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Medizin

Gehirndoping

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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GehirndopingGehirndoping

Piloten, LKW-Fahrer, Programmierer und Ärzte schlucken sie – und Millionen von Kindern. In den USA greifen immer mehr Menschen zu Neuropharmaka, um ihre mentale Leistungsfähigkeit zu steigern. Entwickelt wurden diese Mittel gegen psychische Krankheiten.Als »Gehirn-Doping« missbraucht, sollen sie Konzentration, Gedächtnis und Kreativität anfeuern. Inzwischen ist die Drogenwelle nach Europa geschwappt. Wir dürfen die Gefahren nicht verharmlosen: Die Medikamente können schwere Psychosen verursachen, und womöglich untergraben sie die Demokratie. P.M.-Autor Reinhard Kargl hat eines der Mittel im Selbstversuch unter ärztlicher Aufsicht ausprobiert. Hier sein Bericht.

Es ist drei Uhr morgens.Seit 19 Stunden bin ich bei der Arbeit. Trotzdem fühle ich mich noch völlig frisch und munter, produktiv und motiviert. Meine Hände: trocken und ruhig, nicht feucht und zittrig wie nach zu viel Kaffee. Keine Spur von Überarbeitung. Während ich diesen Text schreibe, stehe ich unter dem Einfluss eines Neuropharmakons, das kürzlich auf den Markt gekommen ist. Das Medikament wird von einem großen Arzneimittelkonzern hergestellt, ist jedoch nur sehr be-schränkt erhältlich. Ich bekam es in einer Apotheke in Los Angeles auf Rezept. Es ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, hat aber unter Fachleuten großes Aufsehen erregt. Denn dabei handelt es sich nicht um ein Aufputschmittel wie Kokain – es wirkt völlig anders. Ich fühle weder Rausch noch Euphorie. Im Normalfall hat dieses Medikament keinen Einfluss auf körperliche Funktionen wie Motorik, Atmung und Verdauung. Auch Verstand und Urteilsvermögen werden nicht beeinträchtigt. Aber meine Energie scheint keine Grenzen zu kennen.

Besonders in Amerika verbreitet sich seit einigen Jahren ein neuer Trend: Immer mehr Menschen nehmen Medikamente zur mentalen Leistungssteigerung. Die meisten dieser Arzneien wurden ursprünglich zur Behebung von psychischen Störungen entwickelt. Aber jetzt nehmen sogar gesunde Schüler die Drogen – um konzentrierter lernen zu können oder bei Prüfungen besser abzuschneiden. Ein Sechstel der US-Studenten soll die Mittel schon ausprobiert haben. Piloten, LKW-Fahrer, Computerprogrammierer und Ärzte schlucken sie, um länger Leistung zu bringen. Auch das US-Militär ist hoch inte-ressiert. Konzentration, Lernfähigkeit, Ge-dächtnis, ja sogar Kreativität lassen sich durch die Hilfe aus dem Arzneischrank merklich verbessern – »Doping« fürs Gehirn.

Die Idee ist nicht neu. Schon Naturvölker versuchten, den Geist mittels Drogen auf Trab zu bringen. Die pflanzlichen Wirkstoffe nahmen sie durch den Verzehr zum Beispiel von Betelnüssen, Kavawurzeln oder Kokablättern auf. Wer sich so der Furcht entledigte, wer länger aufmerksam und reaktionsschnell blieb als andere, hatte größere Überlebenschancen.

