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Neurologie & Psychologie

Die Zukunft ist schon da - in Ihrem Gehirn!

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Zukunft ist schon da - in Ihrem Gehirn!Die Zukunft ist schon da - in Ihrem Gehirn!

Immer wenn wir an die Zukunft denken, bewegt sich unser Gehirn in Wahrheit in der Vergangenheit: Wir bauen das Morgen aus den Steinen des Gestern. Wäre es anders, wären wir kaum lebensfähig.

Wir alle leben in der Gegenwart – doch ständig schweift unser Geist in die Zukunft ab. Fahren wir die Straße entlang, sind wir in Gedanken schon um die Ecke gebogen. Besuchen wir einen Freund, stehen wir im Geiste schon vor seiner Haustür. Selbst für seltenere Ereignisse hat unser Gehirn Vorstellungen parat: Fahren wir in Urlaub, sehen wir den Strand schon vor uns, spüren den Sand zwischen unseren Zehen und wie das Meer unsere Füße umspült. Die Zukunft lebendig vor sich sehen zu können ist derart normal, dass wir kaum je darüber nachdenken.

Dabei geht hier in Wirklichkeit etwas höchst Erstaunliches vor sich: Sehr häufig nämlich liegen wir mit unseren Vorstellungen genau richtig. Woher kommt die Sicherheit beim Blick auf das noch nicht Geschehene? Wie entstehen die detaillierten Bilder von künftigen Situationen? Was passiert dabei im Gehirn? Und wie kommt es, dass manche immer in eine rosige, andere in eine graue Zukunft blicken – obwohl doch beide von derselben Gegenwart aus starten?

Erstaunlich ist auch das: Wenn Sie Ihr Zukunftsbild genauer analysieren, werden Sie feststellen, dass Ihnen einiges daraus bekannt vorkommt. Es enthält lauter Bilder, die wir bereits so oder so ähnlich kennen – nämlich aus der Vergangenheit: das Meeresrauschen, den Anblick der Berge, das Bild eines Hotelzimmers. Unser Zukunftsbild ist ein Mosaik, zusammengesetzt aus Vergangenheitssteinchen. Wir erinnern uns an die Zukunft.

Wie sehr Zukunftsplanungen mit Erinnerungen zusammenhängen, konnte die Hirnforscherin Kathleen McDermott von der Washington University in St. Louis zeigen. Sie stellte Versuchspersonen zwei Aufgaben: Zuerst sollten sie sich an ihre letzte Geburtstagsparty erinnern; dann sollten sie in Gedanken die nächste Party planen. Währenddessen wurde ihre Gehirnaktivität mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) aufgezeichnet. Das Ergebnis: Beide Male waren im Gehirn ähnliche Regionen aktiv – unabhängig davon, ob die Probanden in die Zukunft oder in die Vergangenheit blickten. Beide Male wurden jene Nervennetzwerke angesprochen, die für unser episodisches Gedächtnis zuständig sind, also für die Erinnerung an persönliche Erlebnisse. »Ob wir uns an ein Erlebnis erinnern oder es uns in der Zukunft vorstellen, ist fast das Gleiche«, erklärt Daniel Schacter, Psychologe an der Harvard University, der ähnliche Experimente wie McDermott durchgeführt hat.

Interessant auch die geringen Unterschiede im Gehirn zwischen Zukunfts- und Vergangenheitsgedanken: Bei Zukunftsgedanken werden zusätzlich kleine Gehirnareale aktiv, von denen man vermutet, dass sie für den »Time-Shift« der Vorstellung zuständig sind. Anscheinend fügt unser Gehirn an eine Erinnung aus der Vergangenheit einfach eine Marke »Zukunft« an, und schon meinen wir, das Kommende vor Augen zu haben.

Was aber ist mit Menschen, die einen eingeschränkten Zugang zur ihrer Vergangenheit haben? Wer sich nicht erinnern kann, müsste dann auch nicht in die Zukunft blicken können. Genau das konnte der Neurobiologe Endel Tulving von der University of Toronto an seinem Patienten C. beobachten. C. hatte durch einen Motorradunfall einen Gehirnschaden erlitten, der sein episodisches Gedächtnis zerstörte. Er konnte sich Fakten merken, aber keine persönlichen Erlebnisse. C. wusste, wie er heißt, wo er wohnt und welchen Beruf er hat. Aber er erinnerte sich nicht an konkrete Situationen aus seiner Arbeit und seinem Leben. Und tatsächlich war er kaum in der Lage, sich zukünftige Ereignisse vorzustellen. Wenn C. etwa an seine nächste Geburtstagsparty denken sollte, sah er vor seinem inneren Auge nur »eine Art Leere«. Er konnte sich nicht in die Situation hineindenken oder -fühlen. Mit dem Riss in seinem Erinnerungsvermögen wurde auch seine Fähigkeit zerstört, sich selbst in zukünftigen Situationen zu sehen. Ähnliches wurde bei vielen Menschen mit Gedächtnisverlust beobachtet.

