Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Zisterzienser
Gottes Kapitalisten
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Ein Lehrstück aus dem Mittelalter: Sie wollten in Armut und Einsamkeit leben und dem Herrn dienen. Wenige Jahre später waren die Mönche des Zisterzienser-Ordens reich, berühmt und mächtig.
Sie sind die Nummer eins vom Wienerwald. Österreichische Mönche haben sich mit himmlischer Musik bis in die Charts gebetet. Das Album »Chant – Music For Paradise« der Zisterzienser-Band vom Stift Heiligenkreuz kam im Sommer 2008 in Österreich auf den Spitzenplatz, in Deutschland und England immerhin in die Top Ten. Die frommen Brüder verkaufen sich derzeit besser als die ganz und gar weltliche Soulsängerin Amy Winehouse.
Tausend Jahre nach ihrer Gründung sind die Zisterzienser wieder da: an der Spitze und als Trendsetter, wenn auch vorerst nur in den Charts. Dabei wollten sie damals wie heute nichts anderes als beten und arbeiten. »Im Kloster spielt der Erfolg keine Rolle«, sagt Pater Karl aus Heiligenkreuz. Aber darin irrten schon die Begründer seines Ordens Ende des 11. Jahrhunderts.Dessen Geschichte beginnt im burgundischen Benediktiner-Kloster Molesme. Hier herrschte damals strenge Askese – karges Essen, schwere Arbeit, harte Betten. Die Brüder meuterten und verabreichten dem Prior eine Tracht Prügel. Dieser zog mit seinem Abt und20 Getreuen von dannen – die Frömmsten konnten hier nicht in Frieden leben. Sie suchten nach einem abgeschiedenen, unwirtlichen Ort und wurden fündig: im Wald und Sumpf von Cîteaux. Hier entstand 1098 das Mutterkloster des Zisterzienser-Ordens.
Der Wunsch nach Armut, Keuschheit und Einsamkeit hatte die Mönche in diesen verlassenen Winkel getrieben, wo sie sich auf das Urchristentum besinnen wollten. Doch ausgerechnet ihre armseligen Hütten wurden zum Stammhaus des ersten internationalen Konzerns. Denn nichts anderes war ihre Gemeinschaft wenige Jahre später: ein Multi à la Mittelalter.
Aber wieso wurden ein paar Weltabgewandte zu Vorreitern des Kapitalismus? Der Anfang war mehr als dürftig: Das Grüppchen von 20 Mönchen schrumpfte auf nur acht Unentwegte. Als sie ihr erstes Holzkirchlein errichteten, ahnten sie nicht mal, dass sie eben den mächtigsten Orden des Mittelalters begründeten. Zisterzienser – nach dem lateinischen Namen des Ortes Cîteaux, Cistercium – nannten sie sich erst zwei Jahrzehnte später.
Mit Erstaunen sehen die Zeitgenossen dann aber, wie die Mönche in ihren weißen Kutten in Rekordzeit immer mehr werden und sich ausbreiten. Für sie geschieht einfach der Wille Gottes. Aus der Sicht von heute verdankt sich der Erfolg der Zisterzienser vielmehr einer Meisterleistung in Technik, Organisation und Management. Sie selbst sehen sich 1000 Jahre später als »Baumeister des modernen Europa« und als erste multinationale Institution. Auch nicht-geistliche Forscher sind sich weitgehend einig, dass der Orden zu seiner Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert die führende europäische Wirtschaftsmacht war und Impulse gab, die bis heute nachwirken. »Der Zisterzienser-Orden schuf Maßstäbe für effizientes Wirtschaften«, konstatiert der Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Nagel von der Universität Kassel.
Von dynamischer Ökonomie und rationalem Handeln war das übrige Europa zu dieser Zeit noch weit entfernt. Die Gesellschaft war geprägt von Lehnswesen und Feudalsystem, die Städte waren erst allmählich im Entstehen, die Bildung blieb auf die Kirche beschränkt. Doch es mehrte sich die Kritik an der Geistlichkeit, die mehr und mehr irdischem Luxus frönte – sogar in dem Cîteaux nahe gelegenen Kloster Cluny, das einst als Gegenbewegung zur allzu weltlichen Kirche gegründet worden war. Es bildeten sich Reformgruppen. Die bedeutendste Bewegung, der Konkurrenz weit überlegen, waren die Zisterzienser.
Der Rückzug von der Welt wurde zur Massenbewegung, die Askese zum Mega-Erfolg. 50 Jahre nach der Gründung lebten etwa 11 600 Mönche in 300 Zisterzienser-Klöstern, die über ganz Europa verteilt waren. 100 Jahre später waren es noch mal so viele. Um das Jahr 1200 sind die Zisterzienser im ganzen christlichen Abendland berühmt – und reich. Es ist ein Wohlstand wider Willen, eine bis heute rare Erscheinung. Ihre Agrarwirtschaft veränderte die Landschaft von Deutschland bis Spanien, von Skandinavien über England bis Italien. Sie setzten Trends, bestimmten den Markt.
