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Medizin

Drogentrip auf Rezept

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Drogentrip auf RezeptDrogentrip auf Rezept

LSD, Ecstasy & Co. gelten als gefährliche Rauschmittel. Doch jetzt plädieren Wissenschaftler dafür, sie in der Therapie einzusetzen. Die ersten Tests laufen bereits.

Mit gemischten Gefühlen trifft Karsten M.* (Name geändert) in der Klinik der Medizinischen Hochschule in Hannover ein. Er weiß zwar, was jene unscheinbaren Kapseln enthalten, die er gleich schlucken wird – den Wirkstoff Psilocybin, den man aus bestimmten Pilzen isolieren kann. Er weiß auch, dass dieser Stoff ähnlich wie die Droge LSD wirkt und dass die Einnahme außerhalb der Klinik verboten wäre. Doch was genau mit ihm passieren wird – das weiß er nicht. Karsten M. nimmt teil an einem höchst umstrittenen wissenschaftlichen Experiment: Die Forscher wollen mit modernen Messmethoden und statistischen Verfahren systematisch untersuchen, wie halluzinogene Drogen die menschliche Psyche verändern.

Karsten M. betritt einen Raum, der kaum noch an ein Krankenhaus erinnert: eine Couch, Parkettfußboden, gedämpftes Licht, in der Ecke ein Computer. Außer ihm ist nur ein Wissen- schaftler anwesend, ein Arzt hält sich jedoch zur Verfügung. Karsten M. setzt eine Augenklappe auf, streckt sich auf der Couch aus, lauscht der sanft dahinplätschernden Musik – und wartet darauf, dass etwas passiert. Die erste Veränderung tritt beinahe unmerklich ein: Auf unbeschreibliche Weise fühlt sich sein Körper seltsam an – ein leises Angstgefühl macht sich breit. Der Wissenschaftler spricht jetzt mit ihm, freundlich, beruhigend. Karsten M. entspannt sich wieder.

Und dann geschieht es. Als würden die Rhythmen ihn tragen, »fließt« er im Gleichtakt mit der Musik. Ein riesiger Raum tut sich auf: dunkelgrün, lila, braun, gelb. Wie in einem Kaleidoskop zerfließen die Farben und bilden immer wieder neue Muster. Im Zeitlupentempo. Als der Wissenschaftler ihn auffordert, die Augenklappe wieder abzunehmen, scheint viel mehr als nur eine Stunde vergangen zu sein.

Nun beginnen die Tests. Karsten M. sitzt vor dem Computerbildschirm, auf dem nacheinander Quadrate mit den unterschiedlichsten Mustern erscheinen. Bei bestimmten Mustern soll er einen Knopf drücken, bei anderen nicht. Plötzlich steigt unbändiges Gelächter in ihm auf: Wie absurd doch diese Tests sind, die dem anderen so viel bedeuten! Ein eigenartiges Gefühl überkommt ihn, als könne er ganze Jahrtausende der Menschheitsgeschichte überblicken und sich vergegenwärtigen. Wie befremdlich, während dieser Zeitreise vor dem seltsamen Apparat zu sitzen.

Der Wissenschaftler gibt ihm die Augenklappe zurück und schaltet die Musik wieder ein. Erneut öffnet sich der große Raum, doch jetzt scheint es Karsten M., als wäre der Raum in Wahrheit sein eigener Körper, in dem ihm die Gedanken wie Bälle zufliegen. Er blickt auf sein Leben. Die Kinder kommen ihm in den Sinn. Ich kümmere mich nicht genug um sie, wird ihm plötzlich klar. Dann denkt er an den ewigen Streit mit seiner Frau: Sie ist immer so inkonsequent mit den Kindern!

