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Insekten
Ein Volk als Untermieter
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Ameisen in der Wohnung – darauf folgt meist der Griff zum Insektengift. Aber immer mehr Menschen halten die kleinen Krabbler als Haustiere. Und erleben das Wunder der Schwarmintelligenz.
Mein Bücherregal beherbergt eine Königin. Sie hat zwei haarige Antennen und einen honiggoldenen Hinterleib. Wenn ich vor ihr niederknie, mustert sie mich mit den 240 Einzelaugen ihrer Facettenaugen. Was denkt sie dabei? Um das herauszufinden, teile ich mein Leben mit ihr. Ich habe ihr und ihrem Ameisenstaat ein Fach in meinem Bücherregal frei geräumt, bringe Stunden damit zu, der Königin beim Eierlegen zuzusehen und ihr mit der Pinzette Fliegen zu reichen. Wenn ich nach einem solchen Tag die Augen schließe, krabbelt es in meinen Träumen weiter.
Das Volk, das in meinem Bücherregal wohnt, ist nur eine von 12000 bekannten Ameisenarten – aber eine der erfolgreichsten: Die Schwarze Wegameise ist die Herrin der Städte. Gegen Menschen ist sie praktisch unempfindlich. Doch ihr Erfolg beruht nicht allein auf ihrem unverwüstlichen Chitinpanzer – sondern auf ihrer Intelligenz. Wegameisen gehen gemeinsam auf die Jagd, und sie bauen Ställe für Blattläuse, die sie melken. Es ist eine fremde Zivilisation, die in mein Wohnzimmer eingezogen ist.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich beschloss, diesen Artikel zu schreiben, um Ameisen zu halten – oder ob ich Ameisen halte, um diesen Artikel zu schreiben. Alles fing harmlos an. Zufällig stieß ich im Internet auf ein Ameisen-Geschäft – praktisch eine Boutique für Ameisen. Hier gibt es Nektar in den Geschmacksrichtungen Orange, Banane, Mango und Ananas. Dazu eine Auswahl von 43 Sorten Plastikpflanzen und 21 verschiedenen Sorten Sand und Lehm. Das sind mehr Einrichtungsideen als bei Ikea. Und es gibt 62 Arten Ameisen. »Eine ideale Ameise für den Anfänger«, steht im Katalog unter Artikelnummer 365. Mein Volk der Schwarzen Wegameise kostet 5,50 Euro.
Nach der Bestellung bleiben mir nur 20 Stunden, um mich auf meine Rolle als Staatschef vorzubereiten. Und meiner Frau von unseren künftigen sechsbeinigen Mitbewohnern zu erzählen. Dann kommt der Karton. Mein Volk reist in einem verkorkten Reagenzglas unter einer Lage Küchenkrepp. Die mattschwarze Königin thront auf einem Wattebausch. Die Watte trennt das Oben, das sind die Ameisen und etwas Zucker, vom Darunter, dem Wasser. Mehr braucht ihr Staatswesen nicht. 14 kleine Arbeiterinnen wuseln um die Königin herum. Doch nur sie scheint mich zu beachten. Zum ersten Mal trifft mich ihr stechender Blick.
Es ist kaum zu glauben, dass sich hinter diesen Augen keine Persönlichkeit verbirgt. Doch wie alle Insekten ist sie ausschließlich von ihren Genen gesteuert. Eine Ameise wird nicht erzogen. Es ist fest programmiert, was sie zu tun hat, Bio statt Bildung. Das Verrückte daran ist, dass die Ameisen viel sozialer sind als Menschen. Der Ameisenforscher Edward O. Wilson hat daraus vor 30 Jahren eine neue Wissenschaft entwickelt: die Soziobiologie. Sie vergleicht Menschen u. a. mit Ameisen. Unsere Gesellschaften könnten einiges gemeinsam haben.
