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Physiologie

Haben Sie den richtigen Riecher?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Haben Sie den richtigen Riecher?Haben Sie den richtigen Riecher?

Unsere Nase ist ein Kunstwerk von faszinierender Schönheit. Und das Tor zur Seele – denn das Riechorgan ist das archaischste unserer Sinnesorgane.

Was ist grün und stinkt nach ... ? Nein, liebe Fans des FC Bayern München, es geht hier weder um Werder Bremen noch um Fisch – auch wenn ihr das immer skandiert, sobald eure grün bedressten Lieblingsfeinde bei euch im Stadion antreten. Es geht vielmehr um den Vieux Boulogne – Geruchsexperten beschreiben sein ganz spezielles Parfüm als einen Mix aus Ohrenschmalz, Barbour-Jacke und Kuhscheiße. Schneidet man aber die grüne Rinde weg, so schmeckt der Stinkerkäse prima – mild und würzig.

Wie kommt es eigentlich, dass wir diesen Luftverpester von, sagen wir, Rosenöl oder Vanille unterscheiden können? Klar, das macht doch alles unsere Nase, oder? Richtig, aber es ist schon ein bisschen seltsam mit unserem Riechzinken. Überlegen Sie bitte einmal, wie viele der Sie umschwirrenden Abertausend Gerüche Sie präzise benennen können. Die von Kaffee, roten Rosen, Benzin oder Latrine – ja, die vielleicht. Aber sonst Funkstille und irritierendes Nichtwissen. Grund: Der Geruchssinn ist der stumme Sinn, der Sinn ohne Worte. Uns fehlt das Vokabular. Es riecht meist nur »irgendwie« nach diesem – oder »irgendwie« nach jenem.

Selbst der Weinkenner gerät auf sprachliche Abwege, wenn er den Geruch des Rebensafts beschreiben soll. Da erschnuppert er vielleicht »eine Note von frisch gemähtem Gras« in einer guten Flasche Bordeaux. Und auch sonst reden wir von rauchig, schweflig, blumig oder fruchtig keineswegs nur dann, wenn wir die Gerüche von Rauch, Schwefel, Blumen oder Früchten beschreiben wollen.

Ganz anders ist das ja beim Sehen und Hören. Sicher können Sie noch ganz genau jene berühmte Szene beschreiben, in der Humphrey Bogart »Ich schau dir in die Augen, Kleines« zu Ingrid Bergman gesagt hat – obwohl es vielleicht schon Jahrzehnte zurückliegt, dass Sie den Film »Casablanca« gesehen haben. Und Paul McCartneys Schmusesong »Yesterday« – den haben Sie bestimmt auch noch im Ohr, obwohl er über 40 Jahre auf dem Buckel hat.

Doch die Nase, was weiß die? Ist sie am Ende dumm? Nein, nein, die Nase ist auch nicht auf die Nase gefallen, wenn dieser kleine Kalauer hier gestattet ist. Sie ist nur anders, muss andere und vielleicht etwas umständlichere Wege gehen, um die Welt, in der wir leben, olfaktorisch zu verstehen und zu beschreiben.

Und noch etwas ist seltsam: Irgendwie haben die unzähligen Düfte, die uns ins Riechorgan steigen, immer mit früher zu tun, mit alten Erlebnissen und sogar Gefühlen. Bei Oma und Opa auf dem Bauernhof im Allgäu roch es doch immer nach Kuhstall, hinter dem Haus in Duisburg dagegen nach Staub, Kohle und dem Stahl des Hüttenwerks. Und wenn man vor 25 Jahren als »Wessi« einmal nach Ostberlin kam, hatte man unweigerlich diesen süßlich Geruch von Braunkohleheizung, gemischt mit Trabi-Stinkstank, in der Nase, das typische DDR-Parfüm. Man wird es nie wieder vergessen, und für viele Menschen aus der Ex-DDR wird es untrennbar mit einem Wort verbunden bleiben – »Heimat«. Die amerikanische Wissenschaftlerin und Lyrikerin Diane Ackerman hat diese Déjà-vu-Erlebnisse in schöne Worte gefasst: »Man muss nur den ›Stolperdraht‹ eines Geruchs berühren, und sofort sind die Erinnerungen da – an einen Sommertag als Kind an einem See, an saftige Heidelbeeren und an das andere Geschlecht, als es noch geheimnisvoll war wie ein Weltraumflug.«

