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P.M.-Story

Gesucht: Der Schrei

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Geschichte eines brutalen Geschäfts. Der Kunsthändler + Die Kunsträuber + Der Fahnder

Ein berühmtes Kunstwerk als »Geisel« und eine saftige Summe als Lösegeld: »Artnapping« gehört heute zu den lukrativsten Verbrechen. Zurzeit wird weltweit nach Edvard Munchs Gemälde »Der Schrei« gefahndet, das 2004 in Oslo geraubt wurde. Charles Hill (58), der bekannteste Kunstfahnder der Welt, ist den Tätern auf der Spur. Es wäre nicht das erste Mal, dass er den »Schrei« ins Museum zurückbringt: 1994 wurde das Bild schon einmal geraubt – und Hill jagte es den Dieben wieder ab. Die Geschichte dieser ersten dramatischen Undercover-Aktion erzählte er P.M.-Autor Michael Kneissler:

Als mein Telefon an jenem Montagmorgen im Mai 1994 klingelt, bin ich heilfroh. Ich war damals Detective Chief Inspector und Verbindungsmann von Scotland Yard bei Europol in Den Haag, Holland. In meinem Büro saß auch ein englischer Zoll-offizier. Wir machten einen wichtigen Job bei Europol – wichtig und langweilig.

Mein Chef in London ist am Telefon. Er redet nicht lange um den heißen Brei herum: »Charley«, sagt er, »hast du von dem Munch-Raub gehört?«

Natürlich hatte ich von dem Munch-Raub gehört. Edvard Munch lebte von 1863 bis 1944 und ist der berühmteste Maler Norwegens. Sein bekanntestes Bild, »Der Schrei«, gibt es in etwa 50 Versionen. Vermutlich wusste Munch, dass dieses Bild sein Meisterwerk ist, und hat es deshalb mehrfach kopiert. Die beste Version ist die erste: 91 x 74 Zentimeter groß, Pastellkreide auf Karton in goldenem Rahmen. Sie hat einen Wert von etwa 37 Millionen britischen Pfund, also 54 Millionen Euro, und hängt in der Nasjonalgalleriet in Oslo. Das heißt: Sie hing. Am 12. Februar hatten zwei Männer eine Leiter an die Außenwand der Nationalgalerie gestellt, ein Fenster im ersten Stockwerk eingeschlagen, zielsicher den »Schrei« von der Wand gerissen und die Flucht ergriffen. 50 Sekunden dauerte der Überfall. 15 Minuten später war die Polizei da. Sie fand nichts außer einer Postkarte mit der Aufschrift »Danke für die armseligen Sicherheitseinrichtungen«.

Ich weiss das alles so genau, weil ich vor meinem jetzigen Job bei Europol Kunstfahnder bei Scotland Yard war. Seitdem interessiere ich mich für Kunstdiebstahl. Die meisten Menschen haben keine Ahnung davon, was für ein gigantisches internationales Geschäft mit gestohlenen Kunstwerken gemacht wird. Sie dienen als Zahlungsmittel für Drogen; mit gefälschten Papieren als Sicherheit für Millionenkredite bei den Banken; und vor allem als Geisel bei groß angelegten Erpressungen: fünf Millionen für ein Meisterwerk der Kunstgeschichte – der normale Tarif.

»Chef«, sage ich, »was willst du von mir?«
»Hol das Bild zurück«, sagt er.
»Und wie?«
»Es gibt einen Typ in Oslo, der behauptet, Kontakt zu den Dieben zu haben.«
»Wer soll das sein?«
»Ein Kunsthändler. Einar-Tore Ulving. Reich, Jacht in der Karibik, Sommerhaus an der Nordsee, ein wichtiger Mann in Oslo.«
Ich kenne den Namen. Jeder in der Kunstbranche kennt ihn.
»Gibt es Hinweise auf die Täter?«
»Ein paar Verdächtige. Die Norweger haben sie verhört, aber nichts Konkretes rausgekriegt.«
»Weiß man, wo das Bild ist?«
»Nein. Ulving sagt, die Diebe wollen das Gemälde vernichten, wenn sich die norwegische Polizei weiter einmischt. Deswegen sollen wir die Sache übernehmen.«
»Okay, ich denke drüber nach.«
»15 Minuten«, sagt mein Chef.
»15 Minuten«, sage ich.

