Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Nur werden die Ämter leider nicht von Gott vergeben.
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Medien der Zukunft
Fernsehen - seine geheimen Gesetze
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Nicht nur technisch wird das Fernsehen immer besser. Zu schärferen Bildern und Sendungen in 3-D kommen auch neue Sehgewohnheiten: Allein und daheim vor der Glotze zu hocken ist out –TV wird zum sozialen Gemeinschaftserlebnis.
Angeblich hat noch keiner länger ferngesehen als er: Efraim van Oeveren, Student aus dem niederländischen Tilburg. Anfang September schaute er bei einem TV-Marathon in Hilversum so lange auf den Bildschirm, bis ihm Hören und Sehen verging. Am Ende war er nach 86 Stunden vor der Glotze allen Mitstreitern turmhoch überlegen. Wobei sich der 28-Jährige weniger für Mond, Sterne oder Tierdokumentationen interessierte. Stattdessen hielt er sich mit einem Programm-Mix aus Krimis, Komödien und Kickbox-Kämpfen wach. Der Lohn für seinen unermüdlichen Einsatz: ein Fernsehgerät und ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.
Mit seiner respektablen Leistung gehört van Oeveren allerdings zu den Dinosauriern des Zapping-Zeitalters. Matt vor der Mattscheibe zu verdämmern ist out. Das prophezeien Medienexperten und Trendforscher. Ihre Visionen von der schönen bunten Fernsehzukunft setzen auf mehr Dynamik – auf und vor dem Bildschirm.
Denn die Konkurrenz schläft nicht: Statt auf der Fernbedienung herumzudrücken, klicken Deutschlands TV-Zuschauer inzwischen mindestens ebenso intensiv durch die Weiten des World Wide Web. Der telegene Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verkündete im April schon mal tollkühn den Paradigmenwechsel: »Das Internet ist zum Leitmedium der modernen Informations- und Wissensgesellschaft geworden.« Tatsächlich stagniert nach rasanten Zuwachsraten in den letzten Jahrzehnten der tägliche Fernsehkonsum bei 204 Minuten. Die stolze Zahl täuscht. Gerade bei den Jüngeren flackert der Flachbildschirm nur als modernes Lagerfeuer im Hintergrund, während man nebenbei andere Dinge erledigt.
Dabei hat alles so gut angefangen. Am 4. Juli 1954 versammelt sich die Nation zu einem Vorläufer des Public Viewing. Die deutsche Elf spielt im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Ungarn. Doch nur in knapp 100 000 Haushalten steht eines der neumodischen Schwarzweißgeräte. Deshalb drängeln sich ganze Nachbarschaften in den Wohnzimmern der wenigen Besitzer. Kneipenwirte, die tausend Mark in eine »Flimmerkiste« investiert haben, machen das Geschäft ihres Lebens. Vor allem, als Helmut Rahn zum entscheidenden 3:2 trifft.
Nach dem »Wunder von Bern« tritt das technische Wunderding endgültig seinen Siegeszug in die guten Stuben der Republik an. 1957 liefern bereits eine Million Fernsehapparate Information und Unterhaltung ins Zuhause. Zehn Jahre später auch in Farbe. Heute will nur ein Prozent der Bevölkerung auf Serien, Soaps und Superstars verzichten.
Eigentlich erstaunlich. Denn seit seinen Anfängen steht das Fernsehen unter Generalverdacht als Kulturkiller oder Suchtmittel, das die Massen mit einem Potpourri aus Belanglosigkeiten ruhigstellt. Intellektuelle und Pädagogen warnen vor den Folgen ungezügelter Schaulust. »Wir amüsieren uns zu To-de«, klagte Neil Postman schon vor 25 Jahren.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu geißelt die Dauerberieselung als »banalisierende Kraft« und »große Gefahr für das politische und demokratische Leben«. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, zog im vergangenen Jahr folgendes Fazit aus einer Jugendstudie: »Zu viel Medienkonsum macht dick, krank, dumm und traurig, vielleicht auch aggressiv.« Und der Publizist Michael Jürgs watet in seiner aktuellen gleichnamigen Streitschrift durch die »Seichtgebiete« des Entertainments. Untertitel: »Warum wir hemmungslos verblöden«.
Selbst der Papst verteufelt in ungewohnter Übereinstimmung mit Popgöttin Madonna unsere lieb gewonnenen Sehgewohnheiten und verordnet gelegentliches mediales Fasten. Dabei sind TV-Geräte im Schlafzimmer das beste Verhütungsmittel gegen fleischliche Versuchungen. Die italienische Psychologin Serenella Salomoni ermittelte in einer Befragung von 523 Paaren, dass sich die Sex-Quote nach Einzug eines Fernsehers halbiert. Nur Eheleute über 50 lassen sich nicht so leicht ablenken und beherrschen den flotten Dreier mit der Mattscheibe. Möglicherweise kennen sie auch den Universaltipp der 63-jährigen Hollywood-Diva Liza Minnelli: »Über die angeblichen Gefahren des Fernsehens kann ich nur lachen. Ein Knopfdruck genügt, und jede Gefahr ist vorüber.«
Im ewigen Streit ums Ein- oder Abschalten erweist sich Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht als entschiedener TV-Fan: »Ich verdanke dem Fernsehen einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Weltwissens. Das Fernsehen hat uns, wenn auch in einem oberflächlichen Sinn, in einem Maß über die Welt informiert, wie das keiner Generation vor uns vergönnt war.« Und selbst dem Laster des Zappens gewinnt er gute Seiten ab: »Da kann es passieren, dass ich in eine Sendung hineingerate, die mich an sich nicht interessiert, die aber so gut gemacht ist, dass ich hängen bleibe. Auf diese Weise Neugier schüren, das kann das Fernsehen wie kein anderes Medium.«
Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaften in München, stimmt zu: »Fernsehen liefert Gesprächsstoff und hilft dabei, eigene Entscheidungen und Erfahrungen an der Lebenswirklichkeit abzugleichen.« Autor Steven Johnson geht in seinem Buch »Die neue Intelligenz – Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden« sogar noch weiter. Das komplexe Beziehungsgeflecht der amerikanischen Kultserie »24«, so eine seiner Thesen, stelle jeden Dostojewski-Roman in den Schatten.
