten Ägyptern sind Traumbücher erhalten. Traumdeutung war auch fester Bestandteil der altgriechischen Heilkunst. Wer damals an Körper oder Seele krankte, suchte sein Heil oft in Schlafritualen, um sich im Traum vom Gott Asklepios die beste Behandlung eingeben zu lassen.

Freud sah in Träumen den »Königsweg zum Unbewussten«. Er suchte in ihnen die Spuren unserer unterdrückten Urtriebe: Aggression und vor allem Sexualität. Sogar das Ersteigen einer Treppe im Traum legte er als »sicheres Koitussymbol« aus: »Der Rhythmus des Koitus findet sich im Stiegensteigen wieder.« Seine heutigen Berufskollegen haben sich von seiner Fixierung auf den sexuellen Gehalt unserer Träume gelöst. Die Therapeutin Ortrud Grön bevorzugt eine geistige Deutung: »Wer eine Treppe hochgeht, steigt in seinem Bewusstsein auf. Er wird sich Schritt für Schritt etwas bewusst.« Um zu erfahren, wofür genau die Treppe steht, muss auch der beste Traumdeuter zunächst die richtigen Fragen stellen: »Was wäre denn ein Aufstieg für Sie?« Träume haben keine starre Symbolsprache. Sie müssen immer neu entschlüsselt werden. Traumdeutung ist eine Kunst, keine Wissenschaft.

Wer über den »Königsweg« ins Gespräch mit seinem Unbewussten kommen will, muss zunächst die passende Sprache entwickeln. Der erste Schritt dazu ist, überhaupt auf seine Träume zu achten – zum Beispiel, indem man ein Traumjournal führt. »Sie werden verblüfft sein, was da morgens alles drinsteht«, sagt der Münchner Psychiater Michael Wiegand.

Allein indem man seine nächtlichen Gedankenspiele als bedeutenden Teil seiner Persönlichkeit akzeptiert, kann man sich besser an sie erinnern, träumt gehaltvoller – und bekommt Zugang zu sonst verborgenen Winkeln seiner Seele. Denn das Unbewusste versteht vieles, bevor es ins Bewusstsein sickert. Signale des Körpers etwa: Forscher konnten aus den Träumen krebsverdächtiger Frauen mit guter Wahrscheinlichkeit lesen, ob diese tatsächlich erkrankt waren. Das Warnzeichen war ein auffälliges Gefühl der Hoffnungslosigkeit im Traum.

Mag sein, dass manches, was wir aus unseren Träumen lesen, im Auge des Betrachters liegt. Aber wann sonst hat man die Gelegenheit, sich selbst so tief in die Augen zu sehen?

Nie sonst offenbart die Seele so viel, als wenn sie frei mit sich selbst spielt. Und nie sonst kann sie freier mit ihren Problemen spielen als im Schlaf. Nur nachts können wir wieder zu Kindern werden.
 

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