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Kultur & Gesellschaft

Gibt es bei uns noch Exorzismus?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Gibt es bei uns noch Exorzismus?Gibt es bei uns noch Exorzismus?
iStockphoto

Offiziell nicht – aber im Untergrund tobt der Kampf gegen die Dämonen: Täglich wird in Deutschland der »Große Exorzismus« vollzogen, berichten Insider.

Sie heißen Abbadon, Diabolos, Galemasch, Samael, Satan oder Luzifer. Sie sind Kreaturen der Unterwelt, ständig auf der Jagd nach Seelen, die sie Gott abspenstig machen können, dem Herrn der Welt, der sie ausgestoßen und zu dem gemacht hat, was sie sind: Höllenengel. In den letzten Jahren suchen sie auch bei uns wieder verstärkt nach Opfern, deren Seelen sie mit ins ewige Feuer nehmen können. Zumindest ist das der Eindruck, den die Mitarbeiter der Anlaufstellen für vom Teufel Besessene in Deutschland haben.

Der Pallottinerpater Jörg Müller (65) aus Freising zum Beispiel sagt: „Im vergangenen Jahr hatten wir 350 Anfragen nach Exorzismen, von Menschen die glaubten, besessen zu sein. „Wir – das ist der „Münchner Kreis“, dem Ärzte, Priester und Psychologen angehören. Bei nur fünf der Personen erkannten die Experten die Zeichen des Bösen, sie wurden mit Heilungsgebeten behandelt. Alle anderen waren einfach „nur normal“ psychisch Kranke. Müller: „Die meisten Menschen, die sich an uns wenden, sind psychisch krank. Sie fühlen sich fremdgesteuert, sehen Schatten, fühlen sich berührt – aber das alles genügt nicht. Es muss mehr hinzukommen.“

Der Theologe Markus Roentgen gehört zum „Arbeitskreis Exorzismus“, den das Erzbistum Köln eingesetzt hat. „Pro Jahr melden sich etwa 50 Menschen, die glauben besessen zu sein“, sagt er. „Die Zahlen nehmen deutlich zu.“ Bisher musste allen mitgeteilt werden, dass ein Exorzismus für sie nicht infrage kommt. „Das wird nicht gern gehört“, weiß Roentgen. Viele lassen sich denn auch nicht abspeisen. „Die Betreuung solcher Menschen wird zunehmend ein Feld freischaffender Künstler“, sagt Roentgens Kollege, der Pfarrer Rainer Nieswand. „Es finden in Deutschland unauthorisierte Große Exorzismen statt.“ Was er damit meint: Das Ritual des Großen Exorzismus wird heimlich, ohne Wissen und ohne Zustimmung der Kirchenleitung durchgeführt, vielfach von nicht dafür ausgebildeten Pfarrern.

Seit der grauenvolle Tod der 23-jährigen Anneliese Michael 1976 durch die Weltpresse ging, haben die Bischöfe der 27 deutschen Diözesen keinen Großen Exorzismus mehr genehmigt. Die junge Frau war damals während insgesamt 67 Exorzismus-Ritualen, die an ihr vollzogen worden waren, gestorben. Einzige Ausnahme: Im Erzbistum Paderborn gab es in den vergangenen acht Jahren drei Menschen, die von einem Seelsorger exorziert wurden. Der Sprecher der Diözese, Ägidius Engel, kommentiert: „Es geht um seelisch höchst leidende Menschen, bei denen selbst nach Meinung von Fachleuten nur noch der liebe Gott helfen kann.“

„Jeden Tag wird irgendwo in Deutschland ein Dämon ausgetrieben“

Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann nur geschätzt werden. Zwei Jahre lang hat der Freudenberger Journalist Marcus Wagner recherchiert, hat unzählige Betroffene gesprochen und nach eigenen Angaben neun Exorzismus-Ritualen beigewohnt. Seine Rundfunkreportage, die im Mai 2008 vom WDR gesendet wurde, ist ein Dokument seelischen Elends und verzweifelter Hilflosigkeit der Beteiligten. Wegner: „Viele Pfarrer betrachten Exorzismus als praktische Seelsorge und praktizieren ihn ohne Erlaubnis des Bischofs. Nach dem, was mir deutsche Priester erzählt haben, wird jeden Tag irgendwo in Deutschland ein Dämon ausgetrieben.“