Dass wir das Riechen mit lange zurückliegenden Erlebnissen und Emotionen verknüpfen, hat, wie Sinnesforscher erklären, damit zu tun, dass wir unsere ersten Geruchseindrücke in der frühen Kindheit machen. Bereits als Fötus lernen wir das ganz spezielle mütterliche Aroma kennen, erkennen, lieben und von allen anderen unterscheiden.

Der Dichter Marcel Proust (1871 – 1922) schrieb, wie er einmal ein Stück Kuchen, eine Petite Madeleine, in eine Tasse Tee tunkte – und aus dieser alle Erinnerung an seine Kindheit in der französischen Provinz wieder in ihm aufstiegen. Vielleicht braucht man dazu die Fantasie des Poeten, doch auch wir nicht ganz so von der Muse Geküssten wissen es – die Nase ist das Tor zur Seele.

Sinnesphysiologen erklären dies vor allem mit dem Umstand, dass sie das archaischste unserer fünf Sinnesorgane ist. Ihre Vorläufer existierten bereits, als die frühen Einzeller im Präkambrium vor drei Milliarden Jahren blind und taub in der Ursuppe herumturnten. Sie mussten ja irgendwie überleben: Futter finden, Fressfeinden ausweichen und vermeiden, Giftiges zu verzehren. Erst viele Millionen Jahre später entwickelte sich aus einem kleinen Klumpen Riechschleimhaut das Gehirn. Ja, Sie haben richtig gelesen: Das Denken geht auf das Riechen zurück! Und weil unsere Nase so steinalt ist, hat, sagen die Forscher, sie nicht nur Zugang zu alten Erlebnissen, sondern auch zu unseren Instinkten: Ihre Rezeptoren, in denen die Geruchsinformationen verarbeitet werden, senden Informationen zum Mandelkern – jener Gehirnregion, in der auch unsere Gefühle verwaltet werden.

Experten schätzen: Unser Riechorgan kann rund 10000 verschiedene Düfte voneinander unterscheiden. Seine zehn Millionen Geruchszellen verteilen sich über die Riechschleimhaut, die etwa die Fläche von zwei 55-Cent-Briefmarken ausmacht. Die Zellen bewegen sich im Luftzug wie wogender Weizen im Sommerwind, und ihre aus diesem Gewirr herausragenden Spitzen strecken mikroskopisch kleine Fühler (Zilien) in die Nasenhöhle. An den Zilien sitzen Rezeptoren, und hier docken die hereinströmenden Duftmoleküle an. Diese werden sodann in elektronische Signale umgewandelt, über Nervenbahnen zum Riechkolben (Bulbus olfactorius) ins Gehirn weitergeleitet – der Mensch riecht.

Was unmittelbar zu der Frage führt: Gibt es eigentlich Leute, die ein besonders feines Näschen haben und besser riechen können als andere? Sherlock Holmes wies darauf hin, dass es 75 Düfte gibt, die eine detektivische Spürnase »unbedingt zu unterscheiden wissen sollte«. Und die schon zitierte Diane Ackerman postulierte, ein Dichter könne schwerlich die Regionen des Herzens beschreiben, wenn er nicht imstande sei, den »Geruch der Heiligkeit« in einer Kirche zu schildern.

Nicht gar so poetisch und herzensfromm, dafür aber umso professioneller geht es bei den Parfümeuren zu, die die verführerischsten Duftwässerchen und die verrücktesten Düfte für Industrieprodukte kreieren. Barbara Zoebelein aus Baierbunn (Bayern) gehört seit 20 Jahren zu dieser Spezies, was sie aber weniger auf ihr begnadetes Riechorgan zurückführt, sondern auf die seltene Gabe, sich etwa 1000 verschiedene Aromen präzis merken zu können. Sie sagt: Das ist Kopfarbeit. Schon als Kind roch sie an der Haustür, wer gerade zu Besuch war.

