Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Revolution
Haben wir ein Freiheits-Gen?
Jahrzehntelang lassen sich Völker unterdrücken - und plötzlich kommt es zum Widerstand wie jetzt in der arabischen Welt. Was ist der Grund? Forscher entschlüsseln die verborgenen Kräfte der Revolution.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Revolution begann in einem abgelegenen Gebiet von Tunesien mit einem Zwischenfall, der auf den ersten Blick harmlos aussah, aber eine Kettenreaktion auslöste, die die Welt verändern sollte. Am 17. Dezember 2010 kaufte der 26-jährige Straßenhändler Mohammed Bouazizi wie jeden Morgen Obst und Gemüse im Großmarkt und schob die Ware auf einem Holzkarren bis ins Zentrum von Sidi Bouzid, einer Kreisstadt im Landesinneren. Er achtete darauf, in keine Polizeikontrolle zu geraten, weil er keinen Gewerbeschein hatte. Wenn er erwischt wurde, beschlagnahmten die Beamten seine Früchte und kassierten Bußgeld. Manchmal waren das umgerechnet gut hundert Euro - sein halbes Monatseinkommen, mit dem er das Leben der ganzen Familie und den Schulbesuch seiner Geschwister finanzierte. Meistens kam er unbeachtet davon, aber an diesem Tag lief alles schief. Eine Polizeistreife stellte ihn auf frischer Tat, und ausgerechnet eine Beamtin beschlagnahmte nicht nur seine Ware, sondern auch die Waage, sein wichtigstes Arbeitsgerät. Als Bouazizi sich wehrte, gab ihm die Polizistin eine Ohrfeige - eine schlimmere Demütigung, als von einer Frau gezüchtigt zu werden, hätte sich Bouazizi kaum vorstellen können. Er kaufte sich einen Kanister Benzin, ging zur Präfektur und zündete sich vor dem Gebäude auf offener Strasse an.
Der Selbstmord sprach sich in Sidi Bouzid schnell herum, junge Männer trafen sich zu einer Protestkundgebung, Autos, das Polizeirevier und eine Lokomotive brannten. Ein Unterstützungskomitee bildete sich noch am selben Tag, und obwohl Polizei und Militär den Ort absperrten, verbreitete sich die Nachricht über die Selbstverbrennung und die Protestaktionen via Facebook und Twitter im ganzen Land. Schließlich gab es überall in Tunesien Unruhen, die sich zu einer ausgewachsenen Freiheitsbewegung entwickelten. Die jungen Revolutionäre berichteten im Internet über den Proteststurm, der arabische Nachrichtensender Al Jazeera sendete Bilder aus Tunesien in die ganze Welt, und innerhalb weniger Tage griffen die Unruhen wie ein Flächenbrand auf andere arabische Länder über. Bereits am 14. Januar 2011 floh der tunesische Diktator Zine el-Abidine Ben Ali mit seiner Familie aus dem Land, das er 23 Jahre lang unterdrückt und ausgebeutet hatte. Danach fegte die Freiheitsbewegung die Regierung Ägyptens hinweg und erreichte Marokko, Algerien, Libyen, den Sudan, den Libanon, Syrien, Jordanien, den Jemen, Oman und Bahrain. Plötzlich stand die ganze arabische Welt in Flammen. Ähnlich war es 1989, als Polen, Ungarn, die Bürger der DDR, Bulgaren, Tschechen und Rumänen innerhalb weniger Wochen ihre totalitären Regierungen stürzten.
Aber damit war die Wucht der Freiheitsbewegung im Osten noch längst nicht gestoppt. Wie ein Tsunami erfasste sie in der Folge Jugoslawien und die mächtige Sowjetunion. Beide Staaten wurden geradezu pulverisiert und existieren heute nicht mehr. Aber was sind die Gründe dafür, dass lokale Proteste plötzlich solche Dimensionen annehmen, Grenzen überqueren und die Welt verändern? Und warum halten Millionen Menschen jahrzehntelang still, um dann von einem Tag auf den anderen aufzustehen, Regierungen aus dem Amt zu jagen und die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen? Die Antwort liegt in der komplexen und hoch entwickelten Psyche der Menschen. Natürlich ist Freiheit für die meisten ein wichtiges Gut, aber wenn die Freiheit unterdrückt wird, überlegen sie ziemlich genau, wie riskant es wäre, dafür zu kämpfen. In der Psychologie spricht man von Coping-Strategien. Entweder ist der Mensch in der Lage, die Situation zu seinen Gunsten zu verändern - oder er lässt die Umstände, wie sie sind, und passt sich an. Das nennt man autoplastische Reaktion. »Was Freiheit betrifft«, sagt der Politikpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal, »sind Menschen überraschend flexibel. Unterdrückungssysteme lassen sie sich oft ungeheuer lange gefallen. Manchmal über mehrere Generationen hinweg. Anstatt dagegen anzukämpfen, suchen sie nach Alternativen.« Normalerweise reagieren Menschen auf Unterdrückung und Einschränkung der Freiheit mit Aggression. Aber weil wir über ein außergewöhnlich großes und effektives Gehirn mit extremen Rechenleistungen verfügen, gönnen wir uns vor der Aggression ein internes Kalkulationsprogramm, in dem wir Risiken und Chancen unseres Verhaltens abschätzen. Dieses Programm läuft unbewusst ab.
- 1968: Ende des »Prager Frühlings«
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