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Aquanautik

Im Tiefflug durch die Ozeane

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Im Tiefflug durch die OzeaneIm Tiefflug durch die Ozeane

Die geheimnisvollen Lebewesen der Tiefsee hat kaum je ein Menschenauge erblickt. Neuartige Tauchboote ermöglichen jetzt Spritztouren in die ewige Dunkelheit. Sie haben allerdings ihren Preis.

Bruce Robison traut seinen Augen nicht. Der US-Meeresbiologe, auf Tauchfahrt mit dem Unterwasser-Jet »Deep Rover« vor der Küste Kaliforniens, hat gerade die 300-Meter-Marke erreicht. Das letzte Sonnenlicht bleibt über ihm zurück, Finsternis hüllt ihn ein. Robison hat kaum die Scheinwerfer eingeschaltet, als er etwas Seltsames bemerkt, »sehr schwach zunächst, am Ende des Lichtstrahls«. Wie elektrisiert fährt er darauf zu und erkennt durch die transparente Kuppel seines Fahrzeugs eine gigantische amorphe Masse: »Es war größer als alles, was wir je gesehen hatten«, erinnert sich der Leiter des renommierten Monterey Bay Aquarium an der Pazifikküste.

Der Forscher ist als erster Mensch auf eine 40 Meter lange Staatsqualle gestoßen. Diese geheimnisvolle Bewohnerin der Tiefsee gilt als größte tierische Lebensform der Erde. Ein Superorganismus aus Tausenden Individuen, die, aufgefädelt an einem zentralen Hauptstamm, wie ein gigantisches Spinnennetz durch die dunklen Fluten treiben und mit ihren Tentakeln nach Beute angeln. Im Flachwasser sind sie nur handtellerklein, wachsen aber in der nahrungsarmen Tiefe zu halber Fußballfeldlänge heran.

Begegnungen mit den fantastischen Lebewesen, die bisher für die meisten Menschen unsichtbar über dem Meeresgrund lebten, sind in Zukunft kein Privileg mehr von Experten wie Robison. Mit einer revolutionären Generation von Mini-U-Booten will der US-Konstrukteur Graham Hawkes Tiefsee-Erkundung für jedermann ermöglichen und die Meeresforschung vorantreiben. »Wir wissen mehr über den Mars als über unsere Ozeane, dabei bedecken sie fast drei Viertel unseres Planeten«, konstatiert der Chef der U-Boot-Schmiede »Hawkes Ocean Technologies« (HOT) in San Anselmo nahe San Francisco.

Mit seinen neuartigen Meeres-Jets will Hawkes das ändern. Sie heißen »Super Falcon«, »Challenger« oder »Deep Flight II« und sehen aus wie eine Mischung aus Kampfflugzeug und Rennwagen. Die Ultraleicht-Flitzer sind aerodynamisch gestylt und können wie ein Jet mittels Propeller-Turbinen auf geneigten Stummelflügeln in die Tiefe düsen. Das ersetzt das alte U-Boot-Prinzip, bei dem das Fahrzeug durch Ballastveränderung mittels ein- oder ausströmenden Wassers sinkt bzw. steigt. Der Pilot steuert mit dem Joystick. Schwenkbare Flügel- und Heckklappen erlauben beliebige Richtungsänderungen bis hin zu Loopings. Entscheidenden Anteil daran haben von der US-Navy entwickelte neue Keramik-Werkstoffe. Sie sind extrem stabil gegen den Tiefendruck und dabei leicht genug, um das Gefährt beim Ausfall seiner E-Motoren von allein zur Oberfläche zurückschweben zu lassen.

Schon locken die Unterwasser-Rennwagen auch Abenteuer-Urlauber: In seiner »Sub Sea Flight School«, der Ersten ihrer Art in der Welt, können Wagemutige sich von Hawkes persönlich in Wochenkursen zu Meeres-Jet-Piloten ausbilden lassen. Kosten: 15 000 Dollar – inklusive Unterbringung, Transportschiff und U-Boot-Exkursionen. 19 Hobby-Entdecker dürfen sich schon »lizenzierte Tiefsee-Piloten« nennen. Sie können sich die Jets dann für Exkursionen ausleihen.

Wer sich nicht mit »rent-a-submarine« abgeben will, kann den brandneuen Tieftaucher »Super Falcon« natürlich auch kaufen – für 750 000 Dollar. Der erste US-Kunde hat schon bestellt.

Geboten werden außerdem »VIP-Dives«, Spritztouren in die Tiefe, bei denen HOT-Mitarbeiter als Chauffeure und Fremdenführer zur Verfügung stehen. »Für die Leute ist es ein emotionales Erlebnis, in die Stille und Dunkelheit der Tiefsee mit ihren fremden Lebensformen einzutauchen«, fasst Hawkes seine Erfahrung aus über zwanzig Jahren im Business zusammen.

Mit der noch zu bauenden vier Meter langen »Deep Flight II« will der Konstrukteur in den Marianen-Graben im westlichen Pazifik vordringen, wo sich die tiefsten Stellen der Weltmeere befinden. Dort möchte er den Tiefenrekord für U-Boote brechen. Das wird ihm vermutlich gelingen, denn der gebürtige Brite hat mehr Erfahrung als jeder andere. Er baute beispielsweise erfolgreich ferngelenkte Tiefsee-Roboter für die Offshore-Ölindustrie und Späh-Roboter für den Irak-Krieg. Für den James-Bond-Film »In tödlicher Mission« schuf er ein funktionierendes futuristisches U-Boot. »Er ist ein Mann, der seine Visionen wahr macht«, attestiert ihm Meeresforscher Bruce Robison.

Der kalifornische Meeresbiologe ist überzeugt, dass sich die Forschung in der Tiefsee letztlich besser auszahlen werde als die wesentlich teurere Raumfahrt. Der Ozean birgt noch unvorstellbare Mengen an Schätzen. Es wird zum Beispiel damit gerechnet, dass Tiefseelebewesen für die Medizin bedeutsame Wirkstoffe enthalten, die erst zu einem Bruchteil erforscht sind. Außerdem liegen im Meeresboden wertvolle Rohstoffe wie Mangan-Knollen. Das sind faustgroße Erzklumpen, die so viel Kupfer, Nickel, Mangan und Kobalt enthalten wie alle Vorkommen an Land zusammen.

In der Computer-Simulation ist »Deep Flight II« für den Abbau der Schätze gerüstet. Der Rennwagen der Tiefe lässt sich nach Bedarf modulartig erweitern. Durch Zusammenstecken wird das Ein-Mann-Boot zum Zweisitzer mit Greifarmen, ein zusätzliches Mittelstück mit vertikaler Extraturbine macht es zum Lasttransporter.

Die Verwirklichung des Konzepts muss allerdings noch warten: Es fehlt am Sponsoren-Geld. Nicht mehr lange, glaubt Graham Hawkes. Schließlich kostet sein revolutionärer Tiefenerkunder nur noch ein Viertel eines rund 50 Millionen Dollar teuren konventionellen U-Bootes. »Sobald das Geld da ist, gehen wir binnen 18 Monaten runter.«

Kontakt und Anmeldung für die »Sub Sea Flight School«
karen@deepflight.com

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Autor/in: Hansjorg Heinrich


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