Nicht gerade viel Zeit, um einen Plan zu entwickeln, wie man Gangstern ein 37 Millionen Pfund teures Meisterwerk wieder abnehmen kann. Aber ich war ja kein Anfänger. Ich wusste: Die Jungs wollen das Bild gegen Lösegeld wieder loswerden. Mit den Behörden können sie nicht verhandeln, die müssen die Täter festnehmen. Gesetz ist Gesetz. Sie suchen jemanden, der Geld hat und vertrauenswürdig ist. Als Polizist habe ich keine Chance, an das Munch-Gemälde heranzukommen. Wenn ich es in die Hände bekommen will, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen: undercover arbeiten, mit falscher Identität für einen solventen Auftraggeber. Ein großes Museum wäre gut – davon gibt es viele. Ein reiches Museum wäre besser – davon gibt es einige. Ein großes, reiches Museum wäre am besten – da blieb eigentlich nur eines: das Getty Museum in Los Angeles. Ich stellte mir vor, was ein Gangster denkt, wenn er den Namen Getty hört: Geld – viel Geld. Und wer an viel Geld denkt, wird unvorsichtig.

Das J. Paul Getty Museum hatte aus kriminaltaktischer Sicht noch einen weiteren Vorteil. Es besaß bereits einen Munch – und für die Gangster musste es logisch erscheinen, dass es Interesse daran hatte, den »Schrei« der Öffentlichkeit zurückzugeben. Außerdem war Getty-Direktor John Walsh Scotland Yard noch einen Gefallen schuldig: Wir hatten ihm mal in einem anderen Fall geholfen. Er wäre bestimmt bereit, mir zu einer Legende als Getty-Mitarbeiter zu verhelfen.

Ich greife zum Telefon. »Chef«, sage ich, »ich brauche eine andere Identität.«
»Welche denn diesmal?«, brummt es zurück.
»Beauftragter des Getty-Museums. Visitenkarten, Papiere, Hausausweise, Telefonkarten, Kreditkarten, US-Pass auf den Namen Chris Roberts und eine halbe Million Pfund in bar.«
»Aha«, sagt mein Chef, »ist das schon alles?« Er klang ein wenig angespannt. Aber ich hatte kein Mitleid. Wer bei Scotland Yard Chef ist, muss Unmögliches möglich machen – oder die Finger von dem Job lassen.

Eine Woche später hatte ich die falschen Papiere plus 500000 britische Pfund, also rund 700000 Euro – eine großzügige Leihgabe der Bank of England; die Banker legten Wert darauf, ihre halbe Million später zurückzubekommen. Mein Chef glaubte, mir das gleich mehrmals eintrichtern zu müssen – eine Spur zu aufdringlich für einen britischen Gentleman.

Mein Flugzeug landet am Abend des 6. Mai 1994 in Oslo. Ich miete einen Renault und fahre ins »Plaza« am Sonja Henies Plass 3, wo ich mit Ulving verabredet bin. Ein teures Hotel. Ich habe eine Suite im 14. Stockwerk gebucht. An der Rezeption checke ich problemlos ein und nenne dabei laut meinen falschen Namen: »Chris Roberts.« Ulvings Leute sollen wissen, dass ich da bin. »Sehr wohl, der Herr«, sagt der Hotelbedienstete an der Rezeption und händigt mir den Schlüssel aus. Ich drehe mich um – und erstarre: Die Hotelhalle ist voll von Polizeioffizieren.

