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Biologie & Psychologie

Diese Maus hat Angst geerbt. Und wie ist das bei uns?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Diese Maus hat Angst geerbt. Und wie ist das bei uns?Diese Maus hat Angst geerbt. Und wie ist das bei uns?

Diffuse Furchtgefühle, Panikattacken und Phobien: Immer mehr Menschen haben immer mehr Angst – heißt es. Aber in Wahrheit nimmt nicht die Angst zu, sondern das Wissen über sie. Und die Bereitschaft, sich zu ihr zu bekennen. Die neuesten Erkenntnisse über ein uraltes Phänomen.

»Koro« heißt ein rätselhaftes, nur in China und Malaysia vorkommendes seelisches Phänomen. Wenn sexuell bei ihnen gerade nicht viel läuft, leiden dort viele Männer unter der panischen Angst, ihr Penis werde sich in den Körper zurückziehen und sie töten. Nur mit Mühe gelingt es Ärzten, die Betroffenen von dieser quälenden Vorstellung zu erlösen. »Koro« ist einer von vielen irrationalen Angstzuständen, die Menschen weltweit plagen. Der internationale Diagnose-Katalog so genannter Angststörungen liest sich wie ein Reiseführer ins Land des Grauens: Angst vor Höhe, vor Fahrstühlen, vor Tunnels, vor großen Plätzen, vor Menschen, vor Mikroben bis hin zur Angst, bei Spaziergängen auf eine Leiche zu stoßen.

Angst, genauer gesagt: irrationale Angst, ist kein Produkt unseres hektischen modernen Lebens. Die griechische Dichterin Sappho beschreibt (um 600 v. Chr.), wie sie aus heiterem Himmel eine Panikattacke bekam. Julius Cäsar hatte Angstzustände beim Anblick von Katzen, Charles Darwin litt Todesängste in Menschenansammlungen. Umso erstaunlicher, dass die Erforschung der Ur-Emotion Angst und ihrer Entgleisungen sehr spät begann. Als der New Yorker Neurologe Joseph Le Doux Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts Angst zu seinem Thema machte, glaubten seine Kollegen noch, Gefühle seien der Wissenschaft nicht zugänglich. Viele hielten den Aufbruch ins Gefühlsleben sogar für so »unseriös« wie die damals ebenfalls startende Sexualwissenschaft.

Heute dagegen ist die Erforschung der Physiologie und Neurochemie von Angst zu einem der heißesten Themen der Medizin geworden. Auf Hochtouren werden zum Beispiel im Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie die neuronalen Netzwerke und hormonellen Kreisläufe der Angst untersucht. Nicht pure wissenschaftliche Neugierde steckt dahinter, sondern medizinische Notwendigkeit. Denn: Angstzustände, früher gerne als Feigheit oder Hysterie etikettiert, sind eine sehr verbreitete Erscheinung. Mindestens 17 Millionen Menschen in Deutschland leiden akut daran – die Dunkelziffer liegt sicher viel höher. Prominentes Beispiel für die »Verschwiegenheit« dieser Erkrankung: Erst nach dem Tod Jürgen Möllemanns wurde bekannt, dass sogar dieser furchtlos wirkende Politiker unter behandlungsbedürftigen Angstzuständen litt.

Obwohl das Wort Angst (von lateinisch: Enge) am häufigsten benutzt wird, muss man streng genommen zwischen Furcht und Angst unterscheiden. Furcht ist die körperlich-seelische Reaktion auf Reize wie etwa ein unheimliches Geräusch, einen Stromschlag oder den Anblick eines gezückten Messers. Der Begriff Angst dagegen bezeichnet eine Emotion, die vom Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen gespeist wird. Die Bandbreite dieses Gefühls reicht von diffusen Ängsten bis zur ausgeprägten Katastrophenstimmung. Beispiel: Nach einer Kündigungswelle in einer Firma entwickeln auch viele Davongekommene, zumindest eine Zeit lang, mulmige Gefühle.

