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P.M. Innovationsoffensive

Grenzgänger zwischen den Arbeitswelten:Durch Wissenstransfer zu neuen Ideen

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Grenzgänger zwischen den Arbeitswelten - Durch Wissenstransfer zu neuen IdeenGrenzgänger zwischen den Arbeitswelten - Durch Wissenstransfer zu neuen Ideen

Wissenschaftler tauschen eine Zeit lang ihr Labor gegen das Büro in einer politischen Institution: Sie reden mit, wenn es um Forschungsförderung geht. Entwickler aus mittelständischen Unternehmen heuern vorübergehend in einem Forschungsinstitut an: Mit neuen Erfahrungen und Denkmodellen kehren sie in ihr altes Arbeitsfeld zurück. Nur zwei Beispiele, die zeigen: Vom Perspektivwechsel auf Zeit profitieren Arbeitnehmer wie Arbeitgeber. Ein Modell, das in Deutschland Schule macht.

Ob renommierte Wissenschaftler, gut ausgebildete Fachkräfte oder kreative Entwickler – die Ideenschmieden in Deutschland laufen auf Hochtouren. Karrieren in Wirtschaft oder Wissenschaft entwickeln sich dabei meist gradlinig: »Fremdgänger«, die einen Blick über das eigene Arbeitsfeld hinaus riskieren, sind bisher die Ausnahme. Dabei bestätigen Innovationsexperten: Know-how muss zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik fließen, damit neue Ideen entstehen. Michael Walch vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT) und Micha-el Boer, Diplomingenieur bei JENA engineering, haben es ausprobiert: Sie wechselten die Seiten. Mit ihnen und dem Seitenwechsel-Förderer Jürgen Wengel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung sprach P.M. über Chancen und Risiken, dem vertrauten Job befristet den Rücken zu kehren.

Herr Walch, Sie arbeiten seit Februar als Chemiker im Anlagebau-Unternehmen Dieffenbacher. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Walch: Das Fraunhofer-Institut und die Firma Dieffenbacher sind Teil eines Projekts des Ministeriums für Bildung und Forschung, das den befristeten Seitenwechsel fördert. Der Wechsel kam zustande, als es bei Dieffenbacher einen personellen Engpass gab. Diese Lücke konnte ich relativ schnell aufgrund meiner Kenntnisse im Bereich der Verfahrensentwicklung von Kunststoffen schließen.
Jetzt arbeite ich im Anlagenbau für die Kunststoffformgebung. Auch für meinen neuen Arbeitgeber war diese Lösung übrigens personaltechnisch sehr reizvoll, da das Arrangement auf ein Jahr begrenzt ist.

Wie sehen Ihre Erfahrungen aus? Was klappt gut – und was weniger?

Walch: Meine Erfahrungen sind bisher durchweg positiv. Berührungsängs-te zwischen mir und meinen neuen Kollegen gab es eigentlich keine. Man darf na-türlich nicht den Fehler machen zu meinen, man wäre etwas Besseres, weil man von einem Forschungsinstitut kommt. Umstellen musste ich mich in meiner Arbeitsweise natürlich schon. Vom Fraun-hofer-Institut her bin ich es gewohnt, bei Versuchsaufbauten stark zu improvisieren und mit eher geringen Material-kosten Machbarkeitsstudien durchzuführen. Mein jetziger Arbeitgeber will eine Anlage konstruieren und mit dem Verkauf später Ge-winn erzielen. Deshalb wird bei Versuchsaufbauten auf serientaugliche Komponenten und Anlagenteile zu-gegriffen. Hier wird mitunter viel Geld vorinves-tiert, was auch den Erfolgsdruck erhöht, das Konzept am Markt zu etablieren.

Herr Boer, Sie versuchen den Seitenwechsel genau in die andere Richtung, also aus dem Unternehmen JENA engineering zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Wie erleben Sie den Wechsel?

Boer: Klar, auch ich muss mich umstellen. Das wissenschaftliche Arbeiten ist sicherlich während meiner Tätigkeit für JENA engineering etwas zu kurz gekommen und muss erst wieder aufgefrischt werden, zum Beispiel durch Literaturrecherchen, Datenanalysen oder statistische Auswertungen. Und auch der große Verwaltungsaufwand am wissenschaftlichen Institut, für das ich zurzeit als technischer Projektleiter arbeite, ist gewöhnungsbedürftig: Meinem Empfinden nach wird Entscheidungsfreude, gepaart mit gesundem Menschenverstand, teilweise durch Formalien und Bürokratisierung ausgebremst – wenn zum Beispiel selbst bei kleinsten Bestellungen von Verbrauchsmaterial zuerst verschiedenste Angebote eingeholt werden. Andererseits ist natürlich die Möglichkeit größer, unterschiedliche Dinge zu testen, ohne den finanziellen Erfolgsdruck zu spüren, der in einem Unternehmen herrscht. Für mich ist es eine wichtige Erfahrung, die andere Seite kennen zu lernen.

