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Psychologie

Hören Sie auf Ihren Bauch!

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Hören Sie auf Ihren Bauch!Hören Sie auf Ihren Bauch!

Gehören Sie auch zu denen, die vor komplexen Entscheidungen meterlange Pro- und Kontra-Listen aufstellen und danach auch nicht klüger sind als vorher? Wissenschaftler warnen: Zu viel Kopf ist schlecht für Ihre Gesundheit.

Stellen Sie sich vor, Sie möchten ein Auto kaufen, und bei Ihrem Autohändler ist Schnäppchentag: Vier Wagen stehen zur Auswahl; die Interessenten tummeln sich im Laden. An alle verteilt der Verkäufer ein Infoblatt mit den wichtigsten zwölf Eckdaten zu jedem Autotyp: Spritverbrauch, PS-Zahl, Länge usw.

Dann geht es los: Alle haben vier Minuten Zeit zum Überlegen. Ihre Konkurrenten vertiefen sich in die Info-Zettel und wägen Vor- und Nachteile der einzelnen Wagentypen gegeneinander ab. Und Sie? Just zum falschen Moment klingelt Ihr Handy – ein Anruf, den Sie nicht ablehnen können. Die vier Minuten verstreichen, und als Sie auflegen, müssen Sie sich entscheiden. Sofort.

Wer wählt das bessere Auto? Die akribischen Denker? Oder Sie als spontaner Entscheider, der sich nur auf sein Bauchgefühl stützen kann?

Ap Dijksterhuis, der das Autokäufer-Experiment durchgeführt hat, kam zu einem überraschenden Ergebnis: 60 Prozent der spontanen Entscheider wählen das objektiv beste Auto, aber nur 20 Prozent der akribischen Denker. Sie hatten damit eine schlechtere Trefferquote, als wenn sie zufällig gewählt hätten.

Solche Ergebnisse sind für den Professor für Sozialpsychologie der Radboud Universiteit Nijmegen nichts Ungewöhnliches. Seit Jahren erforscht er experimentell das Wesen der guten Entscheidung und kommt zu dem Schluss: »Wenn es um komplexe Produkte wie Auto, Wohnung oder Urlaubsreise geht, sind Menschen, die wenig bewusste Gedanken in eine Entscheidung investieren, besser fähig, die beste Wahl zu treffen.«

Wie kann das sein? Seit Hunderten von Jahren haben große Denker wie die Philosophen René Descartes (1596–1650) oder John Locke (1632–1704) uns beigebracht, dass rationale Entscheidungen das Ideal sind und Gefühlsentscheidungen wenig taugen. Und tatsächlich ist es für die meisten Menschen ganz selbstverständlich, möglichst viele Informationen zu sammeln und sorgfältig abzuwägen, ehe sie größere Entscheidungen treffen.

Das soll alles unnötig, ja sogar schädlich sein? Ja, sagen die Entscheidungsforscher und behaupten sogar: Wer bei komplexen Entscheidungen den unbewussten Weg geht, entscheidet nicht nur mit größerer Treffsicherheit, sondern ist später auch zufriedener mit seiner Wahl. Eine revolutionäre Ansicht im Zeitalter der Ratio! Und kaum zu glauben.

Außer, man sieht sich die Welt von Verstand und Unbewusstem etwas näher an. Denn das sind die beiden Instanzen in unserem Gehirn, mit denen wir Entscheidungen treffen – Tausende an jedem Tag: Beim ersten Weckerklingeln aufstehen oder noch mal umdrehen? Zum Frühstück Tee oder Kaffee? Welche Kleidung für den Tag? Welchen Weg zum Büro? Welche Aufgabe zuerst anpacken? Was zu Mittag essen? Welches Brot einkaufen? Bargeld oder EC-Karte? Es ist unmöglich abzuschätzen, wie viele Alltags-Entscheidungen wir fällen müssen. Und die großen Fragen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt: Sollte ich mich auf die freie Stelle bewerben? Meinen Partner verlassen? Ein Haus kaufen?

Jeden Tag bewältigen wir einen Berg aus Entscheidungen. Würden wir jede Wahl mit unserem rationalen Verstand treffen, wären wir schon morgens nach der Kaffeefrage völlig erledigt. Warum? Unser bewusster Verstand kann maximal sieben Informationen gleichzeitig verarbeiten. Er schafft etwa 40 bis 60 Bit pro Sekunde – was dem Informationsstrom beim Lesen entspricht. Seine Stärke ist nicht Schnelligkeit, sondern Präzision: Der Verstand analysiert Fakten und kommt zu Ergebnissen, die er in Worte fassen kann. Seine Schwäche: Er ist rasch überfordert. Jeder kennt das aus dem Alltag: Will man im Supermarkt die günstigste Packung Cornflakes bei unterschiedlichen Paketgrößen und unterschiedlichen Inhalten finden, ist der Kopf ausgelastet. Wehe, das Handy klingelt und stört die Denkarbeit.