Jean-Baptiste Grenouille hätte der berühmteste Parfümeur seiner Zeit werden können, denn er besaß den absoluten Geruchssinn. Er wollte die Düfte des weiblichen Geschlechts konservieren; dafür mussten 25 junge, schöne Frauen sterben. Die Leiden und Obsessionen des Handschuhmachers und Mörders im Frankreich des 18. Jahrhunderts sind bekanntlich pure Fantasie und Inhalt des auch verfilmten Bestsellerromans »Das Parfüm« von Patrick Süskind.

Zurück in die Realität: Was es für einen herben Verlust an Lebensqualität bedeutet, wenn die Nase nicht funktioniert – die 33 Jahre alte Karin Niemeier (Name geändert) erfährt es Tag für Tag am eigenen Leibe. Ursache war eine kleine Unachtsamkeit beim Fahrradfahren, ein schmerzhafter Sturz, bei dem das Riechhirn mit großer Wucht gegen die Schädeldecke knallte und der Riechnerv riss. Seitdem ist die junge Frau, genau wie schätzungsweise 300000 deutsche Leidensgenossen, geruchsblind. Sie kann ihren Mann, ihr Kind oder eine verdorbene Speise nicht mehr riechen. Kaffee schmeckt wie Abwaschwasser. Und weil sie einmal vergaß, eine Herdplatte auszuschalten, wäre fast das Haus in Flammen aufgegangen.

Niemeiers Krankheit heißt Anosmie. Ursache können nicht nur Schädelverletzungen, sondern auch Virusinfektionen und – vor allem in höherem Lebensalter – Alzheimer und Parkinson sein. Hals-Nasen-Ohren-Kliniken bieten Therapieprogramme an – gelegentlich stellt sich das Geruchsvermögen aber von selbst wieder ein. Was, wie Mediziner glauben, damit zusammenhängen könnte, dass sich die Riechnervenzellen des Menschen – im Gegensatz zu den Neuronen in Augen und Ohren – alle 30 Tage erneuern.

Sind wir gesund, stehen uns etwa 30 Millionen Riechzellen zur Verfügung, um 10000 verschiedene Aromen voneinander zu unterscheiden. Doch für deren Empfang besitzen wir lediglich 350 Rezeptoren beziehungsweise Rezeptorentypen. Dringt nun ein bestimmtes Duftmolekül in unsere Nase ein, so sucht es sich den entsprechenden Rezeptortyp, in den es perfekt hineinpasst und wo es andocken kann. Wie der Schlüssel ins Schloss.

Nun ist es aber so, dass etwa Kaffeeduft aus einem ganzen Duftcocktail besteht – zu dem sogar Spuren von Benzin und Katzenurin beitragen. Woher weiß nun unsere Nase selbst mit verbundenen Augen, dass es sich um Kaffee handelt? Die Antwort: Weil unser Gehirn bereits in frühester Jugend seine Duftvokabeln gepaukt hat. Man muss sich das etwa so vorstellen wie Kreuzworträtsellösen – man ergänzt die noch fehlenden Buchstaben des gesuchten Wortes aus dem Gedächtnis heraus.

Wie diese Vorgänge ablaufen, kann die Duftforschung jetzt immer besser analysieren. Einer der Wissenschaftler, die hier an vorderster Front arbeiten, ist der Zellforscher Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum. Seine sensationellste Entdeckung: Der Mensch riecht gar nicht nur durch die Nase, sondern er besitzt an vielen Stellen Geruchsantennen – in der Lunge, in der Haut und sogar in der Prostata und in den Samenzellen. Für Hatt ist vor allem Letzteres ein Indiz da-für, dass sich vor Jahrmillionen blinde und taube einfachste Lebensformen immer der Nase nach orientierten (obwohl es diese als solche noch gar nicht gab). Männlein und Weiblein, »sie mussten sich ja kriegen, damals schon«, sagt Hatt und grinst.