Wir basteln uns also ein Bild von unserer Zukunft aus dem Bausatz unserer Erinnerungen – und merken das nicht einmal. Wieso machen wir das? Schließlich entstehen aus den selbst gebastelten Zukunftsbildern oft auch Enttäuschungen: Der Strand am neuen Urlaubsort ist steinig, das Hotel liegt an einer lauten Straße, und die Freunde fallen uns mit ihrem Gequatsche auf den Wecker. Wir sind genervt, weil die Realität nicht unseren Vorstellungen entspricht. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn man sich einfach bewusst machte, dass man in Wahrheit wenig über die Zukunft weiß? Sollten wir nicht statt lebendiger Szenen nur sichere Fakten vor unserem geistigen Auge sehen?

Nein, sind sich Psychologen und Gehirnforscher einig. Denn das vermeintliche Wissen von unserer Zukunft ist eine wichtige Basis für unsere Handlungsfähigkeit. »Unser Verhalten setzt voraus, dass wir so tun, als hätten wir konkrete Vorstellungen von der Zukunft«, erklärt Markus Kiefer, Psychologe und Hirnforscher an der Universität Ulm. Denn nur diese konkreten Vorstellungen geben uns ein Gefühl von Berechenbarkeit, Kontrollierbarkeit und Sicherheit. Dabei ist es nicht einmal entscheidend, ob wir uns die Zukunft rosig oder grau ausmalen. Schon die Gewissheit, eine absehbare Gefahr kontrollieren zu können, gibt uns ein Gefühl von Wohlbefinden.

Genau hier sehen Evolutionsbiologen auch den großen Vorteil der engen Verknüpfung von Erinnerung und Zukunftsblick für die menschliche Entwicklung. »Wer sich daran erinnert, wie hungrig er im letzten Winter war, hat eine große Motivation, für den nächsten Winter Vorräte anzulegen«, erklärt Neurobiologe Tulving. Nur aufgrund seiner ausgeprägten Fähigkeit zur vorausschauenden Planung, basierend auf Erfahrungen, hat es der Mensch geschafft, den Naturgewalten zu trotzen.

Dementsprechend nimmt im Gehirn des modernen Homo sapiens das Nervengewebe, das für die Zukunftsplanung zuständig ist, viel Platz ein. Zwölf Prozent unserer wachen Zeit verbringen wir mit Zukunfts-Gedanken, hat Daniel Gilbert, Psychologe an der Harvard University, herausgefunden. Manche Forscher vermuten sogar, dass unser Gehirn immer, wenn wir an nichts Bestimmtes denken, unbewusst mit der Zukunftsplanung beschäftigt ist. Während solcher Ruhephasen sind die Aktivitätsmuster im Gehirn den Mustern sehr ähnlich, die das Gehirn zeigt, wenn wir uns in Gedanken mit Zukunftsszenarien beschäftigen, so Randy Buckner, ebenfalls Psychologe in Harvard.

Unsere Vorliebe für die Bastelei an Zukunftsvisionen bringt natürlich mit sich, dass wir uns öfter mal irren. »Gesunde Menschen sehen über diese Unsicherheit einfach großzügig hinweg«, sagt Psychologe Kiefer. Sie nehmen ihre inneren Vorstellungen von der Zukunft als Richtschnur, und wenn sich die zukünftige Realität anders entwickelt, kümmern sie sich eben darum, wenn es so weit ist.

Würden wir uns hingegen die ganze Zeit mit den Lücken unseres Wissens und der Unberechenbarkeit der Zukunft beschäftigen, wäre unsere Handlungsfähigkeit blockiert. »Menschen mit einer Depression kann genau das passieren«, erklärt Kiefer. Sie fokussieren sich aufgrund ihrer Stimmungslage auf ihre Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft – und versinken in Grübeleien über mögliche Konsequenzen möglicher Handlungen. Die Gedankenspiralen können so weit führen, dass keine Handlung mehr sinnvoll erscheint.

Gesunde kennen ähnliche Blockaden nur in ängstlicher Stimmung: Dann wollen wir unsere Umwelt kontrollieren, wir wägen die Folgen genau ab, bevor wir einen Schritt wagen.