Verdammt! Wenn mich einer erkennt, fliegt meine Tarnung auf. Ich schlage den Kragen meines blau-weißen Seersucker-Jackets hoch. Amerikanischer Stil, wie meine Krawatte und meine Schuhe. »Kann ich mal telefonieren?«, frage ich den Mann an der Rezeption. Er zeigt mir das Telefon. Ich wähle die Nummer meines Chefs, der schon seit zwei Tagen in der achten Etage des Plaza seine Einsatzzentrale eingerichtet hat. Es ist ein normales Zimmer, keine Suite wie meine. Aber der Chef muss ja im Gegensatz zu mir nicht vor den Gangstern mit Geld protzen.

»Chef«, flüstere ich, »hier wimmelt es von Bullen.«
»Weiß ich«, sagt er, »das ist die Jahrestagung der norwegischen Drogenfahnder.«
»Scheiße! Die kennen mich doch!«
»Bleib cool, ich kümmere mich drum.«
Zehn Minuten später ruft er zurück. Zehn Minuten, die mir wie zehn Stunden vorkommen.
»Alles klar«, sagt mein Chef, »keiner von denen wird dich erkennen. Die Jungs sind gebrieft.«

Trotzdem bin ich vorsichtig, als ich zur Bar im obersten Stockwerk hinauffahre. Hinter den Panoramascheiben blitzen die Lichter der Innenstadt von Oslo. Ich sitze mit dem Rücken zum Lift. Deshalb sehe ich Ulving auch erst, als er sich zu mir an den Tisch setzt. Teurer Anzug, wertvolle Uhr. Er wird begleitet von einem ziemlich beeindruckend aussehenden Mann, den er als Jan Olson vorstellt – seinen Bodyguard. Ich halte ihn für einen Gangster, für solche Typen habe ich einen Blick. Später stellte sich heraus, dass Olson skandinavischer Meister im Thai-Boxen war und eine Haftstrafe wegen Mordes abgesessen hatte.

»Das Hotel ist voll von Bullen«, zischt Ulving.
Ich nehme einen Schluck Tee. »Ich weiß. Aber die sind nicht wegen Ihnen da. Jahrestagung der Rauschgiftfahnder.«

Ulving glaubt mir, offenbar vertraut er mir. Nur Olson blickt sich misstrauisch um. Dabei fällt ihm der Riese ein paar Tische weiter auf, der betont unauffällig in seiner Teetasse rührt. Ich hätte Sid gleich sagen können, dass er immer auffällt, egal, was er tut, und dass er sich gar keine Mühe geben soll zu schauspielern. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Sid Walker: zwei Meter groß, hundertzwanzig Kilogramm schwer, kein Gramm Fett. Schwar-zer Gürtel in allem, wofür man einen schwarzen Gürtel bekommen kann. Waffen-Experte, Auto-Experte – und ein Brecher. So nennt man Bullen, die keine Angst haben, sondern Angst machen. Sid ist einer der Besten, die Scotland Yard zu bieten hat. Aber das werde ich Ulving und seinem Anhang nicht auf die Nase binden.

»Wer ist der Typ?«, fragt Olson leise.
Ich gehe in die Offensive: »Er passt ein wenig auf mich auf.«
Dann winke ich Sid an unseren Tisch. »Sid Walker«, stelle ich ihn vor, »Engländer, lebt in Holland.«

Olson grinst. Engländer in Holland, die aussehen wie Sid, kaufen dort normalerweise keine Tulpenzwiebeln, sondern härteren Stoff. Olson weiß Bescheid. Er zwinkert Sid kumpelhaft zu. Zwei Gangster bei der Arbeit!

Ich bestelle die Drinks. Ulving lässt sich einen Gin Tonic bringen, Sid trinkt sein übliches Guinness-Bier, Olson nuckelt an einem pinkfarbenen Cocktail, vor mir steht ein Wodka Soda. Jedes Jahr ab Ostern ist das mein Standard-Drink, im Winter bevorzuge ich Scotch. Nach ein wenig Smalltalk kommen wir zu Sache.