Doch Gehirnjogging mit Chips und Cola auf der Couch reicht den TV-Visionären nicht mehr. Panasonic-Präsident Toshihiro Sakamoto riskiert schon mal einen Blick in die Wohnzimmer von morgen: »Die Zeiten des reinen Fernsehens sind vorbei. Das Gerät wird zum Fenster in die eigene Welt. Sie können mit ihm das Baby im Kinderzimmer überwachen, die Haustür, wenn jemand klingelt, oder Ihre im Internet gespeicherten Bilder anschauen. Und es wird interaktiv. Beim Workout vor dem Bildschirm wird das Fitnessgerät angeschlossen und übermittelt Daten an den Trainer, der per Video zugeschaltet ist.«
Im Seniorenheim Alt-Lehel in München ist Sakamotos euphorische Zukunftsbeschreibung beinahe schon ein alter Hut. Dessen Bewohner treffen sich seit über einem Jahr zu Bowling-Wettbewerben vor dem Bildschirm. Mit weit ausholenden Schwüngen und der Hilfe einer Wii-Computerspielkonsole bringen sie ihre virtuellen Kugeln ins Rollen – aufmerksam beobachtet von Josef Kiener und Markus Deindl. Die beiden Studenten hatten die Idee, die Konsole als Therapiehilfe einzusetzen. Längst treten Altenheime in bundesweiten Turnieren gegeneinander an. Selbst Demenzkranke und Gehbehinderte sind mit sichtlichem Spaß bei der Sache. Die Münchner Logotherapeutin Gudrun Mehring freut sich über das televisionäre Fitnessstudio als neuen Aktivposten: »Durch die Spiele mit der Konsole können geistige und motorische Fähigkeiten der Senioren trainiert werden.« Ganz abgesehen vom Gemeinschaftserlebnis.
Das suchen verstärkt auch Jüngere vor dem Fernseher. Gerade Singles vermissen beim Gucken die familiäre Kuschelatmosphäre aus der Kindheit. Die große deutsche Fernsehfamilie ist ohnehin spätestens mit dem schier grenzenlosen Programmangebot der per Satellit oder Internet zu empfangenden Sender ausgestorben. Vorbei sind die Zeiten, als man bundesweit in Bussen, Büros und Bäckereien über den Durbridge-Krimi oder die großen Samstagabend-Shows von »Wünsch dir was« bis »Einer wird gewinnen« debattierte. Stattdessen sortiert sich das TV-Publikum in unzählige Communities, die über »Dr. House«, britische Comedy-Größen oder italienische Fußballsendungen fachsimpeln wollen.
Doch seit fünf Jahren formiert sich eine Bewegung, die ihre Sehnsucht nach Nestwärme in aller Öffentlichkeit auslebt. In Szenelokalen von München bis Hamburg verabreden sich hippe Großstädter zur bürgerlichsten aller Sonntagabend-Aktivitäten: »Tatort« sehen. Wahlweise auch »Germany’s Next Topmodel« oder Kultserien. Die Gemeinschafts-Gucker erwartet neben gemütlicher Atmosphäre auch der eine oder andere Wohlfühl-Bonus. Wenn die Besucher des »Gernsehclubs« von Berlin-Kreuzberg in ihren Sitzsäcken abhängen, gehören Gummibärchen, Hot Dogs und eine Nackenmassage zum Fernsehabend.
Demnächst möglicherweise auch eine Begegnung der dritten Art. Mehrere TV-Hersteller werben bereits für ihre Geräte mit 3-D-Technologie. Der Nervenkitzel, die Waffe des Bildschirm-Bösewichts scheinbar direkt vor der Nase zu haben, soll sogar ohne Spezialbrille zu erleben sein. Entsprechendes Augenfutter liefert der Bezahlsender Sky. Im kommenden Jahr will er in Großbritannien Spielfilme, Sport und Entertainment-Programme in 3-D ausstrahlen.
Bis 2020 wird sich das flimmernde Fenster zur Welt in unseren Wohnzimmern noch viel weiter öffnen. Internet und Fernsehen verschmelzen endgültig. Informieren, surfen, telefonieren, konferieren wird man künftig ganz bequem zu Hause vor der XXL-Mattscheibe. Dazu maßgeschneiderte Programme schauen, die nach dem persönlichem Profil aus dem weltweiten Angebot zusammengestellt werden. Wem das zu langweilig ist, gründet seinen eigenen Kanal und bestückt ihn mit selbst gedrehten Beiträgen oder Shows. Wer es damit zum ersten Selfmade-Superstar des globalen Fernsehzeitalters schafft? Schaun mer mal!
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