In seinen Zorn mischen sich plötzlich Mitgefühl und tiefe Reue: Mit meiner Meckerei mache ich nichts besser. Wenn ich mehr Konsequenz will, muss ich das selbst bringen! Schließlich ebbt die Gedankenflut ab und weicht einer tiefen Entspannung. »Normalerweise sind Gedanken wie Fäden, denen man folgt. Nun aber schien es, als ob ich einen Schritt zurücktrat und von weiter Distanz auf viel größere Zusammenhänge blicken konnte«, so versucht Karsten M. sein Erlebnis später in Worte zu fassen. »In der Zeit danach konnte ich mir nicht mehr länger etwas vormachen, habe die Probleme viel klarer erkannt.«

»Der Pilz ist manchmal wie ein strenger Lehrer, er zwingt fast zur Selbsterkenntnis«, kommentiert Torsten Passie die Erlebnisse seines Probanden. Der Arzt und Wissenschaftler leitet die Versuche mit Psilocybin und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen in Hannover. Erlebnisse wie jene von Karsten M. hat er bereits viele Male dokumentiert. LSD, Psilocybin, Ecstasy – für Passie sind das wertvolle Hilfsmittel, um Türen des Bewusstseins aufzustoßen, innere Zwänge zu überwinden und in neue Erlebniswelten vorzudringen.

Je nach Wirkstoff können solche Substanzen Ängste lindern und so die Konfrontation mit eigenen Gefühlen und Traumata ermöglichen; sie können den Geist von den Fesseln der gewohnten Denkschemata befreien und oft auch ungeahnte Selbstheilungskräfte freisetzen. Das alles am Menschen zu testen, klingt skandalös – und tatsächlich nimmt Passie mit seinen Forschungen eine Außenseiterposition ein.

Doch wer sich mit ihm über seine Arbeit unterhält, könnte leicht vergessen, dass es dabei um illegale, höchst umstrittene Substanzen geht. Der gelassene Mittvierziger mit dem jungenhaften Äußeren argumentiert sachlich, nur hin und wieder blitzt ein Lächeln auf. Nach Anzeichen von psychedelischer Hippie-Kultur hält man in seinem eher kargen Büro vergebens Ausschau, auf dem Schreibtisch steht eine Foto der Familie.

Passie, der auch Soziologie und Philosophie studiert hat, gehört heute zwar zu einer kleinen Minderheit innerhalb seiner Zunft. Doch neu ist sein Ansatz keineswegs. »Seit Jahrtausenden werden solche Stoffe zu Heilbehandlungen verwendet«, sagte er. In den westlichen Ländern allerdings gibt es kaum eine überlieferte Kultur der bewusstseinserweiternden Drogen.

Als der Chemiker Albert Hofmann 1943 das von ihm synthetisierte LSD erstmals einnahm, erschrak er noch über die Wirkung: »Alles im Raum drehte sich, und die vertrauten Gegenstände und Möbelstücke nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie belebt, wie von innerer Unruhe erfüllt. Schlimmer als die Verwandlungen der Außenwelt ins Groteske waren die Veränderungen, die ich in mir selbst, an meinem innersten Wesen, verspürte.«

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Wirkungsweise von LSD genauer untersucht, und der Pharmakonzern Sandoz vertrieb die Substanz über viele Jahre hinweg weltweit legal als Medikament. Psychiatern empfahl man die einmalige Einnahme, damit sie sich besser in psychotische Patienten einfühlen können. Außerdem wurde LSD auch als experimentelles Therapeutikum eingesetzt.

In den 1960er Jahren erreichte LSD den Schwarzmarkt – und entwickelte sich rasch zur Lieblingsdroge der Hippie-Kultur. Wer an den Normen der Gesellschaft zweifelte und nach neuen Ausdrucksformen suchte, für den konnte die Befreiung von gewohnten Denkschemata zur Offenbarung werden. Insbesondere die ehemaligen Harvard-Dozenten Timothy Leary und Richard Alpert machten mit ihren Experimenten die Droge populär. LSD beeinflusste auch viele Künstler, in psychedelischer Musik wurden die Erfahrungen unverblümt nachempfunden. Zugleich erreichten immer wieder Berichte über psychotische Zusammenbrüche und Selbstmorde unter LSD-Einfluss die erschreckte Öffentlichkeit. 1971 wurde LSD weltweit verboten.