Häufig funktioniert das: Angst warnt uns vor der dunklen Gasse, und wir nehmen lieber einen beleuchteten Umweg. Wenn wir jedoch Angst haben und keine sichere Handlungsoption entdecken, handeln wir möglicherweise gar nicht mehr, weil uns jeder Schritt unsicher scheint. Wir sehen dann auch unsere Zukunft eher bedroht. Studien zeigen: Unsere momentane Stimmung färbt unser Zukunftsbild.

Psychologe Norbert Schwarz von der University of Michigan in Ann Arbor ließ dazu zwei Gruppen von Menschen befragen, ob sie ihr Leben als gelingend oder als schwierig einschätzen. Einziger Unterschied der zufällig zusammengesetzten Gruppen: Die eine wurde bei gutem Wetter befragt, die andere bei schlechtem. Die Regenwetter-Gruppe berichtete, dass sie mit ihrem Leben relativ unzufrieden sei, während die Sonnenschein-Menschen deutlich zufriedener waren. »Menschen bilden sich offensichtlich aufgrund ihrer momentanen Stimmung ein Urteil darüber, wie zufrieden sie mit ihrem Leben generell sind«, erklärt Schwarz.

Was kann man daraus lernen? »Planen Sie Ihre Zukunft bei guter Laune«, empfiehlt Gerald Hüther, Hirnforscher an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.

Leichter gesagt als getan, könnte man jetzt denken. Aber die moderne Hirnforschung macht Mut: Man weiß heute, dass in unserem Gedächtnis alle persönlichen Erfahrungen mit zwei Inhalten abgespeichert sind – einem kognitiven und einem emotionalen. Jede Erinnerung ist mit bestimmten Emotionen verknüpft. Denken wir an unser letztes gelungenes Geburtstagsfest, können wir mühelos die Freude wieder aufrufen. Denken wir an das Kritikgespräch mit unserem Chef, werden Angst und Beklemmung wieder präsent.

Diese Verknüpfung von Erinnerung und Emotion können wir uns für unsere Zukunftsfähigkeit zunutze machen: »Man kann die angenehmen Gefühle aufrufen, indem man an entsprechende Situationen denkt«, erklärt Hüther. Und in der positiven Stimmung, die bei der Erinnerung an schöne Erlebnisse entsteht, werden wir positiver über unsere Zukunft nachdenken: weil sich unser Gehirn in guter Stimmung beim Ausmalen seiner Zukunfts-Szenarien eher bei den positiv besetzten Erlebnissen im Erinnerungsrepertoire bedient. In unserer Zukunftsvision sehen wir uns dementsprechend eher in gutem Licht, handlungsfähig und aktiv. Eine positive Spirale kann in Gang kommen. Wir legen den Grundstein für eine optimistische selbsterfüllende Prophezeiung in Bezug auf unsere Zukunft.

Nun gibt es Menschen, die bewusst eine pessimistische Lebenseinstellung pflegen. Nach dem Motto: »Wenn das Schlimmste eintritt, bin ich wenigstens nicht überrascht oder schockiert.« Studien zeigen jedoch, dass diese Menschen irren. Pessimisten wappnen sich mit ihrem Fokus auf die Schwierigkeiten nicht für die Zukunft, sondern verderben sich die Lebensfreude: Der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert hat Studenten untersucht, die eher pessimistisch, und solche, die eher optimistisch gestimmt auf ihre Prüfungsergebnisse warteten. Ergebnis: Die Optimisten fühlten sich während der drei Tage Wartezeit gut – und als sie die Ergebnisse bekamen, hatten auch die mit schlechter Note tags darauf wieder gute Laune. Die Pessimisten fühlten sich dagegen drei Tage lang schlecht – und als sie die Ergebnisse erfuhren, fühlten sie sich auch nicht besser als die Gruppe der Optimisten. »Schwierigkeiten und Probleme im Leben zu erwarten scheint keine sinnvolle Strategie zu sein«, folgert Gilbert.

Zwar können sich auch Optimisten nicht vor zukünftigen Niederlagen oder Schwierigkeiten schützen, aber mit ihrer Einstellung gewinnen sie gleich zweifach: Sie erfreuen sich an der Gegenwart, weil sie sich nicht über das Morgen sorgen. Und sie bereichern ihr Leben durch den Glauben an eine positive Zukunft, für die es sich lohnt, den nächsten Schritt zu gehen – selbst wenn der Weg momentan steinig ist.

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