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Feldversuch

Elektroautos auf Neustart

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Elektroautos auf NeustartElektroautos auf Neustart

Berlin, München, Dresden - überall in Deutschland sind kleine Flotten unterwegs, um die neuen Mobilität zu testen.

Die Aufregung kann Philipp Bergeaud gut verbergen, die Freude weniger. In einer feierlichen Zeremonie bekommt der 23-Jährige Industriekaufmann neben weiteren 14 ausgesuchten Versuchsfahrern am Deutschen Museum in München den Schlüssel für seinen neuen Mini überreicht. Es sind besondere Minis, 15 von weltweit 600 gebauten Trendautos, die ausschließlich mit Strom fahren. Drei Monate können Philipp und seine Freundin Andrea ihren Mini-E mit der laufenden Nummer 564 im Alltagsverkehr testen.

Dem federführenden Stromkonzern Eon kam das tägliche Pendeln des Industriekaufmanns zu seinem 50 Kilometer entfernten Arbeitsplatz in der Münchner City gerade recht. Auch das Streckenprofil von Bernried am Starnberger See über Landstraßen und Autobahn entspricht nahezu perfekt den Vorgaben der Wissenschaftler, die das Projekt begleiten. Sie wollen herausfinden, wie sich die Elektromobilität von der herkömmlichen Fahrweise unterscheidet, wie sie Philipp mit seinem VW Lupo gewohnt ist.

Dazu wird genau Protokoll geführt, werden die Fahr- und Standzeiten erfasst, ebenso wie die zurückgelegten Kilometer. Vor allem aber interessieren die Ingenieure von Eon bei dem Münchner Feldversuch mit den 15 E-Minis Stromverbrauch, Ladedauer und -zeiten an den speziell im Stadtgebiet verteilten Stromzapfsäulen und zu Hause an der Steckdose. Denn die zukünftige Elektromobilität wird die Stromwirtschaft vor ganz neue Herausforderungen stellen und revolutionäre Geschäftsmodelle nach sich ziehen.

Als »größter Hersteller von Elektrofahrzeugen«, so BMW-Sprecher Ulrich Knieps, will auch der Münchner Automobilhersteller herausfinden: Was ist anders, wie weit reicht im Sommer mit eingeschalteter Klimaanlage und im Winter mit elektrischer Sitz- wie Heckscheibenheizung, Licht und Scheibenwischer nun tatsächlich die Batterie? Und das nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt. Ähnliche Versuche laufen in Kalifornien und New York, London, Japan und Shanghai. Bis 2010 soll die Alltagstauglichkeit bewiesen, Erkenntnisse für die Serienproduktion und den Aufbau einer Infrastruktur mit Stromtankstellen gewonnen werden. »Der Mini ist ein kleines Auto, mit dem wir Großes erreichen«, schickte Forschungsvorstand Klaus Dräger just einen Tag, nachdem BMW abrupt beschlossen hatte, aus dem Formel-1-Zirkus auszusteigen und »CO2-Champion« werden zu wollen, die 15 Testfahrer auf ihre emissionsfreie Reise.

Einen ähnlichen Feldversuch mit Elektrofahrzeugen gab es bereits 1992 auf der Insel Rügen. Alle deutschen Hersteller mit Rang und Namen hatten sich damals an der weltweit größten Elektro-Ausfahrt beteiligt. Mercedes schickte einen Baby Benz 190, VW die T3-Pritsche sowie die T4-Caravelle, BMW war mit dem Dreier da und Opel mit dem Astra.
Drei Jahre lang wurden auf Deutschlands größter Insel insgesamt 1,3 Millionen Testkilometer mit den unterschiedlichsten Batteriesystemen abgespult. Lithium-Ionen-Akkupacks waren ebenso dabei wie die Nickel-Metallhydrid-Batterie. Elektrochemische Varianten von damals wie Blei und Gel, Zink mit Luft oder Natrium mit Schwefel sind mittlerweile aus dem Rennen. Vor allem betrifft es die Hochtemperaturbatterie des Natrium-Schwefel-Verbunds. Denn sie entzündet sich leicht und kann auch schon mal ein Auto über Nacht abfackeln, wie es bei einem E2-Versuchsfahrzeug von BMW im Norden Münchens Jahre später tatsächlich geschah.

