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Sport

Doping? Natürlich!

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Doping? Natürlich!Doping? Natürlich!

Ob Größe, Kraft oder Schnelligkeit: Manche Sportler wurden von der Natur mit besonderen Eigenschaften ausgestattet, die dem Effekt von Doping entsprechen. Ist es da unfair, mit leistungssteigernden Mitteln eine ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen?

Drei Wochen lang haben sie alles gegeben. In einem übermenschlichen Kraftakt haben die knapp 190 Fahrer der Tour de France wieder einmal bis zu 2700 Meter hohe Bergpässe erklommen und insgesamt mehr als 3500 Kilometer zurückgelegt. Der offizielle Sieger ist bekannt. Doch – wer hat den Titel wirklich verdient?

Spätestens seit der jüngsten Geständnis-Serie deutscher Radprofis dürfte selbst dem gutgläubigsten Sportfan klar sein: Ein Großteil der Athleten, wenn nicht jeder, hilft kräftig mit Doping nach. Leistungsfördernde Medikamente wie das Hormon Erythropoetin (Epo), Anabolika oder das Wachstumshormon HGH sind zwar verboten. Tatsächlich aber, so zeichnet sich immer deutlicher ab, gehören sie im Spitzensport längst zum Training wie Gewichte stemmen, laufen und schwitzen.

»Ein Skandal«, ereifern sich seither die Protagonisten eines sauberen Sports. Doping sei schließlich nicht nur gefährlich und unfair, sondern »schlicht Betrug«, urteilt etwa die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft in einer aktuellen Stellungnahme.

Manch ein Experte sieht das anders. »Statt Medikamente im Sport zu verteufeln, sollten wir sie wo immer möglich nutzen«, findet der Ethiker Julian Savulescu von der University of Oxford. Und zwar nicht nur, weil es ohnehin eine Illusion sei, Doping komplett verhindern zu können: Allein durch leistungssteigernde Mittel sei es überhaupt möglich, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen.

Tatsächlich zeigt sich immer wieder, dass die Natur bei der Verteilung ihrer Gaben höchst unfair ist – und einige Menschen mit Vorteilen ausstattet, die dem Effekt von intensivem Doping entsprechen und weder durch eisernen Willen noch durch härtestes Training zu haben sind.

Legendäres Beispiel dafür ist der finnische Skilangläufer Eero Mäntyranta, der die Welt 1964 in Staunen versetzte. Die Olympischen Winterspiele in Innsbruck hatten gerade begonnen, als er die Konkurrenz scheinbar problemlos aus dem Feld fegte. Mit mehr als einer Minute Vorsprung gewann der gerade einmal 1,68 Meter große Athlet das 30-Kilometer-Rennen. Drei Tage später kassierte Mäntyranta die zweite Goldmedaille, diesmal auf der 15-Kilometer-Strecke. Jahrelang konnte kaum jemand den Wunderläufer aus Finnland schlagen – und das, obwohl der für einen Ausdauersportler eigentlich viel zu klein war.

Kein Wunder, dass die Kollegen bald skeptisch wurden. Hatte Mäntyranta womöglich mit verbotenen Medikamenten nachgeholfen? Erst mehr als 30 Jahre später fanden Genforscher im Erbgut des Finnen eine Erklärung für seine herausragende Kondition: Der Ausnahmesportler trägt in seinen Genen eine seltene Mutation, die sein Knochenmark besonders empfindlich für das körpereigene Hormon Epo macht. Sein Organismus bildet deshalb von sich aus rund die Hälfte mehr rote Blutkörperchen als die meisten anderen Menschen. Dadurch kann Mäntyrantas Blut von Natur aus enorme Mengen Sauerstoff aufnehmen – und die Muskeln viel länger als bei seinen Gegnern mit Energie versorgen.

