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Zoologie

Ein Querzahnmolch zeigt, wie’s geht: Für immer jung!

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Ein Querzahnmolch zeigt, wie’s geht -  Für immer jung!Ein Querzahnmolch zeigt, wie’s geht -  Für immer jung!

Der Axolotl macht sich ein schönes Leben, hat Sex wie die »Großen« und wird doch nie erwachsen.

Dicker Kopf, lustige Kiemenbüschel an den Seiten – und das Maul ewig zu einem ansteckenden Grinsen verzogen: Der Axolotl scheint eine Fantasiegestalt aus den Filmstudios von Hollywood zu sein – wie der kleine Fisch »Nemo«, dem weltweit die Herzen der Kinozuschauer zufliegen. Aber während das Kindchenschema für Nemo am Computer entwickelt wurde, hat beim Axolotl Mutter Natur die Regie geführt: Sie lässt das possierliche Tier partout nicht erwachsen werden – es bleibt sein ganzes Leben lang ein süßer Teenie. »Forever young« – doch keine Utopie?

Wissenschaftlich genauer: Der Axolotl ist ein Molch und gehört damit zur Klasse der Amphibien; diese Abstammung würde eigentlich erfordern, dass er eine Metamorphose durchmacht. So dürfte er nur ein Jahr lang als Larve im Wasser leben, müsste dann seine Jugendzeit beenden, Lungen ausbilden und als Erwachsener an Land gehen – doch er verharrt auf Tauchstation, behält seine Kiemen und entwickelt nicht die geringste Lust am Landleben. So wird er bis zu 30 Zentimeter lang und an die 25 Jahre alt – aber nur auf dem Kalender: Sein Körper bleibt Larve. Das wiederum müsste lebenslangen Verzicht auf Sex bedeuten, denn Larven sind normalerweise nicht geschlechtsreif. Aber die Natur meint es gut mit dem Axolotl: Obwohl er nie erwachsen wird, kann er sich fortpflanzen – ein Phänomen, für das Wissenschaftler das unromantische Wort »Neotenie« (Jugendreife) erfunden haben.

Bevor wir neidisch auf die ewige Jugend des Axolotls werden: Ein Schuss Neotenie ist auch dem Menschen eigen. Wir erreichen die Fortpflanzungsfähigkeit ebenfalls in einem Alter, in dem wir noch nicht vollständig ausgewachsen sind. Und unser Gehirn ist lebenslang auf Neugier programmiert – eine Eigenschaft, die üblicherweise als Jugendmerkmal gilt und zum Beispiel bei erwachsenen Menschenaffen deutlich reduziert ist. Weil es sich stets für Neues interessiert, kann es sich ständig weiterentwickeln, während hingegen bei Menschenaffen das Gehirnwachstum mit der Geschlechtsreife abgeschlossen ist. Man nimmt sogar an, dass die Neotenie des Menschen bei der Entwicklung zum Homo sapiens sapiens eine wichtige Rolle gespielt hat – Jugendreife als Motor der Evolution.

Ganz anders beim Axolotl. Dieses Tier (es gehört zu den ältesten noch lebenden Arten) praktiziert seine »Verweigerungshaltung« bereits seit 350 Millionen Jahren – es ist evolutionär stehen geblieben. Im Gegensatz beispielsweise zu seinem engsten Verwandten, dem Tiger-Querzahnmolch, der nur ein Jahr lang als Larve im Wasser lebt, dann an Land geht und unter Steinen und Rinden verborgen ein aufreibendes nächtliches Leben führt. Warum der Axolotl im Wasser bleibt, darüber kann man nur spekulieren. Möglicherweise war ihm das Landleben zu anstrengend; er hätte seine Beute mühsam jagen müssen, und wer weiß, was es da alles für Feinde gab. Denn das ist sicher: Überraschungen liebt er nicht besonders – vom Naturell her ist der Axolotl eher ruhig, am liebsten liegt er bewegungslos auf dem Grund der Gewässer und verleibt sich Muscheln oder auch vorbeischwimmende Fische und Krebse ein.

Die Azteken waren die Ersten, denen der Molch auffiel. Sie benannten ihn nach dem Gott Xolotl, der sich in kleine Tiere verwandeln konnte, wenn er sich aus einer Gefahr retten wollte. Als auch der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 – 1859) Interesse an dem Tier aus Mexiko zeigte, begann die wissenschaftliche Karriere des Axolotls. 1863 gelangten 34 Exemplare als exotische Kuriosa in das Pariser Naturkundemuseum – und sie sorgten schon wenig später für eine Sensation: Im Aquarium bildeten sich völlig unerwartet ihre Kiemen zurück, die Füße und der Schwanz wurden schmaler, und die Augen wanderten nach außen – sie begannen eine Metamorphose zum Landtier. Die europäischen Forscher waren aufs Äußerste verblüfft, dachten sie doch, der Axolotl sei dazu gar nicht in der Lage. Auf der Suche nach dem Grund für das veränderte Verhalten fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Wasser im Aquarium – reiner Zufall – einen vergleichsweise hohen Jodgehalt hatte. Von diesem Element wusste man bereits, dass es in der Schilddrüse die Bildung von Wachstumshormonen anregt. Der Schluss lag nahe: Erst eine hohe Dosis Jod vermag die Drüse in dem Maß zu aktivieren, dass der Axolotl sich weiterentwickelt und seine Metamorphose startet.

