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Militärtechnik

Die Waffen für den Steinzeit-Krieg

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Waffen für den Steinzeit-KriegDie Waffen für den Steinzeit-Krieg

Der Krieg der Zukunft wird nach einer uralten Regel ablaufen: Mann gegen Mann. Dafür erhalten Infanteristen jetzt maßgeschneiderte Waffensysteme.

Die meisten Soldaten verfehlen alles, was mehr als fünf Meter entfernt ist.« Der Mann, der das sagt, muss aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Doch er weiß, wovon er spricht: Er ist Waffenentwickler bei Heckler & Koch, einer der größten Waffenschmieden in Deutschland. Hier im schwäbischen Oberndorf wird hinter meterhohen Zäunen an den Hightech-Waffen der Zukunft gebastelt – aber nicht an Panzern und Kanonen, sondern an Handfeuerwaffen. Namen wie »XM-25«, »MG4« und »MP7« schwirren durch die Laborluft – Bezeichnungen für leichtes Gerät, das ein einzelner Soldat locker schultert. Und das in punkto Treffsicherheit alles Bisherige in den Schatten stellen will. Denn darauf kommt es im Krieg der Zukunft an: dass der Krieger fit ist für den Kampf Mann gegen Mann.

Der Grund dafür: Das Szenario der kriegerischen Auseinandersetzung hat sich seit dem Ende der Blockbildung erheblich verändert. Die Konfrontation von gigantischen Armeen ist dem so genannten asymmetrischen Krieg gewichen: Den regulären Streitkräften stehen Guerillakämpfer und Terroristen gegenüber, bald womöglich auch Privatsoldaten internationaler Unternehmen oder schwer bewaffnete Gangstertruppen. Charakteristisch für diese neue Situation ist, dass »es keine klassischen Schlachtfelder mehr gibt«, erklärt Oberst Ralph Thiele, Kommandeur des Zentrums für Analysen und Studien der Bundeswehr. »Gerade Akteure, die über keine ausgeprägten militärischen Fähigkeiten verfügen, verlagern Auseinandersetzungen zunehmend in schwieriges Gelände wie Städte und Wälder.« Um hier im Kampf jeder gegen jeden zu bestehen, sei der »hochqualifizierte Hightech-Krieger« erforderlich.

Das Konzept dafür steht bereits – es trägt den Namen »Infanterist der Zukunft« (IdZ). 35000 Soldaten sollen im Lauf der Zeit von der Infanterieschule der Bundeswehr nach diesem Konzept ausgebildet werden – und dann in Eingreiftruppen der Bundeswehr weltweit einsetzbar sein. Andere Nationen arbeiten an ähnlichen Plänen. Aber während beispielsweise Franzosen und Briten noch mindestens zwei Jahre daran tüfteln werden, haben die Deutschen das System bereits eingeführt – und es hat sich zum Exportschlager entwickelt. Offenbar sind die Vorstellungen darüber, wie der einzelne IdZ auszurüsten und wie er in den Kampfverband zu integrieren ist, sehr überzeugend. Jetzt wird an einer Version zwei dieses Konzepts gearbeitet.

Schon nach heutigem Stand sind deutsche Infanteristen, ob im Kosovo oder in Afghanistan, so modern ausgestattet wie kaum eine andere Armee. Zur IdZ-Ausrüstung gehören nicht mehr Landkarten und Kompass – stattdessen orientiert sich der Soldat per Palmtop mit Satelliten-Navigation. Ein Fernglas, das Entfernungen misst, sowie ein Wärmebildgerät gehören ebenso zur Grundausrüstung wie ein Helm, der vor Chemiewaffen, Laserstrahlen und Granatsplittern schützt.