Das Verbot machte eine seriöse Erforschung von Drogen fast unmöglich. In Deutschland hatte einzig der Psychiater Hanscarl Leuner eine Ausnahmegenehmigung – er setzte bis zu seiner Emeritierung 1986 LSD in der Psychotherapie an der Universität von Göttingen ein. Leuner behandelte »therapieresistente«, chronisch neurotische Patienten, und zuletzt assistierte ihm dort der junge Torsten Passie. Nach nunmehr 20 Jahren Erfahrung ist Passie überzeugt, dass LSD und das in seiner Wirkung ähnliche Psilocybin zu Unrecht aus dem klinischen Alltag verbannt wurden. Jetzt will er die Beurteilung auf eine sachliche Basis stellen.

Worauf genau die erstaunlichen Effekte von LSD und Psilocybin beruhen, das ist noch so wenig verstanden wie das menschliche Gehirn selbst. Bekannt ist: LSD wirkt in den Nervenzellen auf mindestens zehn verschiedene Rezeptoren, an die normalerweise Neurotransmitter andocken und so die Reizweiterleitung beeinflussen. Bei Psilocybin ist es grundsätzlich ähnlich, allerdings hält die Wirkung nicht so lange an.

Mithilfe der Positronen-Emissions-Tomografie konnte der Züricher Psychiater Franz Vollenweider darüber hinaus zeigen, dass die halluzinogenen Substanzen auf den Thalamus einwirken – diese Hirnregion ist eine Art Filter, der darüber entscheidet, welche Sinneswahrnehmungen ins Großhirn und damit ins Bewusstsein gelangen. In jeder Sekunde nehmen unsere Sinnesorgane viele Millionen Bits an Informationen auf. Nur ein winziger Teil dieser Datenflut erreicht unser Bewusstsein – und die Auswahl trifft der Thalamus in ständiger unbewusster Zwiesprache mit dem Großhirn.

Wenn wir beispielsweise einen Vogel sehen, dann gleicht der Thalamus dieses Bild mit unserer bestehenden Vorstellung eines Vogels ab: Wir müssen längst nicht alle Einzelheiten wahrnehmen und verarbeiten, damit das komplette Bild in unserem Bewusstsein entsteht. Psychedelische Drogen setzen diesen Abgleich mit gespeicherten Konzepten außer Kraft: Das Gehirn interpretiert die Sinneswahrnehmungen dadurch nicht mehr auf die gewohnte Weise, wie sie für ein Überleben sinnvoll ist. Deshalb kann die Einnahme von LSD in ungeschützter Umgebung gefährlich sein: Die ungewohnten Eindrücke werden als Halluzination erlebt. Etwas Vergleichbares geschieht mit den inneren Bildern: Die Gedanken verlassen die gewohnten Bahnen – wie im Traum. An unsere Träume erinnern wir uns jedoch nur sehr unvollständig. Die LSD-Visionen eines Patienten dagegen erlebt ein Therapeut in der Sitzung live mit.

Solche durch psychedelische Drogen ausgelösten Tagträume können sogar den mystischen Erlebnissen religiöser Menschen ähneln. Vor einem Jahr veröffentlichten Forscher der Johns Hopkins University die Ergebnisse eines Versuches, bei dem religiöse Probanden Psilocybin einnahmen. Von 36 Versuchsteilnehmern unter Psilocybin berichteten 22 später von einer Erfahrung, die sich mit dem gängigen Arsenal moderner psychologischer Fragebögen nicht von einem »echten« mystischen Erlebnis unterscheiden ließ: Raum und Zeit hatten an Bedeutung verloren; das eigene Ich wurde in Einheit mit der gesamten Welt erlebt; die Probanden waren überwältigt von tiefer Ehrfurcht, Freude und Liebe – zu vergleichen nur mit der Geburt des ersten Kindes. Erfahrungen, die sich auch nach dem Urteil von Freunden und Bekannten der Testteilnehmer noch Monate später positiv auf ihr Leben auswirkten.