Warum seine Schilddrüse jedoch in freier Natur inaktiv ist, hat man erst in unseren Tagen herausgefunden: Ein einziges mutiertes Gen verhindert die Produktion des Schilddrüsenhormons Thyroxin und damit die Weiterentwicklung des Tieres. Dass dieser »Mangel« tatsächlich durch die Gabe von Jod behoben wird, hat sich in Versuchen gezeigt: Verfüttert man kleine Stückchen von frischer Schweineschilddrüse an den Axolotl, so beginnt seine Verwandlung: Aus der Traum von ewiger Jugend – innerhalb eines Monats ist er erwachsen und fit für den Landgang.

Für die Wissenschaft ist der Axolotl noch heute äußerst wertvoll. So untersucht die Ar-beitsgruppe von Professor Len-nart Olsson an der Universität in Jena, welche Regulationsmechanismen dazu führen, dass sich der Körper des Axolotls von der im Wasser lebenden Larve zum terrestrisch lebenden Erwachsenen umbildet. Von den Ergebnissen erhofft man sich, einen der wichtigsten Evolutionsschritte besser zu verstehen: den »Sprung« vom Wasser aufs Land.

Aber auch für die Zukunftsforschung ist das uralte Fossil zum Hoffnungsträger geworden. Stammzellenforscher haben den Axolotl zum Modellorganismus erkoren, da er sich wie kein anderes Tier regenerieren kann: Trennt man ihm beispielsweise ein Bein ab, so wächst es vollständig wieder nach. Das Besondere an diesem Regenerationsprozess, der so nur bei Molchen beobachtet wurde: Bereits spezialiserte Zellen wie Nerven- oder Muskelzellen entspezialisieren sich wieder, gewinnen dadurch eine höhere Teilungsfähigkeit und spezialisieren sich erneut – sodass ein ganzer Körperteil nachwächst.

Die Forschungsgruppe von Elly M. Tanaka am Dresdner Max-Planck-Institut für Molekularbiologie und Genetik entwickelt gerade eine Technik, die es er-möglicht, diesen Prozess besser zu verstehen. Um zu beobachten, wie sich das Rückenmark eines lebenden Axolots nach dem Amputieren des Schwanzes regeneriert, werden die Zellen sichtbar gemacht. Dazu setzen die Wissenschaftler zunächst eine Mikroelektrodennadel in den Zentralkanal des Rückenmarks ein; durch sie injizieren sie so genannte Marker-Gene, die grün oder rot fluoreszierende Proteine produzieren, in jene Zellen, die sich in der Nähe der Amputationsstelle befinden. Mit speziellen Mikroskopieverfahren können sie die markierten Zellen aufspüren und studieren, wie sie zur Nachbildung des Rückenmarks beitragen. Die Erkenntnisse aus dieser Forschung – so die Hoffnung – könnten eines Tages Querschnittsgelähmten zugute kommen.

Doch nun, nach so viel Einsatz für die Wissenschaft und den Menschen, wird auch etwas für die Axolotl getan. Die Tiere leben außerhalb der Forschungslabors nur noch an einem einzigen Ort der Welt – ausgerechnet im Xochimilco-See am Stadtrand von Mexico City, auf dem am Wochenende Hunderte von bunt dekorierten Ausflugsbooten schippern und das Wasser verschmutzen. Wie viele Exemplare es dort noch gibt, ist unbekannt, denn sie bleiben am Boden und sind äußerst schwer zu entdecken. Um ihr Überleben zu sichern, sollen sie jetzt zum Wahrzeichen einer neuen Umweltbewegung werden: Mexikanische Umweltbehörden und internationale Naturschutzorganisationen haben das Projekt »Azteken und Axolotl« gestartet, das im Xochimilco-Seengebiet Naturschutz und Tourismus miteinander in Einklang bringen will. Am Seeufer wird eine Axolotl-Aufzuchtstation mit einem Informationszentrum entstehen, in dem der ewig Ju-gendliche für sich Werbung machen darf – nach dem Motto: »Forever young« ist machbar, Herr Nachbar!

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Autor/in: Marianne Oertl


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