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Ein Gift geht um die Welt
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Mordfall Litwinenko: Woher kam das radioaktive und hochgiftige Polonium, das den Ex-Agenten tötete? Eine Spur führt zum russischen Kernreaktor Mayak. P.M.-Autor Michael Kneissler folgte ihr.
Am 23. November 2006 um exakt 21.21 Uhr Ortszeit starb der russische Ex-KGB-Offizier Alexander Walterowitsch Litwinenko im Londoner University College Hospital an Herzversagen, nachdem sein Immunsystem kollabiert war und verschiedene innere Organe ihre Arbeit eingestellt hatten. Es war weder ein schöner, noch ein natürlicher Tod. Litwinenko (44) war vergiftet worden – mit einer der seltensten und gefährlichsten Substanzen, die es auf dem Globus gibt: Polonium 210, ein hochtoxisches radioaktives Schwermetall.
Polonium 210 strahlt beim Zerfall Alphateilchen aus, die so viel Energie enthalten, dass sie Biomoleküle in den Körperzellen gleichsam zerschlagen. Allerdings ist die Reichweite der Strahlung gering: in Luft drei bis fünf Zentimeter; in Haut oder Papier nur ein zehntel Millimeter. Eine Polonium-Quelle außerhalb des Körpers kann Litwinenko deshalb nicht getötet haben – er hat den Stoff geschluckt. Woher genau das Polonium stammte und was die Motive für die Tat waren, ist bis heute ungeklärt. Beweise sind Mangelware, Spekulationen gibt es dafür umso mehr.
Lassen sich die Vorgänge überhaupt noch rekonstruieren? Ich beschließe, mich auf die Spur des Poloniums zu begeben, das Litwinenko getötet hat. Auf welchen Wegen gelangte es in den Körper des Ex-Agenten? Und wie einfach oder schwierig ist es, an das gefährliche Gift zu kommen?
Die meisten Ärzte und Wissenschaftler, die sich mit Litwinenko befassten, kamen zunächst gar nicht auf die Idee, dass Polonium im Spiel gewesen sein könnte: Es war noch nie als Mordwaffe benutzt worden. Früher verwendete man es als Zündkomponente für Atombomben oder als Nuklearbatterie für Satelliten. Heute wird es hauptsächlich als Antistatik-Mittel in der Textil- und Lack-Industrie eingesetzt. In winzigen Mengen steckt es auch in den Pinseln, mit denen Fotografen ihre Objektive von elektrostatisch angezogenem Staub befreien: Die Alphateilchen kollidieren mit Luftmolekülen und erzeugen dabei genügend Ionen, um sowohl positive als auch negative Ladungen zu eliminieren.
Als Litwinenko am 1. November 2006 zunächst das Barnet General Hospital in London aufsuchte, klagte er über Kopfschmerzen, Durchfall, Herzrasen und Sehstörungen. Da ihm später auch noch die Haare ausfielen, tippten die Experten des Krankenhauses auf eine Thallium-Vergiftung, weil diese Symptome dafür typisch sind. Thallium ist ein Metall, das auch zur Herstellung von Rattengift verwendet wird.
Weil Litwinenkos Zustand sich verschlechterte, wurde er am 20. November in die Intensivstation der Universitätsklinik verlegt, wo man tatsächlich Spuren von Thallium in seinem Urin fand. Sie waren jedoch zu gering, um das Krankheitsbild zu erklären. In der Klinik behauptete der Patient, er sei von Agenten im Auftrag des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin vergiftet worden. Die englischen Experten führten daraufhin weitere Untersuchungen durch – aber das Polonium entdeckten sie erst, als es zu spät war.
Es ist auch nicht leicht zu finden. Wenn Polonium inkorporiert ist, sich also im Körper befindet, ist es wegen der geringen Reichweite seiner Strahlung unmöglich, die Radioaktivität von außen zu messen. Nur im Kot und Urin des Opfers kann Polonium nachgewiesen werden. Bei Litwinenko wurde die tödliche Dosis von einem zehnmillionstel Gramm um das Hundertfache überschritten. Eine Sonderabteilung von Scotland Yard, die Greater London’s Metropolitan Police Service Terrorism Unit, übernahm die Ermittlungen und rekonstruierte die letzten Tage des Opfers, während die Gesundheitsbehörden alle 733 Personen, die mit ihm Kontakt gehabt hatten, auf Strahlenschäden untersuchte. 716 von ihnen waren unbelastet, 17 zeigten erhöhte Werte, die aber nach Angaben der Behörden nicht zu Schäden führten.