Wissenschaftler wie Vollenweider und Passie interessieren sich allerdings weniger für mystische Erfahrungen als für die konkreten, messbaren Erfolge einer therapeutischen Anwendung. Zusätzlichen Schwung erhält diese Forschung jetzt durch die vergleichsweise neue Substanzgruppe der Entactogene, die neben den Halluzinogenen ein Werkzeug für den Zugang zu unbewuss-ten Traumata sein könnten. Am bekanntesten: Methylendioxymethamphetamin (MDMA), das als »Ecstasy« auf Technopartys für enthemmtes Tanzvergnügen sorgt. Die Droge beeinflusst das Limbische System, jenen Bereich im Gehirn, in dem Emotionen verarbeitet und Erinnerungen gespeichert werden. In geschütztem Rahmen verabreicht, »nimmt MDMA neurotisch verspannten Menschen die Angst vor den eigenen Gefühlen«, sagt Passie. Opfer sexuellen Missbrauchs zum Beispiel könnten sich dadurch mit ihren Traumata auseinandersetzen, ohne vom Schmerz überwältigt zu werden. »Auf diese Weise sind korrigierende Neuerfahrungen möglich – ein Punkt, den ein Therapeut normalerweise mit großem Zeitaufwand mühsam anbahnen muss.« Mit MDMA lassen sich die Selbstheilungskräfte schneller wecken.

Derzeit laufen mehrere klinische Studien, die das therapeutische Potenzial der angstlösenden Substanz erforschen. So testet zum Beispiel der US-Psychiater Michael Mit-
hoefer (University of North Carolina) die Wirkung von MDMA auf traumatisierte Opfer von Gewaltverbrechen. Die ersten Ergebnisse sind angeblich vielversprechend; seit einem Jahr können auch Kriegsveteranen an dem Experiment teilnehmen.

Ob die umstrittenen Halluzinogene und Entaktogene jemals Teil des klinischen Alltags werden, ist noch unklar. Die Studien brauchen ihre Zeit, und auch die Ergebnisse von Passies Experimenten sind noch nicht veröffentlicht. Der kritische Einwand gegen die Drogenforschung, hier wolle die Pharmaindustrie nur neue Absatzgebiete erschließen, lässt sich aber schon jetzt entkräften: LSD etwa ist billig herzustellen, denn das Patent ist längst abgelaufen. Und eine Goldgrube sind bewusstseinserweiternde Mittel schon deshalb nicht, weil nach fünf bis zehn Therapiesitzungen die neuen Erfahrungen meist integriert sind und weitere Sitzungen nicht mehr als so notwendig empfunden werden.

Gravierender könnten da schon die tief sitzenden Vorbehalte gegen die Drogenbehandlung sein – die es immer noch schwer machen, eine Genehmigung für Tests zu erhalten. »Therapieversuche mit LSD und ähnlichen Substanzen halte ich für sehr fragwürdig – angesichts des hohen Risikos, psychische Störungen damit erst auszulösen«, sagt beispielsweise Timo Harfst, wissenschaftlicher Referent der Bundespsychotherapeutenkammer. »Solch exotische Ansätze mögen vielversprechend klingen, wecken aber oftmals Hoffnungen, die nicht realistisch sind.«

Die Geschichte des Karsten M. zeigt jedoch, dass die Hoffnungen durchaus berechtigt sein können. Wenn er unter Drogeneinfluss ein tieferes Verständnis für seine Frau entwickelt und sich weniger egozentrisch als vorher verhält, dann lässt sich das kaum als Drogenwahn abtun. Bestärkt durch solche Erfahrungen, scheint Torsten Passie auf Zeit zu setzen: »In allen Regionen, in denen Pflanzen mit bewusstseinserweiternden Inhaltsstoffen vorkommen, wurden sie von Schamanen zur Heilung benutzt. Ich folge also der ältesten Tradition der Medizin.«

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Autor/in: Birgit Herden


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