»Ich bin bereit, cash zu zahlen«, sage ich.
»Drei Millionen zweihundertfünfzigtausend«, sagt Ulving.
»Pfund?«
»Kronen!«
Ich traue meinen Ohren nicht: 3,25 Millionen norwegische Kronen sind gerade Mal 335000 Euro – ein Spottpreis!
Ich sage: »Okay.«

Danach fahren wir runter in meine Suite. Alles ist vorbereitet: Meine Getty-Unterlagen liegen auf dem Beistelltisch, mein falscher Pass steckt im Filofax. Ich schicke Sid unter einem Vorwand raus und verschwinde selbst im Bad, stelle die Dusche an, lasse die Klospülung rauschen. Ulving und Olson sollen Zeit genug haben, sich davon zu überzeugen, dass ich wirklich Chris Roberts bin.

Als ich zurückkomme, weiß ich, dass mein Plan aufgegangen ist. Die Ordnung meiner Dokumente ist verändert, die Lampe wurde bewegt. Anscheinend hat Olson den Raum nach »Wanzen« abgesucht, während Ulving in meinen Papieren blätterte.

Jetzt haben es die Beiden eilig zu verschwinden. Aber vorher wollen sie das Geld sehen. Auch darauf sind wir vorbereitet. Sid bringt Olson in den Sicherheitsraum des Hotels, wo unser Koffer mit den Kronen im Safe steht. Währenddessen trinkt Ulving mit mir in der Suite ein Glas »Canadian Club«, von dem ich eine große Flasche besorgt habe – Alkohol macht meiner Erfahrung nach die Verhandlungen geschmeidiger. Schließlich ruft Olson an, er will Ulving sprechen. Offenkundig hat ihn der Koffer mit dem Geld überzeugt, jedenfalls verabreden wir uns für den nächsten Morgen.

Bevor ich ins Bett gehe, beauftrage ich noch Sid, den Geldkoffer unauffällig in den Safe eines anderen Hotels zu schaffen. Sicher ist sicher. Wenn – rein zufällig – in dieser Nacht ein
Raubüberfall auf unser Hotel stattfindet, ist das schöne Geld der Bank of England verschwunden! Das würde mir mein Chef ziemlich krumm nehmen.

Gegen Mitternacht klingelt das Telefon.
»Ja?«, sage ich unwirsch.
»Hier ist Olson.«
»Was wollen Sie?«
»Ich bin unten in der Lobby. Wir wollen die Ware liefern.«
Hält der Mann mich für blöd? Mitten in der Nacht will er so einen Deal abwickeln. Ich soll mit ein paar Millionen Kronen in einem unübersichtlichen Hotel herumlaufen! Natürlich lehne ich ab und knalle den Hörer auf die Gabel. Sie werden nochmal anrufen. So läuft das Spiel. Ein bisschen Provokation als Test, ein bisschen Psychoterror als Weichmacher. Und dann wird es ernst.

Als das Telefon wieder klingelt, warte ich gar nicht erst ab, wer sich meldet. Ich weiß es ohnehin.

»Olson«, sage ich, »ich komme runter. Aber ohne Geld. Wir können reden. Mehr nicht.«Dann schlüpfe ich ohne Strümpfe in meine amerikanischen Loafers, ziehe einen Mantel über den Pyjama und fahre runter in die Lobby. Natürlich habe ich meinem Chef Bescheid gesagt. Er soll dafür sorgen, dass die Lobby voll ist mit norwegischen Zivilfahndern, die ein Auge auf mich haben. Olson merkt das natürlich auch und zerrt mich raus zu einem Mercedes T-Modell, in dem Ulving wartet.