Wegner hat Szenen erlebt, die denen in nichts nachstehen, die man aus einschlägigen Hollywoodfilmen kennt. „Ich habe Menschen erlebt, die schlagartig ihr Aussehen veränderten, die Augen wurden schwarz, das Gesicht entstellte sich. Sie schrien und knurrten wie Tiere, ihre Stimmen veränderten sich bis zur Unkenntlichkeit.“ Professor Christian Elger, Neurologe aus Bonn, bestätigt: „Wenn man so etwas erlebt, kann einem schon der Gedanke kommen, einen Besessenen vor sich zu haben.“

„Viele psychisch Kranke wollen lieber besessen sein als verrückt“

Davon ist Marcus Wegner nicht überzeugt. „Die häufigsten Günde für diese Symptome sind Schizophrenie, Epilepsie und dissoziative Persönlichkeitsstörungen,“ sagt er. Eine Mitarbeiterin des Kölner Arbeitskreises, die namentlich nicht genannt werden möchte: „Sehr häufig sind die Anfragenden austherapierte, psychisch kranke Menschen, die lieber besessen sein wollen als verrückt.“

Die Deutsche Bischofskonferenz, das einzige Gremien, das in Deutschland einen Exorzismus genehmigen darf, hat in den letzten Jahren keinen Anlass dazu gesehen, keines der Bistümer ist überdies der Aufforderung des Papstes gefolgt, hauptamtliche Exorzisten zu beschäftigen – sehr zum Ärger des Vatikan. Roms Chef-Exorzist Pater Don Gabriele Amorth (83): „Die Bischöfe müssen sich ihrer Schuld bewusst sein, wenn sie keinen Exorzisten einsetzen.“

„Die Einflüsse des Teufels auf die Menschen werden als Spinnerei abgetan“

In Rom herrscht seit Jahren eine Exorzismus-Renaissance, Amorth ist ihre treibende Kraft. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Amtszeit mehr offizielle Exorzisten benannt als jeder andere Papst der Neuzeit, sein Nachfolger Benedikt XVI. steht ihm nicht nach. Für ihn ist der Teufel eine reale Gestalt, er sieht für jedes der 3000 Bistümer der katholischen Kirche einen Exorzisten als Minimum an. In Rom werden jedes Jahr 150 Priester in den Ritualen der Teufelsaustreibung geschult, seit 2005 ist zum ersten Mal eine Frau darunter. Benedikt dankte im September 2005 den Teilnehmern des Nationalkongresses der Italienischen Exorzisten und ermutigte sie, „mit ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren.“ Die „Internationale Vereinigung der Exorzisten“ kommt jedes Jahr zu einem Treffen zusammen, ihre deutsche Sektion, die in Reisbach in Niederbayern von Pfarrer Martin Ramoser organisiert wird, umfasst 80 Mitglieder.

Der Mann, der weltweit die größte Erfahrung im Kampf mit Teufelsaustreibungen hat, scheut im Gegensatz zu seinen Kontrahenten, den Dämonen, das Licht der Öffentlichkeit keineswegs: Pater Don Gabriele Amorth tritt im Fernsehen auf, es gibt Zeitungsartikel und Bücher von ihm. Mit gewinnendem Lächeln sagt der groß gewachsene Mann mit Brille und Kahlkopf: „Heute werden die Einflüsse des Teufels auf den Menschen leicht als Spinnerei vergangener, dunkler Epochen abgetan. Dadurch wird die Arbeit des Bösen enorm begünstigt.“ Er sieht ihre Kräfte stärker denn je am Werk: Von der Rockmusik bis zum Kommunismus, von Yoga bis zu Harry Potter – überall lauern sie mit ihren Verführungen.