Als erste Armee der Welt stellt die Bundeswehr ihren Soldaten darüber hinaus ein elektronisches »Zweithirn« namens »Navipad« zur Verfügung. Damit kann der IdZ seine Kameraden orten – auf den Zentimeter genau und in Echtzeit. Über den Minicomputer, der direkt am Körper getragen wird, lassen sich auch Kurznachrichten senden und empfangen. Als »Nintendo fürs Gefechtsfeld« wurde Navipad bei der Einführung kritisch beäugt – inzwischen fast nur noch gelobt. Nur den kleinen Stift aus Plastik dürfen die Soldaten nicht verlieren, sonst können sie den karteikartengroßen Touchscreen nicht mehr bedienen.

Doch das eigentliche Erfolgsgeheimnis des deutschen Konzepts liegt in der Einbindung des einzelnen IdZ in eine zehnköpfige Gruppe. Dabei gilt so etwas wie Arbeitsteilung: Nicht jeder Infanterist braucht beim Einsatz jede Waffe – aber zusammen verfügt die Gruppe über das gesamte Arsenal. »Wir stellen der Gruppe eine Waffenfamilie zur Verfügung, aus der sie sich dem Einsatzzweck entsprechend bedient«, sagt der Waffenentwickler von Heckler & Koch. Weil jetzt beispielsweise nicht jeder in der Gruppe einen Granatwerfer hat, spart man auch noch Geld. Dennoch kostet es immer noch 220000 Euro, eine IdZ-Gruppe mit Waffen zu bestücken – über 200 solcher Gruppenausrüstungen hat die Bundeswehr bereits in Oberndorf bestellt.

Das Bundeswehrkonzept des IdZ unterscheidet sich fundamental von einem ehrgeizigen Projekt der USA: Der »Land Warrior« sollte als lebender Kampfroboter ins Feld ziehen – als Einzelkämpfer, der das ganze Waffenarsenal des Infanteristen mit sich herumschleppt. Um alle Einsatzmöglichkeiten in einer Person zu konzentrieren, sollte er mit einer völlig neuen Superwaffe ausgerüstet werden – der »Objective Individual Combat Weapon« (OICW). Dieses intelligente Equipment war eigentlich ein Computer, der zwei Waffensysteme steuerte: ein Sturmgewehr für den Nahkampf und einen Granatwerfer für größere Distanzen. Ein Wärmebildgerät machte den Einsatz auch in der Nacht möglich, ein Laserentfernungsgerät maß die Entfernung des Ziels, spezielle Sensoren erfassten die Bewegungen eines Gegners, ein futuristisches Ziel- und Feuerleitsystem lenkte die Geschosse ins Ziel. Nur abdrücken musste der Soldat noch selbst.

Erste Prototypen, die an die US-Army ausgeliefert wurden, funktionierten gut – im Schießstand. In der Praxis bewährten sie sich nicht. 2005 wurde das OICW gestoppt: zu teuer, zu schwer, technologisch zu aufwändig und intellektuell zu anspruchsvoll – der Soldat war der Waffe nicht gewachsen.

Dieser Gefahr ist die Bundeswehr mit dem IdZ-Gruppenkonzept aus dem Weg gegangen: Der einzelne Soldat muss nicht das ganze Waffenarsenal allein buckeln, und in Sachen Technik rangiert das Praktikable vor dem Utopischen. Praktikabel ist zum Beispiel die MP7, die die Bundeswehr bei Heckler & Koch einkauft, um die Waffenfamilien der IdZ-Gruppen zu komplettieren. Diese extraleichte Maschinenpistole ist für den Nahkampf besonders geeignet – bietet aber zusätzlich die Reichweite eines Sturmgewehrs. Die MP »leistet« 950 Schuss pro Minute, und ihre 4,6-Millimeter-Projektile durchschlagen auf 150 Meter Entfernung den stärksten »Personenschutz«, den es zurzeit im Feld gibt: eine Schutzweste aus 1,6 Millimeter Titanblech und 20 Lagen Kevlar-Kunststoff.

