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Globalisierung - ihre Gefahren und Chancen

Die einen preisen sie als Aufbruch in eine bessere Welt, die anderen gehen aus Protest auf die Straße. Eines aber ist sicher: Die Globalisierung kommt. Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm macht klar, was sie eigentlich bedeutet. Welche Veränderungen auf uns zukommen. Und was die Folgen für jeden von uns sind.

Wie heißt es doch so stark und knapp in der neudeutschen Polit-Sprache: »Fakt ist ...«, und danach kommen die harten Tatsachen. Also, Fakt ist: dass ein Prozent der Menschen so viel Einkommen hat wie 57 Prozent der ärmsten Weltbevölkerung zusammen; dass 86 Prozent des Verbrauchs von 20 Prozent der Weltbevölkerung in Beschlag genommen werden; dass eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben; dass 600 Millionen Menschen obdachlos sind oder in miserablen gesundheitsgefährlichen Wohnungen leben; dass jedes Jahr zehn Millionen Menschen sterben, weil es ihnen an grundlegender Gesundheitsversorgung fehlt; dass in den Ländern, in denen 250 Millionen Kinder zur Arbeit gezwungen sind, 850 Millionen Erwachsene keine oder mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten haben. So weit, so schlecht. Kann Globalisierung diesem Elend abhelfen?

Handel hat die Menschheit auf die Beine gebracht. Solange Wirtschaft vornehmlich hauswirtschaftliche Selbstversorgung war, konnten die Menschen ihre Stärken nicht austauschen. Sie blieben mit ihren Schwächen allein und konnten sie nicht durch die eingetauschten Stärken des anderen kompensieren. Erst die Tauschwirtschaft ermöglichte Fortschritt. Die Früchte der Bauern konnten gegen das Fleisch der Jäger getauscht werden. Und viel später erlaubte der Marktplatz den Vielfach- und Überkreuztausch der Produzenten. Schuhzeug gegen Kochtöpfe, Kochtöpfe gegen Brot und Brot gegen Schuhe: So war allen geholfen. Der Handel trennte sich von der Produktion, und die Händler wurden reiche Leute. Heute ist der Erdball zum globalen Marktplatz geworden. Das schafft Waren in die entferntesten Weltgegenden.

Globalisierung ist der Höhepunkt des Weltmarktes. Die Finanzströme umkreisen den Erdball schneller, als die schnellsten Füße laufen, die schnellsten Autos fahren oder Flugzeuge fliegen können. Alle stehen mit allen in Verbindung. Das Internet ist die weltweite Kommunikations-zentrale. Nachrichten erreichen uns in Echtzeit. Wir sitzen auf der Tribüne des globalen Informatik-Marktes und spielen gleichzeitig mit. O heitere Globalisierung. Das ist Fortschritt. Doch der Zugang zu diesem Fortschritt ist höchst unterschiedlich breit. Für die einen steht die Tür sperrangelweit auf, für die anderen nur einen Spalt, und für den großen Rest ist sie zugeschlagen.

In den hochtechnisierten Industrieländern, in denen 15 Prozent der Erdbevölkerung leben, sind 88 Prozent der Internet-Anschlüsse. In Europa und Nordamerika, in denen 20 Prozent der Erdbevölkerung leben, befinden sich 2/3 aller Radios und Fernsehapparate, die es auf der Welt gilt. 65 Prozent der Erdbevölkerung haben noch nie telefoniert, und 40 Prozent leben ohne elektrischen Strom. Wenn wir von Wissensgesellschaft reden, weil im Zeitalter der Informatik Wissen zur Quelle des Wohlstands wird, muss man berücksichtigen, dass das Welt-Wissen von einer kleinen Minderheit beschlagnahmt wird. Die Mehrheit kann noch nicht einmal richtig schreiben und lesen und hat von Informatik weder einen blassen Schimmer noch Nutzen.

Dass uns die Arbeit unter den Umständen von Elend und Ausgeschlossensein auszugehen droht, kann nur in verwöhnten Wohlstandsköpfen erdacht worden sein, die ihren eigenen Nabel zum Erdmittelpunkt erklärt haben. Es gibt noch viel zu tun. Es gibt noch viel Arbeit. Hat die Globalisierung schon viel erreicht? In 98 Ländern der Erde sind die Einkommen heute niedriger als vor zehn Jahren, und in Afrika konsumiert der durchschnittliche Haushalt heute 20 Prozent weniger als vor 25 Jahren. 1970 übertraf der Wohlstand von 15 Prozent der Erdbevölkerung den der ärmeren 15 Prozent um das 40fache. Heute ist der Abstand beim 170fachen  angekommen.

Viele Länder befinden sich in einem ökonomischen Niedergang. Der amerikanische Gesellschaftskritiker Jeremy Rifkin schätzt die Zahl der dort lebenden Menschen auf 1,6 Milliarden. Irgendetwas läuft falsch. Globalisierung hat jedenfalls den Massenwohlstand nicht befördert. So, wie man eine Medizin absetzt, die das Gegenteil be-wirkt, so kann man nicht einfach fortfahren mit der Globalisierung.