Die Sache kommt mir ein wenig seltsam vor. Ich setze mich auf den Rücksitz, lasse aber die Tür offen und einen Fuß draußen auf der Straße. Olson starrt mich wie ein Psychopath an.
»Schon wieder Bullen!«, zischt er.
»Klar«, sage ich, »hier ist doch der Polizei-Kongress.«
»Aber das sind Zivilfahnder!«

Das braucht er mir nicht zu sagen. Ich habe selten in meinem Leben Einheiten der Polizei erlebt, die ihren Job so plump verrichten wie die Jungs, die mich unauffällig beschützen sollen. Aber wenn ich mich jetzt ärgere, nützt das nichts, also bleibe ich ruhig.
»Logisch«, sage ich, »die passen auf, dass den Rauschgiftleuten nichts passiert.«
Das scheint Olson einzuleuchten. Aber dann fällt ihm noch etwas ein: »Dein Fuß!«
»Was ist mit meinem Fuß?«, frage ich.
»Der ist draußen, nimm ihn rein!«
»Moment«, sage ich. »Mein Fuß ist draußen, weil ich ihn da haben möchte. Sollte Ulving am Steuer auf die blöde Idee kommen, plötzlich loszufahren, ohne mir etwas davon zu sagen, rolle ich mich so schnell ab und bin weg, dass ihr gar nicht merkt, dass ihr ohne mich unterwegs seid. Kapiert?«
Ich spiele die harte Nummer. Das scheint Olson zu überzeugen. »Okay«, sagt er, »war nur ein Test. Ich hol dich morgen ab.«

Im Hotelzimmer tu ich mich schwer, gleich einzuschlafen. Es ist nicht so, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Aber als Polizeibeamter kommt man schon mal ins Grübeln, wenn man mit Gangstern so verhandelt, wie ich es getan habe. Eigentlich müss-te ich diese Typen festnehmen, sie sind ausreichend tatverdächtig. Aber dann würden wir den »Schrei« niemals bekommen. Eines der großen Meisterwerke der Kunstgeschichte bliebe verschwunden, vielleicht für lange Zeit, vielleicht für immer. Womöglich würden es die Komplizen von Ulving und Olson tatsächlich zerstören. Das wäre ein unermesslicher künstlerischer Verlust für die Menschheit. Also wäge ich den Wert der Kunst gegen den Wert der Strafverfolgung ab. Als ich einschlafe, hat die Kunst gewonnen.

Am nächsten Morgen kommt Olson allein. Wir sollen Ulving an einer Autobahnraststätte treffen. Sid fährt den Renault. Ich sitze vorn neben ihm, Olson hinten.

Sid blinzelt mir zu. »Lass uns die Show abziehen!«, heißt das. Ich beuge mich vor, blicke in den Seitenspiegel, runzle die Stirn, schaue noch einmal, genauer. Dann wende ich mich zu Olson.
»Kann es sein, dass wir verfolgt werden?«
Olson dreht sich um, beobachtet die Straße: »Ich weiß nicht.« Er wirkt unsicher.
»Mal sehen«, sage ich. Und dann zu Sid: »Häng sie ab.«

Darauf hat Sid nur gewartet. Er ist einer der besten Fahrer, die wir bei Scotland Yard haben. Wenn einer einen Verfolger abschütteln kann, dann er. Sid gibt Gas, ich lege den Gurt an. Sid schleudert in eine Nebenstraße, wendet mit quietschenden Reifen und schießt zurück auf die Hauptstraße. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Olson ebenfalls zum Gurt greift. Sid rast in ein Parkhaus, die Rampen hoch, runter und wieder raus. Er bremst, er beschleunigt – das volle Programm. Es fällt uns schwer, ein Grinsen zu unterdrücken. Natürlich war niemand hinter uns her, aber Olson ist stark beeindruckt. Er hält uns für ganz harte Burschen. Keine schlechte Voraussetzung für die weiteren Verhandlungen.