Dramatischer waren die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen. Es stellte sich heraus, dass Litwinenko den tödlichen Polonium-Cocktail wahrscheinlich aus einer Teetasse in einem Zimmer des Londoner Millenium-Hotels zu sich genommen hatte, als er mit den ehemaligen russischen Geheimdienst-Mitarbeitern Dimitri Kowtun und Andrei Lugowoi Geschäftsgespräche führte.
Polizisten stellten die stark verstrahlte Tasse in der »Pine Bar« des Hotels sicher, in dem sie Polonium-Spuren auch in einer Teekanne, in einer Spülmaschine, auf der Toilette und in den Zimmern der Russen entdeckten. Auf weitere Verstrahlung stießen sie in Litwinenkos Haus in Muswell Hill und in der Sushi-Bar »Itsu«, wo Litwinenko sich am 1. November 2006 mit einem anderen Gesprächspartner aus dem Geheimdienstmilieu getroffen hatte.
Auch im Sheraton Park Lane Hotel schlugen die Messgeräte an, ebenso im Londoner Büro des russischen Oligarchen Boris Berezowski, der mit Litwinenko befreundet war, und sogar im Arsenal’s Emirates Stadium, wo Kowtun und Lugowoi ein Fußballspiel besucht hatten. Die Polonium-Spur zog sich quer durch London. Wie bei einer Schnitzeljagd folgten ihr Polizisten und Strahlenexperten sowie Dekontiminationsteams, die das Gift schließlich beseitigten: Glücklicherweise lassen sich Alphastrahler wie Polonium mit einem feuchten Lappen, der mit Essigsäure getränkt ist, wegwischen. London drohte bald keine Gefahr mehr.
Aber dann nahm der Fall internationale Dimensionen an: In Moskau wurde Kowtun mit Strahlenschäden ins Krankenhaus eingeliefert. Auf dem Flughafen Domodedovo entdeckten russische Experten Polonium-Strahlung. In den drei British-Airways-Maschinen, mit denen Kowtun und Lugowoi von Moskau nach London und zurückgeflogen waren, mussten verstrahlte Sitze ausgebaut und vernichtet werden. Es stellte sich heraus, dass die Maschinen inzwischen 221 weitere Flüge auch auf anderen Strecken mit insgesamt 33000 Passagieren absolviert hatten. Jeder, der auf einem kontaminierten Sitz gesessen hatte, wurde ausfindig gemacht, verständigt und überprüft. Dazu kontaktierten die britischen Behörden alle 52 Herkunftsstaaten der Betroffenen.
Auch nach Deutschland führte die Poloniumspur. Am 8. Dezember 2006 meldete Scotland Yard den deutschen Behörden, dass Kowtun auf seinen Reisen in Hamburg bei seiner Ex-Frau und Freunden Zwischenstation gemacht hatte. Dies setzte ein umfangreiches Alarmprogramm in Gang, dessen Höhepunkt die Anforderung der so genannten »Zentralen Unterstützungsgruppe des Bundes« (ZUB) durch den Hamburger Innensenator war. Der ZUB gehören Experten der Bundespolizei, des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) an.
Beim BfS in Salzgitter leitet der Jurist Michael Hoffmann die »Arbeitsgruppe nuklearspezifische Gefahrenabwehr«. Ich besuche ihn in seinem Büro in einem besonders gesicherten Behördenbau. Hoffmann wurde am 9. Dezember 2006 in die ZUB berufen und setzte unverzüglich drei Ermittlungsteams unter Leitung des Chemikers Ralph Maier (48) ein. »Wir waren gespannt«, sagt Hoffmann, »zum ersten Mal hatten wir es mit Polonium in freier Wildbahn zu tun.«
Die Teams reisten in VW-Multivans nach Hamburg, dort verteilten sie sich mit Polizeibegleitung auf die drei Verdachtsorte: die Kielerstraße 12 in Hamburg-Altona, wo Kowtun bei einem Freund übernachtet hatte; die Erzbergerstrasse 4 in Ottensen, wo Kowtuns Ex-Frau ein Haus besitzt; einen Hof bei Pinneberg, wo Kowtuns Ex-Schwiegermutter wohnte. Außerdem überprüften sie einen Wagen, den Kowtun in Hamburg benutzt hatte.
