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Mythologie

Honig: Der Trank der Götter

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Honig -  Der Trank der GötterHonig -  Der Trank der Götter

Bereits in der Steinzeit versüßten sich die Menschen damit ihr Leben. Aber lange Zeit konnte sich niemand erklären, woher der Honig kam. Deshalb rankten sich schon früh viele Mythen um den geheimnisvollen Saft – und bis heute spielt er eine wichtige Rolle in den großen Religionen. Mensch und Honig: die süßeste Liebesbeziehung aller Zeiten.

Aufgeregtes Stimmengewirr am Rande der westschwedischen Stadt Eilos. In der freigelegten Steinzeitsiedlung greift ein Archäologe mit zitternden Fingern vorsichtig nach einem kleinen Gegenstand, der vor ihm in einer Erdmulde liegt. Mit bebender Stimme ruft er seine Kollegen heran. Eine Reihe fachmännischer Augenpaare starrt fasziniert auf das geheimnisvolle Ding, das 9000 Jahre lang in der Erde verborgen war. Jetzt, 1993, erblickt es wieder das Sonnenlicht: ein Kaugummi.

Das älteste Kaugummi der Welt lässt noch die Zahnabdrücke eines Steinzeitkindes erkennen, das sich diese Mischung aus Harz und Honig schmecken ließ. Des Menschen heiße Liebe zum Honig ist freilich noch viel älter: Schon vor 10000 bis 15000 Jahren malte ein Steinzeitmensch in seiner Höhle in der Nähe des heutigen Arana (Spanien) eine Frau an die Wand, die auf einen Baum geklettert ist und sich aus einem Bienenstock bedient. Ähnliche Zeichnungen wurden auch in Südafrika und Indien gefunden.

Noch heute erfreut sich der süße Sirup größter Beliebtheit. Die treuesten Honigschlecker sind die Deutschen: Sie naschen jedes Jahr insgesamt 112 Millionen Kilogramm. Wie hat der Honig es geschafft, dass wir nicht von ihm loskommen?

Honig war von Anfang an ein Mythos und hat deshalb einen leichten Start gehabt. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Lange konnte sich niemand erklären, wo überhaupt die Bienen herkamen. Bis ins 17. Jahrhundert dachten viele Menschen noch, dass die Tierchen einfach so aus dem Nichts erscheinen. Bei den Christen wurde die Biene ein Symbol für Jungfräulichkeit, weil über ihre Fortpflanzung nichts bekannt war. Papst Urban VIII. (1568 – 1644) ließ deshalb sogar drei Bienen in sein Familienwappen integrieren. Die Maja glaubten, dass die Bienen in einer Höhle in der Erdmitte hausen – sie flohen vor den Insekten wie vor Vulkanausbrüchen.

Zweitens: Nicht nur die Bienen, auch der Honig selbst kam scheinbar aus dem Nichts. Bis zur Klärung der Frage, wo der goldene Saft seinen Ursprung hat, war es ein langer Weg. Und solange niemand irgendetwas wusste, mussten Mythen die Herkunft dieses Lebenselixiers erklären. Die alten Griechen beispielsweise dachten, der Honig sei sogar älter als die Erde selbst; und um das Ganze mit einem Hauch von Logik zu versehen, ernannten sie ihn kurzerhand zur Nahrung der Götter. Aristoteles dachte, der Honig tropfe vom Himmel auf die Blumenblüten herab, wo er von den Bienen eingesammelt werde.

Aber schon viel früher, in der ersten ägyptischen Dynastie (3200 v. Chr.), hatte es die Biene zum Symbol für »Königtum« gebracht. Die in Hieroglyphen niedergeschriebenen alten Legenden berichten außerdem, dass Bienen nichts weniger seien als lebendig gewordene Tränen des Sonnengottes Ra – so war eine indirekte Verbindung zwischen Gott und Königshaus hergestellt, die ab der 4. Dynastie sogar direkt formuliert wurde: Der König nahm jetzt den Titel »Sohn des Ra« an.