Vielleicht wird der IdZ auch eine Waffe bekommen, die der ganze Stolz von Heckler & Koch ist: den neuen Granatwerfer XM-25. Halbautomatisch feuert er mithilfe seines elektronischen Feuerleitsys-tems 25-Millimeter-Airburst-Granaten ab. Wenn es nach der Waffenschmiede ginge, würde jede IdZ-Gruppe mit zwei XM-25 ausgerüstet werden. Sie soll optimal für Kämpfe in Städten geeignet sein, wo sie die gefürchteten Scharfschützen außer Gefecht setzen könnte. Doch ihre Wirkung ist so brutal, dass es Bedenken gibt, ob sie mit den Kriegsrechts-Konventionen vereinbar ist. Unter anderem deshalb steht eine Entscheidung über diesen Granatwerfer noch aus.

Laser- und Mikrowellenwaffen, an denen zum Beispiel die deutsche Firma Rheinmetall arbeitet, sind für den deutschen Zukunfts-Infanteristen ebenfalls noch nicht vorgesehen. Bisher gibt es davon auch nur Prototypen.

Der Zweck dieser Waffen besteht vor allem in der Ausschaltung gegnerischer Waffensysteme – die Militärs sprechen von »Fire-Power-Kill«. Laserstrahlen mittlerer Energie werden vom angepeilten Objekt absorbiert und in Wärme umgewandelt, die zum Beispiel Zieloptiken beschädigt. Wenn man das Ziel komplett vernichten will, sind gepulste Hochenergielaser notwendig, die allerdings extrem starke Energiequellen benötigen. Das gilt auch für die Hochleistungs-Mikrowellenwaffen, die typischerweise mit Frequenzen zwischen 100 Megahertz und fünf Gigahertz feindliche Elektronik lahmlegen. Für diese beiden Technologien fehlen aber noch geeignete Energiequellen, die auch leicht genug sind, um transportiert werden zu können. Bei Heckler & Koch vermutet man deshalb, dass es diese Waffen »keinesfalls vor 2025 geben wird, zumindest nicht für den einzelnen Soldaten«.

Und was ist mit der – laut »Guinness Buch der Rekorde« – »intelligentesten Feuerwaffe der Welt«? Würde sie nicht ins moderne IdZ-Konzept passen? Gemeint ist eine Horrorwaffe, die zurzeit von der australischen Armee und der amerikanischen »Agentur für fortschrittliche Verteidigungsprojekte« (DARPA) getestet wird. Sie besteht aus dem Roboter-Fahrzeug »Talon«, auf dem vier Rohre befestigt sind. In jedem davon stecken Dutzende von 40-Millimeter-Granaten, die nicht mehr per Schlagbolzen, sondern elektronisch gezündet werden. Auf diese Art und Weise können theoretisch bis zu einer Million Projektile pro Minute abgefeuert werden: Der Feind würde in einen undurchdringbaren Geschosshagel geraten, der an einen Sturm aus Metallteilen erinnert. Diese Wirkung hat der Waffe auch den Namen gegeben: »Metal Storm«.

Die Experten von Heckler & Koch lächeln nur milde, wenn sie »Metal Storm« hören. Sie glauben nicht, dass der Krieg der Zukunft ein Hightech-Krieg sein wird, der uns – wie im letzten Golfkrieg – in grünschimmernden Videobildern auf dem Fernseher serviert wird. »Im modernen Krieg geht es nicht um Stealthbomber und Cruise Missiles, sondern um konventionelle Handfeuerwaffen«, sagt der anonyme Waffenentwickler. Den Kampf Mann gegen Mann, Soldat gegen Terrorist, Infanterist gegen Partisan gewinne keinesfalls derjenige, der die höchstentwickelte Waffe habe – sondern derjenige, der am zuverlässigsten treffe. Und das sei nur gewährleistet durch Waffen, die einfach und ohne Stress zu bedienen seien. So erscheint der Krieg heutzutage in einem doppelten Sinn als Rück-
kehr in die Steinzeit.

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