Ganz anders unser Unbewusstes. Es kann schier unbegrenzt viele Informationen aus der Umwelt verarbeiten: Seine Verarbeitungsgeschwindigkeit liegt bei über zehn Millionen Bit pro Sekunde! Wir sehen, fühlen und erledigen Routinetätigkeiten, ohne darüber nachzudenken. Das Unbewusste fällt seine Entscheidungen durch das Wiedererkennen von Mustern: Während sich die verstandgesteuerten Autokäufer abmühen, den Nachteil »hoher Spritverbrauch« gegen den Vorteil »kurze Schnauze« abzuwägen, genügt dem Unbewussten ein kurzer Mustervergleich. Zack – und es hat entschieden. Erstaunlich häufig trifft es dabei die nachweisbar beste Wahl.

Dijksterhuis empfiehlt deshalb: »Wenn Ihnen komplexe Entscheidungen bevorstehen, zum Beispiel, wo Sie arbeiten oder leben möchten, denken Sie darüber nicht zu viel nach. Machen Sie stattdessen lieber zu Beginn eine kleine Informationssammlung zum Thema. Dann nehmen Sie sich ein wenig Zeit und überlassen es Ihrem Unbewussten, die Entscheidung zu bearbeiten.«

Doch wie erfährt man eigentlich, was das Unbewusste entscheidet, wenn es doch so dezent im Hintergrund wirkt? Hier zeigt sich, wie wahr das Wort »Bauchgefühl« ist: Unser Unbewusstes kann sich unserem Bewusstsein zwar nicht über Worte mitteilen, dafür aber über Körpersignale. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat für diese Körpersignale den Begriff »somatische Marker« (somatisch = körperlich)geprägt. Sie bilden die Brücke zwischen Unbewusstem und Verstand: Ein wohliges Gefühl signalisiert, welche Entscheidung das Unbewusste favorisiert. Ein Grummeln im Bauch, bei manchen Menschen auch ein Zwicken im Rücken, rät von anderen Alternativen ab.

Dabei hat unser Unbewusstes im Laufe der Evolution ein paar interessante Faustregeln entwickelt, die ihm sogar ermöglichen, auf unbekanntem Terrain eine hinreichend gute Entscheidung zu treffen. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, ließ beispielsweise deutsche und amerikanische Studenten schätzen, welche Stadt mehr Einwohner hat: San Diego oder San Antonio. Die amerikanischen Studenten tippten zu 62 Prozent auf die richtige Stadt: San Diego. Die deutschen zu 100 Prozent. Unbewusst hatten sie nach einer sehr effizienten Faustregel entschieden, der sogenannten Rekognitions-Heuristik: Wenn du unter mehreren Alternativen nur eine kennst, dann wähle diese. Die deutschen Studenten hatten alle irgendwann schon einmal von San Diego, aber noch nie von San Antonio gehört.

Der Evolutionspsychologe Peter Todd von der Indiana University und der Paarpsychologe Lars Penke von der University of Edinburgh nahmen dagegen die Faustregeln für die Liebe unter die Lupe: Bis etwa zu unserem 25sten Lebensjahr befinden wir uns in Sachen Liebe in einer Art Testmodus. Wir probieren verschiedene Partner aus, als Freunde, Sportpartner oder Liebelei. So testen wir, was uns gefällt und was nicht. Wir lernen, wie attraktiv wir selbst sind und wer potentiell zu uns passen könnte.

Jede dieser Erfahrungen wird als Muster in unserem Unbewussten gespeichert und zu einem Gesamtmuster zusammengesetzt. »Dazu reichen etwa zwölf Partner«, erklärt Lars Penke. Danach hat man einen guten Überblick über die eigenen Wünsche, aber auch über seine realistischen Chancen. Dann wissen wir, ob wir eher Wert auf Humor oder auf Zielstrebigkeit legen – und wir wissen, ob wir selbst eher Typ Brad Pitt/Angelina Jolie sind oder eben doch Max Mustermann/Maike Mittelschön.

Mit diesem Wissen können wir von Test auf Turbo schalten – und uns getrost mit dem nächsten Partner verbinden, der unseren Ansprüchen genügt und der uns ebenfalls wählt, behaupten die Wissenschaftler. Also die Nummer 13. Immer weiter nach einem Mr oder einer Ms Perfect zu suchen ergibt keinen Sinn, erklärt Penke. Es kann eher dazu führen, dass die attraktiven Partner einem vor der Nase weggeschnappt werden. Viele
Singles können das bezeugen.

Gut genug ist deshalb gerade in der Partnerwahl häufig perfekt. Und offensichtlich hat uns die Natur eine mentale Struktur mitgeliefert, damit wir die »Entscheidung fürs Leben« mit einem Gefühl der Leichtigkeit treffen: »Verliebtheit kann man vor diesem Hintergrund als Mechanismus deuten, der die gute Wahl begünstigt und einen auf der Suche nach dem noch besseren Partner stoppt«, erklärt Paarpsychologe Penke. Unser Unbewusstes sorgt dafür, dass wir der Liebe eine Chance geben.

Studien zeigen dabei, dass Menschen, die aus dem Bauch heraus entscheiden, nicht nur mit weniger Aufwand eine gute Wahl treffen, sondern später auch zufriedener mit ihrer Wahl sind als die akribischen Denker.

