Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Ewiges Objekt der Begierde

Die weibliche Brust

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Die Brust einer Frau ernährt ihre Kinder – und betört ihren Mann. Seit der Steinzeit ist sie Zeichen der Fruchtbarkeit und erotisches Signal. Sie kann die Waffe einer Frau sein – oder ihre Tabuzone.




Keinen Augenblick zögert Agatha. »Nein!«, lautet ihre Antwort. Sie, die Christin wird niemals einen Römer heiraten, ihm niemals erlauben, sie zu berühren. Die Beleidigung trifft Quintianus hart, zu schön ist die Sizilianerin, zu dreist ihre Abweisung. Der neue Erlass zur Christenverfolgung kommt dem Statthalter von Catania gerade recht. Er lässt Agatha ins Bordell der Aphrodisa schleppen, sie verhören und foltern. Seine Schergen reißen ihr das Gewand von den Schultern, zerreißen ihren nackten Körper mit Zangen, versengen sie mit Fackeln und schneiden ihr die Brüste ab.

Nachts im Kerker erscheint der Gemarterten Petrus, bietet ihr heilsamen Balsam an. Quintianus lässt am nächsten Tag die Folter fortsetzen, Agatha auf glühende Kohlen legen. Da beginnt die Erde zu beben. Das Volk gerät in Aufruhr, schnell bringt man Agatha zurück in die Zelle, wo sie stirbt. Als etwa ein Jahr danach der Ätna ausbricht, ziehen die Leute von Catania dem Lavastrom entgegen – gewappnet mit dem Schleier der ermordeten Christin. Die Stadt wird verschont. So jedenfalls erzählt es die Legende.

Noch heute backen die Bäcker von Catania am 5. Februar zu Ehren ihrer Schutzheiligen »Agathabrötchen«. Sie sollen vor Fieber und Krankheiten der Brust schützen, junge Mütter essen sie, um den Milchfluss zu sichern. Und natürlich haben die Agathabrötchen eine unmissverständliche Form. Etwas makaber erinnern sie an die einst abgeschnittenen Brüste ihrer Namenspatronin. Einer Frau die Brüste abzuschneiden ist ein brutaler Akt, der sich gegen ihre Weiblichkeit, gegen ihre Sexualität richtet. Bevor am Ende des 19. Jahrhunderts die pasteurisierte Milch erfunden wurde, bedeutete dieser Akt darüber hinaus existenzielle Bedrohung: Eine Mutter ohne Brust konnte ohne fremde Hilfe ihren Nachwuchs nicht mehr ernähren.
Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)
Autor/in: Bettina Jech


Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

Brust  /  Busen  /  Emanzipation  /  Mode