Ulving wartet an der Raststätte auf uns, dieses Mal nicht im Mercedes-Kombi, sondern im Mercedes-Coupé. Wir be-schließen, dass ich mit ihm zusammen das Bild hole, während Sid und Olson ins Plaza-Hotel zurückfahren. Wenn die Bildübergabe klappt, händigt Sid Olson das Geld aus.

Ich quetsche mich neben Ulving in das enge Cockpit des Mercedes. Er steuert das Auto Richtung Süden zum Oslofjord. Ulving fährt sehr schnell. Ich lege wieder den Gurt an.
»Haben Sie etwa Angst?«, fragt er spöttisch.
Ich antworte nicht.

Nach etwa vierzig Kilometern biegt er ab und stoppt in der Ortschaft Asgardstrand vor einem hübschen Haus. Es liegt direkt am Fjord, ein kleines Wäldchen schützt es vor den neugierigen Blicken der Menschen auf den Ausflugsbooten, die an der Küste entlangtuckern.
»Mein Sommerhaus«, sagt Ulving.

Er öffnet die Tür, führt mich erst in einen Wohnraum, in dem die Möbel für den Winter sorgfältig mit weißen Laken abgedeckt sind, dann in die Küche. Ein einfacher Teppich bedeckt den Boden. Er schiebt ihn zur Seite, eine Falltür wird sichtbar.
»Da unten ist es«, sagt Ulving und zeigt in das dunkle Loch, »Sie können es sich holen.«
»Entschuldigung«, antworte ich, »Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich da runterklettere. Das müssen Sie schon selbst machen.«

Ulving öffnet die Falltür, verschwindet im Dunkeln. Ich höre Geräusche. Dann taucht Ulving wieder auf. Mit der einen Hand zieht er sich durch die Luke im Boden, mit der anderen umklammert er einen flachen Gegenstand, der in ein blaues Leintuch gehüllt ist.

Ich halte die Luft an. Ist das wirklich Munchs »Schrei«? Ist in diesem blauen Laken eines der ersten expressionistischen Bilder der Kunstgeschichte verborgen? Ein Meisterwerk von unermesslichem Wert? Ulving trägt das Gemälde in den Wohnraum, legt es auf einen weiß gedeckten Tisch, öffnet das blaue Tuch. Ich sehe die Rückseite des Bildes: eine unvollendete Zeichnung, die Jahreszahl 1893 – und ein seltsames Muster von Wachstropfen.

Ich muss das Bild selbst gar nicht mehr sehen. Die Wachsspuren sind der Beweis: Vor mir liegt »Der Schrei«. Munch hatte ihn bei Kerzenlicht fertig gestellt. Als er die Kerze ausblies, spritzte Wachs auf die Rückseite des Kartons: ein unverwechselbares Kennzeichen. Trotzdem drehe ich das Werk um: Die geschlechtslose Figur mit aufgerissenem Mund und an den Kopf gehobenen Händen bietet ein Bild tiefster Verzweiflung und Pein. Ich bekomme eine Gänsehaut. – Wir wickeln das Gemälde wieder in das blaue Laken. Vorsichtig verstaue ich es hinter den Sitzen des Coupés. Dabei wird der Karton leicht beschädigt, das Auto ist sehr eng. Dann fährt mich Ulving zu einem Hotel in Asgardstrand, dessen Mitbesitzer er ist. Mein Herz schlägt so laut, dass ich glaube, jeder müsse es hören.

Während ich ein Tageszimmer im ersten Stock miete, will Ulving mit dem Auto zum Hintereingang fahren, damit wir das Bild nicht durch die Halle tragen müssen. Ich willige ein, schließlich habe ich keine andere Wahl. Ulving ist eine Minute mit dem Bild allein. Schon denke ich, er ist verschwunden. Aber dann taucht er am Hintereingang auf. Er übergibt mir den »Schrei«, und ich trage ihn vorsichtig in mein Zimmer, verriegele die Tür, schiebe eine Kommode davor, atme auf. Der erste Schritt zur Rettung des Bildes ist getan. Jetzt muss entweder Sid im Plaza das Lösegeld an Olson übergeben – oder die norwegische Polizei muss die Täter schnappen. Vorher kann ich dieses Hotel nicht mit dem Munch unter dem Arm verlassen – sicher wird es von den Gangstern beobachtet.