Ihr hohes Ansehen hatte die Biene natürlich auch dem Umstand zu verdanken, dass sie etwas sehr Nützliches produzierte: Honig verwendeten die Ägypter in allen möglichen Speisen, zum Beispiel in Honigbrot, Honigbier und Honigwein. Aber er war nicht nur Nahrungsmittel, sondern diente (und dient) auch der Schönheitspflege. Von Kleopatra ist überliefert, dass sie ihre Haut mit Honigmasken aufpäppelte. Ägyptische Frauen schmierten sich vor dem Geschlechtsakt ihre Scheide mit einer Mischung aus Honig und Krokodilmist ein: Der klebrige Sirup sollte verhindern, dass die Spermien bis zum Ei durchkamen. Die Menschen am Nil handelten den Honig aber auch als »Kräftigungsmittel vor dem Liebesspiel«. In mehreren Kulturen des Altertums galt er als Symbol der Fruchtbarkeit und war deshalb ein beliebtes Hochzeitsgeschenk; der chinesische Kaiser bekam Honigspeisen, um seine sexuelle Lust zu steigern. Ein paar arabische Gelehrte allerdings glaubten offenbar nicht an die aphrodisische Wirkung: Sie empfahlen einen Sud aus Honig, Zwiebeln, Eigelb und anderen Inhaltsstoffen, der die Lust der Frauen bremsen sollte, damit die Männer beruhigt auf Geschäftsreise gehen konnten.

Für die Ägypter bedeutete Honig »Wahrheit«. Heute weiß jedoch niemand mehr genau, warum – vermutlich, weil der Saft von den Göttern kam. Jedenfalls aßen sie an bestimmten Feiertagen Honig und riefen sich dabei zu: »Süß ist die Wahrheit.« Auch andere Kulturen waren von dieser Vorstellung geprägt: Platon soll so wahrheitsliebend gewesen sein, weil sich in seiner Kinderzeit eine Biene auf seine Lippen gesetzt hatte. In Deutschland, Indien und an der Elfenbeinküste bestrich man Neugeborenen einst den Mund mit Honig, damit sie nicht lügen (daher unsere Redewendung).

Weil der Honig ein so hohes Ansehen genoss, fungierte er – pur oder als Honigkuchen – in Ägypten, Rom und Griechenland als Gabe für die Götter: Er stand im Mittelpunkt ritueller Handlungen und wurde den Toten mit ins Grab gelegt. König Ramses III. opferte im 12. Jahrhundert v. Chr. dem Nilgott Hapi gleich 15 Tonnen Honig. Und auch im Alltag erfreute der klebrige Saft sich großer Beliebtheit, nicht nur in Ägypten. Krankheiten, vor allem Magen- und Gallenleiden, wurden mit dem süßen Saft behandelt, und die Leichen der Könige rieb man mit Honig ein, um sie zu konservieren. Die Assyrer behandelten auf diese Art ihre jung verstorbenen Prinzen: Sie durften nämlich nicht vor dem König selbst bestattet werden – der Honig hielt sie bis zum Tod des Regenten frisch. Die Römer legten Fische in dem sirupähnlichen Saft ein, damit sie während des Transports nicht ungenießbar wurden. Auch Alexander den Großen hat man nach seinem Tod zunächst in purem Honig konserviert. (Und heute noch streiten sich die Gelehrten, wer es besser hatte: Alexander oder der englische Admiral Nelson, dessen sterbliche Überreste nach seiner letzten Schlacht in einem Fass Brandy in die Heimat überführt wurden.)

Kaum ein Volk, bei dem der Honig nicht seine Spuren hinterlassen hat: Wikinger hatten ihn als Kraftnahrung auf ihren Schiffen, und in der germanischen Mythologie war der Honigwein Met das Getränk der Götter. Die sagenumwobenen Maja vermischten Honig mit Wasser und der Rinde des Lonchocarpusbaumes und tranken diese Mixtur bei ihren Zeremonien. In China schmierte der Küchengott dem Himmelsgott Honig ums Maul, um ihn freundlich zu stimmen. Römer kräftigten sich vor dem Kampf mit Honig, und auch der Mount-Everest-Erstbesteiger Sir Edmund Hillary hatte zwei Kilogramm der süßen Masse dabei.