Herr Wengel, in der Initiative »Partner für Innovation« arbeiten Sie daran, Arbeitnehmern in Zukunft den Seitenwechsel zu erleichtern. In Ländern wie Frankreich oder der Schweiz gehört er längst zum Standard. Warum tun sich die Deutschen hier so schwer?

Wengel: Wechselseitige Vorurteile über »die Wirtschaft«, »die Behörden« oder über Forschung im »Elfenbeinturm« tragen sicher ihren Teil bei. Außerdem sollte man die möglicherweise entstehenden Transaktionskosten zum Beispiel durch doppelte Haushaltsführung nicht unterschätzen. Da tut man sich selbst als Single schwer, seine vertraute Umgebung zu verlassen. Aus Sicht der entsendenden Institution fehlt ein eingearbeiteter Mitarbeiter in einem ganz speziellen Bereich.
Das ist problematisch, da die Personaldecken allerorten dünn sind und Ausgleichsmöglichkeiten meist nicht existieren. Viele Arbeitgeber sorgen sich zudem, gute Mitarbeiter zu verlieren. Doch gerade die sollten für einen Seitenwechsel auf Zeit vorgesehen sein.

Wie haben Ihre früheren Kollegen auf Ihre Entscheidung zum befristeten Jobwechsel reagiert, Herr Boer?

Boer: Prinzipiell positiv, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass für uns als kleines mittelständisches Unternehmen aus der Region Jena die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten und Forschungseinrichtungen nichts Un-bekanntes ist. Auch meine Kollegen profitieren von meinem Seitenwechsel: Denn im besten Fall kehre ich anschließend zurück mit neuen Sichtweisen, neuen Ideen für Produkte oder neuen Kontakten.

Herr Walch, wie sah die Reaktion bei den Fraunhofer-Kollegen aus? Würden Sie ihnen
zum Seitenwechsel raten?

Walch: Auch meine Kollegen im Institut waren angetan, zum Teil sogar etwas neidisch. Im Forschungsinstitut gibt es einige, die ein Wechsel in die Indus-trie reizt, die jedoch den Schritt nicht wagen. Denn die Arbeit im Institut bietet gewisse Freiheiten. Die Arbeitszeit lässt sich flexibel gestalten, die Arbeitsstelle ist auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten relativ sicher. Dagegen spricht die bescheidene Entlohnung im Vergleich zur Industrie. Man muss sich entscheiden.
Zum Seitenwechsel würde ich jederzeit raten. Denn dabei kann der Arbeitnehmer nur gewinnen. Man macht neue Erfahrungen, die Umstellung auf die geänderte Situation setzt Energien frei und gibt neuen Antrieb.

Also keine Angst vor negativen Auswirkungen auf die eigene Karriere?

Walch: Sollte es Auswirkungen auf eine Karriere haben, dann mit Sicherheit nur positive. Wenn man Karriere machen will, sollte man neben fachlichen Qualitäten auch mit unterschiedlichen Arbeitsbedingungen fertig werden. Diese Erfahrung kann ich bereits vorweisen. Durch das neue Arbeitsumfeld lernt man neue Personen kennen und steigert auch den eigenen Bekanntheitsgrad in seinem Arbeitsfeld. Das hat einer Karriere noch nie geschadet.

Wenn Sie an die Rückkehr an Ihren alten Arbeitsplatz denken, Herr Boer: Worauf freuen Sie sich? Und was wird vermutlich schwierig werden?

Boer: Ich bin sehr gespannt, wie es mir gelingen wird, neue Ideen und Konzepte umzusetzen und weiterzuentwickeln. Sicherlich muss ich mich auch wieder an ein anderes Arbeits-tempo gewöhnen, was auch damit zusammenhängt, dass ein Unternehmen Um-satz und Gewinn er-wirtschaften muss und wenig Zeit für Experimente bleibt.

Herr Wengel, Sie begleiten Wechsler und kennen den Jobtausch auch aus eigener Erfahrung: Was bringt der Seitenwechsel – Arbeitnehmern und Arbeitgebern?

Wengel: Wer mit dem Gedanken spielt, etwas Neues zu versuchen, kann beim Seitenwechsel auf Zeit erst einmal schnuppern. Dies gilt besonders für die vielen Wissenschaftler, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und immer geringere Chancen haben, sich dauerhaft in öffentlichen Forschungseinrichtungen zu etab-lieren. Grundsätzlich gilt für den Arbeitgeber: Wer als Unternehmen, Forschungsinstitution oder Ministerium erfolgreich sein will, muss wissen, wie sein Kunde oder Partner tickt. Es gibt keinen besseren Weg, als dieses Wissen über Seitenwechsler ins Haus zu holen. Die entstehenden Netzwerke sind mehr als nur ein willkommener Nebeneffekt. Im Rahmen von Personalentwicklungsstrategi-en könnten Seitenwechsel auf Zeit ein Instrument werden, um lebenslanges Lernen zu ermöglichen, Führungsnachwuchs zu bilden oder auch erwünschte Mobilität zu fördern.
Letztlich würden alle profitieren, wenn man mit vielen, vielen befristeten Seitenwechseln dazu beitragen könnte, die Mauern zwischen den Karriere-sphären Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung in Deutschland einzureißen.

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