Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Drogen & Kunst

Elixiere des Teufels

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Elixiere des TeufelsElixiere des Teufels

Darf es ein bisschen Kokain im Rotwein sein? Oder ein Schuss LSD im O-Saft? Mit seltsamen Cocktails trinken sich Dichter, Denker, Päpste und Royals seit Jahrhunderten um Sinn und Verstand.

Der Teufel hat den Schnaps gemacht. Das behauptet zumindest Udo Jürgens. Dabei wussten Künstler aller Zeiten, dass der Herr der Finsternis noch weitaus verlockendere Getränke im Angebot hat. Zum Beispiel Mixturen, die Müdigkeit vertreiben und eine Überfülle von Inspirationen und bunten Fantasiebildern schenken. Genau das Richtige für sofortige Kreativitäts-Kicks. »Alle Nerven excitiert von dem gewürzten Wein«, notierte der Romantiker E. T. A. Hoffmann in seinem Tagebuch.

Sein satanischer Wunschpunsch bestand vermutlich aus rotem Syracuser und berauschenden Mohnextrakten. Die Wirkung beschreibt er in seinem Schauerroman »Die Elixiere des Teufels«: »Glut strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl unbeschreiblichen Wohlseins – ich trank noch einmal, und die Lust eines neuen, herrlichen Lebens ging mir auf!« Allerdings besteht immer die Gefahr eines schlechten Trips. Was Hoffmann dabei am eigenen Leib erfuhr, ließ er auch seinen Helden Medardus durchleiden: Wahnvorstellungen, Todesahnungen und Begegnungen mit vermeintlichen Doppelgängern.

Das schreckte die zahlreichen Nachahmer kaum. Die Aussicht auf ewigen Elan, Erleuchtung oder sexuelle Ekstasen ließ Maler, Musiker und Dichter zu allen Zeiten zu Flaschen oder Fläschchen mit magischem Inhalt greifen. Besonders beliebt: ein Tonikum des korsischen Chemikers Angelo Mariani. »Belebt, stimuliert und erfrischt Körper und Geist«, lautet der Slogan für den 1863 erstmals ausgeschenkten Vin Mariani aus Rotwein und Kokablätter-Auszügen. Papst Leo XIII. ist begeistert von dieser Himmelsgabe mit den höllisch abhängig machenden Zutaten. Als »Wohltäter der Menschheit« segnet er das Getränk und verleiht Mariani eine Goldmedaille.

Russlands Zarin und Queen Victoria ordern ihren Lieblingsdrink kistenweise. Tausende Ärzte bescheinigen dem Bordeaux der besonderen Art mit zehn Volumenprozent Alkohol und 8,5 Prozent Kokain beste Erfolge bei ihren Patienten. Alexandre Dumas, Émile Zola, Jules Verne und andere Autoren beflügelt der Mariani-Wein zu literarischen Großtaten. Ihrem norwegischen Kol-legen Henrik Ibsen geht nach ein paar Gläsern das Theaterstück »Hedda Gabler« umso flotter von der Hand. Und Glühbirnen-Erfinder Thomas Alva Edison führt manchen Geistesblitz auf den Koka-Cocktail zurück.

John Stith Pemberton kommt ebenfalls auf den Geschmack. Der Drogist aus Columbus, Georgia, kreiert bald seine eigene Kopie: Pemberton’s French Wine Coca. Ein wahres Wunderrezept, das Kopfschmerzen, Erschöpfungszustände und andere Malaisen im Nu kuriert. Pemberton verwendet es übrigens auch als Hausmittel, um seine Morphiumsucht zu bekämpfen. Und treibt damit den Drogenteufel mit dem Beelzebub aus. Der amerikanischen Abstinenzlerbewegung stößt der Hype um das Trendgetränk ohnehin unangenehm auf. Nicht wegen des verwendeten Kokainanteils wohlgemerkt. Sondern wegen des Weins. Deshalb bringt man rasch eine nichtalkoholische Version auf den Markt, die Coca-Cola getauft wird – nach den Hauptzutaten Kokablätter und Kola-Nüsse. Erst 1903, fünfzehn Jahre nach Pembertons Tod, werden die gefährlichen Substanzen aus der braunen Brause getilgt. Heute erinnert nur noch der Name daran, dass Coca-Cola einst prickelnde, bewusstseinserweiternde Erlebnisse versprach.