Durch neue chemische Verfahren im 19. Jahrhundert gelang es, viele der Naturwirkstoffe zu extrahieren. Deutsche Chemiker erzeugten Kokain, das jahrzehntelang als medizinisches Wundermittel hoch gepriesen wurde. Kokain, so warb der Arzneimittelvertreiber Parke-Davis, mache »den Feigling mutig, den Stillen gesprächig und den Leidenden schmerzunempfindlich«. Bis 1916 konnte man es im Warenhaus kaufen. Es befand sich in »anregenden« Getränken, Schokoladen und Zigaretten (»garantiert gegen Depressionen«). Wein mit Kokain (»erfrischend für Körper und Gehirn«) wurde von Politikern und sogar vom Papst als Vitalmittel gelobt. Ein beliebtes Pulver gegen Heuschnupfen war fast reines Kokain. Zu den »Koksern« gehörten der Autor Robert Louis Stevenson, der Entdecker Ernest Shackleton und Sigmund Freud. Der Vater der Psychoanalyse empfahl Kokain zur Verbesserung von Libido, Appetit und Wohlbefinden. Eine Zeit lang wurde Freud von den Vertreiberfirmen für seine Lobgesänge sogar bezahlt. Zu spät erkannte er die fatalen Folgen des Kokains.

Ebenfalls von deutschen Chemikern stammte die erste völlig synthetisch hergestellte neuro-aktive Arznei: Amphetamin. Darunter versteht man heute eine ganze Gruppe verwandter Substanzen, von denen die erste 1887 bekannt wurde. Bis 1920
wusste damit niemand etwas anzufangen. Danach wurde Amphetamin unter dem Namen »Benzedrin« gegen Dutzende Beschwerden verordnet, darunter Depressionen, Epilepsie, Impotenz, Nachtblindheit, Übergewicht, Narkolepsie und Lethargie. Im Zweiten Weltkrieg wurden auf allen Seiten Millionen von Amphetamin-Tabletten an die Soldaten verteilt: Sie fördern Euphorie, Furchtlosigkeit, aggressives Verhalten und Wachsamkeit, stärken die Kampfbereitschaft.

Spätestens ab 1942 bekam Adolf Hitler von seinem Leibarzt häufig Amphetamin-Injektionen. Heute wissen wir: Das Mittel kann nicht nur zu Rastlosigkeit und Insomnia (Schlaflosigkeit) führen sowie Urteilsvermögen und rationelles Denken schwer wiegend beeinflussen – auch Selbstüberschätzung, Paranoia und andere Psychosen können die Folgen sein. War Hitlers zunehmend erratisches und starrsinniges Verhalten auf Drogen zurückzuführen? Historiker und Pharmakologen diskutieren darüber, ob die Weltgeschichte ohne Amphetamine anders verlaufen wäre.

Synthetisch hergestellte neuro-aktive Stoffe aus unseren Tagen erlauben es, viele Gehirnfunktionen präzise zu manipulieren. Dazu zählen Schlaf, Gefühle, Appetit, Libido, Gedächtnisleistung, geistige Aufmerksamkeit. Aber das ist erst der Anfang: vielleicht bald sogar die Intelligenz! Martha Farah, eine führende Expertin und Professorin an der University of Pennsylvania, prophezeit: »Die Fähigkeit des Menschen, seine eigenen Gehirnfunktionen zu steuern, wird die Geschichte der Menschheit so stark beeinflussen wie die Mechanisierung während der industriellen Revolution. Wir stehen heute am Beginn eines neuen Zeitalters der Neurowissenschaft.«

Die wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür gibt es erst seit kurzem: Diagnostik-methoden wie PET (»Positronen-Emissions-Tomografie«), CAT (»Computer-Axial-Tomografie«) und Kernspintomografie erlauben es, dem Gehirn bei der Arbeit zuzusehen. Auch die Wirkung von Medikamenten in den jeweiligen Regionen des Gehirns lässt sich damit studieren. Die ökonomischen Voraussetzungen für den Eintritt in ein neues Zeitalter der Neurowissenschaft scheinen ebenfalls erfüllt zu sein: Die Industrie ist heute bereit, Unsummen in die Forschung zu investieren. Auslöser dafür ist die alternde Bevölkerung in den Industrieländern. Medikamente gegen das Nachlassen von Lernfähigkeit, Gedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit und Intellekt bei alten Menschen: ein lukrativer Markt! Und Experimente haben gezeigt, dass viele Mittel für Senioren auch bei jungen und gesunden Menschen wirken.