In weißer Schutzkleidung durchsuchten die Experten die drei Gebäude und das Auto mit einem toastergroßen Strahlenmessgerät. Überall entdeckten sie Alphastrahlung. Eine Probe schweißten sie in alphadichte PVC-Spezialfolie ein und ließen sie mit einem Hubschrauber der Bundespolizei nach München-Neuherberg fliegen: Hier, in der Außenstelle der BfS, wurde über Nacht mit Hilfe von Spezialgeräten (Gitterionisationskammern) nachgewiesen, dass es sich tatsächlich um Polonium handelte.
Die Mengen, die in Hamburg sichergestellt wurden, lagen im Femtogramm-Bereich (1 Femtogramm = ein billardstel Gramm): zu wenig, um wirklich gefährlich zu sein. Die Kontamination überschritt die Werte der Strahlenschutzverordnung nur an einigen Stellen geringfügig – die Strahlenschützer wischten sie feucht ab, und der Fall war erledigt. Von allen Personen, die in Hamburg engen Kontakt mit Kowtun hatten, erhielt das BfS Urinproben und schickte diese an die »Alpha-Inkorporationsmessstellen« in Dresden und Düsseldorf. Hier wurde die Verstrahlung der Betroffenen gemessen und dann Entwarnung gegeben.
Wie diese Messstellen arbeiten, will ich mir näher anschauen. Es gibt sie in jedem Bundesland, und jedermann kann sie aufsuchen, wenn der Verdacht auf eine Verstrahlung mit Alphateilchen besteht. Könnte auch natürliches Polonium, das überall durch den radioaktiven Zerfall von Uran 238 entsteht, »verdächtig« sein? Wohl kaum. Zwar gibt es pro Quadratkilometer 1,5 Tonnen Uran im Erdboden – aber ein Gramm enthält höchstens 0,0000000001 Gramm Polonium. Dennoch finden sich im menschlichen Körper minimale Spuren.
Auch im Zigarettenrauch kann es festgestellt werden. Es gibt Wissenschaftler, die sogar behaupten, ein Großteil der Todesfälle infolge Nikotinmissbrauchs sei durch Alphastrahlen verursacht, die in der Lunge Krebs erzeugen. Die für meinen Wohnort München zuständige Messstelle gehört zum »Zentralen Radionuklid-Laboratorium« der Universität Regensburg. Ich vereinbare einen Termin für einen Selbsttest.
In den bunkerartigen Betonbauten des Fachbereichs Chemie und Pharmazie treffe ich Robert Schupfner, Strahlenbiophysiker und Experte für alles, was radioaktiv ist. Seine Messstelle wird, wie alle anderen auch, einmal im Jahr vom Bundesamt für Strahlenschutz geprüft. Es verschickt Urinproben und lässt sie auf verschiedene radioaktive Stoffe untersuchen. Am richtigen oder falschen Ergebnis erkennt das BfS, wie gut die Messstelle arbeitet. »Polonium war in den letzten zehn Jahren nicht dabei«, sagt Schupfner, »viel zu exotisch!« Aber vor ein paar Jahren habe ein Doktorand bei ihm damit gearbeitet, deshalb kenne er sich mit Polonium aus.