Meine Ameisenfarm besteht aus zwei senkrechten Glasplatten, zwischen die ich einen Fingerbreit Sand fülle; ein zehn Millimeter dicker Plastikschlauch verbindet sie mit einem Auslaufbecken. Zwei Tage lang knie ich vor dem einen Meter langen Schlauch: Durch ihn sollen die Königin und ihr Volk in das Formicarium (so nennt der Fachmann ein Ameisengehege) wandern und ihr Nest in den feuchten Sand graben. Doch die Königin wandert nicht. So sitzen 15 Schwarze Wegameisen mit der Brut in einem durchsichtigen Plastikschlauch. Davor sitzt ein Journalist und versteht die Ameisen nicht. Heute weiß ich, warum sie sich geweigert haben. Ein Ameisennest ist ein Sicherheitssystem. Ameisen prüfen lange, bevor sie sich irgendwo ansiedeln. Aber wo sie einmal sind, da bleiben sie. Ein Ameisennest kann kaum noch zerstört werden. In dem Loch, das sich die Königin einmal gräbt, wird sie Jahrzehnte sitzen und Eier legen. Nie würde sie grundlos ihre Heimat verlassen, selbst wenn die nur aus einem feuchten Wattebausch besteht.
Also sorge ich für Motivation. Mit einem Föhn erwärme ich den Schlauch. Plötzlich sammeln sich Arbeiterinnen um die Königin und beginnen, an ihren Beinen zu zerren – nicht bittend, sondern fordernd. Immer mehr Arbeiterinnen kommen hinzu. Widerwillig setzt die Königin sich in Bewegung. Lässt sich unter den Arbeiterinnen vielleicht eine Kommandantin ausmachen? Ich suche und suche, aber eine ist so schwarz und klein wie die andere. Gemeinsam haben die Ameisen gerade die folgenschwerste Entscheidung seit ihrer Ankunft getroffen – gegen den Willen der Königin. Der Wärmeschwall hat die Schwarmintelligenz geweckt. Es ist eine unheimliche Vorstellung, dass in diesem PVC-Schlauch vor meiner Nase der Wille steckt, die Welt zu erobern. Und noch unheimlicher ist, dass dieser Wille kein Gesicht hat.
»Das Bio-Basilikum ist voll mit Fliegen«, sagt meine Frau im Supermarkt. »Eben«, sage ich und stelle noch einen Topf in den Einkaufswagen. Ameisen lieben Fliegen. Ich hatte meine Tierchen für klein und harmlos gehalten – drei Millimeter Körpergröße sind nicht sonderlich beeindruckend. Bis sie die erste weiße Fliege erledigten. Weil Ameisen schlecht sehen, passiert fast alles über die Fühler. Mit ihnen nimmt die Jägerin die kleinen Fliegen blitzschnell wahr, die ich ihr ins Futterbecken setze. Sie schleicht sich bis auf einen halben Zentimeter an, springt dann auf die Fliege und schleppt sie ins Nest zur Königin. Auf halber Strecke passiert sie sechs Bände Heinrich Heine, die Fliege fest umklammert. In ihrer Schlauchwelt ahnt sie nichts von meinem aktuellen Heine-Lieblingssatz. Dabei trennt sie nur eine Fühlerlänge von ihm: »… ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit.«
Die Ameisen haben keine Vorstellung von der großen Struktur, die sie erzeugt und in der sie leben. Je öfter ich sie auf der Jagd beobachte, desto mehr ihrer Regeln verstehe ich. Die erste Regel, die ich lerne, lautet: Sei faul! Immer nur drei oder vier Arbeiterinnen laufen suchend herum. Der Rest bleibt im Bau – und steht untätig herum. Doch sobald eine Späherin mit einem Stück Fliege zurückkehrt, kommt Bewegung in den trägen Haufen. Dann lohnt sich der lange Weg durch den Schlauch auch für die anderen.
Eine Beute suchende Ameise kommt nie mit leeren Beißern nach Hause – das ist Regel Nummer zwei. Die Arbeiterin besteigt jede Plastikpflanze. Sie tut das nicht systematisch, Blatt für Blatt – sie kurvt herum. Oft macht sie einen Bogen um aussichtsreiche Objekte, nur um sie später umso genauer zu erkunden. Und erst wenn sie etwas findet, kehrt sie zurück.
Und sie kehren immer wieder zurück – Regel Nummer drei. Am Anfang glaube ich das nicht. Aber solange die Königin in ihrem Bau sitzt, wird keine Ameise ausbüxen und sich in meinem Vorratsschrank einnisten. Denn sie ist nicht auf der Suche nach einem schönen Leben. Sobald eine Ameise ein Festmahl gefunden hat, nimmt sie einen Happen und bringt den Rest unters Volk. Drei Millimeter über dem Boden funktioniert der Sozialismus.