Nun ist es schon 4.30 Uhr morgens. Meine Gedanken fließen immer noch geordnet und ohne Stocken dahin. In den letzten Wochen habe ich Hunderte Seiten von wissenschaftlichen Texten gelesen und stundenlange Gespräche mit Experten geführt. Trotz der späten Stunde kann ich mich ohne Schwierigkeiten an Einzelheiten erinnern. Ich habe den Eindruck, es wäre erst Abend – meine innere Uhr scheint stillzustehen. Einerseits bin ich froh über den Zuwachs an Energie. Andererseits frage ich mich: War es gut, quasi das Versuchskaninchen zu spielen? Wie »mein« Medikament im Detail funktioniert, ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die Arzneimittelbehörden in Europa und den USA haben es vorläufig nur zur Behandlung bestimmter exotischer Schlafstörungen zugelassen. Trotzdem liegt auf der Hand, was die Hersteller nicht offen zugeben: Langfristig wird das Medikament sicher vor allem als »Lifestyle«-Droge vermarktet – und verharmlost werden. Vor diesen Karren will ich mich, bei aller Experimentierlust, nicht spannen lassen. Nein, ich werde das Medikament meinen Lesern nicht nennen.

Verharmlosung hat Tradition – bestes Beispiel dafür ist Methylphenidat (MPD). Unter dem Handelsnamen »Ritalin« seit den 1960er Jahren auf dem Markt, wird es von US-Ärzten jährlich mehr als 20 Millionen Mal verschrieben. Sechs Millionen amerikanische Kinder – ein Achtel aller Schüler – nehmen es auf Rezept und mit elterlicher Zustimmung. Sogar Kinder unter fünf Jahren schlucken das Mittel, das im Sport der Erwachsenen als Doping verboten ist.

Verschrieben wird Methylphenidat gegen »ADD« (»Attention Deficit Disorder«) und »ADHD« (»Attention Deficit Hyperactivity Disorder«): Davon betroffene Kinder sind »hyperaktiv«, unkonzentriert, haben Lernschwierigkeiten und soziale Probleme. Die Ritalin-Befürworter (sie haben in den USA heute die klare Mehrheit) verweisen auf Studien, die das »Versagen« dieser Kinder auf organische Störungen im Gehirn zurückführen: Die Ausschüttung des wichtigen Neurotransmitters Dopamin ist reduziert. Methylphenidat bewirkt eine vermehrte Produktion dieses wichtigen Botenstoffs, das haben PET-Diagnosen gezeigt. Folge: Die Konzentrationsfähigkeit steigt, Schulaufgaben machen plötzlich Spaß. Kritiker zweifeln trotzdem am Erfolg von MPD: Amerikaner schlucken 90 Prozent aller weltweit erzeugten Ritalin-Pillen – warum sind dann seit den 1960er Jahren die Schulleistungen gesunken?

Aus medizinischer Sicht ist Methylphenidat keineswegs unbedenklich. Es stimuliert hauptsächlich das Zentralnerven-system und wirkt dabei ähnlich wie Amphetamine. Eine der Nebenwirkungen bekam der geniale Mathematiker Paul Erdös (1913 – 1996) am eigenen Körper zu spüren. Er nahm Amphetamine und Ritalin über Jahrzehnte, um bei seinen Studien besser voranzukommen. Zwar war er bis ins hohe Alter Spitze in seinem Fach, aber er bezahlte dafür mit Psychosen – hasste jede Berührung und wusch sich zwanghaft ständig die Hände.

Bekannt ist auch, dass Amphetamin-ähnliche Wirkstoffe wahnhafte Täuschungen und hastige Entscheidungen begünstigen können. Über Afghanistan fühlten sich zwei US-Militärpiloten irrtümlicherweise angegriffen. Ohne den Feuerbefehl abzuwarten, gingen sie zum Gegenangriff über – und beschossen versehentlich befreundete kanadische Truppen. Es gab mehrere Tote. Im Militärgerichtsverfahren stellte sich später heraus, dass die Piloten Medikamente gegen Übermüdung genommen hatten – eine bei langen Einsätzen weit verbreitete und von den Piloten akzeptierte Praxis. Verständlich, dass die Militärs jetzt scharf sind auf die neuen Mittel.

