Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur liegt darin, daß du in der Demokratie wählen darfst, bevor du den Befehlen gehorchst.
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Es lebe der Überfluss!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Geiz ist geil? Nicht in der Natur. Sie liebt die Verschwendung – und schafft damit die Grundlage für pulsierendes Leben überall. Ein Plädoyer für die Großzügigkeit.
Kaum ein Wort hat in Japan so viel Gewicht wie »sakura«. Übersetzt bedeutet es Kirschblüte. Wenn sich Mitte, Ende März die ersten Kirschblüten zeigen, dann wird aus dem Land der effizienten und disziplinierten Arbeiter ein ausgelassenes, feierndes Volk. Alle strömen nach draußen, um inmitten der Kirschbäume auf Wiesen und in Parks zu feiern – die Schönheit, den Aufbruch, den Frühling, kurz: das Leben. Das japanische Kirschblütenfest markiert den Höhepunkt des kulturellen Lebens im Reich der aufgehenden Sonne. Es ist ein Fest des Überflusses, der verschwenderischen Lebensfreude.
Das ist mehr als die blumige Beschreibung eines Idylls. Die Blüten des Kirschbaums stehen für das zentrale Motiv der Evolution: aus einer unübersehbaren Anzahl an Varianten neues Leben zu schaffen. Ganz Japan ist in Rosa und Weiß getaucht – ein Meer von Blüten. Wozu eigentlich? Es würde völlig ausreichen, dass ein Kirschbaum nur einige Dutzend Blüten produziert. Weshalb »weiß« die Natur nicht, dass das genügt? Warum blühen Milliarden Kirschblüten, die niemals die gleiche Anzahl Kirschbäume nach sich ziehen werden? Die meisten Samen werden nie zu Bäumen. Dass ausgerechnet die Kirschblüten es im hochindustrialisierten, effizienten Japan zum Symbol des Lebens gebracht haben, verwundert – auf den ersten Blick.
Doch vielleicht ist der Blick der Europäer getrübt. Denn die Vorstellung, dass die Natur eine nach den Regeln industrieller Fertigung laufende »Fabrik« ist, die exakt – just in time – das produziert, was eben gebraucht wird, ist falsch.
Was für Kirschblüten gilt, kann man auch auf jeder Blumenwiese sehen: Ein Fest der Verschwendung findet in jedem Frühling und Sommer statt. Auch Fische sind alles andere als sparsam, wenn es um die Fortpflanzung geht: Abertausende Eier werden ausgestoßen, aber nur ein Bruchteil von ihnen schafft die Entwicklung zum Fisch. Und im Universum existieren geschätzte 100 Milliarden Galaxien, von denen jede einzelne wiederum 100 Milliarden Sonnen beherbergt. Naturgemäß gibt es eine noch höhere Anzahl Planeten und Trabanten – und nur auf einem einzigen davon existiert nach unserem Wissen Leben: auf der Erde. Auch im Kosmos herrschen Verschwendung über alle Maßen und unübersehbare Vielfalt.
Charles Darwins bahnbrechende Erkenntnisse über die Evolution besagen im Grunde nichts anderes: Vielfalt und Verschiedenartigkeit sind es, die Leben entstehen lassen und Entwicklung fördern. Kein einziges bekanntes Vermehrungs-Modell aus der Natur ist das, was wir effizient nennen. Der Hamburger Chemiker Michael Braungart, früher einer der führenden Köpfe von Greenpeace und heute international anerkannter Umweltunternehmer, predigt seit langem: »Verschwendung ist natürlich – es ist das Prinzip der Evolution.« Die Kirschblüte ist auch für Braungart das Symbol einer Kraft der Verschwendung, die das Leben treibt. Nicht Sparsamkeit und Zurückhaltung stecken hinter der Evolution, sondern die Methode, eine möglichst große Vielzahl von Varianten anzubieten.
Doch genau das macht uns heute die Verschwendung madig. Die Industriegesellschaft, die vor zweihundert Jahren mit enormer Wucht über die Menschheit gekommen ist, fordert ständig Effizienz. Das deutsche Wort stammt vom lateinischen »efficere« (»bewirken«) ab und bedeutet laut der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia: »Das Verhältnis eines in definierter Qualität vorgegebenen Ziels zu dem Aufwand, der zu Erreichung des Ziels nötig ist.« Es würde dem Kirschbaum für seine Reproduktion völlig genügen, wenn er nur einige wenige Blüten produziert. Alles andere ist nicht effizient: Mit dem geringsten Aufwand soll das Ziel erreicht werden.
Aber was wären die Konsequenzen dieses Effizienzdenkens? Würde die Natur nur für die Erhaltung des Vorhandenen sorgen, gäbe es keine Weiterentwicklung. Und beim Menschen würde Effizienz heißen, dass es keine Entdeckungen und Erfindungen gäbe. Denn wer Neues entdeckt, muss zwangsläufig unbekannte Felder betreten – mit Folgen, die sich nicht berechnen lassen. Wäre das Effizienzdenken immer schon Begleiter der Menschheit gewesen, wäre wohl kein Seefahrer, kein Naturforscher, kein Kolumbus, kein Amundsen je auf die Idee gekommen, unbekannte Risiken auf sich zu nehmen.