Die Politik unter der damaligen Umweltministerin Angela Merkel hatte hohe Erwartungen in den Versuch projiziert und sah die Elektromobile schon die deutschen Autobahnen überschwemmen. Aber das Ende war weitaus nüchterner. Die Ingenieure beanstandeten allerdings weniger die Akkumulatoren als vielmehr die anfällige Leistungselektronik, die schwachen Elektromotoren und den allgegenwärtigen Sand, der sich in den Prototypen festsetzte und manche lahmlegte. Und manche Versuchsfahrer, meist Trabi-Umsteiger, monierten den fehlenden »Bums«, den sie vom Umsteigen aus dem knöterigen Zweitakter in das lautlose Elektromobil erwartet hatten. Da waren ihnen doch Otto- und Dieselmotoren lieber.

Jetzt scheint in den Augen vieler Kritiker die Batterie das schwächste Glied bei der Elektromobilität zu sein. An die Tausend-Kilometer-Reichweiten effizienter Dieselaggregate kommen Elektroautos nicht mal annähernd heran: Bei 150 bis 200 Kilometern ist Schluss. Aber die Elektromobilität ist auf Neustart gesetzt. Allerorten in der Republik laufen Versuche, die Räder unter Strom zu setzen. Neben dem Mini-Versuch in München unterstützt der Stromkonzern Eon in der Hauptstadt auch Volkswagen und das TwinDrive-Projekt eines Elektroautos mit Range Extender. Es ist ein reduzierter Dieselmotor, der dann antritt, wenn die Batterie schlapp macht. So werden deutlich größere Reichweiten erzielt und die Schwäche der Batterie überdeckt.

Dieses Prinzip des zusätzlichen Motors verfolgt auch Opel bei seinem Ampera. Dabei handelt es sich aber um einen kleinen Benzinmotor, der im besten Drehzahlbereich läuft, wenig Benzin verbraucht und einen Generator zur Stromerzeugung antreibt. Der wiederum gibt die elektrische Energie an den E-Motor weiter oder lädt die Batterie.

Aber auch die Hybride sind mit von der Partie. Sie wollen ihre elektrische Kompetenz unter Beweis stellen, obwohl die Serienmodelle Toyota Prius, Lexus 450 h oder Honda Insight kaum drei Kilometer rein elektrisch fahren können. Und das auch nur auf Tempo 45 begrenzt. Aber vom Ausbau zum Plug-in-Hybrid versprechen sich ihre Verfechter viel.

Überall in Deutschland werden jetzt mit Mitteln des zweiten Konjunkturpakets der Bundesregierung in acht Regionen Projekte für klimafreundliche Elektroautos gestartet. Berlin/Potsdam, Bremen/Oldenburg, Dresden/Leipzig, Hamburg, München, Rhein-Main, Rhein-Ruhr und Stuttgart sind unter den 113 Bewerbern ausgesucht worden. Vom Müllfahrzeug über Stadtbusse bis zum Fahrrad sollen alle Formen der Elektromobilität getestet werden. 115 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Damit werden etwa auch die 650 Euro Leasingkosten bestritten, die BMW für den Elektro-Mini verlangt.

Philipp und Andrea müssen sich darum nicht kümmern. Ihre Leasingrate zahlt Eon. Den Treibstoff, sprich Strom, auch. Kein Wunder, dass die beiden fleißig Gas geben, denn eine Kilometerbegrenzung ist nicht vorgesehen. »Der erste Ausflug war gleich rund um den Starnberger See. Allen unseren Freunden haben wir unser neues Auto gezeigt«, sagt Andrea stolz. Das elektrische Fahren macht ihr ungeheuer Spaß. »Er ist so schnell und leise, ein himmlisches Gefühl«, sagt sie, während Partner Philipp jeden Tag genießt, »an dem ich mit dem Elektroauto fahren kann. Schade, dass es schon bald vorbei ist«.

PS: Und dem Reporter diktiert er noch in den Block. »Schreiben Sie, ein solches Auto möchte ich mir kaufen.«

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