Eine ähnliche Anomalie wurde später dem britischen Radrennfahrer Charles Wegelius zum Verhängnis. Kurz bevor der damals 25-jährige Sportler im Oktober 2003 zur Lombardei-Rundfahrt antreten konnte, wurde er plötzlich mit einem Startverbot belegt. Ein Bluttest hatte gezeigt, dass sein Hämatokritwert über der zulässigen Grenze von 50 Prozent lag. Hämatokrit (kurz: HCT oder Hkt) bezeichnet den Anteil an roten Blutkörperchen am Volumen des Blutes. Je höher der Wert, desto zähflüssiger ist das Blut – und desto wahrscheinlicher ist es in der Regel auch, dass der Athlet mit Epo oder Eigenblut gedopt hat.

Doch einiges sprach dafür, dass Wegelius – zumindest in Sachen Epo – unschuldig war: Nach einem schweren Motorradunfall hatten ihm Ärzte 1998 die Milz entfernt. Normalerweise filtert und beseitigt das Organ rote Blutkörperchen nach ein paar Wochen »Nutzungsdauer« aus dem Blut. Weil diese Routine-Entsorgung in Wegelius’ Körper jedoch fehlt, ist auch sein Hämatokritwert dauerhaft erhöht.

Keine Frage – kaum ein Sportler würde sich vermutlich die Milz für immer entfernen lassen, nur um im Wettkampf ein paar Sekunden früher ins Ziel zu kommen. Warum aber, fragt Savulescu, sollten Athleten nicht selbst darüber entscheiden dürfen, ob sie der Natur mit ein paar Medikamenten nachhelfen – zumindest solange es ihrer Gesundheit nicht schadet?

Schon heute lassen sich Schätzungen zufolge allein in den USA eine Million Menschen von ihren Ärzten biotechnologisch hergestelltes menschliches Wachstumshormon (HGH) geben – ein Mittel, das seit Jahren nicht nur als Doping-Mittel im Sport, sondern auch als Lifestyle-Droge Karriere macht. Glaubt man den Versprechungen der Anbieter, ist das Präparat, das normalerweise zur Behandlung von Kindern mit Wachstumsstörungen dient, ein wahres Multitalent: Laut einigen Studien soll es dem reiferen Mann die Power seiner Jugend zurückgeben, indem es die Knochendichte erhöht, das Immunsystem stärkt, die Haut strafft, die Laune verbessert und die Manneskraft steigert. Selbst die Plackerei im Fitnessstudio oder die Quälerei mit Diäten könnten dank HGH ein Ende haben. Forscher wollen nach einer solchen »Therapie« Muskelzuwächse von durchschnittlich 8,8 Prozent und Fettabbauraten von 14,4 Prozent gemessen haben – ohne dass ihre Probanden dafür hätten schwitzen oder hungern müssen.

Inwieweit derlei Verheißungen der Industrie erfüllt werden, weiß bislang niemand. Fest steht aber: Wer als Kind HGH verabreicht bekommt, wird größer, als es die Natur vorgesehen hat. Möglicherweise sogar so groß, dass er oder sie es später ins nationale Basketball-Team schafft. Schwer zu sagen, wie viele Eltern bereit wären, ihrem Kind das Mittel zu verpassen, um aus dem Kleinen einen zweiten Dirk Nowitzki zu machen.

Für Doping-Befürworter wie Savulescu jedenfalls wäre eine HGH-Kur im Sinne der Fairness nur recht und billig. Schließlich verdanken beispielsweise zwei der längsten Basketball-Spieler der Welt ihre Größe einer jahrelangen Überdosis an Wachstumshormon, die der Körper selbst produziert. Weder der in Russland geborene 2,26 Meter große Pavel Podkolzin noch der ihn um neun Zentimeter überragende chinesische Basketballer Sun Ming Ming wären so hoch hinaus gewachsen, hätte nicht ein Tumor in ihrem Kopf die Hirnanhangsdrüse dazu gebracht, jahrelang übermäßige Mengen von Wachstumshormon auszuschütten.