Wenn ihm eine Urinprobe geliefert wird, entnimmt er mit einer Pipette zehn Milliliter davon und streckt die Probe mit einem speziellen »Szintillationscocktail«, der zu leuchten beginnt, wenn ihn Alphateilchen treffen. Ein Detektor erfasst dieses Leuchten. Meine Urinprobe verhält sich völlig unauffällig. Aber jetzt ist Schupfners Ehrgeiz geweckt. Zusammen mit dem Biologen Gerald Haas beschafft er einen Zwei-Liter-Behälter aus Plastik und drückt ihn mir in die Hand: »Für die Feinanalyse brauche ich mindestens einen halben Liter.«
Daraus entfernt er zunächst alle Stoffwechselprodukte, dann reinigt er den Rest der Flüssigkeit und trägt ihn auf ein dünnes Silberplättchen auf. Danach holt er die Referenzprobe aus dem Labor: ein kleines braunes Fläschen mit Polonium 208, einem Schwester-Isotop von Polonium 210. Polonium 208 wird verwendet, weil seine Halb- wertzeit (drei Jahre) deutlich über der von Polonium 210 (138 Tage) liegt – die 208er-Version zerfällt also erheblich langsamer und ist deshalb länger als Referenzprobe nutzbar. Das Metall ist in Salzsäure gelöst, auf dem Etikett steht der Jahrgang: 1988 – lange her. Doch Haas warnt mich, als ich nach dem Fläschchen greife: »Das würde ich jetzt nicht ohne Handschuhe anfassen.«
Meine gereinigte Urinprobe kommt in das tonnenschwere und 180000 Euro teure »Quantulus«-Messgerät im fensterlosen Labor mit der Nummer 32.01.22. Eine Kühlpumpe tost im Hintergrund. Schupfner bedient einen Computer, auf dem Monitor zeigen sich Linien und Zacken, und schließlich steht das Ergebnis fest: »Es liegt kein Hinweis auf die Aufnahme von erheblichen Mengen von Polonium in den letzten zwei Wochen vor. Eine Gesundheitsgefährdung kann nicht erwartet werden.«
Beruhigt verlasse ich die Uni Regensburg und nehme wieder die Spur des Poloniums auf, das Litwinenko getötet hat. Ich fliege nach Russland, vielleicht finde ich hier einen Hinweis auf die Herkunft des Giftes und auf die Tatmotive. Ist es wahr, was der Ex-Agent auf dem Sterbebett sagte: Weil er antidemokratische Umtriebe des Präsidenten Putin aufgedeckt habe, sollte er getötet werden? Aber warum hat der Mörder so dilletantisch eine Spur der Alphastrahlung quer durch Europa gelegt? Und warum hat er überhaupt Polonium verwendet?
Dieses Schwermetall wird offiziell nur in Russland hergestellt. Es stammt aus den »Mayak«-Reaktoren in der verbotenen Stadt Tscheljabinsk hinter dem Ural; zur Produktion von Polonium 210 wurden Wismut-Scheiben mit Neutronen beschossen. Mayak ist uralt und gilt als Horror-Anlage: Hier ereigneten sich in den letzten 60 Jahren mehrere Unfälle, bei denen große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt wurden. Der schwerste Zwischenfall passierte 1957 und wurde streng geheim gehalten. Er gilt heute als der größte Nuklearunfall in der Geschichte der Menschheit: Die Verseuchung der Umwelt war um ein Vielfaches schlimmer als nach der Tschernobyl-Katastrophe. War es Mayak-Polonium, das Litwinenko tötete?
In Moskau treffe ich mich mit Sergej Novikov, dem Sprecher der mächtigen russischen Atombehörde »Rosatom«. Das Gespräch findet einigermaßen konspirativ in einem Kaffeehaus statt, weil es für Ausländer schwierig ist, eine Zugangsberechtigung für Rosatom zu bekommen.
»Was halten Sie vom Tod Litwinenkos?«, frage ich.