Bis zu zwölf Besessene exorziert Pater Amorth täglich – inklusive Weihnachten und Ostern, wie er betont. Er kennt kein Rasten, denn: „Auch aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien und der Schweiz kommen Menschen zu mir, die in ihrem Heimatland keinen Exorzisten finden.“ Jede Diözese, jede Pfarrei, jeder Wallfahrtsort brauche eine Exorzisten, findet er. Aber: „Man weiß, dass besessene Menschen oft schreien – und vielen Kichenoberen ist ein Leben ohne Lärm und Störungen wichtiger als die Nächstenliebe.“

„Es gibt spektakuläre Phänomene, wie man sie aus Filmen kennt“

Ein Akt der Nächstenliebe – so sehen Exorzisten ihre Arbeit: Die Befreiung von Menschen, denen Medizin und Psychiater nicht mehr helfen können, von ihrem Leiden. Amorth und seine italienischen Kollegen wollen dabei jedoch nicht warten, bis – wie es die Deutsche Bischofskonferenz vorschreibt – „eindeutige Beweise“ für Besessenheit vorliegen: „Es ist unklug, so lange mit der Austreibung zu warten“, sagt der Mann, der mehr als 30 000 Menschen vom Teufel befreit haben soll. „Denn die typischen Symptome treten nie vor dem Exorzismus auf, sondern immer erst währenddessen.“

Die typischen Symptome: Der Besessene spricht in ihm unbekannten Sprachen, entwickelt übermenschliche Kräfte und weiß Dinge, die er eigentlich nicht wissen kann. Der Exorzist unterscheidet mehrere satanische Wirkweisen: die „teuflischen Quälereien“ (Krankheiten), „teuflische Zwangsvorstellungen“ (Selbstmordwunsch) und die „teuflische Besessenheit“, bei der der Dämon von Körper, Geist und Seele Besitz ergreift. Amorth: „Da kommt es dann zu spektakulären Phänomenen, wie man sie aus dem Film ,Der Exorzist‘ kennt.“

Immer jedoch ist es ein Kampf zwischen dem Priester und den dem Opfer innewohnenden Dämonen, denen er mit Gebeten und Bittformeln, die bis zu zwei Stunden lang dauern können, zu Leibe rückt – und das manchmal über Jahre. Amorth: „Der Dämon tut alles, um sich zu verstecken, er ist sehr verstockt beim Reden. Manchmal aber auch sehr geschwätzig, das ist dann ein Trick, um den Exorzisten zu verwirren und von wichtigen Fragen abzulenken.“

Die erste und wichtigste Frage ist die nach seinem Namen. Denn die Dämomen haben eine ausgeklügelte und strenge Hierarchie, da ist es wichtig zu wissen, wen man vor sich hat. Aber eines ist allen gemein: „Wenn ich Dämonen frage, warum sie nicht in die Hölle zurückgehen, dann antworten sie: ,Weil es mir wichtiger ist, diese Person zu quälen.‘ “ Die Dämonen seien das Böse schlechthin, sie kennen nur ein Ziel: Menschen zu schaden und zu vernichten, ihre Seelen in den ewigen Tod mitzunehmen. Die Gespräche zwischen Dämon und Exorzist nehmen dabei manchmal fast vertrauliche Züge an. Amorth: „Die Schwere der Besessenheit zeigt sich an der Reaktion der Dämonen bei der Nennung heiliger Namen. Der Dämon selbst spricht sie nie aus, Gott nennt er ‚er‘ oder ‚Deinen Chef‘, die Mutter Gottes ist immer nur ‚sie‘ oder ,Deine Frau‘.“

„Der Therapeut maßt sich magische Authorität an – das ist abstrus!“

Die Rituale werden von erfahrenen Exorzisten zwar unterschiedlich gehandhabt, die Grundlagen sind jedoch , seit sie 1614 im „Rituale Romanum“ aufgeschrieben wurden, immer dieselben. 1999 wurden sie modifiziert, nicht zuletzt auf Druck der deutschen Bischöfe, die darauf bestanden, dass Exorzismen nicht länger „zu Spektakeln verkommen“ dürften. Die neuen Regeln, die unter anderem vorschreiben, dass psychiatrische und ärztliche Gutachten vorliegen müssen, dass während des Exorzismus ärztliche Hilfe möglich ist und dass der Patient sich schriftlich einverstanden erklärt, fanden dann ihre Zustimmung.