Und sie weigern sich, Lehen, den Zehnten oder andere Abgaben zu zahlen oder einzunehmen. Sie wollen von der Welt unabhängig sein, von ihrer Hände Arbeit leben: im Zeitalter des Feudalismus so etwas wie eine Revolution. Die Zisterzienser modernisieren die gesamte Landwirtschaft, sie verwenden bessere Pflüge, erhöhen die Produktivität, werden berühmte Fischzüchter und anerkannte Weinbauern, mahlen ihr Getreide selbst und erfinden innovative Techniken für Wassermühlen.
All das ist zum großen Teil dem Geschick zweier sehr unterschiedlicher Männer zu verdanken. Der Erste ist der Abt Stephen Harding, ein »genialer Organisator«, wie ihn der Mittelalter-Forscher Immo Eberl von der Universität Tübingen nennt. Harding ist der CEO, der Vorstandsvorsitzende, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Der andere Macher ist Bernhard von Clairvaux, ein PR-Genie in Sachen rigoroses Christentum. Er organisiert Marketing und Vertrieb der jungen Marke Zisterzienser.
In seiner Carta Caritatis, die mehrmals aktualisiert wurde, waren die Verfassung und die Aufgabe des Ordens sowie die Beziehungen zu den Tochterklöstern festgeschrieben. Es war ein ausgeklügeltes Verwaltungs- und Kommunikationssystem – mit zentraler Leitung, aber viel Handlungsspielraum für die einzelnen Klöster, die sogenannten Zisterzen (abgeleitet von lat. cistercium). Als »patriarchalisches Rechtsverhältnis« definiert es Historiker Eberl.
Einmal im Jahr sollten alle Äbte zusammenkommen – eine Konferenz der Filialleiter. Diesem Generalkapitel oblag die Leitung des Ordens. Die eigene Rolle in der Konzernzentrale wurde in Kapitel V der Carta zementiert: »Der Abt von Cîteaux hat als Haupt aller keinen Abt über sich« – es wurde aber ein Aufsichtsrat bestimmt.
Der Ordenschef aus dem Management-Lehrbuch hatte einen besonders wichtigen Mitstreiter: Bernhard von Clairvaux. Rhetorisch großartig und aggressiv verteidigte Bernhard sein Christentum. In seiner Person offenbart sich das Dilemma, das der gesamten Zisterzienser-Bewegung später zum Verhängnis wird: einerseits das Prinzip des asketischen, weltabgewandten Lebens – und andererseits der große Erfolg, der eben dieses unmöglich macht. Bernhard klagt in einem Brief an einen Kartäuserkonvent: »Ich bin die Chimäre meines Jahrhunderts geworden – nicht Priester, nicht Laie. Ich trage zwar noch das Gewand eines Mönchs, führe aber schon längst nicht mehr dessen Leben.«
Unmittelbar nach Bernhards Eintritt ins Kloster beginnt die Expansion der Zisterzienser, von 1113 bis 1115 werden die ersten vier Tochterklöster gegründet. Gemeinsam mit Cîteaux bilden sie die Primärabteien, von denen jeweils neue Gründungen ausgehen. Bernhard selbst wird Abt der Primärabtei Clairvaux, sein Kloster verzeichnet mit Abstand die meisten Tochtergründungen. So legt er 1136 auch den Grundstein für das Zisterzienser-Kloster Eberbach im Rheingau, malerische Kulisse für die Verfilmung von Umberto Ecos Roman »Der Name der Rose«.
Gleichzeitig ist Bernhard der Werbechef und übernimmt das internationale Lobbying des gesamten Konzerns. In Trier beeinflusst er maßgeblich die Wahl des Erzbischofs, unmittelbar danach wird hier die erste Zisterze Deutschlands, das heutige Kloster Himmerod, gegründet. Als Bernhard sich im französischen Benediktiner-Kloster Aulps aufhält, kommt es zur »freundlichen Übernahme«: Die Benediktiner schließen sich den Zisterziensern an. Und nachdem der Papst dem Kloster Clairvaux die unbewohnte Abtei Tre Fontane bei Rom übertragen hat, wird dort ein Schüler Bernhards Abt. Wenige Jahre später ist dieser Vertraute bereits der nächste Papst: Eugen III. »Menschenfischer« wird Bernhard auch genannt. Er setzt auf Networking und unterstützt die neu gegründeten Tempelritter. Er berät sie und verfasst sogar ihre Ordensregel.
Bernhard von Clairvaux rührt die Werbetrommel für den zweiten Kreuzzug und kann sowohl den französischen König Ludwig als auch den deutschen König Konrad zur Teilnahme bewegen. Der Fehlschlag dieses Kreuzzugs ist auch eine Niederlage für Bernhard und die Zisterzienser. Doch in der Wirtschaft starten sie durch: Gerade die strenge Auslegung der Regeln des Heiligen Benedikt, die Armut und das Leben von der eigenen Hände Arbeit vorschreiben, ist der Schlüssel zum ökonomischen Erfolg.