6 Uhr morgens – Sonnenaufgang hier in Los Angeles. Nach 22 Arbeitsstunden verspüre ich kaum Anzeichen von Müdigkeit. Wie lange wird das noch so weitergehen? Nur zur Sicherheit lege ich eine kurze Pause ein – die medizinischen Bedenken gegen die neuen MPD-Mixturen gehen mir nicht aus dem Kopf. Mein Schlafentzug-Experiment ist zwar legal – aber wie wird es mir hinterher gehen? Jetzt bin ich körperlich fit, habe keine gesundheitlichen Beschwerden und verwende keine anderen Medikamente. Ich werde von einem Arzt und einem Apotheker persönlich betreut – andernfalls wäre dieser Selbstversuch dumm und gefährlich. Ende der Pause – zurück an den Computer.

ADD und ADHD werden immer häufiger auch bei Erwachsenen diagnostiziert, was die Nachfrage nach MPD/Ritalin zusätzlich angekurbelt hat. Inzwischen ist das Medikament in den USA sowohl mit als auch ohne Rezept leicht zu beziehen. Um an ein Rezept zu kommen, wird der Arzt oft getäuscht: Der Patient lernt die typischen Symptome von ADD und ADHD auswendig und trägt sie dem Arzt vor. Der hat meist weder die Zeit noch die Möglichkeit, die Angaben im Detail zu überprüfen – und verschreibt. Wenn das nicht funktioniert, bleibt noch der Schwarzmarkt. Hier werden auch Neuropharmaka verhökert, die aus Apothekeneinbrüchen stammen – diese Fälle häufen sich in den USA.

Besonders problematisch ist die weite Verbreitung des Mittels unter Kindern. Schüler und Studenten bezeichnen es verharmlosend als »Kiddie Coke«. Psychologische Hemmungen gegen Drogenkonsum fallen oft weg, wenn das Medikament nicht von einem schmierigen »Dealer« stammt, sondern in einer hygienischen Verpackung aus der blitzsauberen Apotheke kommt. Außerdem wurde es an Tieren und Freiwilligen getestet – kann es da gefährlich sein? Kaum jemand macht sich die Mühe, den Beipackzettel eingehend zu studieren. Was dort unter »Nebenwirkungen« verzeichnet steht, sollte ausreichen, um auf den Konsum zu verzichten: Schlaflosigkeit, Traurigkeit, Haarausfall, psychotische Reaktionen und Herzrhythmusstörungen sind nur einige davon.

Amerikanische Schulkinder tauschen oder verkaufen ihre Tabletten oft ganz einfach auf dem Pausenhof. An vielen Schulen wurde dieses Problem so groß, dass nun alle mitgebrachten Medikamente bei der Schulkrankenschwester abzuliefern sind: Die Schüler müssen sich jede Pille einzeln abholen und dürfen sie nur unter Aufsicht einnehmen. Viele Schulbezirke haben inzwischen sogar »null Toleranz« verordnet: Jeder Schüler, der auch nur mit einer einzigen Pille erwischt wird, »fliegt« – selbst wenn er nur eine Aspirin- oder Vitamintablette dabei hatte!

Ganz besonders findige Köpfe unter den MPD-Konsumenten haben festgestellt, dass die Tabletten schneller und stärker wirken, wenn man sie zu Pulver zerreibt und schnupft. Mögliche Folgen: zerstörte Nasenschleimhäute und gefährliche Infektionen. Manch einer löst das Pulver in Wasser auf und injiziert die Brühe. Das kann zum Tod führen, denn manche Bestandteile der Pille sind nicht wasserlöslich.

Die US-Behörden sind auf das Ausmaß des Phänomens MPD/Ritalin nicht vorbereitet. Grundsätzlich unterstehen Zulassung und Kontrolle aller Medikamente den Arzneimittelbehörden und ihren Forschungsstellen. Dieser Apparat beschäftigt sich aber hauptsächlich mit der legitimen medizinischen Anwendung für Heilzwecke. Die Eigenbehandlung mit MPD zur Leistungssteigerung: eine gesetzliche und behördliche Grauzone.