Einfache Wesen folgen einfachen Regeln, das ist ein großer Teil vom Geheimnis der Ameisenintelligenz. Findet eine Arbeiterin eine kleine Fliege, dann nimmt sie die Beute gleich ganz mit. Ist es eine große Nacktschnecke, trennt sie ein Stück ab und legt für die anderen eine Duftspur zu ihrem Fund. Alles ohne Befehl. In der Natur ist es in großen Gruppen normal, dass es keinen Gruppenführer gibt – da unterscheiden sich Gnus, Heringe und Tauben nicht von den Ameisen. Die Weisheit der Ameisen besteht tatsächlich in ihrer Berechenbarkeit.
Das andere Geheimnis ihrer Intelligenz ist ihre Masse. Die einzelne Ameise ist nicht besonders helle – ihre Kolonien sind es. Die meisten Ameisen sind so genannte K-Strategen: Sie vermehren sich einfach, bis die Natur ihnen Grenzen setzt. So bleiben sie nicht Teil eines Ökosystems, meist dominieren sie es. In einem normalen Nest der Wegameisen leben 14000 Arbeiterinnen. Aus so einem Nest fliegen jedes Jahr im Frühling 200 Königinnen los. Auf ihrem Hochzeitsflug empfangen sie von den Männchen Millionen Samenzellen, die sie in einer Blase ihr Leben lang speichern. Jede einzelne kann dann eine eigene Kolonie gründen. So hat es meine Königin gemacht. Und so haben sich die Schwarzen Wegameisen über ganz Europa ausgebreitet. Es gibt sie von Westeuropa bis zum Baikalsee, im Norden bis nach Finnland. Ein halbes Weltreich ist entstanden aus Ameisen, die losgeflogen sind und sich ein Stück weiter weg eingegraben haben.
Ich verbringe jetzt mehr Zeit vor dem Formicarium als vor dem Fernseher oder am Telefon. Ich sammle ihre Abfälle ein, ich wechsle das Wasser und füttere sie. Jedes Mal, wenn ich den Klebestreifen abziehe, der ihre unterirdischen Gänge vor Licht schützt, entdecke ich neue Larven. Die Königin mustert mich noch immer mit dem gleichen eisigen Blick wie am ersten Tag. Man kann mit einer Ameise keine Freundschaft schließen.
Ich möchte wissen, wie andere Menschen mit Ameisen leben. Kari Teruya Ryder Wilkie ist besessen von Ameisen. Sie besitzt 100000 Exemplare aus 500 Arten, alle tot und präpariert, 7500 davon auf Nadeln gespießt. Die Ameisenforscherin schreibt aus dem Dschungel an der Tiputini-Biodiversitäts-Station in Ecuador und aus ihrer Heimat Boston ein Ameisen-Blog. Aus Ameisen-Gesichtern hat sie ein Poster gestaltet: Wie Menschen in einem Passbildautomaten scheinen auch die Krabbler Grimassen zu schneiden.
Als ich mit der Pipette voller Wasser versehentlich eine Sturmflut auslöse, scheint Panik im Nest auszubrechen. Doch nach einigen Minuten merke ich, dass jede der Arbeiterinnen einem eigenen Programm folgt, um den Bau abzudichten; und eine trägt die Larven in eine höhere Kammer. Wie können all diese Handlungen derart perfekt aufeinander abgestimmt sein? Kari berichtet mir von den malaysischen Ameisen: Wenn Wasser eindringt, trinken sie es – und pinkeln es außerhalb des Baus aus, bis alles wieder trocken ist. Ich frage sie nach ihrem schönsten Erlebnis mit Ameisen. Das war, als ihr Freund ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, wie ihn sich nur Ameisenforscher machen können: »Eine Straße Blattschneiderameisen trug Rosenblüten über unseren Weg.«
Von dieser romantischen Geschichte bin ich fasziniert, bis ich lese, dass Blattschneiderameisen einen Garten in Köln kahl gefressen haben: Diese Art braucht Unmengen von Blüten für ihre Pilzzuchten. »Die Leute holen sich damit die Pest ins Haus«, meint Alfred Buschinger. Er ist emeritierter Biologie-Professor und meint, dass die meisten Halter nicht wissen, welche Risiken Ameisen bergen. Buschinger hat ein Forscherleben lang Ameisen untersucht und viele Arten entdeckt. Eine kanadische hat er Doronomyrmex pocahontas getauft, nach der Indianer-Prinzessin Pocahontas. Jetzt kämpft er darum, dass die Einfuhr von Ameisen nach Deutschland beschränkt wird – die exotischen unter den 62 Arten im Ameisenladen sind ihm geradezu ein Dorn im Auge. Denn er befürchtet, sie könnten heimische Arten verdrängen. Wer Ameisen halten möchte, solle eine Königin vor der eigenen Haustür fangen, wenn sie im Frühjahr schwärmen, schreibt mir Buschinger in einer E-Mail. So formuliert er es auch in den Internet-Foren, wo nebenan die exotischen Arten verkauft werden.