Schon mit 15 Jahren maß Sun stattliche 1,93 Meter. Erst im Alter von 21, kurz nachdem der Basketballer als Nachwuchshoffnung in die USA gekommen war, entdeckten Ärzte die fatale Geschwulst im Schädel des Riesen und entfernten sie kurze Zeit später. Auf den Tumor von Podkolzin stießen Mediziner, als er 19 war. Beide Sportler, so scheint es, haben sowohl die Übermengen an HGH als auch ihre Operationen gut überstanden.

Welche Laune der Natur den australischen Schwimmer Ian Thorpe zu seinen außergewöhnlich großen Füßen verholfen hat, ist dagegen noch unklar. Bisher gibt es keinen Zaubertrank, mit dem sich menschliche Extremitäten gezielt zum Wachsen bringen lassen. Experten gehen jedoch davon aus, dass Thorpes XXL-Füße einen maßgeblichen Anteil an den phänomenalen Leistungen des mehrfachen Olympiasiegers haben. Schon als Teenager trug er Schuhgröße 52, und später sah mancher Konkurrent in den »flossenähnlichen« Füßen Thorpes den Hauptgrund dafür, dass er seine Gegner oft mit ein paar kräftigen Beinschlägen in der letzten Phase des Rennens noch auf die hinteren Plätze verwies.

Glaubt man Doping-Befürwortern wie Savulescu, sind derlei angeborene Vorteile gar nicht so selten – also auch nicht unter Spitzensportlern:
- Fünf Prozent aller Menschen haben von Natur aus einen Hämatokritwert von über 50 Prozent – und damit mehr rote Blutkörperchen in ihren Adern, als in Wettkämpfen erlaubt ist.
- Bestimmte Varianten eines Gens namens ACE verleihen ihren Trägern eine besonders große Ausdauer.
- Viele Langstrecken-Läufer aus ostafrikanischen Ländern wie Kenia und Tansania profitieren von ihrer speziellen Muskel-Anatomie: Ihre Unterschenkel sind dünner und im Schnitt 400 Gramm leichter als die von dänischen Läufern. Wissenschaftlichen Berechnungen zufolge bringt allein dieser Unterschied den Afrikanern eine Energieersparnis von stattlichen acht Prozent.

Ob die Erbanlagen über Sieg oder Niederlage entscheiden, weiß niemand. Wer aber günstige Gene mitbringt, ist klar im Vorteil, meint der Sportphysiologe Dieter Böning vom Universitätsklinikum Charité in Berlin: »Das ist so, als ob sie als Volkswagen oder Ferrari zur Welt kommen.«

Hinzu kommt noch etwas anderes: Nicht nur körperliche Gaben sind ungleich verteilt – je nachdem, ob ein Sportler etwa in Australien oder in Rumänien geboren wurde, sehen auch seine finanziellen Möglichkeiten ganz unterschiedlich aus. Wenn er der Natur nachhelfen möchte, steht er beispielsweise vor der Entscheidung: Nehme ich Epo, absolviere ich ein Höhentraining oder mache ich eine Schlafkur in einem Spezialzelt, in dem sich der Sauerstoffmangel eines Höhentrainings überall auf der Welt imitieren lässt? Der Effekt, die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut zu steigern, wäre immer der gleiche. Doch der wesentliche Unterschied: Höhentraining und Schlafkur sind legal – aber teuer; Epo ist illegal – aber billig.

Allein das Sauerstoffzelt kostet mehrere tausend Euro. Das mehrmonatige Training in mehr als 2500 Meter Höhe dürfte sogar noch kostspieliger sein. Fast zum Spottpreis gibt’s dagegen »Epogen«, eine der populärsten Formen von biotechnologisch hergestelltem Epo: Die normale Monatsration für einen 100 Kilogramm schweren Athleten war schon vor Jahren für 122 US-Dollar zu haben. Selbst wenn die Epo-Behandlung vier Jahre vor dem Wettkampf begänne, rechnet Savulescu vor, wäre sie immer noch günstiger als die Schlafkur im Sauerstoffzelt. Eine nicht zu unterschätzende Versuchung für Sportler aus ärmeren Ländern.