Wenn sich heutzutage zwei nicht kriegen, so kann MHC schuld daran sein – die Abkürzung für »Haupthistokompatibilitätskomplex«. Der Zungenbrecher ist im menschlichen Genpool verankert und spielt eine zentrale Rolle für das Immunsystem und die Gewebeverträglichkeit bei Transplantationen. Sind sich der MHC von Mann und Frau zu ähnlich oder zu unähnlich, so könnte das riskant für den Nachwuchs sein. Darum schlägt das Warnsystem automatisch Alarm und meldet: Ich kann ihn/sie nicht riechen.

Frauen, denen eine östrogenbedingt viel feinere Nase nachgesagt wird als uns Männern, treten übrigens viel öfter auf die MHC-Bremse. Schon beim ersten Kuss wissen sie meist instinktsicher, ob es eine Fortsetzung gibt.

Und die Liebe, wie riecht die? Zu allen Zeiten ist behauptet worden, die Vagina der Frau rieche »nach Fisch«. Sandor Ferenczi, ein Schüler Freuds, erklärte in »Thalassa: Versuch einer Genitaltheorie« sogar, dass Männer nur deshalb mit Frauen schlafen, weil sie nach Hering riechen – sie versuchen auf diese Weise, zum Ur-Ozean zurückzukehren, aus dem wir alle stammen. Eine etwas grenzwertige Theorie. Fest steht dagegen, dass unser Körpergeruch aus Apokrindrüsen entweicht. Sie verteilen sich auf Achseln, Gesicht, Brust, Genitalien, After. Auf dem Gesicht ist unser Eigengeruch besonders stark. Das mag der Grund sein, warum wir das Gesicht des geliebten Menschen so gern küssen. In Westafrika, in Birma, Sibirien, Indien oder Borneo bedeutet das Wort für küssen – »riechen«.

Bekanntlich können wir es leider nicht so machen wie Zitronenfalter & Co., die Liebesdüfte – sogenannte Pheromone – absetzen, um Sexualpartner zu erobern. Aber auch wenn uns solche Spediteure der Lust abgehen, kennen wir seit Jahrtausenden Mittelchen aus Töpfchen und Tiegeln, um mehr Spaß beim Sex zu haben: Aphrodisiaka. Das nach der griechischen Liebesgöttin Aphrodite benannte Gemix bestand in der Antike meist aus würzigen Kräutern und wohlduftenden Pflanzen wie Alraune, Sauerampfer, Safrankrokus, Strauchdistel oder Filzblume. Heute empfiehlt man als Aphrodisiaka Kaviar, Trüffel, Eier, Aal oder Froschschenkel. Ob’s hilft? Nicht wenige Ärzte bezweifeln es.

Dass es heute bei uns mit dem Sex (und, na klar, auch mit der Fortpflanzung) klappt, hat eigentlich weder mit Aphrodisiaka noch mit erfolgreichem Balzverhalten des männlichen Homo sapiens zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit Maiglöckchenduft. Der schon erwähnte Bochumer Zell- und Riechforscher Hanns Hatt hat dieses ganz spezielle Aroma genauestens unter die Lupe genommen. Er sagt, es sei der Wegweiser der »schwimmenden Riechzelle Spermium« durch die Gebärmutter zum lieblich duftenden Ei.

Geht jemandem das Gespür für den auch Lilial genannten Maiglöckchenduft ab, so ist das womöglich eine Erklärung für seine Zeugungsunfähigkeit. Hatt und seine Kollegen haben inzwischen einen Antiduft entdeckt, der diesen Maiglöckchenduft blockiert. Ob sich auf dieser Basis eine neue Form der Empfängnisverhütung auf Duftbasis entwickeln ließe, ist allerdings noch offen. Ungeklärt auch die Frage, ob man Essenzen komponieren könnte, die den Hunger verhüten. Steigt einem der verführerische Duft von Schweinebraten in die Nase, stellt sich vielleicht das bekannte angenehme Gefühl ein, ohne dass man ihn noch essen muss – für Fettsüchtige der reine Segen.