Könnte es sein, dass die Natur großer Bereiche der Globalisierung gar nicht realer, sondern virtueller Art ist? Für Karl Marx waren die Ideologien nur der Überbau der realen Verhältnisse. Im globalen Markt haben die Finanzmärkte die Funktion des Überbaus übernommen, denen allerdings keine realen Werte mehr entsprechen. 1,5 Billionen Dollar wechseln weltweit täglich den Besitzer. Aber nur schätzungsweise 2,5 Prozent entsprechen realer Produktion und realem Warenhandel. Der Kapitalismus ist zu einer globalen Spielbank verkommen.

Die Aktienkurse spiegeln nicht mehr Eigentumswerte, sondern lediglich Erwartungen wider. In der Neuen Ökonomie katapultieren Unternehmen an der Spitze der Kurswerte, die noch keine »müde Mark« verdient haben und deren Wertschätzung lediglich einem Versprechen auf zukünftige Rendite entspricht. Es ist wie mit dem Ballonfliegen. Mit heißer Luft steigt der Ballon, doch in kälteren Zonen platzt er schneller als erwartet, und Millionen von Aktionären sind über Nacht geprellte Leute.

Die Vitalisierung der Weltwirtschaft entpuppte sich vielerorts als virtuelles Betrugsmanöver. Die Märkte der internationalen Finanzen unterscheiden sich elementar von denen der Waren und Dienstleistungen. Die Grö-ßen auf den globalen Finanzmärkten sind prinzipiell unerkennbar. Die Waren- und Dienstleis-tungsmärkte tendieren zum Gleichgewicht. Das kann von den Finanzmärkten nicht be- hauptet werden. Sie gehen weniger von vorhersehbaren Ergebnissen aus, sondern mehr von Erwartungen, in die viel stärkere Marktemotionen eingehen, die ebenso wenig überraschungsfrei sind wie unsere Launen. Die von unbestimmten Vorurteilen bestimmten Finanzmärkte tendieren also nicht zum Gleichgewicht.

»Wenn man diese (die Finanzmärkte) sich selbst überlässt, bewegen sie sich nicht auf ein Gleichgewicht zu, sondern es besteht die Gefahr, dass sie in Extreme geraten und schließlich zusammenbrechen«, behauptet George Soros, und der versteht etwas von der Sache, mit der er schließlich zu einem der reichs-ten Männer der Welt geworden ist.
Die Warenströme können von der Mehrwertsteuer noch national erfaßt werden, die Finanzströme nicht. Deshalb gleichen die Finanzmärkte mehr der Wassergymnastik im Haifischbecken als einer rationalen Veranstaltung. Der Markt der Telekommunikation bietet dafür globalen Anschauungsunterricht. Es ist nur die Frage: Wer schluckt wen?

Ob die Steuer auf Spekulationsgewinne das zu ändern vermag, wird bestritten. Sie ist aber immerhin einer unter vielen Versuchen, der Lage wieder Herr zu werden. Die Weltwirtschafts- und Währungsinstitutionen erhalten offenbar größere Bedeutung. Jede der bisherigen Krisen auf den Finanzmärkten führte zu neuen Rahmenvorschriften. Das war nach dem Mexiko-Desaster 1982 nicht anders als 1994 und nach der Asienkrise 1997, die zur Zahlungsunfähigkeit Russlands und zur dramatischen Abwertung des brasilianischen Reals im Januar 1999 führte. Die Folgen der Krisen waren höchst ungleich verteilt. Die Globalisierung hat auf diesem Feld die Kluft zwischen reichen und armen Ländern erhöht.

Die Effizienz des Regelwerks ist umstritten. Dem Internationalen Währungsfonds IWF wurde vorgeworfen, dass seine Interventionen den Zusammenbruch gefördert und nicht verhindert haben. Jedenfalls haben Länder wie beispielsweise Malaysia, die sich nicht an internationale Vorgaben hielten, die Krise besser überstanden als andere, wie beispielsweise später Argentinien, das sich an internationale Ratschläge gehalten hatte und in die Sackgasse geriet. Verlegenheit allerorts. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn die Verlegenheit zugegeben wird. Denn das weiß schon der Volksmund: »Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.« Lösungen können nur gefun-den werden, wenn sie gesucht werden. So viel scheint sicher, dass internationale Finanzbehörden eher mehr und andere Regelungsbefugnisse als weniger brauchen. Denn mit einem Schmetterlingsnetz lassen sich keine Adler fangen.

Ein Blick unterhalb der Makro-Ebene zeigt, dass mehr passiert ist, als in Finanzierungsfragen aufblitzt. Der Wirtschaftsstil hat sich geräuschlos geändert. Der Einfluss des Eigentums ist im Schwinden begriffen. »Mieten, statt besitzen« heißt das neue Motto. Firmen reduzieren sich auf ein Logo und schrumpfen auf ein Netzwerk von Verträgen, mit denen der Logo-Inhaber Zulieferanten und Abnehmer knebelt. Es entsteht unter der Hand ein neues Feudalsystem mit Lehensgebern und -nehmern.