»Beide Reaktionen sind bei allen Spezies konserviert in den Tiefen des Gehirns«, sagt Dr. Martin Keck, Leiter der Angstambulanz im Münchner Max- Planck-Institut für Psychiatrie, »sie haben sich in den Jahrmillionen der Evolution als äußerst nützlich bewährt.« Und beide Gefühlszustände beruhen auf komplexen biologischen Programmen, an denen die Natur vermutlich sehr lange gefeilt hat.

Spielen wir die Wege der Angst an einem simplen Beispiel durch: Mitten in der Nacht werden Sie von einem lauten Krachen an der Eingangstür geweckt. Der akustische Reiz setzt unmittelbar zwei neuronale Kreisläufe in Gang. Der schnellere geht vom Ohr ins Limbische System – den evolutionsgeschichtlich alten Bereich des Gehirns zwischen Hirnstamm und Gehirnrinde. In Bruchteilen von Sekunden wird dort eine Hauptschaltstelle von Angst und Furcht aktiviert, der Mandelkern (Amygdala). Dieser kleine, mandelförmige Haufen von Neuronen besitzt die unheimliche Fähigkeit, den gesamten Organismus in Alarm zu versetzen. Er arbeitet Hand in Hand mit einem anderen, nahe gelegenen Gehirnzentrum – mit dem Hippocampus. In diesem »Archiv« wird die aktuelle Bedrohung blitzschnell mit früheren Erlebnissen verglichen. Würden Sie zum Beispiel nicht im vertrauten Schlafzimmer sondern im Dschungel von dem Rumpeln überrascht, wäre die nun einsetzende Furchtreaktion noch heftiger.

Das alles spielt sich ab, ehe Ihnen überhaupt bewusst ist, was los ist. Ihre Furcht spüren Sie erst, wenn – ausgehend vom Mandelkern – eine Kaskade hormoneller Signale die Kettenreaktion der Angst ausgelöst hat. Vereinfacht: Der Hypothalamus bekommt vom Mandelkern den Impuls, das Hormon CRH (Cortico-Tropin-Releasing-Hormon) auszuschütten. Dieses wiederum regt die Hypophyse und die Nebennieren an, die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol freizusetzen. An diesem zentralen Geschehen beteiligen sich aber, wie man heute weiß, noch viele weitere hormonelle »Feintuner«. Die Effekte sind dramatisch: Der Blutdruck steigt, die Haare richten sich auf, das Herz rast, die Atmung geht schneller, die Blutgefäße im Magen verengen sich. Alle Energien werden mobilisiert, um zu flüchten – oder sich der Gefahr im Kampf zu stellen. (Das Aufrichten der Haare gehört übrigens auch zur Kampfvorbereitung: Mit aufgestelltem »Fell« wirken wir größer und gefährlicher.)

Der zweite neuronale Pfad ist verschlungener und daher zeitaufwändiger: Der akustische Reiz rast durch verschiedene Zentren des Gehirns, erreicht einen hinter der Stirn befindlichen Bereich der Gehirnrinde (präfrontaler Kortex). Hier wird die Gefahr genauer analysiert: Wollte heute Nacht nicht Flurnachbar X. von einer Reise zurückkehren? Vermutlich hat er wenig rücksichtsvoll seine schweren Koffer vor Ihrer Tür abgestellt. Sofort wird die Info ans Limbische System gefunkt. Diese Botschaft trägt ebenso dazu bei, die Amygdala zu besänftigen, wie die hormonellen Antagonisten-Signale, die eine Überproduktion an Stresshormonen verhindern. Das Ende der Geschichte: Nach wenigen Minuten ebbt der Aufruhr im Organismus ab, und mit etwas Glück schlafen Sie schnell wieder ein.

Leider läuft es nicht immer so reibungslos. »Schon bei Tieren lässt sich Angst leichter anwerfen als stoppen«, sagt der US-Neurologe Stephen Moren von der Universität Michigan. Angst kann ohne reale Bedrohung gezündet werden und Panikattacken auslösen. Oder sie verharrt als ungelöste Spannung im Organismus, auch wenn die Gefahr längst abgeklungen ist. So übermächtig kann die nicht mehr kontrollierbare Angst werden, dass sie das Leben behindert und die Betroffenen zu absurden Handlungen zwingt. Dann vermeidet beispielsweise der Mensch mit Tunnelangst jede Route, die durch die Berge geht. Und setzt sich vielleicht schließlich gar nicht mehr ans Steuer!