Ein Besuch der burgundischen Abtei von Fontenay gibt eine Vorstellung vom Leben und Wirtschaften des Ordens. Weitab größerer Ansiedlungen, viel einsamer noch als Cîteaux, erhebt sich die mächtige Anlage. Heute ist das 1118 von Bernhard gegründete Kloster Museum und Unesco-Kulturerbe. Über Park und Gebäuden liegt eine Ruhe, in der der Besucher des 21. Jahrhunderts meint, die Atmosphäre des 12. Jahrhunderts zu schnuppern. Im gemeinsamen Schlafsaal lagen damals mehr als 200 Mönche jede Nacht auf ihren Strohsäcken. Zur Selbstversorgung betrieben sie Landwirtschaft und Werkstätten. Laienbrüder, die Konversen, arbeiteten mit den Mönchen zusammen, in Fontenay wie in allen anderen Zisterzen.
Lebenswichtig war die Schmiede. Das Eisenerz gewannen die Mönche aus Hügeln oberhalb des Klosters. Geschmiedet wurde nicht nur für den Eigenbedarf, das Werkzeug wurde auch verkauft, denn vollständige Selbstversorgung war nicht möglich – die Mönche benötigten auch Geld. Standortplanung war überlebenswichtig: Sie gründeten Zisterzen in der Nähe von Eisenvorkommen und wurden zu Pionieren des Bergbaus.
Beispielhaft waren Buchhaltung und Vertrieb organisiert: Den Zisterziensern war verboten, wie gemeine Marktweiber ihre Waren feilzubieten. So gründeten sie ihre eigenen Verkaufsstellen in der jeweils nächstgelegenen Stadt – die Stadthöfe. Die Marke Zisterzienser war erfolgreich. Den Mönchen vertrauten die Kunden weit mehr als herumziehenden Marktleuten. Expansion und Gewinn gingen aber auch zu Lasten der Umwelt und ihrer Bewohner. Große Rodungen für den Holzbedarf ließen Landstriche veröden. Die Lüneburger Heide: Ergebnis eines Kahlschlags der Zisterzienser, die Holz für die nahe Saline benötigten. Bauern, die auf von Zisterziensern erworbenen Gebieten lebten, wurden mit Tausch oder Abfindung verdrängt, Dörfer gar vernichtet.
Waren die Zisterzienser also bereits Kapitalisten? Jedenfalls »Vorboten«, meint Wirtschaftsforscher Nagel. Der direkte Vergleich sei unzulässig, doch Parallelen ließen sich durchaus ziehen. Das machen die Zisterzienser selbst gern. In einem neuen Museum im Kloster Walkenried am Rand des Südharzes lernen die Besucher die Mönche in ihren hellen Kutten nicht nur »als tiefgläubige Kirchenmänner, sondern diese zugleich als clevere Geschäftsleute kennen«, als Inhaber des »Weißen Konzerns«.
Noch der systematische Niedergang nach gut zwei Jahrhunderten war ein volkswirtschaftliches Lehrstück: Nach der Hochkonjunktur stolperten die Zisterzienser auch über den eigenen Erfolg. Neben den Kerngeschäften Montanwesen und Agrarwirtschaft hatten sie sich neuen Feldern zugewandt, insbesondere den Zins- und Depositengeschäften. Man expandierte, diversifizierte und spekulierte falsch: Nun wurden die Männer Gottes nicht mehr für ihre Geschäftstüchtigkeit bewundert, sondern wegen ihrer Habsucht als Kredithaie angefeindet.
Viele Prinzipien der frühen puristischen Jahre waren längst vergessen. Die Eigenarbeit der Mönche wurde zunehmend von Pachtwirtschaft und Lohnarbeit ersetzt, ein Grund dafür war auch die Pest im 14. Jahrhundert mit den daraus folgenden Nachwuchsproblemen.
Außerdem verschliefen Bernhards Nachfolger die sozialen Entwicklungen. Die Abgeschiedenheit der Klöster hielt sie von den neuen Zentren fern. Die Städte blühten auf, die Landwirtschaft geriet in die Krise. Die Reformation, das Erstarken nationaler Grenzen, die Französische Revolution und die Säkularisierungen zur Zeit der Aufklärung haben zum Bedeutungsverlust des Ordens erheblich beigetragen. Im 19. Jahrhundert kam es außerdem zu einer Spaltung: Die Trappisten trennten sich ab und wurden zum Orden der »Zisterzienser von der strengen Observanz«.
Heute sind 2519 Mönche und Nonnen der Zisterzienser über die ganze Welt verteilt, die Geschäfte gehen aufwärts, und die Beziehungen zum Papst sind noch immer gut. Das Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz in Wien steht für das gelungene Comeback. 2007 hatte das Kloster mit Papst Benedikt XVI. eine Visite vereinbart – ohne das mit der österreichischen Amtskirche im Voraus abzuklären. Im September kam der Papst tatsächlich und lobte die Musik der Mönche. Das erste Album des Klosters folgte, und binnen weniger Wochen gingen bis Anfang Juli 2008 rund 200 000 CDs über den Ladentisch. Der heilige Bernhard hätte seine helle Freude: So erfolgreich hat nicht mal er Gott verkauft.
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