Die personellen Anleger waren noch dem Unternehmen verpflichtet, bei dem sie anlegten, und zur Not bereit, mit der Firma durch dick und dünn zu gehen. Die institutionellen Anleger orientieren sich dagegen nur an den Tageskursen. So freilich kann keine langfristige Unternehmensstrategie entstehen.Die neuen Anleger emanzipieren sich von jeglicher Unternehmensbindung. Die Fonds-Taktiker hüpfen von Anlageplatz zu Anlageplatz, von nichts anderem getrieben als vom täglichen Tagesgipfel der Börse. Die Börsennachrichten erreichen die Aufmerksamkeit der Wettermeldungen, mit denen sie sich inzwischen Regelmäßigkeit und Sendezeit der Fernsehanstalten teilen.

Das neue Management, ebenso losgelassen wie die Aktienspekulanten, hopst mit. Freilich meist mit goldenem Handschlag verabschiedet. Nur nichts Dauerhaftes. Langfristige Bindungen werden als Einfallslosigkeit diffamiert. Der Trend weitet sich aus. Die neue Leitfigur des modernen Arbeitnehmers ist der »flexible Mensch«, wie der US-Soziologe Richard Senett schreibt. Wer nicht ständig den Arbeitsplatz wechselt, gerät in den Geruch, ein Mobilitätsmuffel zu sein. Jubilar-Ehrungen für Betriebstreue werden zu sentimentalen Nostalgien für Modernitätsverspätete. Nur das Vorübergehende hat noch Bestand.
Jahrtausende haben die Menschen gebraucht, um sesshaft zu werden. Der flexible Arbeitnehmer jedoch ist auf dem Rückweg ins Nomadentum. Das ist ein kultureller Rückschritt, der auch durch versprochenes wirtschaftliches Wachstum nicht wettgemacht werden kann.

Inzwischen organisieren wir die totale Mobilmachung sogar mit staatlichen Zuwanderungsregelungen. Die Informatiker holen wir uns aus Indien, die Spargelstecher aus Polen, dort wiederum holt man die Spargelstecher aus Weißrussland. Arbeitnehmer umkreisen die Erde wie Zugvögel auf dem Flug zu den jeweils wärmeren Gegenden. Dass diese Art von Mobilität zu einer sublimen Selektion führt, fällt kaum jemandem auf. Die Alten, Kranken, Ungelernten sollen bleiben, wo sie sind. Nur die Qualifizierten sind erwünscht. So entsteht eine globale Klassengesellschaft zwischen Mobilitätsfähigen und Daheimgebliebenen. Die reichen Industrieländer sahnen ab. Sie lassen ausbilden und überlassen die Kosten den ärmeren Herkunftsländern. In früheren Zeiten beuteten die Kolonialherren die Rohstoffe der Kolonialländer aus. Heute die Qualifikation. Wo ist der funda- mentale Unterschied? In beiden Fällen handelt es sich um Ausbeutung. Die Sklaven vergangener Zeit mussten ihre Zähne zeigen, um den Gesundheitszustand der Ware Mensch zu testen. Heute reicht ein Diplom.

Die Gesellschaft muss einen hohen Preis für diese Art von Mobilität zahlen. Alles Feste, Dauerhafte ist Hindernis und wird eingeebnet. Heimat, Familie, Nachbarschaft, Freundschaft werden zu Störfaktoren. Der Homo oeconomicus ist der von allen Bindungen befreite, flexible Mensch.Leider Gottes – oder besser: Gott sei Dank – ist der Mensch nicht so gebaut, dass er sich auf Arbeitskraft reduzieren lässt. Sein Wert hängt nicht nur von seiner Gegenleistung ab. Liebe ohne Lohn, Vertrauen ohne Rückversicherung, Treue ohne Gegenleistung verschafft dem Menschen erst jene Sicherheit, aus der sein Selbstbewusstsein erwächst, das ihm schließlich auch ermöglicht, Risiken zu tragen und Freiheit zu wagen. Von der Geburt bis zum Tode sind wir auf Hilfe ohne Gegenleis-tung angewiesen. Wer den Menschen auf den Tauschwert seiner Arbeit reduziert, amputiert ihn.

Man ist kein Reaktionär, wenn man diesem Trend der Beschleunigung und Entbindung die konservative Fähigkeit des Bewahrens entgegensetzt. Das Neue ist nicht schon besser als das Alte, weil es neu ist. Die Beweislast für das Bessere liegt beim Neuen. Ja, vielleicht muss sogar Tempo aus der Beschleunigung genommen werden, wenn die Globalisierung nicht in einem – so der französische Philosoph Paul Virillio – »rasenden Stillstand« enden soll.

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