Ich öffne noch einmal das blaue Tuch. Ganz genau schaue ich mir das Gemälde an, bevor ich meinen Chef anrufe.
»Ich habe es«, melde ich kurz.
Ich nehme mir einen Drink aus der Minibar. Sorgfältig schütte ich den Inhalt des Fläschchens in ein Glas und leere es in einem Zug. Dann greife ich wieder zum Telefon und wähle eine Nummer in den USA.
»Getty Museum, how can I help you?« – Was kann ich für Sie tun?
Ich fasse mich kurz: »Mein Name ist Chris Roberts. Bitte richten Sie Ihrem Chef aus, dass ich den Munch habe.«

Kurze Zeit später stehen norwegische Polizisten vor der Tür. Fünf Tatverdächtige wurden festgenommen, sagen sie, darunter Ulving und Olson. Ich übergebe den Beamten das Bild und verlasse das Hotel. Frische Luft! Eine Stunde lang gehe ich auf dem Pier hin und her. Tief atme ich die salzige Brise ein, die vom Oslofjord hereinzieht. Ich spüre, wie die Spannung langsam von mir abfällt. Schließlich gehe ich zurück zum Hotel, wo ein Polizeiauto auf mich wartet, das mich nach Oslo zurückbringt.

Dort erfahre ich, dass es bei der Geldübergabe eine Panne gegeben hat. Sid saß – mit Olson und einem der Gangster – in seinem Zimmer. Plötzlich ging die Tür auf, und zwei norwegische Polizisten standen mit dem Geldkoffer davor. So war das nicht geplant gewesen. Aber Sid reagiere schnell: »Scheiße, Bullen«, schrie er, »haut ab!« Olson und der andere Mann verschwanden Hals über Kopf im Treppenhaus und wurden unten gefasst. Sid konnte das geliehene Geld der Bank of England in Empfang nehmen. Wir hatten Bild und Geld zurück – das würde dem Chef gefallen.

Drei der fünf Tatverdächtigen wurden später verurteilt. Olson und Ulving waren nicht darunter. Denn in Norwegen dürfen Polizisten nicht – wie ich es getan habe – unter einem Pseudonym ermitteln: Die so erlangten Erkenntniss gelten im Prozess nicht als Beweise. Aber was soll’s. Mir ging es nie um die Täter. Mir ging es darum, große Kunstwerke der Menschheit zu retten.

Später habe ich Sid auf einen Drink eingeladen. Er bekam ein Guinness, ich bestellte einen Wodka Soda. Aber dieses Mal bestand ich darauf, dass er Charley zu mir sagte, nicht Chris. Wie ich ihn nannte, werde ich niemals verraten. Er möchte seinen wirklichen Namen nicht gedruckt sehen. Aus Sicherheitsgründen.

Vor einigen Jahren ist Sid Walker offiziell gestorben: Der Polizist, der diesen Namen verwendet hat, ist nicht mehr bei Scotland Yard. Auch ich habe den Polizeidienst quittiert und arbeite jetzt als selbstständiger Kunstfahnder. Einer meiner aktuellen Fälle: »Der Schrei« von Edvard Munch. Am 22. August 2004 wurde eine andere, die »grüne« Version des Bildes, aus dem Edvard-Munch-Museum in Oslo entwendet. Die beiden Täter stürmten die Ausstellungshalle am helllichten Tag. Sie trugen Sturmmasken und hielten die Besucher des Museums mit einer Pistole in Schach, während sie das Bild von der Wand rissen. Ich bin ein großer Kunstliebhaber – ich werde auch diesen »Schrei« zurückholen. Und ich weiß auch schon, wie ...

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Autor/in: Michael Kneissler


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