Ähnliche Legenden ranken sich um den Absinth. Die alkoholhaltige Mixtur aus Wermut (Artemisia absinthium), Anis, Fenchel und anderen Kräutern war vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein der beliebteste Treibstoff für künstlerische Höhenflüge. Gauguin, Verlaine, Picasso und Hemingway befeuern damit ihre Fantasie. Der Zeichner Honoré Daumier gibt auf einem seiner Blätter die Parole aus: »Bier niemals – es braucht Absinth, um einen Mann wiederzubeleben.« Wie der Drei-Stufen-Plan zum Delirium funktioniert, erklärt Oscar Wilde: »Das erste Stadium ist wie normales Trinken. Im zweiten beginnt man, ungeheuerliche, grausame Dinge zu sehen. Aber wenn man es schafft, nicht aufzugeben, kommt man in das dritte Stadium, in dem man Dinge sieht, die man sehen möchte – wundervolle, sonderbare Dinge.« Andere beschleunigen so ihre Abstürze.

Angeblich enthielten die früheren Absinth-Varianten eine höhere Dosis des pflanzlichen Nervengifts Thujon – ein Terpen, das Krämpfe und Halluzinationen auslöst. Vincent van Gogh schneidet sich im Rausch einen Teil seines Ohrs ab. Auf Entzug soll er auch schon mal Terpentin getrunken haben. Sein Malerkollege Henri Toulouse-Lautrec mag es gern noch etwas hochprozentiger. Statt wie üblich mit Wasser streckt er den Wermut mit Cognac. Nicht lange. Der kleinwüchsige Liebling der Bordelldamen stirbt nach einer vergeblichen Entziehungskur mit 36 Jahren. Und der Dichter Charles Baudelaire färbt sich als Urvater der Punks die Haare grün – in Verehrung für die »grüne Fee«, wie der Absinth wegen seiner Farbe bezeichnet wird.

Baudelaire fand seine »künstlichen Paradiese«, so der Titel eines seiner Bücher, auch in einem anderen Zaubertrank: »Nur ein einziger Gegenstand in dieser engen, doch von Ekel erfüllten Welt lächelt mir zu: die Laudanum-Flasche, eine alte schreckliche Geliebte.« Laudanum stammte aus der Alchimistenküche des berühmten Arztes Paracelsus (1493–1541) und war 400 Jahre lang ein Bestseller. Das Gemisch aus Wein und Opium galt als Allheilmittel, betäubte zuverlässig jeden Schmerz und war zudem viel billiger als beispielsweise Gin oder Whisky.

Laudanum, die Lobenswerte, bedröhnte Lords und Ladys, nährte als »Milch des Paradieses« vor allem die romantischen Dichter und ermöglichte den Arbeitern und Armen kleine Fluchten aus ihrem Elend. Außerdem nutzten es gestresste Mütter und Ammen, um schreiende Kinder ruhigzustellen. Friedrich Engels klagte 1845: »Eines der schädlichsten von diesen Patentmitteln ist ein Trank, der von Opiaten, besonders Laudanum, bereitet und unter dem Namen Godfrey’s Cordial verkauft wird. Die Anwendung dieser Medizin ist in allen großen Städten und Industriebezirken sehr verbreitet.« Kein Wunder, dass jede nachfolgende Generation von klein auf süchtig nach Godfreys Herzstärkung war.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts erlaubten Ahnungslosigkeit und laxe Gesetze grenzenlose Drogentrips. Bayer warb noch 1906 in den USA für Hustensäfte mit Heroin, und in den Regalen der Apotheken standen etwa 50 000 opiathaltige Arzneien. Der Warenhauskonzern Sears, Roebuck and Company bot in seinem Versandkatalog von 1897 Spritzenbestecke an. Frei nach dem Bonmot von Alexandre Dumas: »Morphin ist der Absinth für die Damen.« Und sogar noch in den Sixties durfte Ken Kesey, Autor von »Einer flog über das Kuckucksnest«, in aller Öffentlichkeit seine spezielle Vitaminbombe anbieten. Auf den Happenings seiner Künstlertruppe »The Merry Pranksters« kredenzte er Besuchern in Orangensaft aufgelöste LSD-Tabletten.