»Ein Gehirnprogramm, das uns davor schützen sollte, aufgefressen zu werden, frisst uns selber auf«, sagt treffend Stephen Moren zum Thema Angststörung. Doch was genau ist im Gehirnprogramm denn nun passiert? Pathologische Veränderungen der Gehirnstrukturen, der »Hardware«, sind so gut wie nie die Ursache. So hat sich die früher geäußerte Vermutung, die Amygdala sei bei für Angst anfälligen Menschen größer, nicht bestätigt. Sie ist bei ihnen nur aktiver, wie zahllose Untersuchungen belegen. So wurde zum Beispiel Spinnenphobikern ein Film gezeigt, in den für Sekundenbruchteile Aufnahmen von Taranteln eingeblendet waren. Obwohl bewusst nicht wahrnehmbar, provozierten die Bilder bei den Betroffenen eine gesteigerte Aktivität der Amygdala – bei Menschen ohne Spinnenangst war das nicht der Fall.

Der prominente Göttinger Angstexperte Professor Borwin Bandelow vergleicht Angststörungen mit dem Effekt eines Computervirus, der die »Festplatte« befallen hat. In die Sprache der Medizin übersetzt: Das hochkomplexe Stress-Hormon-System ist außer Balance geraten. Dabei genügt schon eine winzige Veränderung, um das ganze System – wie ein Mobile – in Unruhe zu bringen. Zwei Erklärungen sind möglich, wahrscheinlich treffen beide gleichzeitig zu, verstärken sich wohl gegenseitig. Erstens: Die Schaltzentrale Mandelkern ist übersensibel (vergleichbar mit einem Immunsystem, das bei Allergien »verrückt« spielt). Zweitens: Die körpereigenen Kontrollsysteme der Angstreaktion sind zu schwach. So können die hormonellen Antagonisten-Signale nicht ausreichen – der Organismus wird permanent auf einem erhöhten Erregungsniveau gehalten. Oder die entsprechenden »Vernunft«-Botschaften aus dem präfrontalen Kortex sind zu wenig ausgeprägt, um die aufgescheuchte Amygdala »herunterzufahren«.

Doch was ist die eigentliche Ursache, wenn das komplexe Räderwerk auf die eine oder andere Weise außer Takt gerät? Schlimme Erfahrungen in der Kindheit und/oder in Lebenskrisen – das war lange Zeit die alleinige Erklärung. Heute richtet sich die Aufmerksamkeit der Experten mehr auf die Frage der genetischen Disposition. Wird Angst vererbt – so wie beispielsweise auch die Veranlagung für die Stoffwechsel-Entgleisung Diabetes?

Überraschende Erkenntnisse gewann das Team um Rainer Landgraf im Max-Planck-Institut für Psychiatrie bei Experimenten mit Mäusen. Systematisch konnten in den Münchner Labors über zwei Jahrzehnte hinweg über-ängstliche Mäuse ebenso wie besonders mutige Tiere herausgezüchtet werden. Die Angst-Mäuse verbringen den größten Teil ihres Lebens in einer dunklen Käfigecke, die Mutigen schrecken nicht einmal – ganz untypisch für Nager – vor hell erleuchteten offenen Flächen zurück. Allein schon die Tatsache, dass sich Angst und Mut züchten lassen, spricht – zumindest bei Tieren – für eine genetische Veranlagung.

Es geht aber noch weiter: Lässt man die Neugeborenen einer ängstlichen Mäusemutter von einer mutigen Mutter adoptieren, hat das kaum einen Einfluss auf ihr späteres Verhalten. Fazit: Die Gene sind stärker als die Erziehung. Dass diese aber auch bei Mäusen nicht ganz wirkungslos ist, beweist ein anderes Experiment: Ein mutiges Mäusebaby, das seiner Mutter über viele Stunden weggenommen und daher später von ihr nicht mehr erkannt und deshalb vernachlässigt wird, verhält sich später ängstlicher als seine Geschwister. Und ein ängstliches Mäusekind wiederum, das von seiner Mutter immer nur wenige Minuten getrennt wird und daher beim Wiedersehen ganz besonders viel Aufmerksamkeit von ihr bekommt, entwickelt mehr »Stress-Resistenz«.

