Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Essay
Geld ohne Arbeit?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen: Was der Kirchenvater Paulus einst predigte, würden noch heute viele unterschreiben. Doch ein Grundeinkommen für alle macht Sinn – meint Wolf Lotter.
Nicht nur am 1. Mai wird sie Jahr für Jahr beschworen: die Arbeit. Sie regiert auch sonst unser Leben. Längst werden Bürger in zwei Klassen eingeteilt, Arbeitsplatzbesitzer und all jene, die keine Erwerbsmöglichkeit haben. Und Parteien und Verbände sind drauf eingeschworen, Arbeitsplätze zu schaffen, und zwar von jener Sorte, bei der Beschäftigte ein Leben lang pünktlich Steuern und Sozialabgaben bezahlen. Arbeit, Arbeit über alles. Warum eigentlich?
Diese Vorstellung ist tief in unserer Kultur verankert. Der Kirchenvater Paulus stellte kategorisch fest: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Doch war damit nicht etwas ganz anderes gemeint, als wir heute glauben? Arbeit ist nicht zwingend Erwerbsarbeit. Sie kann auch ohne Lohn, für die Gemeinschaft, stattfinden, so, wie es Mönche und Ordensleute über viele Jahrhunderte hielten. Das moderne Schlagwort dafür heißt: Bürgerarbeit, also eine Tätigkeit, die man zugunsten der Gemeinschaft ausübt, ohne dafür Geld zu bekommen.
Der »Erfinder« des Mönchtums, Benedikt von Nursia, nannte diese Haltung »Vita activa« – das tätige Leben. Zu ihm gehört ganz selbstverständlich auch die Vita contemplativa, der Rückzug, die Besinnung auf sich selbst und der Abstand zu allen materiellen Dingen. Fasten oder die klösterliche Zurückgezogenheit sind Symbole dafür. Arbeit bedeutet also nicht zwingend: Geldverdienen. Die Philosophin Hannah Arendt hat die Vita activa in ihrem gleichnamigen Buch zum eigentlichen Sinn des Lebens erklärt – zur »human condition« schlechthin. Ihre wichtigste Forderung lautet: Machen wir uns bewusst, was wir tun, wenn wir etwas tun. Und für wen. Und wozu. Doch tun wir das wirklich?
Unsere Realität sieht anders aus. Arbeit und Lohn gehören zusammen, untrennbar. Und Kontemplation gilt als Störfaktor. Vor der Industrialisierung hielten sich Arbeit und Freizeit die Waage, Phasen harter Produktion, in Erntezeiten etwa, folgten Monate des Müßiggangs – Vita activa und Vita contemplativa im Gleichklang. Erst die Industriegesellschaft löste diese den natürlichen Rhythmen des Jahres folgende Einstellung auf – und teilte den Tag in das, was uns normal vorkommt: drei »Schichten« zu acht Stunden, ein Leben lang. Das brachte Ordnung ins Leben.
Der rasante Aufstieg Preußens zur deutschen Führungsmacht – die 1871 zur Gründung des Deutschen Reiches führte – war dieser Kraft der Industrie geschuldet. Arbeit und Ordnung – und die damit verbundene Sicherheit – war eins. Und auch die Geburtsstunde der Sozialsysteme, der Kranken- und Rentenversicherung, fällt in die Boomphase der deutschen Industrie: Reichskanzler Otto von Bismarck installierte in den 1880er Jahren dieses Leitsystem des deutschen Sozialstaats, um die Menschen vollständig in das industrielle Taktsystem zu integrieren. Arbeit war nun immer Erwerbsarbeit. Wer nur etwas »tat«, galt bald als Müßiggänger – und seine Arbeit als pure »Liebhaberei« oder »Hobby« –, was nichts kostet, ist nichts wert. Wer dagegen viel arbeitet und viel Geld aus seiner Erwerbsarbeit zieht, der ist auch viel wert. So sieht unser Wertegerüst heute aus.
Doch die Sache hat einen entscheidenden Haken: Denn der tätige Mensch arbeitet im Grunde ständig daran, weniger arbeiten zu müssen. Automation, Verbesserung von Methoden, Rationalisierung und immer neue, effizientere Prozesse sorgen dafür, dass sich die Vollerwerbsgesellschaft der Industrie-Ära selbst das Wasser abgräbt. Man produziert mehr mit weniger Menschen. Arbeit ist ein Mittel zum Zweck, nicht umgekehrt.
Maschinen und Roboter, Computer und Automaten erledigen zunehmend, was früher in harter Handarbeit getan werden musste. Deshalb ist Deutschland – wie alle anderen entwickelten Länder – keine Arbeitsnation. Der Wirtschaftshistoriker Wolfgang Reinhard hat festgestellt, dass bereits in den 1990er Jahren »nur noch 25 Prozent der erwachsenen Lebenszeit auf die Arbeit verwendet wurden«. Arbeit ist also nicht alles. Nur mehr ein knappes Viertel. Tendenz sinkend.
