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Ludwig XIV.

Europas Sonnenkönig

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Schon früh war Ludwig XIV. ein Schauspieler in allen Lebenslagen, denn seine Zeitgenossen waren es gewohnt, die Welt als Bühne zu begreifen
iStockphoto

Ludwig XIV. erklärte 1661, nach dem Tod von Kardinal Mazarin, dass er fortan alleine über das Land herrschen werde. Mit viel Pomp und Glorie inszenierte er daraufhin sein barockes Regiment – und überzog seine Nachbarn mit verlustreichen Kriegen.

Diese Nacht sollte Ludwig XIV. fürs Leben prägen: Als die aufgewiegelte Menge draußen an den Palasttoren schrie, man wolle sehen, ob der König da sei, hatte ihm seine Mutter Anna von Österreich befohlen, sich ins Bett zu legen. Dann ließ sie, gezwungen von Kardinal de Retz, einem Anführer der Verschwörer, die Tore öffnen. Die Aufständischen drangen bis ins Schlafzimmer des Königs vor. Und er, der von Gott erwählte Herrscher Frankreichs, lag voll angekleidet und mit Stiefeln unter der Decke und musste so tun, als schlafe er. Bei seinem Anblick beruhigten sich die Eindringlinge, blieben ergriffen stehen und verließen den Raum auf Zehenspitzen.

Für sein Selbstverständnis hatte der 12-Jährige an diesem 9. Februar 1651 zwei fundamentale Erfahrungen gemacht. Zum einen, dass er mitten in der Hauptstadt Paris seinen Feinden schutzlos ausgeliefert war. Zum anderen, dass allein seine Existenz, sein Erscheinen als König eine fast religiöse Ehrfurcht auslösen konnte – sogar, wenn er im Bett lag. Tatsächlich hatte das Volk von Paris in jener Nacht einen Fluchtversuch der königlichen Familie vereitelt. Obwohl entwürdigend, blieb für Anna von Österreich kein anderes Mittel, um ihrem Sohn in den Zeiten des Bürgerkriegs die Krone zu retten. Das Palais Royal ließ sich militärisch nicht verteidigen. Zwei Jahre zuvor war ihr die geheime nächtliche Flucht geglückt. Um die verblüfft in der Hauptstadt zurückgebliebenen Gegner der Krone hatte die Regentin dann einen Belagerungsring ziehen und sie aushungern lassen.

Der Feind hieß »Fronde«, übersetzt »Schleuder«, ursprünglich die Schleuder, mit der sich die Pariser Straßenjungen beschossen. Verwickelt waren auch Angehörige der königlichen Familie – besonders Gaston d’Orléans, der Onkel des Königs. Zwar hatte das Parlament von Paris Anna von Österreich nach dem Tod Ludwigs XIII. 1643 zur Regentin erklärt – der Thronfolger war ja erst fünf. (Das Pariser Parlament war keine Volksvertretung, sondern der oberste Gerichtshof, der Edikte des Königs revidieren und in finanziellen Angelegenheiten in die Beschlüsse der Regierung eingreifen konnte. Solche Parlamente gab es auch in den Provinzen.)

Gegen alle Befürchtungen zeigte sich die Habsburgerin, die sich an der Seite ihres abweisenden Mannes immer als Spanierin gefühlt hatte, nun ausschließlich als Französin – was ihre politische Haltung betraf. Doch die Ernennung von Ludwigs Taufpaten, dem aus Italien stammenden Kardinal Jules Mazarin zum Premierminister und damit zum Chef der Regierung, war ein Schlag gegen den Hochadel, der sich weitgehend entmachtet sah.
Wenn Ludwig nicht gerade auf der Flucht war, arbeitete man an seiner Erziehung. Bis zu seinem siebten Lebensjahr war er in den Händen der Frauen geblieben, also in denen seiner Mutter Anna, einer strengen Katholikin. Zwei Tage ließ sie ihn einsperren, weil er geflucht hatte. Bis er neun war, soll sie ihn mit der Peitsche gemaßregelt haben. Andererseits beherrschte die Habsburgerin perfekt die im höfischen Umfeld unverzichtbare Kunst der Verstellung. Eine Kunst, die Ludwig später zu einem Grundzug seines herrschaftlichen Auftretens machen sollte.

Die Figur des Vaters, des düsteren, lebenslang an Tuberkulose leidenden Mannes, dürfte für Ludwig kaum jemals nachahmungswürdig erschienen sein. Anna von Österreich ermahnte ihn: »Mein Sohn, gleichen Sie ihrem Großvater und nicht Ihrem Vater.« Als er den Grund wissen wollte, soll sie ihm erwidert haben: weil man beim Tod Heinrichs IV. geweint habe, aber beim Tod Ludwigs XIII. erleichtert war.

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Autor/in: Bettina Jech

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