Im Mittelalter war der Honig ein derart wichtiges Nahrungs- und Heilmittel, dass in einigen Orten der Diebstahl von Bienenkörben gnadenlos mit dem Tode oder dem Abhacken der rechten Hand bestraft wurde. Zu manchen Zeiten wurde die Steuerschuld mit Honig beglichen. Die Honigsammler (»Zeitler«) gründeten eine eigene Zunft, sie genossen Zollfreiheit, und König Karl IV. erlaubte ihnen sogar, eigene Gerichte zu unterhalten sowie eine Armbrust zu tragen. Die waldreiche Gegend um Nürnberg war »des Kaisers und Reiches Bienengarten«, und so kommt es nicht von ungefähr, dass hier die Lebkuchenbäckerei geboren wurde. Noch heute ist Nürnberg die Lebkuchen-Stadt.

Natürlich hielt der Honig auch Einzug in die großen offiziellen Religionen, was wiederum seine Eigenschaft als Göttertrank betonte. Die Bibel erwähnt den »himmlischen Tau« gleich an mehreren Stellen: So führte Moses sein Volk in ein Land, »darin Milch und Honig fließen«. Die Verbreitung des christlichen Glaubens hat nebenbei der Bienenzucht merklichen Aufwind verliehen – die besondere Rolle des Insekts im Christentum war angeblich der Grund für die Einführung von Bienenwachskerzen in den Kirchen. Mohammed empfiehlt seinen Anhängern: »Honig ist ein Heilmittel für jede Krankheit, der Koran ist ein Heilmittel für jede geistige Krankheit – aus diesem Grunde verordne ich euch beides, den Koran und den Honig.« Man kann sagen: eine gute Idee. Denn die geheimnisvoll glänzende Leckerei war so etwas wie eine Entschädigung dafür, dass die Muslime keinen Wein trinken
dürfen.

Durch die gesamte Geschichte hindurch übte der verführerische Saft seine Faszination auf die Menschen aus. Besonders dort, wo der Zucker noch nicht bekannt war, machte er eine steile Karriere als einziger Süßstoff für Speisen und Getränke. Alte griechische Rezepte schwärmen geradezu von der Köstlichkeit der Honigbonbons und -kuchen. Die Kochbücher des Apicius, seines Zeichens Feinschmecker und Koch, enthielten zu mehr als der Hälfte Rezepte mit Honig – nicht nur für süße Speisen, sondern beispielsweise auch für Fleisch- oder Gemüsegerichte.

Schon 2500 Jahre vor Christus verwendeten die Menschen Honig, um Wunden und leichte Verbrennungen zu heilen. Oft wurde der zähe Saft pur auf die Wunde gestrichen und mit einem Verband fixiert: Offene Wunden und Schnittwunden verschwanden so, ohne große Narben zu hinterlassen. Und: Honig wirkt antiseptisch. Die Germanen nahmen ihn zur Wundpflege mit in die Schlacht, und deutsche Ärzte benutzten im Ersten Weltkrieg in Honig und Fischtran getränkte Umschläge, um verletzte Soldaten zu kurieren.