Gut, das alles ist noch Zukunftsmusik. Längst aber Realität ist dagegen, dass man auf Flughäfen in Klimaanlagen Pfefferminz und Rosmarin verwirbelt, damit die Reisenden sich entspannen. Dass Zahnärzte Orangenöl gegen die Angst versprühen. Dass es in manchem Bäckerladen verführerisch nach warmem, ofenfrischem Brot riecht, hier aber noch nie ein einziger Laib gebacken wurde. Und dass in so manchem Supermarkt chemische Duftspender Wohlgerüche verbreiten, die den Umsatz steigern sollen (und es wohl auch tun).

Verbraucherschützer rümpfen da natürlich die Nase, aber man kann zugleich auch nicht ignorieren, dass nicht alles immer gleich bedenklich ist, wenn unsere Nase mal an der Nase herumgeführt wird. Manche Forscher denken zum Beispiel ernsthaft darüber nach, wie sich die noch recht simplen elektronischen Nasen, die man heute unter anderem zur Kontrolle von Lebensmitteln in Supermarkt-Tiefkühltruhen einsetzt, so verfeinern lassen, dass im Körper heraufziehende schwere Krankheiten, Lungenkrebs etwa, frühzeitig erkannt werden können. Forscher der Yale University (USA) glauben, der Duft aromatischer Äpfel könne den Blutdruck senken und Herzinfarkt verhindern und Lavendel den Stoffwechsel steigern.

Nicht gar so harmlos dagegen war der 25 Millionen Dollar teure Forschungsauftrag, den vor einigen Jahren Pamela Dalton von der Regierung Bush bekam. Die Psychologin (Monell-Laboratorium, Philadelphia) sollte eine Stinkbombe erfinden, die jeden feindlichen Angreifer kampflos in die Flucht schlägt – aber wegen ihres erbärmlichen Gestanks auch jede berechtigte zivile Demonstration von vornherein unmöglich machen würde. Einige der Duftnoten, mit denen Dalton jahrelang ihre Testpersonen traktierte, trugen bezeichnende Namen: »Soldatenklo« oder »Kläranlage«. Nach den Erfahrungen, die sie mit diesen »Non-Leathal-Weapons«, also nichttödlichen Waffen, sammeln konnte, steht sie den Experimenten persönlich äußerst skeptisch gegenüber: »Man weiß nicht, ob das im Ernstfall zu großen Irritationen führt und die Menschen in heillose Panik geraten.«

Wenn man Gerüche künstlich erzeugen kann – kann man sie auch unterdrücken? Man kann – durch sogenannte »molekulare Wäscheklammern«. Nach dem Hurrikan Katrina war die Luft von New Orleans durch den Verwesungsgeruch der im Wasser umhertreibenden Leichen so verpestet, dass es jedem, der sich in der Nähe aufhielt, den Magen umgedreht hätte. Ein auf die Nase praktiziertes Mentholgel aus ätherischen Ölen (Name: »OdorScreen«) überdeckte den unerträglichen Gestank. So konnten die Katastrophenhelfer ihren schweren Job erledigen.

Ausgefeilte Techniken dieser Art ermöglichen es künftig vielleicht, unseren Geruchssinn auszutricksen und zu manipulieren oder ihn ganz nach Bedarf ein- und auszuschalten. Könnten wir dann eines Tages nicht eventuell auf unsere Nase ganz verzichten? Dieses Relikt aus uralter Zeit, als wir Gefahren noch witterten, uns nur mit ihrer Hilfe orientieren konnten und sie sogar bei der Arterhaltung unentbehrlich war – der moderne Mensch braucht es doch gar nicht mehr in seinem komfortablen Hightech-, Hochgeschwindigkeits- und Internet-Leben, in dem computergesteuerte Installationen die Aufgaben unseres Riechorgans womöglich genauso verlässlich, wenn nicht gar besser übernehmen könnten.

Aber würden wir das wirklich wollen? Es würde nämlich nichts anderes bedeuten, als aus unserem vielleicht letzten Refugium vertrieben zu werden – aus Bereichen der Natur, die nur dem Geruchssinn zugänglich sind und die uns in eine Zeit zurückführen, die vor dem Denken und dem Sehen lag – als allein der Geruch uns durch die dunklen Gänge der Evolution geleitet hat.

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