Der 2005 verstorbene Management-Vordenker Peter F. Drucker lehnte das übersteigerte Effizienzdenken der Industriegesellschaft ab. Nur durch »Effektivität« könne Neues entstehen und Herausforderungen erkannt werden. Effektivität wird im Alltag oft mit Effizienz verwechselt, ist aber etwas völlig anderes. Nicht das Diktat des geringsten Aufwands gilt – sondern das Prinzip: Alle Mittel, die der Erreichung des Zieles dienen, sollen zum Einsatz kommen. Damit können auch höher gesteckte Ziele angesteuert werden. So funktioniert das Universum und jede Blumenwiese.
Was aber ist dann mit den zentralen Werten der Industriegesellschaft, die heute noch die Ausbildung von Betriebswirten und jungen Managern prägen? Sind sie falsch? Nicht von vornherein. Einerseits hilft das Effizienzdenken, Rohstoffe zu sparen, also mit dem geringsten Aufwand zu wirtschaften. Andererseits verhindert diese »Doktrin der Knappheit« Fortschritt, Erfindergeist, Risikobereitschaft und die Abkehr vom »Sicherheitsdenken«, das besonders in Deutschland weit verbreitet ist. Geiz und Sparsamkeit, die Untugenden des Effizienzdenkens, führen in die Sackgasse. Sie verhindern die Sicht auf neue Entwicklungen und Varianten. Sie führen zu Monokultur und Einfalt.
Mittlerweile wird die Verschwendungssucht, die die Natur uns vorlebt, auch von einflussreichen Managementschulen erkannt und umgesetzt. Paul Ablay, einer der angesehensten Evolutionsbioniker, beschäftigt sich mit seinem Team am »Malik Management Zentrum St. Gallen« vor allem damit, Wirtschaftsexperten auf die Methoden der verschwenderischen Natur einzuschwören. »Jeder Schritt weg vom Knappheitsdenken bringt uns näher zur Realität und hin zu besseren Lösungen«, sagt er. Der Wissenschaftler war der Erste, der Evolutionsstrategien auf betriebswirtschaftliche Problemstellungen übertrug – und sich damit weltweiten Respekt erwarb.
Es gilt wieder, Neues zu entdecken. Das Prinzip Vielfalt, untrennbar mit der Verschwendung verbunden, feiert eine Renaissance. Zum Beispiel im Web 2.0, wo sich unzählige Produzenten von Weblogs, Podcasts, Waren und Ideen mit unzähligen Konsumenten auf einem gigantischen Marktplatz treffen. Über Online-Auktionen oder Webshops können Produkte verkauft werden, die im ortsgebundenen Handel zu wenig Käufer finden würden – also lohnt sich eine »verschwenderische« Produktion. Und das gilt auch für die ausgefallensten Waren. In einem Schwarzwald-Städtchen etwa würden sich vielleicht zehn oder 15 Menschen im Jahr eine Kuckucksuhr kaufen, die einen Meter hoch ist und in der zur vollen Stunde eine Spielzeugeisenbahn im Kreis fährt. Weltweit aber könnten sich einige tausend Käufer finden. Ein Shop im Schwarzwald wäre nicht effektiv – ein Online-Shop dagegen schon.
Dass Evolutionsstrategien erfolgreich sind, lässt sich nicht widerlegen. Dennoch gibt es Widerstände. Immerhin wurden Generationen von Managern, Organisatoren und Umweltbeauftragten nach alten industriellen Effizienz-Standards erzogen. Sie glauben, dass Reduzieren und Weglassen besser ist als Verschwendung und Vielfalt. Woher kommt unsere Freude am Geizen?
Selbst den Kirchenvätern war das suspekt: Geiz galt als eine der sieben Todsünden. Geizhälse waren nie beliebt, denn sie taten wenig für die Gemeinschaft. Verschwender hingegen spielen in Kunst und Literatur eine ebenso positive Rolle wie im wirklichen Leben: Wohltäter sind Menschen, die großzügig ihr Vermögen verteilen – nach Art des Kirschbaums sozusagen.