Novikov antwortet: »Ich bin der Verteter eines offiziellen russischen Machtorgans und kann keinen politischen Kommentar abgeben. Ich kann nur Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass böse Kräfte, die einen Verdacht auf Russland lenken wollten, kaum ein bequemeres Element als Polonium finden könnten, weil offiziell nur Russland Polonium produziert.«
»Stammt das Polonium, mit dem Litwinenko vergiftet wurde, denn nicht aus Russland?«
»Wir wissen es nicht. Die Behörden in England haben uns nicht um Hilfe gebeten. Unsere Fachleute hätten sofort erkennen können, aus welchem Reaktor es stammt.«
»Woran kann man die Herkunft von Polonium erkennen?«
»An den Verunreinigungen, die es enthält. Jeder Reaktor hat einen unverwechselbaren radiologischen Fingerabdruck.«
»Arbeitet Mayak noch?«
»Nein, die Anlage wurde vor zwei Jahren heruntergefahren.«
»Woher kommt Ihr Polonium dann?«
»Aus der radiochemischen Fabrik Sarow, dort wird zurzeit das Polonium von den Wismut-Scheiben abgetrennt, die wir in Mayak beschossen haben.«
Sarow liegt etwa 400 Kilometer östlich von Moskau. Dort befindet sich das »Gesamtrussische Institut für Kernphysik« (VNIIEF), in dem vor 50 Jahren die ersten sowjetischen Atom- und Wasserstoffbomben entwickelt wurden. Wenn im Institut Polonium 210 aus bestrahltem Wismut erzeugt wird, müssen dort große Mengen lagern, weil es relativ schnell zerfällt – westliche Fachleute gehen von mehreren Kilogramm aus. Fragt sich nur, was mit dem Material weiter geschieht.
Novikov sagt, dass alles russische Polonium exklusiv von einer amerikanischen Firma vermarktet wird. Er will den Namen nicht nennen, aber meine Recherchen ergeben, dass es sich um die Gesellschaft NRD Inc. in Buffalo (US-Staat New York) handelt. Jeden Monat liefert Rosatom der NRD acht Gramm für die Produktion von Geräten, die statische Aufladungen verhindern. Über den Preis sagt Novikov nichts, außer: »Es ist relativ billig.« Experten schätzen, dass die US-Firma jährlich einige 10000 Dollar überweist.
Also geht der Polonium-Handel kontrollierte Wege? Zweifel sind angebracht. Denn neben Rosatom scheint es noch andere russische Behörden zu geben, die den giftigen Stoff besitzen. Die Sicherheitspolizei verwendet ihn angeblich, um damit Geldbündel zu markieren und so der Geldwäsche-Mafia auf den Fersen zu bleiben. Einige russische Fachleute weisen auch darauf hin, dass es einen schwarzen Markt für Polonium gibt – der Schmuggel sei hoch lukrativ.
Laut Geheimdiensten hat die Terrororganisation Al-Kaida Millionen für Polonium-Lieferungen ausgelobt, mit denen sie eine schmutzige Atombombe bauen will. Waren vielleicht Litwinenko sowie seine Agenten-Kollegen Lugowoi und Kowtun in ein illegales Polonium-Geschäft verwickelt, und bei der Präsentation der Ware in London fiel eine Portion auf den Tisch, die dann in einer Teetasse aufgefangen wurde? Auch das ist eine Theorie aus Geheimdienstkreisen.
Ich habe eine letzte Frage an Novikov: »Kann ich die Fabrik in Sarow besuchen?« Er lacht: »Sarow ist eine gesperrte Stadt. Besuch von Ausländern ist absolut untersagt.« Mit dem Gefühl, dass es dort doch etwas zu verbergen gibt, fliege ich zurück nach Deutschland. Die Alphastrahlung, die alle Ermittler im Fall Litwinenko in Atem gehalten hat, ist mittlerweile nicht mehr messbar, die Wohnungen und das verdächtige Auto in Hamburg längst dekontaminiert.
Aber mit Polonium 210 wird noch immer gehandelt – und seine Herkunft bleibt weitgehend ein Rätsel. In den USA kann man 20 billionstel Gramm für 69 Dollar per Internet bei der Firma United Nuclear bestellen; etwa 30 Lieferungen würden ausreichen, einen Menschen zu töten. United Nuclear sagt, es komme aus dem Reaktor des Oak Ridge National Laboratory (ORNL) im US-Staat Tennessee, wo schon im Zweiten Weltkrieg am Nuklearprogramm der USA gearbeitet wurde. Aber bestätigt wird das von den Behörden nicht.
Und die Russen? Offiziell stellt Rosatom pro Jahr 96 Gramm Polonium 210 her. Klingt wenig – reicht aber aus, um 960 Millionen Menschen zu töten. Und niemand weiß, welche Mengen noch auf dem Schwarzmarkt im Umlauf sind.
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