Jahrhundertelang haben die Menschen Honig als Heilmittel verwendet – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Schon Hippokrates, der Urvater aller Ärzte, nutzte ihn. Erst als die moderne Pharmazie ihren Siegeszug begann, geriet der Honig ungerechterweise in Vergessenheit. Heute besinnt man sich langsam wieder auf seine heilenden Kräfte und zieht den süßen Saft manch bitterer Medizin vor. In mehrjährigen Tests behandelte Spencer Efem, Chirurg am University Teaching Hospital in Calabar (Nigeria), leichte Verbrennungen, wund gelegene Stellen und Geschwüre mit Honig, nachdem konventionelle Medikamente wie Antibiotika versagt hatten. Die Naturtherapie war ein Erfolg: Weil Honig Wasser absorbiert, legt er Wunden trocken und schwemmt Fremdkörper und Eiter aus. Der im Honig reichlich enthaltene Traubenzucker bewirkt durch seinen osmotischen Druck eine starke Durchblutung des Gewebes, was wiederum zur Ausheilung beiträgt. Sein niedriger Wasser- und hoher Zuckergehalt verhindern bakterielles Wachstum. Bei der Oxidation des Honigzuckers mithilfe des Enzyms Inhibin entsteht das desinfizierende Wasserstoffperoxid. Wissenschaftler der Schweizer Eidgenössischen Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, Sektion Bienen, haben in den 1980er Jahren rund ein Dutzend antibakterielle Stoffe im Honig gefunden.

Mehrere andere Studien ergaben, dass großflächige Wunden, mit Honig behandelt, innerhalb von drei bis sechs Tagen vollkommen steril waren – so schnell wirken klassische pharmazeutische Präparate nicht. Bakteriell bedingter Durchfall (ausgelöst zum Beispiel durch Salmonellen) ließ sich mit Honig ebenfalls schneller stoppen als mit herkömmlichen Arzneien. Dr. Cord Lüllmann, Leiter des Instituts für Honiganalytik in Bremen, sagt, dass der heilsame Saft auch intravenös injiziert werden kann: Eine Lösung aus Honig und dem Anästhesiemittel Procain habe sich bei vielen Patienten mit degenerativen Erkrankungen des Skeletts bewährt. In allen Fällen erfolgreich waren die Versuche, die Gürtelrose mit der gleichen Lösung zu behandeln.

Dass Honig gegen Husten, Halsschmerzen und Erkältungen wirkt, wissen die meisten. In Milch aufgelöst (nicht über 40 Grad Celsius erhitzen, da sonst wichtige Stoffe zerstört werden), legt er sich als Schmierstoff auf die rauen Schleimhäute und tötet Bakterien ab. Deshalb findet sich Honig oft auch in Hustensäften. Auf die konservierenden Fähigkeiten des Honigs besinnt man sich heute ebenfalls wieder: Er hält menschliche Organe frisch, die für eine Transplantation vorgesehen sind. So lässt sich die Hornhaut des Auges in keinem Medium besser konservieren als gefroren in Honig.

Wer auf die Heilkraft setzt, sollte wissen: Nicht jeder Honig wirkt auf die gleiche Weise. Einen hohen Kalziumgehalt sichert der Heidehonig – gut für den Knochenaufbau. Gegen Kalkmangel und Muskelschwäche hilft Akazienhonig, und Eisen gegen Blutarmut liefert der dunkle Waldhonig. Mit viel Mangan versehen, spendet Fichtenhonig Energie für körperliche Anstrengung. Es ist also immer gut, zu wissen, was man kauft. Vor allem, seit bekannt ist, dass es auch Honigvergiftungen gibt. Besonders in der Türkei und den USA geraten so genannte Grayanatoxine in den Honig: Diese Giftstoffe stammen aus den Pollen des wilden Rhododendrons und stellen normalerweise keine Gefahr dar, da der damit belastete Honig mit Honigen aus anderen Gebieten stark verdünnt wird. Wenn er aber pur beim Imker gekauft wird, kann er Symptome hervorrufen, die dem Herzinfarkt sehr ähnlich sind: Ohnmachtsanfälle, Erbrechen und Herzrhythmusstörungen, in leichteren Fällen Durchfall, Blutdruckabfall und Rauschzustände. Lebensgefährlich ist der giftige Honig allerdings nicht – nach 24 Stunden ist der Spuk meist vorüber.

So kann uns also auch der wilde Rhododendron die Lust auf Honig nicht vermiesen. Risiken sind nicht bekannt, und um den Nachschub brauchen wir uns ebenfalls keine Sorgen zu machen: Allein in Deutschland schaffen eine Million Bienenvölker für uns an.

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