Von den Mäusen zurück zu den Menschen: »90 Prozent aller Gene, die bei Krankheiten eine Rolle spielen, stimmen bei Maus und Mensch überein«, erklärt Dr. Martin Keck. Wie die meisten Angstwissenschaftler geht er davon aus, dass Angststörungen beim Menschen zu etwa 50 Prozent genetisch bedingt sind. Liegt eine genetische Disposition »in der Familie« vor, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zumindest ein Elternteil »überbehütend« mit dem Nachwuchs umgeht und somit dessen Anlage durch Erziehung verstärkt. Zudem können dann schwierige Erfahrungen und/oder längere Überforderung durch belastende Lebenssituationen zum Steinchen werden, das die Lawine ins Rollen bringt.

Alle Versuche, das passende Profil einer »typischen Angstpersönlichkeit« zu beschreiben, sind allerdings ebenso gescheitert wie die Suche nach einem einzigen Angst-Gen, das den Schlüssel zu späterer Panik ebenso wie zu krankhafter Schüchternheit liefern würde. »Wir sind mit Hochdruck auf der Suche nach möglichen Unterschieden an Genen, die das Stress-Hormonsystem bedingen«, erklärt Dr. Martin Keck. Mehr Wissen in diesem Bereich würde die Diagnose der heimlichen Volkskrankheit Angst sehr erleichtern. Immer wieder erlebt Keck in der Angst-Ambulanz, dass die Menschen erst nach einer jahrelangen Odyssee zu ihm finden. Noch immer sind die Symptome der Angststörung nicht genügend bekannt, werden als »vegetative Störung« bezeichnet und mit Tranquilizern oder guten Ratschlägen »therapiert«. Mehr als einmal hat Keck erlebt, wie gestresste Manager »hinter der Tür regelrecht zusammenbrechen, weil sie endlich wissen, was mit ihnen los ist«.

Aber ihnen kann geholfen werden! Bei 60 bis 80 Prozent liegt schon heute die Erfolgsquote der Behandlung. Zwei Wege gibt es, um Phobien und Ängste anzugehen – beide gehören zusammen. Der erste besteht darin, jene Gehirnprogramme zu stärken, die auch eine übernervöse Amygdala in Schach halten können. Wer vom Pferd fällt, muss gleich wieder in den Sattel – heißt eine alte Reiterweisheit. Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet die »Exposition« – eine erfolgreiche Form der Verhaltenstherapie: Wer Angst hat vor dem Fliegen, wird in einen Flugsimulator gesetzt, der Spinnenphobiker bekommt eine (ungiftige) Spinne auf den Handrücken platziert.

Je intensiver sich die Angstgeplagten den Objekten ihrer schlimmsten Befürchtungen (unter therapeutischer Überwachung) ausliefern, desto rascher brennen sich im Gehirn neue Erfahrungen ein: Gedächtnisspuren, die »der Amygdala ihre Überreaktion erfolgreich ausreden können«, erklärt der Bostoner Neurologe und Psychiater David Barlow. Prominentes Beispiel einer erfolgreichen Expositions-Therapie ist die Weltklasse-Tennisspielerin Monica Seles. Nach einem Attentat im Hamburger Rothenbaum-Tennisclub litt sie unter schwersten Angststörungen: das Aus für ihre Karriere. Behandelt wurde sie mit einem Video – der Hergang des Attentats war von Journalisten gefilmt worden. Schritt für Schritt lernte Seles den Anblick des Messerstechers zu ertragen und bekam ihre Angstzustände so gut in den Griff, dass sie auf den Court zurückkehrte.