Da ist noch ein Satz in der E-Mail des Professors, und der beunruhigt mich: »Die Händler sind nicht in der Lage, Königinnen sicher zu bestimmen.« Also besorge ich mir die Bibel der Ameisenforscher: »Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas« heißt das Kompendium und beschreibt sämtliche 121 Arten, die in Deutschland vorkommen. Bisher dachte ich, dass meine Krabbler Schwarze Wegameisen seien – aber nun kommen mir Zweifel. Ich lerne, darauf zu achten, wie lang ihre Haare sind: »Längste Haare auf dem Pronotum etwa so lang wie der Durchmesser des Scapus-Endes.« Darin unterscheidet sich die Schwarze von der Braunen Wegameise. Die braune sieht fast genauso aus – aber sie zerstört die Balken in Häusern.
Mich trifft der starre Blick der Königin, ihre Augen funkeln. Mir wird mulmig. Da ich nicht weiß, wie man ihr Scapus-Ende misst, erneuere ich den Ring aus Talkum rund um meine Ameisenfarm: Das Kreidepulver hindert die Ameisen am Ausbruch – sie haben kein Programm, wie sie das Pulvergebirge überwinden können. Wer es versucht, rieselt wieder runter. Eine Weltmacht, die an Kreide scheitert. Wenn Sie drei Monate mit jemandem zusammenleben, wissen Sie, wie intelligent derjenige ist. Eine Ameise, die ich allein in ein Glas mit Sand setze, gräbt wahllos Gänge. Erst im Bau wird daraus eine unterirdische Stadt. Dort bildet sich eine kollektive Intelligenz aus vielen schlichten Einzelnen.
Brian Fisher von der California Academy of Sciences leitet das größte Artenverzeichnis der Ameisen. Im »Antweb« sind alle bekannten Ameisenarten aufgelistet: Ameisen mit trapezförmigen Köpfen und andere mit riesigen Mundwerkzeugen, alle aufgespießt und erkennungsdienstlich erfasst. Auf einer Karte zeigt Google Earth ihre Fundorte. Zum Dank hat Fi-sher eine Art nach der Suchmaschine benannt: Proceratium google. »Wie Google ist sie besonders gut darin, versteckte Beute zu finden«, heißt es in der Begründung. Auch Google setzt auf die Massenintelligenz der Internet-Nutzer: Was für Ameisen die Spur zur Made ist, sind für Google die Links auf interessante Seiten, die andere gelegt haben.
Am liebsten zieht Fisher durch irgendeinen Dschungel und sucht unbekannte Zivilisationen direkt vor seinen Füßen. »50 Prozent der Ameisenarten sind noch zu erforschen und zu beschreiben«, mailt er mir. Auf seinen Exkursionen hat er einen Staubsauger dabei, den er sich auf den Rücken schnallt – damit saugt er eine ganze Ameisenstraße in einen hellen Baumwollsack. »Wenn ich eine neue Art entdecke, bin ich glücklich, eines der Geheimnisse des Lebens enthüllt zu haben«, schreibt er.
Überhaupt nicht glücklich scheint Alfred Buschinger zu sein: Nach 642 Diskussionsbeiträgen im Internet-Forum gibt er den Kampf gegen den »haarsträubenden Unsinn« auf. Er zieht sich zurück aus dem Forum der Ameisenhalter – resigniert vor der unbelehrbaren Masse von Haltern exotischer Ameisen, vor dem Verkauf an Minderjährige, vor der Verbreitung von falschen Informationen über Ameisen und unfundierten Haltungsempfehlungen.
Ich habe inzwischen freibekommen von meinen Ameisen. Denn im Winter halten sie Ruhe. In meinem Kühlschrank, zwischen den Marmeladegläsern.
