Mediziner und Psychologen gehen indes davon aus, dass es gerade die exorzistischen Formeln und Rituale sind, die das Besessenheitsgefühl überhaupt erst wecken oder bestärken. Professor Hans Förstl, Direktor der Psychiatrischen Klinik München: „Sicherlich ist es richtig, die Patienten dort abzuholen, wo sie sind, denn wer sich auf die subjektive Welt eines Patienten einlässt, hat gute Chancen, ihm auch helfen zu können. Das bedeutet aber nicht, dass man den Patienten in seinem Irrglauben bestärken darf, besessen zu sein. Es ist eine groteske Ausformung der Religiosität. Da maßt sich der Therapeut eine magische Authorität an, das ist abstrus.“

Der Wissenschaftler hält es für undenkbar, dass Menschen, die glauben, vom Teufel besessen zu sein, durch Gebete geheilt werden können. Förstl: „Es mag Patienten geben, die mit absurden Formen des Glaubens indoktriniert wurden bis zu diesen Auswüchsen der Besessenheitszustände.“ Man könne die Symptomgestaltung eines Menschen stark beeinflussen und die Einbildung der Besessenheit provozieren. Der Züricher Psychiater Daniel Heil ergänzt: „Der Exorzismus bestärkt den Glauben an den Teufel und intensiviert die Besessenheitserfahrung.“ Sein Landsmann, der Schweizer Theologe Georg Otto Schmid, sagt: „Es handelt sich bei Besessenheit um persönliche Projektionen. Indem man das Böse verantwortlich macht, findet man eine Sprache für das Unaussprechliche.“

Das erklärt aber nicht das wachsende Interesse an der Dienstleistung von Exorzisten. Der Münchner Psychiater Professor Norbert Müller sieht das ganz einfach: „Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch, das Bedürfnis nach Therapie nimmt zu – und auch das Bedürfnis nach spirituell orientierter Therapie.“

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat „Trance- und Besessenheitszustände“ als psychologische Krankheiten definiert, was die Mächte der Dunkelheit jedoch nicht zu tangieren scheint. Exorzismus-Reporter Marcus Wegner: „Um weiterhin zu leuchten, braucht der Glaube die Dunkelheit. Aber im Dunkeln geschieht nichts Gutes.“

Wie wird der Exorzismus vorgenommen?

Die Vollmacht, zu exorzieren, leitet die Kirche aus dem Neuen Testament ab, wo Jesus mehrfach Dämonen austreibt. Der „Kleine Exorzismus“ wird unter anderem im Taufritual vollzogen, wo darum gebetet wird, das Böse fernzuhalten, ebenso wie im „Vaterunser“ sowie bei verschiedenen Weihen. Der „Große Exorzismus“ darf nur mit schriftlicher Erlaubnis des Bischofs an einem kirchlichen Ort vorgenommen werden, in Privathäusern nur bei Kranken.

Zu Beginn des Rituals wird der Patient mit Weihwasser besprengt, dann folgt eine Anrufung Gottes und die Bitte um Fürsprache aller Heiligen. Nach Psalmengebeten wird dann ein Evangeliumstext verlesen, bevor der Priester dem Betroffenen die Hände auflegt und die Macht des Heiligen Geistes anruft. Dann zeigt er das Kreuz und spricht die eigentliche Exorzismus-Formel, deren erster Teil eine Bitte an Gott ist, der zweite der Befehl an den Teufel, den Besessenen zu verlassen. Dieser zweite Teil kann nach dem überarbeiteten Ritual von 1999 entfallen.

Wenn es nicht für „unschicklich“ gehalten wird, ist der Exorzist gehalten, „gegen das Antlitz des Heimgesuchten“ zu blasen und zu sprechen: „Durch den Hauch Deines Mundes, Herr, vertreibe die bösen Geister.“ Wenn nötig, werden danach die „imprekativen Formeln“ gesprochen wie „Ich beschwöre Dich, Satan, Feind des Heils der Menschen ... Betrüger des Menschengeschlechts ... weiche daher, Satan ...“ Zum Abschluss folgen das Glaubensbekenntnis und ein Dankgebet. Das Ritual dauert bis zu zwei Stunden und wird bei Bedarf wiederholt.
 

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