Aber die Kultur der Effizienz sitzt tief. Wer »Geiz ist geil« sagt, gilt nach wie vor als schlau. Leider graben sich all jene, die das meinen, selbst das Wasser ab. Seit Jahren erfreuen sich Discounter in Deutschland immer größerer Umsatzzuwächse, gleichzeitig geben die Deutschen immer weniger für die Waren aus, die sie kaufen. Ein Beispiel: Im Jahr 1950, kurz nach der Währungsreform und zu Beginn des deutschen Wirtschaftswunders, ging hierzulande fast die Hälfte eines jeden Haushaltseinkommens für Lebensmittel drauf – im Jahr 2005 nur noch elf Prozent. Ähnliches gilt für andere Produktgruppen. Soweit diese Waren im Inland produziert werden, kommt folgende Entwicklung in Gang: Sinkende Preise drücken Löhne und Gehälter nach unten; zu teure Arbeitsplätze werden wegrationalisiert oder exportiert; die Binnennachfrage sinkt, was wiederum auf die Preise drückt – usw. Die Geiz-ist-geil-Mentalität führt also letztlich zu mehr Arbeitslosigkeit und niedrigeren Einkommen – die ganze Volkswirtschaft leidet darunter. Warum aber verhalten sich die meisten Konsumenten trotzdem so – man könnte sagen -– unnatürlich geizig?
Hinter dieser Mentalität, die besonders in Deutschland weit verbreitet scheint, stecken jahrhundertelange kulturelle Konditionierungen. Früher durfte nur der Adel in Glanz und Gloria leben – für den Rest galt es als unschicklich, seinen Wohlstand offen zur Schau zur stellen. Besonders die protestantischen Regionen waren davon betroffen. Bürger, die es etwa als Kaufleute in den reichen norddeutschen Städten zu etwas gebracht hatten, pflegten einen äußerst sparsamen Lebensstil. Gott diente man am besten durch ein asketisches Leben. Dies schloss freilich nicht aus, dass man seine Reichtümer nach Kräften mehrte – denn auch das galt in der »protestantischen Ethik«, wie der Soziologe Max Weber diese vorherrschende Kulturhaltung des frühen Kapitalismus nannte, als Gottesdienst. Um bestmöglich zu dienen, musste man also schuften, sparen und geizen – durfte aber seinen Reichtum nicht zeigen, wie es in den katholischen Regionen üblich war. Bis heute kann man das in Städten wie Hamburg sehen: Die Patriziervillen in den noblen Vororten an der Elbe sind, verglichen mit den prachtvollen Bürgerpalais in katholischen Ländern, eher bescheiden. Noble Zurückhaltung gebot auch, die Villen etwas abseits von den Straßen zu errichten. Wer hat, der hat – aber bitte diskret.
Was jedoch – und das ist das eigentlich Bemerkenswerte – Verschwendung durchaus zuließ: Wenn sie das soziale Prestige förderte, war sie ebenso moralisch wie der Sparsinn. Der aus Norwegen stammende amerikanische Sozialforscher Thorstein Veblen gehörte zu den Ersten, denen das am Ende des 19. Jahrhunderts auffiel. Seine »Theory of the Leisure Class« (»Die Theorie der feinen Leute«) beschäftigte sich mit der »Upper Class« an der amerikanischen Ostküste, den »White Anglo-Saxon Protestants« (WASPs). In seiner Arbeit zeigte Veblen, wie sehr in der Oberklasse der weißen angelsächsischen Protestanten Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Es war das Prestige, das zählte: der Eindruck, den man bei anderen machte, indem man generöse Feste veranstaltete, hohe Spenden für karitative Zwecke verteilte oder sich mit fürs Geschäft völlig »nutzlosem Wissen« beschäftigte, vor allem der Pflege der schönen Künste. Zu Prestige kamen die WASPs nicht durch Knauserei, im Gegenteil. Wer das Ansehen anderer Menschen erlangen wollte, musste groß-zügig sein, sehr großzügig sogar.
So lautete eines der wichtigsten Ergebnisse Veblens: Auch die Protestanten verschwendeten – nur anders als die Katholiken, ihre Mitbewerber um die Gunst Gottes. Katholiken erlangten das höchste Prestige, indem sie sich selbst in der Sonne ihres Wohlstands präsentierten – WASPs hingegen, indem sie ihren Reichtum mit anderen teilten.
Das galt vor mehr als hundert Jahren – und ist heute ausgeprägter denn je. 2005 verkündete Microsoft-Gründer Bill Gates, der reichste Mann der Welt, dass er 90 bis 95 Prozent seines Privatvermögens in die mit seiner Frau Melinda gemeinsam geführte Stiftung einfließen lässt. Warren Buffet, Gates Freund und weltweite Nummer zwei auf der Liste der Superreichen, hatte bereits vorher wissen lassen, er werde von seinen 43 Milliarden Dollar Privatvermögen wenigstens 37 Milliarden stiften. Beider Geld wird zur Bekämpfung von Krankheiten wie der Malaria eingesetzt.
So ist die protestantische Ethik in der Praxis keineswegs auf Sparen und Geizen ausgelegt. Auch hier setzt sich – gegen alle Missverständnisse und Widerstände – das evolutionäre Prinzip der Verschwendung durch. Geben ist seliger denn nehmen: Die Natur hat das immer schon gewusst – und verschwendet munter drauflos.
- Natur & Reise
- Serie Gesellschaft im Wandel: Teil 2
