Die gegen den Verkauf und Missbrauch von Rauschgiften eingesetzte US-Strafverfolgungsbehörde DEA (»Drug Enforcement Administration«) bekennt, dass es dort bezüglich Neuropharmaka noch nicht einmal umfassende Direktiven gibt. Dazu müsse erst einmal der politische und legislative Wille existieren – aber bisher werde die Sache heruntergespielt. Außerdem hätten die Bundes-Drogenfahnder der DEA und die lokalen Polizeibeamten schon mit den schweren »Straßendrogen« wie Opiaten oder Crack-Kokain alle Hände voll zu tun. Fehlanzeige auch beim »Office of National Drug Cont-rol Policy«, das die US-Regierung in Drogenangelegenheiten berät: Die Behörde gibt offen zu, dass sie über wenig Kenntnisse in diesem Bereich verfügt. Die gleiche Antwort bekommt man bei diversen Forschungsinstituten und Polit-Beratern: Die Selbstbehandlung mit Neuropharmaka in den USA ist eine empirische Terra incognita – »harte« Daten gibt es kaum. Und das, obwohl ein wissenschaftlicher Artikel der Expertin Martha Farah unlängst weltweites Aufsehen erregt hat. Darin schreibt sie, dass der Trend zum »Neurocognitive Enhancement« (»Neurokognitve Verbesserung«) schon weit verbreitete Realität und nicht mehr aufzuhalten ist.

Eine Gefahr, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Auch wenn wir heute einen Teil der biochemischen Prozesse im Gehirn verstehen, sind wir noch weit davon entfernt, das komplexe Zusammenspiel aller Funktionen zu erfassen. Der menschliche Geist, unser Bewusstsein, unsere Identitätsbildung entziehen sich nach wie vor unserem Verständnis. Wie weit können wir es wagen, in diesen Mechanismus medikamentös einzugreifen?

Diese Frage stellt sich umso dringender, als heute nicht nur Medikamente entwickelt werden, die das Gedächtnis verbessern – sondern auch solche, die das Gegenteil tun. Sie sollen helfen, traumatische Erlebnisse oder unangenehme Lebensabschnitte zu vergessen. Könnten dabei auch die erwünschten Erinnerungen verloren gehen?

Neben den medizinischen Nebenwirkungen muss man bei Ritalin & Co. auch mit psychischen und sozialen Begleiterscheinungen rechnen. Selbst wenn die Medikamente angeblich keine körperliche Sucht erzeugen können, entwickelt man leicht eine psychologische Abhängigkeit. Schon die Erfahrung, mithilfe einer Droge leichter lernen oder besser denken zu können, kann den Weg zur Sucht weisen.

In der Gesellschaft könnte erhöhter Konsum von Gehirn-Doping einen Irrsinns-Wettbewerb um die maximale »Brainpower« und Leistungskraft in Gang setzen: Wenn erst einmal alle medikamentös aufgerüstet haben, wird man zu noch größeren Dosen oder noch stärkeren Medikamenten greifen, um sich einen »Wettbewerbsvorteil« zu verschaffen. In der Schule ebenso wie im Job. Die Chancengleichheit, ein wichtiger Baustein der Demokratie, würde ausgehöhlt: Leistungssteigernde Medikamente müssen wegen der hohen Entwicklungskosten teuer sein – nur besser Verdienende werden sie sich leisten können.

Trotz aller Risiken und Nebenwirkungen sehen Wissenschaftler wie Martha Farah keinen Grund für ein Verbot der Mittel oder für die Forschung auf diesem Gebiet. Bestrebungen zur Verbesserung der persönlichen Leistungsfähigkeit würden von westlichen Gesellschaften stark befürwortet.

