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Herr Nolte, wie viel Unterschicht vertragen wir?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Herr Nolte, wie viel Unterschicht vertragen wir?Herr Nolte, wie viel Unterschicht vertragen wir?

Jeder zehnte Deutsche gehört zur Unterschicht und ist von Armut bedroht. Was ist, wenn diese Zahl weiter ansteigt? Michael Kneissler sprach mit dem Historiker Prof. Paul Nolte über die Belastbarkeit der Gesellschaft.

P.M.: Unterschicht – darf man diesen Begriff überhaupt verwenden, oder ist das politisch nicht korrekt?

Nolte: Man muss ihn sogar verwenden, denn irgendwie müssen wir ja über die
Gesellschaft sprechen, in der wir leben. Und das geht nicht mit verschwommenen, diffusen oder schönfärberischen Begriffen. Deshalb müssen wir klare Worte finden für das, was geschieht.

Was hat sich geändert: Ist die Wortwahl brutaler geworden oder die gesellschaftliche Realität?

Beides. In den 1980er Jahren gab es die Tendenz, soziale Probleme mit verschämten und verklausulierten Begriffen zu bezeichnen, angeblich, um niemanden zu diskriminieren. Man sprach tatsächlich von »ungünstigen sozialen Bedingungen«, von »bildungsfernen Schichten« oder von »besonderem Förderbedarf«. Diese Zeit der vorsätzlichen Verschleierung ist glücklicherweise vorbei, jetzt gibt es eine neue Direktheit. Dazu kommt, dass es mehr Menschen schlecht geht. Die Unterschicht wächst.

Wie viele Menschen sind denn davon betroffen?

Es gibt aktuelle Studien, die sprechen von 6,5 Millionen Menschen, das sind 8 Prozent der Deutschen. Ich schätze, dass der Anteil höher ist: etwa 10 bis 12 Prozent. Also über 8 Millionen Menschen. Das Phänomen ist allerdings ungleich über die Republik verteilt. Auf dem Land, im Süden und im Westen gibt es weniger Unterschicht als in Großstädten, im Norden und im Osten. In Ostdeutschland gehört schon jeder Dritte zur Unterschicht.

Woran erkennt man, dass man zur Unterschicht gehört?

Es gibt drei wesentliche Kriterien. Erstens Arbeitslosigkeit. Zweitens Armut. Und drittens Abhängigkeit. Weil die Menschen aus der Unterschicht schlecht qualifiziert sind und oft keinen Schulabschluss haben, verlieren sie als Erste ihren Job. Dann herrscht tatsächlich in vielen Familien Armut. Und dadurch entsteht Abhängigkeit von staatlichen Fürsorgeleistungen. Wer Hartz IV empfängt, gehört definitiv zur Unterschicht.

Welche Gruppen sind besonders gefährdet?

An erster Stelle stehen Menschen mit Migrationshintergrund. Ich schätze, dass bis zur Hälfte aller Mitglieder der Unterschicht einen Migrationshintergrund hat.

Fällt die Unterschicht nicht auch auf durch eine kulturelle Verwahrlosung, einhergehend mit schlechter Ernährung und Resignation?

Viele brechen die Schule ab, viele sprechen und schreiben sehr schlecht deutsch, egal, ob sie Einwanderer oder Deutsche sind, viele ernähren sich mangelhaft und kochen kaum noch selbst, viele sitzen überdurchschnittlich lange vor dem Fernseher oder vor der Spielekonsole. Und bei einigen hat man das Gefühl, sie hätten sich selbst aufgegeben.

Wer hat eigentlich den Begriff »Unterschicht« wieder in die politische Debatte eingeführt? War das Harald Schmidt, der in Bezug auf die Privatsender von Unterschicht-Fernsehen sprach?

Wahrscheinlich bin ich mit schuld. Ich habe den Begriff »Unterschicht« 2001 zum ersten Mal verwendet, in einem Artikel für »Die Zeit«. Es war allerdings überhaupt nicht als Provokation gedacht, sondern sollte nur einen Tatbestand beschreiben. Die »Schicht«-Terminologie ist ja uralt, sie geht bis in die Antike zurück. Stets gingen die Menschen von einer Dreiteilung der Gesellschaft in Unten-Mitte-Oben aus. Es gab noch nie in der Geschichte eine Gesellschaft ohne Unterschicht. Das ist eine anthropologische Konstante, an die man, wie ich fand, in Deutschland mal wieder erinnern sollte. Harald Schmidt hat das dann in Bezug auf das Fernsehen provokativ zugespitzt.

Wird mit diesem Begriff nicht eine gesellschaftliche Gruppe, die es ohnehin schwer hat, ausgegrenzt?

Genau das Gegenteil ist meine Absicht. Ausgegrenzt werden Menschen, wenn man ihre Lebensrealität mit Worthülsen verdeckt. Deutlich zu sagen, um was es geht, ist keine Ausgrenzung, sondern eine Zuwendung. Die Abgrenzung ist ja gerade das, was ich beklage. In anderen Ländern gibt es übrigens überhaupt kein Problem damit, über gesellschaftliche Schichten oder Klassen zu reden.

Wie sieht ein typisches Mitglied der Unterschicht aus?

Mitglieder der Unterschicht sind erwerbslos oder geringverdienend. Viele sind Hartz-IV-Empfänger, und viele leben nicht in einer intakten Familie. Irgendetwas ist in ihrem Beziehungsleben – salopp gesagt – falsch gelaufen und in die Brüche gegangen, sodass sie jetzt alleinstehend oder alleinerziehend sind.