Gerade noch knapp 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung stellen im weitesten Sinne etwas her – in Fabriken, Gewerbeunternehmen oder als Handwerker. Der Anteil der Mitarbeiter sinkt ständig. Das haben wir bereits erlebt: In den 1950er Jahren waren noch 20 Prozent der Werktätigen in der Landwirtschaft tätig, heute sind es weniger als zwei Prozent. Dennoch stellen diese wenigen Menschen viel mehr her als früher. Zwischen 1970 und 1995 – also den Jahren nach dem »Wirtschaftswunder« – hat sich die Produktivität in Deutschland verdoppelt. Nicht durch Muskelkraft, sondern durch Köpfchen und Automation.
Die Gewinne aus Automation und Fortschritt reichen durchaus, um all jenen, die in diesem Prozess nicht mitkönnen, ein gutes Einkommen zu garantieren – ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie der Fachbegriff lautet. Erst unsere Denkdogmen machen das zum Problem: Wer nicht erwerbsarbeitet, soll auch nicht angemessen leben können. Auch das Geld, das Arbeitslose heute erhalten, stammt zum überwiegenden Teil aus Steuergeldern, die letztlich nichts anderes sind als ein Teil der Gewinne, die unsere Überschussgesellschaft produziert.
Nüchtern ökonomisch betrachtet, spielt es keine Rolle, ob ein Bezieher solcher Leistungen arbeiten will oder nicht. Die Frage ist: Brauchen wir seine Arbeitskraft? Wenn nicht, und das ist immer stärker der Fall, dann gibt es keinen Grund, Menschen zu Almosenbeziehern zu stempeln. Hinter dem Grundeinkommen steckt also wirtschaftliche Logik und soziales Verhalten gleichermaßen. In Deutschland werden heute bereits mehr als 720 Milliarden Euro an Sozialvermögen umgeschichtet – Jahr für Jahr. Das ist die Summe aller Sozialleis-tungen, die von Bürgern und dem Staat erbracht werden, die Risiken wie Erwerbslosigkeit, Krankheit, Alter und Pflege- bedürftigkeit abdecken. Dazu eine Vielzahl von Leistungen, die alle mit einem bedingungslosen Grundeinkommen überflüssig würden.
Nicht alle, die in Fabriken oder in leicht automatisierbaren Dienstleistungsbereichen arbeiten, können morgen zu Wissensarbeitern »umgeschult« werden. Ihre Ausgrenzung aber hat schwerwiegende soziale Folgen: Denn wenn sie ohne Unterstützung und Chancen links neben der kleiner werdenden Arbeitsgesellschaft liegen gelassen werden, sind massive, teure Sozialkonflikte vorprogrammiert.
Diese Entwicklungen findet in allen wohlhabenden Nationen statt. Das ist der Grund, weshalb seit Langem die Frage diskutiert wird, wie ein Existenzrecht all jener gesichert werden kann, die in der Erwerbsarbeit keine Chancen mehr haben. Einer der ersten Vordenker war Paul Lafargue, der Schwiegersohn eines Mannes, der sich ganz und gar der Arbeitsgesellschaft verschworen hatte: Karl Marx. Lafargue veröffentlichte in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Buch mit dem provokanten Titel »Das Recht auf Faulheit«. Heftig kritisiert er darin den Arbeitsmythos der Anhänger seines Schwiegerpapas: »Das Proletariat hat sich von dem Dogma der Arbeit verführen lassen. Hart und schrecklich war seine Züchtigung.« Gott selbst habe ein wegweisendes Beispiel gegeben: »Nach sechs Tagen Arbeit ruht er auf alle Ewigkeit aus«, so Lafargues Interpretation der Schöpfung. Lafargue folgte 1912 der österreichische Ingenieur und Sozialtheoretiker Joseph Popper-Lynkeus mit seiner in Buchform gegossenen Theorie der »Allgemeinen Nährpflicht«. Er fordert da-rin, dass Teile der durch die damals bereits spürbare Automation erzielten Gewinne in ein »bedingungsloses Grundeinkommen« für alle fließen müssten.
Das bedingungslose Grundeinkommen ist etwas anderes als das, was der Sozialstaat heute Erwerbslosen bietet: Es ist ein Einkommen ohne Wenn und Aber, das allen Staatsbürgern – vom Kind bis zum Greis – zusteht. Es deckt die grundlegenden Bedürfnisse ab. Und niemand muss dafür Anträge ausfüllen oder sich auf Arbeits- und Sozialämtern zum Bittsteller machen. Die Idee vom Grundeinkommen ist keiner politischen Gruppe klar zuzuordnen. Unter ihren Vertretern finden sich liberale Vordenker wie der Soziologe Ralf Dahrendorf ebenso wie der amerikanische Nobelpreisträger für Ökonomie, Milton Friedman.