Auch in europäischen Ländern verbreitet sich MPD inzwischen wie ein Lauffeuer. In Deutschland sei, so die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, die Zahl der Ritalin-Rezepte »explosionsartig angestiegen« – von 1997 bis 2000 um 270 Prozent. Laut Schätzungen nehmen hier zu Lande 150000 Kinder täglich Ritalin. Bei der Beschaffung spielt zunehmend der Medikamentenhandel im Internet eine Rolle. Die UN-Drogenkontrollbehörde warnte davor, dass immer mehr Internet-Apotheken verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept verkaufen und Mittel verharmlosen, die süchtig machen können – zum Beispiel Ritalin.

Den weiteren Grund für die große Verbreitung des Mittels sieht Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen und einer der schärfsten Ritalin-Kritiker in Deutschland, in der »verheerenden Verschreibungspraxis«. In einem SPIEGEL-Interview sagte er: »Fast jeder Kinder- oder Hausarzt kann hier ein Ritalin-Rezept ausstellen, obwohl das Medikament zu den Betäubungsmitteln zählt und nur von qualifizierten Kinder- und Jugendpsychiatern verordnet werden sollte. Wir brauchen strengere Kontrollen wie etwa in Schweden. Dort dürfen nur wenige, ausgewählte Ärzte Ritalin im Rahmen eines detaillierten Behandlungsplans verschreiben.« Und: »In Deutschland scheinen sich manche Kinderarztpraxen hauptsächlich durch Ritalin-Verschreibungen zu finanzieren.«

Hüther kritisiert das Medikament auch aus medizinischer Sicht, denn die Langzeitfolgen seien bisher unerforscht. Seiner Meinung nach könne es die Hirnentwicklung von Kindern stören: »Ich muss befürchten, dass wir demnächst immer jüngere Parkinson-Kranke bekommen.« Statt allein auf Ritalin & Co. zu setzen, empfiehlt Hüther die psychotherapeutische Behandlung der Symptome ADD und ADHD. Dieser Ansatz korres-pondiert mit dem des US-Pychologen Richard DeGrandpre von der Universität Burlington in Vermont. Er sieht als Hintergrund für den Griff zur Pille Phänomene der westlichen Kultur: Unruhe und Hektik. Seine Empfehlung: eine Verlangsamung unseres Lebensstils, ein Ende der Sucht nach immer neuen Sinnesreizen.

Zurück zu meinem Experiment. Zwölf Stunden nach der ersten Dosis nahm ich eine zweite (diesmal um die Hälfte reduziert) und weitere sieben Stunden später die dritte und letzte. Insgesamt war ich mehr als 40 Stunden lang wach – während der gesamten Zeit konnte ich konzentriert und problemlos arbeiten. Ein seltsames Gefühl: Die Stunden verflogen, ohne dass ich meine innere Uhr ticken spürte. Kein Zweifel – das Medikament hat funktioniert. Versuchspersonen konnten damit mehrere Tage ohne Schlaf auskommen, aber so weit wollte ich nicht gehen. Nach Mitternacht des zweiten Tages ging ich zu Bett und schlief wie gewöhnlich. Am nächsten Tag schmerzten mein Rücken vom langen Sitzen und mein Kopf vom langen Starren auf den Bildschirm, aber ansonsten schien alles normal. Mir ist nur aufgefallen, dass meine Träume in der ersten Nacht nach dem Experiment besonders intensiv waren. Wahrscheinlich hatte ich Nachholbedarf!

P.S.: Tage später habe ich meinen Selbstversuch nochmals überdacht. Nun weiß ich also, dass ich problemlos zwei Nächte durcharbeiten kann. Vielleicht auch drei? Oder vier? Wie harmlos wäre das Ganze dann? Mein Arzt gab mir zwei unmissverständliche Antworten. Erstens sei der Mangel an Traumzeit psychologisch gefährlich. Zweitens mache der Körper irgendwann nicht mehr mit: Stress, Überarbeitung und die Störung des natürlichen Biorhythmus würden früher oder später ihren Tribut fordern. In Japan gäbe es dafür einen Ausdruck: »Koroschi« – Tod durch Überarbeitung. Für mich ist die Sache klar – ich führe mich nicht noch einmal in Versuchung: keine Experimente mehr. Keine Drogen.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.3 (3 Bewertungen)
Autor/in: Reinhard Kargl


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