Wie leben diese Menschen?

Sie wohnen zur Miete, vor allem in Großstädten oder in Ostdeutschland. Der Haushalt ist relativ gut ausgestattet. Kühlschrank und Fernseher sind selbstverständlich, Videorecorder und DVD-Player gehören normalerweise auch dazu, häufig auch ein Computer oder eine Spielekonsole. Die technische Ausstattung des Lebens ist nicht das Problem. Es fehlt an sozialen und kulturellen Ressourcen. In diesen Haushalten gibt es meistens kein Musikinstrument und kaum ein Buch.

Woran fehlt es diesen Menschen?

An Struktur. Der Tageslauf wird unregelmäßig, wenn man nicht erwerbstätig ist. Mutter oder Vater stehen nicht mehr mit den Kindern auf, es werden keine regelmäßigen Mahlzeiten mehr zubereitet, der Fernsehkonsum steigt.

Welches ist der Unterschied zwischen Unterschicht und dem Begriff »Prekariat«, der neuerdings gern verwendet wird?

Prekariat kommt aus dem Französischen und ist ein Fachbegriff der Soziologen. Er setzt sich zusammen aus prekär und Proletariat und bezeichnet arbeitende Menschen in prekären Situationen. Das ist etwas anderes als Unterschicht. Zum Prekariat gehört durchaus auch der taxifahrende Akademiker, der selbstständige Journalist mit geringem Einkommen oder der ewige Praktikant. Aber Unterschicht ist das nicht. Diese Menschen verfügen ja über soziale und kulturelle Ressourcen.

Die Unterschicht wird immer größer. Wie kommt das?

Einen Anteil an der Zunahme der Unterschicht haben die Immigranten. Aber entscheidend ist das Phänomen der Selbstrekrutierung, wie Sozialwissenschaftler das nennen, oder einfacher gesagt: Vererbung.

Die Zugehörigkeit zur Unterschicht wird vererbt?

Kinder aus der Unterschicht haben es natürlich schwerer als andere Kinder, einen angemessenen Bildungsabschluss zu finden. Deshalb ist das Risiko für sie groß, aus der Unterschicht nicht herauszukommen. Unterschicht wird oft über Generationen hinweg weitergegeben. Karrieren vom Hartz-IV-Empfänger zum Millionär sind sehr selten.

Ist die Unterschicht ein Problem der Globalisierung oder hausgemacht?

Es ist ein generelles Problem von Wohlstandsgesellschaften im Übergang.

Und wo geht es hin?

Hoffentlich in eine neue Phase des Wohlstands, aber daran müssen wir noch arbeiten. Tatsache ist, dass wir klassische Industriearbeitsplätze verlieren werden oder schon verloren haben an neue Produktionsstandorte in Osteuropa und Asien. Und dafür müssen wir Ersatz finden, vor allem im Dienstleistungsbereich. Auf diesem Weg sind wir ja schon ein gutes Stück vorwärts gekommen.

Sie sind ein Fan der Mittelschicht. Warum?

Der Mittelstand ist ein wichtiges Strukturelement der Gesellschaft, er gibt ihr ein Zentrum und Stabilität. Außerdem ist die Mittelschicht politisch und sozial engagiert. Ihre Mitglieder haben die Bildung, die Zeit und oft auch das Geld, um sich aktiv für Demokratie einzusetzen.

Gibt es eine Lösung des Unterschichts-Problems?

Die Lösung liegt sicherlich nicht darin, noch mehr Geld anzubieten. Das Verteilen von Sozialleistungen und Transferschecks von oben nach unten und von Westen nach Osten hat nichts bewirkt. Im Gegenteil: Manche Familien haben sich so an staatliche Fürsorgeleistungen gewöhnt, dass die Kinder als Berufswunsch schon gesagt haben: Sozialhilfeempfänger. Jetzt brauchen wir andere Ansätze. Zum Beispiel das, was in Skandinavien investiver Sozialstaat genannt wird. Wir müssen bessere Infrastrukturen bereitstellen. Wir müssen in Bildung, in Ganztagsschulen, in Kinderbetreuung investieren.

Notfalls unter Zwang?

Wir müssen wieder Leitbilder entwickeln, Wertmaßstäbe setzen. Altmodisch könnte man das Tugenden nennen.

Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit – sonst gibt es kein Geld?

Das auch. Warum nicht! Aber es geht um mehr, um Wertentscheidungen grundsätzlicherer Art. Aktiv sein, statt passiv empfangen. Bildung statt Konsum. Eigenverantwortung statt Abhängigkeit.

Wie viel Unterschicht kann sich eine moderne Gesellschaft leisten?

10 bis 20 Prozent können wir uns leisten. Aber nicht mehr. Der Zustand in Ostdeutschland, wo unterdessen fast jeder Dritte zur Unterschicht gehört, ist kritisch. Wenn das überall so wäre, kämen wir an die Grenzen unserer Belastbarkeit. In der Mitte der Gesellschaft brächen wichtige Ressourcen weg, Demokratieskepsis und -müdigkeit nähmen zu, es bestände die Gefahr von politischem Extremismus. Ich glaube, eine Gesellschaft wie die unsere wäre mit 25 Prozent Unterschicht überfordert.

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