Als zweiter Ansatz bietet sich eine gezielte medikamentöse Behandlung an. Zurzeit werden Angstgeplagten in akuten Fällen anfangs oft vorübergehend Benzodiazepine verschrieben – eine Medikamentengruppe, die unter dem Namen Valium berühmt (und berüchtigt) wurde. Die Mittel seien ein Segen, erklärt Dr. Martin Keck, wenn Menschen so große Angst haben, dass sie sich nicht einmal den Weg zum Arzt zutrauen. Ihr Nachteil: Sie machen abhängig. (Die Pharmaindustrie arbeitet daran, Benzodiazepine ohne Suchtgefahr zu entwickeln.)

Eine weitere Medikamentengruppe sind die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Serotonin ist ein Neurotransmitter im Zentralnervensystem mit (unter anderem) beruhigender und die Stimmung verbessernder Wirkung. Wie alle Hormone wird er im Organismus nicht nur produziert, sondern auch ständig resorbiert. Mit entsprechenden Substanzen kann diese natürliche Resorption gedrosselt und somit der Serotonin-Spiegel erhöht werden.

Auch wenn manche Angstforscher wie Professor Borwin Bandelow Eingriffe ins hormonelle Netzwerk der Angst prinzipiell für riskant halten, arbeiten Wissenschaftler weltweit unter Hochdruck an der Suche nach neuen Ansätzen auf diesem Gebiet. Drei Entwicklungen sind zur Zeit besonders vielversprechend:

1. Kontrolle der Wirkung von CRH – jenes Hormons, das nach entsprechendem Befehl des Mandelkerns von der Hypophyse ausgeschüttet wird und über eine Reihe von Schritten zur Bildung der Stresshormone führt. Ein erhöhter CRH-Spiegel gilt als einer der Regisseure bei Angststörungen. Ziel ist, die Empfängermoleküle für das Hormon im Gehirn medikamentös zu beeinflussen – vergleichbar dem Prinzip von Betablockern bei der Behandlung von Bluthochdruck.

2. Stärkung der körpereigenen Kontrollsysteme von Angst. In den Vorhöfen des Herzens wird das Hormon ANP (Atriales Natriuretisches Peptid) gebildet, das als Antagonist zur Ausschüttung der Stresshormone wirkt – eine Art Sicherung, um eine Überproduktion zu verhindern. Mit bestimmten Substanzen sollen die Rezeptoren für ANP unterstützt werden – überängstliche Menschen könnten so »beherzter« werden.

3. Kontrolle des Vasopressin-Spiegels – eines Hormons, das den Wasserhaushalt im Körper steuert. Erst jetzt wurde entdeckt, dass es auch fürs Feintuning in der Biochemie der Angst zuständig ist.

Letzteren Ansatz hält Dr. Martin Keck für besonders ermutigend. Seine Versuche am Max-Plack-Institut haben eines gezeigt: Substanzen, die auf die Vasopressin-Konzentration einwirken, machen ängstliche Mäuse mutiger, aber Mut-Mäuse nicht noch mutiger (ähnlich wie ein Fiebermittel bei einem Gesunden keine Untertemperatur erzeugt). Dieser Nulleffekt von zukünftigen Anti-Angst-Substanzen auf Menschen, die nicht unter Panikstörungen leiden, ist Wissenschaftlern ebenso wichtig wie die Wirksamkeit bei Behandlungsbedürftigen. »Das Leben verlangt eine geschickte Balance zwischen Risikobereitschaft und Angst«, erklärt Keck. Auf »Übermut« gezüchtete Mäuse, wären in freier Wildbahn eine leichte Beute für Katzen!

Wegen »zu viel Mut« hat natürlich noch nie ein Mensch Rat und Hilfe gesucht, und »Mut-Störungen« sind – sofern es sie überhaupt gibt – völlig unerforscht. Mit dem Thema Angststörungen dagegen bekommen Ärzte immer mehr zu tun. Nach dem 11. September sei die Zahl um 55 Prozent gestiegen, meldet der Berufsverband deutscher Allgemeinärzte. Viele Experten sind jedoch der Ansicht, dass mehr Betroffene heute den Mut finden, Hilfe zu suchen. Mit anderen Worten: Nicht die Angst nimmt zu, sondern das Wissen über sie. Und die Bereitschaft der Menschen, sich zu ihr zu bekennen.

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