Beispielsweise ließ der Sozialpsychologe Timothy Wilson von der University of Virginia Studienteilnehmer aus fünf Postern ihr Lieblingsmotiv aussuchen. Die eine Gruppe sollte sich die Bilder nur kurz anschauen und durfte dann ihren Favoriten mitnehmen. Die andere Gruppe sollte die Gründe beschreiben, warum ihnen die Poster gefielen oder missfielen, bevor sie eines auswählten.

Vier Wochen später wurden die Teilnehmer gefragt, wie ihnen die Geschenke gefallen hatten. Die meisten Spontan-Entscheider mochten ihr Poster immer noch, während die Überleger das Gefühl hatten, ein anderes Poster wäre vielleicht besser gewesen. Ähnliches haben Forscher inzwischen in vielen Studien beobachtet: Zu viel Überlegen schmälert die Freude an der Wahl. Das gilt vermutlich nicht nur für Poster, sondern auch für Partner oder berufliche Posten.

Die Forscher vermuten, dass die Pro-Kontra-Liste des Verstandes nicht unbedingt die wichtigsten Facetten eines Entscheidungsgegenstands aufzählt, sondern schlicht die, die man gut in Worte fassen kann. Die nicht verbalisierbaren Anteile der Entscheidung geraten so ins Hintertreffen. Zudem ist es schwierig aufzuhören, wenn man einmal angefangen hat, über die Vor- und Nachteile von etwas nachzudenken. Im Geiste führt man die Pro-Kontra-Liste fort – und die Gefahr, dass man nie zufrieden ist, ist groß.

Barry Schwartz, Professor für Psychologie am Swarthmore College Pennsylvania, hat dieses Phänomen näher untersucht und sogar einen Menschentypus ausgemacht, der gern per Verstand nach dem Besten strebt: Er nennt ihn den Maximierer (»Maximizer«), den Perfektionisten. Ihm gegenüber steht der Genügsame (»Satisficer«), der gern spontan aus dem Bauch heraus entscheidet und findet: Gut ist gut genug. Die Genügsamen sind im Schnitt um einiges zufriedener mit ihrem Leben, fühlen sich optimistisch und mögen sich selbst. Die Maximierer dagegen neigen dazu, Reue zu empfinden, und quälen sich mit Selbstvorwürfen und depressiver Stimmung.

Dabei betont Schwartz zugleich den großen Nutzen der analytischen Kraft unseres Verstandes: So kann sein Veto uns davor schützen, uns beim Wohnungskauf zu überschulden – auch wenn die Wohnung noch so reizvoll ist. Doch Schwartz rät in Hinblick auf das Lebensgefühl, den Verstand für Entscheidungen eben nur dann einzusetzen, wenn es darum geht, Fakten abzuwägen oder Pläne kritisch zu prüfen: »Bemühen Sie sich um mehr Satisficing und weniger Maximizing.«

Vielen Menschen fehlt diese Gelassenheit. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer spricht sogar von einem »perfektionistischen Zwang«, der in Deutschland derzeit um sich greift. Jeder will die beste Ausbildung, den perfekten Job, den makellosen Partner, das angesagteste technische Gerät. Als Motor für diesen Hang zum Perfektionismus benennen die Psychologen jedoch nicht guten Geschmack, sondern – Angst.

»Jede Form von Kontrolle und Perfektionismus ist immer der Versuch, Angst zu bannen«, erklärt der Psychiater und Coach Bernd Sprenger, der in seinem Buch »Die Illusion der perfekten Kontrolle« (Kösel 2009) den Perfektionswahn der Deutschen analysiert. Er beobachtet, dass viele Menschen in unserer Welt der tausend Möglichkeiten Angst davor entwickeln, falsche Entscheidungen zu treffen. Die typische Reaktion: Man will auf Nummer sicher gehen. Das verursacht Stress – und führt am Ende nicht einmal zum Erfolg. Viel zu schnell ändern sich in der modernen Welt die Anforderungen und die persönlichen Lebensentwürfe, als dass man eine perfekte Entscheidung fällen könnte.

»Man muss in der heutigen Welt akzeptieren, dass es in vielen Bereichen keine Sicherheit mehr gibt, dass eine einmal gefällte Entscheidung auf Dauer die richtige ist«, erklärt Sprenger. Man müsse so entscheiden, wie es einem jetzt stimmig erscheint – und sich nötigenfalls später korrigieren.

Sprenger findet dabei, dass man dieser Situation auch positive Seiten abgewinnen kann: Gerade die vermeintlich schlechten Entscheidungen führen ja häufig auf besonders spannende Pfade. »In der fehlerhaften Entscheidung steckt das Innovationspotential. Wenn wir immer perfekte Entscheidungen treffen würden, würde nichts Neues mehr passieren.« Man denke nur an Christoph Kolumbus: Eigentlich wollte er nach Indien fahren. Das misslang ihm gründlich, denn er wählte den falschen Weg. Aber welchen Gewinn brachte ihm diese falsche Entscheidung: die Entdeckung Amerikas!

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