Sie wird noch dadurch verstärkt, dass in diesen Staaten auch die Sportförderung geringer ist. Was gutes Sponsoring für den Erfolg einer Nation ausmachen kann, zeigt das Beispiel Australien. In den vier Jahren vor den Olympischen Spielen in Athen, hat Savulescu herausgefunden, steckte das Land mit 547 Millionen US-Dollar so viel wie nie zuvor in die Förderung seiner Athleten. Der Erfolg konnte sich sehen lassen: Insgesamt brachten die Australier 17 Goldmedaillen nach Hause, ein absoluter Rekord in der Geschichte des Landes. Down under lag damit auf Platz vier der Medaillen-Rangliste – und das, obwohl der Kontinent in Sachen Bevölkerungsgröße gerade einmal an 52ster Stelle aller Länder der Erde steht.

Medikamente im Sport zu erlauben, resümiert Savulescu, der selbst aus Australien stammt, könne die »wirtschaftliche Diskriminierung« von Athleten aus ärmeren Staaten verringern. Warum nicht eine Art »Epo-Hilfsfonds« für bedürftige Sportler einrichten? Statt Tausende von US-Dollar dafür zu verplempern, jeden Athleten vor dem Wettkampf für rund 130 US-Dollar pro Durchgang auf Epo zu testen, solle man das Mittel bedürftigen Sportlern kostenlos zur Verfügung stellen, schlägt Savulescu vor.

Eine Grenze aber setzt er: Was und wie viel ein Athlet auch immer schlucken, spritzen oder inhalieren wolle – entscheidend sei, dass es ihn nicht gefährdet. Um die Sicherheit der Athleten aber, beklagt der Wissenschaftler, schere sich das bisherige Kontrollsystem wenig. Denn wenn ein Sportler von Natur aus einen Hämatokritwert von 60 Prozent habe, könne er durchaus am Wettkampf teilnehmen – obwohl sein Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall damit deutlich erhöht ist. Getreu dem Motto: Es ist in Ordnung, wenn der Athlet stirbt – Hauptsache, es ist ein natürlicher Tod. Wem es wirklich um die Sicherheit der Sportler gehe, der solle nicht ständig nach immer schärferen Doping-Kontrollen rufen. »Das ist reine Zeitverschwendung«, findet Savulescu. Viel wichtiger sei es, die Gesundheit des Athleten in den Vordergrund zu stellen.

Eines steht jedenfalls fest: Hehre Appelle an die Vernunft der Sportler dürften auch in Zukunft nicht ausreichen, um das Doping zu stoppen. Das zeigt eine Studie, über die die US-Zeitschrift »Sports Illustrated« Ende der 1990er Jahre berichtete. Der US-Mediziner Robert Goldman hatte darin angehende und ehemalige Olympia-Teilnehmer gefragt, ob sie bereit wären, ein imaginäres leistungssteigerndes Medikament zu nehmen, wenn sichergestellt wäre, dass sie nicht erwischt würden. Und siehe da: 195 von ihnen antworteten mit Ja, lediglich drei mit Nein.

Doch Goldman wollte es noch genauer wissen. Deshalb bohrte er weiter: »Angenommen, das verbotene Präparat würde Ihnen garantieren, jeden Wettkampf in den nächsten fünf Jahren zu gewinnen – würden Sie es auch dann nehmen, wenn Sie an schließend an den Nebenwirkungen sterben würden?« Das Ergebnis dürfte so manchem Fan oder Sponsor zu denken geben: Mehr als die Hälfte der befragten Athleten antwortete mit Ja.

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Autor/in: Cornelia Stolze


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