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Schrott-Entsorgung

Endstation Meeresboden

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Endstation MeeresbodenEndstation Meeresboden

New York war schon immer für verrückte Ideen gut, aber diese klingt besonders kurios: Die Acht-Millionen-Stadt wirft ihre ausrangierten U-Bahn-Wagen einfach in den Atlantik.

Auch U-Bahnen werden mal alt. Und was macht man dann mit ihnen? Man könnte sie auseinanderschweißen, ihr Metall wiederverwerten. Aber wenn die Wände und Böden der Waggons Asbest enthalten? Was vierzig Jahre lang zuverlässig dem Feuer- und Schallschutz diente, wird auf einmal zum Problem. »Werfen wir die alten Dinger doch ins Wasser!« Irgendein New Yorker Stadtvater machte vor einigen Jahren diesen Vorschlag, und man kann sich den Aufschrei, der darauf folgte, gut vorstellen. Die Umwelt! Aber genau die sollte von diesem Plan profitieren.

Heute, einige Jahre und mehr als 1200 versenkte U-Bahn-Wagen später, sind sogar Naturschützer mit dem scheinbar verrückten Plan einverstanden. Der sieht so aus: Jeder ausrangierte Waggon wird von Rädern, Fenstern, Türen und Schmierstoffen befreit, bis nur noch die 9000 Kilogramm schwere Außenhülle übrig ist. Der Asbest bleibt drin, er kann aber im Wasser keinen Schaden anrichten, haben Untersuchungen ergeben. Mit Lastkähnen werden diese stählernen Skelette vor die Küste von Dela-ware, New Jersey, Virginia oder einem anderen östlichen US-Staat gebracht und dort über Bord geworfen. Innerhalb weniger Sekunden versinken sie im Wasser des Atlantiks. Und dann beginnt ihr zweites Leben.

Wenn sie in rund 20 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund landen, füllen sich die Waggons schon bald mit neuen Gästen. Muscheln siedeln sich hier an, willkommene Nahrung für andere Tiere, die ebenfalls in großer Zahl eintreffen. Wo vorher nichts war außer Sandboden, bildet sich ein künstliches Riff. Umweltschützer begrüßen das, wenn auch nicht uneingeschränkt: »Am liebsten wollen wir die Natur so ursprünglich wie möglich erhalten«, sagt Iris Menn, Meeresbiologin bei Greenpeace, »Tiere leben am besten in ihrem typischen Lebensraum.«

Unklar ist, ob die sich ansiedelnden Fische nur von anderen Stellen weggelockt werden oder ob sich neue Populationen bilden. Klar ist: Die ungewöhnliche Heimat wird von den Unterwasserbewohnern so gut angenommen, dass es hier von Meeresgetier nur so wimmelt. Und weiter oben oft auch von Fischern. Angelockt von reicher Beute, kommen sie sich zum Beispiel vor der Küste Delawares mit ihren Booten immer öfter in die Quere.

Die Idee, künstliche Riffe zu schaffen, ist nicht neu. Das größte besteht aus dem 275 Meter langen Flugzeugträger Oriskany, Baujahr 1945, der im Mai 2006 vor der Küste Floridas versenkt wurde. Dieser US-Staat hat aber auch erlebt, was es heißt, wenn so ein Projekt scheitert: Hunderttausende von alten Autoreifen, in den siebziger Jahren auf dem Meeresboden entsorgt, wurden nur vorübergehend zum Riff – und dann zum ökologischen Desaster. Die Reifen lösten sich aus ihren Verankerungen, trieben umher, zerstörten natürliche Riffe und mussten mühsam eingefangen werden.

Die Haltbarkeit ist auch das große Problem der U-Bahn-Waggons. Wie lange werden sie brauchen, bis sie zerfallen? Experten rechnen mit 20 Jahren, Umweltschützern ist das zu wenig. Aber es sei besser als nichts, zumal die Muscheln, die sich auf den Waggons ansiedeln, kurzlebig seien und sich Jahr für Jahr erneuerten. Aus New Jersey kam kürzlich eine Nachricht, die alle Beteiligten erschreckte: Taucher inspizierten das vor der Küste geschaffene Atlantic-City-Riff und fanden heraus, dass von 48 untersuchten Wagen nur noch zwei intakt sind. Weiterer Nachschub von alten U-Bahnen aus New York wurde daraufhin sofort abbestellt.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Es sind nur die etwas jüngeren Modelle, die so schnell rosten und zerfallen. Die ganz alten, wegen ihrer roten Farbe »Redbirds« genannt und um 1960 gebaut, bestehen aus anderem Material und sind noch gut in Schuss. Vor fünfzig Jahren hat ganz sicher keiner der Konstrukteure gedacht, dass die Waggons eines Tages zum Zuhause von Fischen und Menschen werden würden.

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