Wenn es darum geht, sich die Welt etwas schöner, aufregender, bunter zu trinken, zeigen sich die Bewohner aller Kontinente äußerst erfindungsreich. In Indien bestellt man sich ein Bhang Lassi, um mal so richtig zu entspannen. Der Joghurt-Drink wird mit Blättern und Blüten der Cannabispflanze gewürzt. Turkmenen und Tataren belohnen sich nach einem anstrengenden Tag in der Steppe mit einem Tässchen gesüßtem Rauschminze-Tee, der sowohl beruhigt als auch euphorisiert. Nur etwas für harte Männer ist die afrikanische Viagra-Variante: frisches Rinderblut und geriebene Rinde des Yohimbe-Baums. »Wer das verträgt, fürchtet nichts mehr«, heißt es bei den Massai.

Die Belohnung für tapfere Trinker: sagenhafte sexuelle Potenz. Risiken und Nebenwirkungen: Horrorvorstellungen und epilepsieartige Krämpfe. Schwer zu schlucken ist auch eine Spezialität aus Sibirien: Dort laben sich die Ureinwohner an Schamanen-Urin, nachdem der edle Flüssigkeitsspender Fliegenpilze gegessen hat. Das garantiert große Visionen für den Medizinmann und entsprechend verdünnte geistige Aha-Erlebnisse für seine Anhänger. Dass die Giftpilze Einblicke in andere Welten ermöglichen, glaubten schon die Germanen und Maya. Forscher vermuten, dass der in den hinduistischen Schriften erwähnte Himmelstrank Soma ebenfalls Fliegenpilz-Sud enthielt.

Die Vorstellung, den Göttern zuprosten zu können, löste unter den Literaten des 20. Jahrhunderts einen Run auf traditionelle, in religiösen Zeremonien verwendete Rezepte aus. Im Selbstversuch probiert Aldous Huxley Anfang der 1950er Jahre in Wasser aufgelöstes Meskalin. Das aus dem Peyote-Kaktus gewonnene Halluzinogen setzen mexikanische Indianerstämme bei ihren Kulthandlungen ein. Zwar warnt Huxley noch 1931 in einem Essay: »Alle existierenden Drogen sind trügerisch und schädlich. Der Himmel, in den sie ihre Opfer einlassen, verkehrt sich bald in eine Hölle der Krankheit und moralischen Erniedrigung. Erst töten sie die Seele und dann innerhalb einiger Jahre den Körper.« In »Die Pforten der Wahrnehmung«, dem Protokoll seiner Meskalin- und LSD-Experimente, wirbt er jedoch in glühendsten Farben für Rauschzustände von »visionärer Schönheit«. Und erfindet für seine Utopie »Eiland« die Moksha-Medizin, die »eine oder zwei Stunden erleuchtender und befreiender Gnade« schenkt.

Für die Beatniks und Hippies waren Huxleys Drogenberichte Anleitungen zum sofortigen Glücklichsein. Und Ansporn, nach weiteren sagenhaften Indianer-Elixieren zu suchen. Die Beat-Poeten William S. Burroughs und Allen Ginsberg experimentierten in Südamerika mit Yage, der »Ranke der Geister« – einem Gebräu aus Dschungellianen und Sträuchern. Gleich bei der ersten Verkostung begegnete Ginsberg dem »Großen Wesen«: »Ich sah es im Geiste auf mich zukommen wie eine große, nasse Vagina.« Doch beim nächsten Mal fühlte er sich »kurz vor der Leichenstarre« und »wie eine Schlange, die das Universum auskotzt«. Aus Angst, wahnsinnig zu werden, verzichtete er auf weitere Versuche.

Inzwischen steht ein anderer Natur-Drink ganz oben auf des Teufels Getränkekarte: Engelstrompeten-Tee. Gerade bei Jugendlichen ist der Aufguss mit Zutaten aus dem eigenen Garten angesagt. Obwohl man damit ziemlich schnell im Fegefeuer beziehungsweise im Grab landen kann. Die giftigen Alkaloide der Engelstrompete verursachen mitunter lang anhaltende Wahnvorstellungen oder Atemstillstand. So starb eine 20-Jährige in Zürich an dem Todestee. Und ein 18-Jähriger aus Halle schnitt sich nach ein paar Tassen zu viel mit der Heckenschere Penis und Zunge ab.

Noch keine Bewertungen vorhanden
Autor/in: Bernd Herbon


Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

Absinth  /  Drogen  /  Elixier  /  Kokain  /  Kunst  /  Laudanum  /  LSD  /  Mariani-Wein