Einen radikalen Ansatz vertritt der erfolgreiche deutsche Unternehmer Götz Werner, der Gründer und Eigentümer der »dm«-Drogeriemärkte. Er propagiert ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger in der Höhe von bis zu 1500 Euro. Finanziert werden soll dieses an keine Bedingungen gebundene Einkommen durch so genannte Konsum- und Verbrauchssteuern, also etwa einer Mehrwertsteuer, die von heute 19 auf 50 Prozent ansteigen müsste. Das halten Kritiker für skandalös hoch. Doch schon heute ist das deutsche Durchschnittsgehalt mit mehr als 40 Prozent an Steuern und Abgaben belastet. Und jeder Bürger zahlt beim Einkauf die Mehrwertssteuer von bis zu 19 Prozent noch obendrauf. Der Einwand, dass eine pauschale Konsumsteuer von 50 Prozent »astronomisch« wäre, ist also rechnerisch nicht haltbar.
Wer weiterhin arbeiten will, würde den Gegenwert des bedingungslosen Grundeinkommens in Form einer Steuergutschrift bekommen. Der Vorteil der Erwerbsarbeiter liegt vor allem darin, dass sie ein übersichtliches Steuer- und Sozialsystem erhalten würden, das klar und transparent ist. Statt unterschiedlicher Renten gäbe es im Alter das Grundeinkommen. Arbeitslosengeld, Hartz IV, Familiengeld – und Hunderte weitere Sozialgelder – bräuchte niemand mehr. Ohne Privilegien und Ausnahmen – gleich für alle. So ein System brächte wohl auch mehr Mündigkeit zum Bürger zurück: Denn bezahlt wird Steuer nur dort, wo etwas verbraucht wird – klar und deutlich. »Vollbeschäftigung ist ein Mythos, eine Lüge«, ein Mythos, »von dem Politiker ganz vernebelt sind«, sagt Werner.
Aber auch im Lager der Politik zeigen sich langsam Risse. Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus hat gemeinsam mit dem Hamburger Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar ein Modell eines bedingungslosen »solidarischen Bürgergelds« entwickelt. Es gibt zwei Varianten, das »große Bürgergeld«, das 800 Euro pro Kopf entspricht, oder das »kleine Bürgergeld« von 400 Euro pro Monat. Wer sich für die 800er Variante entscheidet, würde jeden hinzuverdienten Euro mit 50 Prozent versteuern müssen. Dazu käme noch ein pauschaler Abzug für die Krankenversicherung von 200 Euro pro Monat. Bei der kleinen Variante läge die Pauschalbesteuerung bei 25 Prozent. Kinder würden nach Abzug der Gesundheitspauschale 300 Euro pro Kopf erhalten, Rentner ab 67 erhielten zum Bürgergeld eine staatliche Pauschalunterstützung von maximal 600 Euro.
Bleibt die Frage: Wie zukunftstauglich sind die Modelle? Das »solidarische Bürgergeld« ist berechenbar für alle und würden den Sozialapparat deutlich reduzieren. Allerdings setzt das Modell nach wie vor auf Steuern auf Arbeit und Abgaben auf Soziales – die Oberhoheit über das Vermögen der Bürger bleibt bei der Politik.
Werners Vision ist deutlich radikaler und visionärer – denn sie gibt die Handlungsfreiheit auch zurück in die Hände jener, die den ganzen Sozialstaat ohnehin finanzieren: die Bürger. Sie müssen vor allem den heute noch allgegenwärtigen Arbeitsmythos überwinden, der die Krise der modernen Sozialstaaten verursacht. Und selbst Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens gehen nicht davon aus, dass mit dem Recht auf Geld ohne Arbeit alle die Hände in den Schoß legen. Der aktive, tätige Mensch ist nach wie vor gefragt – viele werden sich nützlich machen, handeln und weiterhin arbeiten: Grundeinkommens-Bezieher könnten sich etwa in der Kinder- und Jugendarbeit, im Bildungs- und Ausbildungsbereich, als Alten- oder Landschaftspfleger engagieren, Aufgaben, für die heute vielfach noch das Geld fehlt.
Doch zuvor muss vor allem der Mythos der Erwerbsarbeit als Grundlage der Bürgerrechte abgebaut werden – der Mythos vom Menschen, der nur einer ist, wenn er rackert und viel Geld verdient. Vieles spricht dafür, dass dieser Mythos ins Wanken gerät. Mythen leben nicht ewig – auch wenn noch so hart an ihnen gearbeitet wird.
Wolf Lotter ist Buchautor und Redakteur beim Wirtschaftsmagazin »brand eins«
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