Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Stadtentwicklung
Die Unterwelt von Berlin: Eine Reise in die Eingeweide der größten deutschen Stadt
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sie wird immer größer und teurer: die Stadt unter der Hauptstadt. Hightechabwasserleitungen und hochmoderne Stromtunnel liegen tief unter dem Boden neben alten Bunkern, leeren Gewölben – und vielen ungelösten Geheimnissen.
Genüsslich schlürft der knapp 40-jährige Mann mit dem Stoppelbart und der Schiebermütze in einer Pizzeria am U-Bahnhof Gesundbrunnen seinen Cappuccino. Es ist Dietmar Arnold, einer der führenden Untergrundforscher von Berlin. Wenn er von der Stadt unter der Stadt erzählt, von den Tunneln, Kanälen und Stollen, die das Erdreich der Spree-Metropole wie riesige Maulwurfsgänge durchziehen – dann fühlt der Zuhörer förmlich den Boden unter sich schwanken. Zum Beispiel das Gebäude hier, sagt Arnold. Es stehe überhaupt nicht auf der Erde, sondern auf über 4000 Stahlfedern, darunter eine gewaltige tragende Betonkonstruktion, die einen der Maulwurfsgänge überbrückt: Hier rattert die U-Bahn-Linie 8 durch Berlins Untergrund.
Untergrund: Die meisten Hauptstädter haben nur eine verschwommene Vorstellung von der Welt unter ihren Füßen. Für viele ist Untergrund gleichbedeutend mit Schmuddel und Abwasser. Doch in Wirklichkeit liegen hier die wichtigsten Lebensadern der Stadt verborgen – die unterirdische Stadt trägt die Stadt an der Oberfläche wie in der Sage der Held Atlas das Himmelsgewölbe. Die Bauwerke und Anlagen im Untergrund sind von bester Qualität – sie sollen Jahrzehnte oder besser Jahrhunderte überdauern, mit möglichst wenig Reparaturen. Im Untergrund baut man für die Ewigkeit oder gar nicht, besagt eine Tiefbauerweisheit: Denn einmal zugeschüttet und überbaut, kommt man an manchen Kanal oder U-Bahnhof nicht mehr ohne weiteres heran. Der Keller einer Großstadt ist deshalb fast so teuer wie die Beletage. Man schätzt, dass zum Beispiel im Innenstadtbereich von Berlin etwa 40 Prozent aller Bauwerte unter der Oberfläche liegen.
Dietmar Arnold ist diplomierter Stadtplaner an der Spree; er berät Behörden bei der Auswahl von Baugrundstücken. Schon als Schüler ist er in verlassene Bunkeranlagen eingestiegen, seitdem hat ihn die Stadt unter der Stadt nicht mehr losgelassen. Über die Unterwelt des Potsdamer Platzes brachte er eine interaktive CD heraus (»Berlin im Untergrund«). Sogar einen eigenen Forschungsverein namens »Berliner Unterwelten e.V.« rief er 1997 mit Gleichgesinnten ins Leben. Was man hier an Wissen zusammengetragen hat, vermittelt anschaulich, wie komplex der Berliner Untergrund ist.
Beispiel Kanalisation. »Viele wollen über die Kanäle genauso wenig wissen wie über ihren Darm«, sagt Arnold. Dabei ist eine Stadt ohne Kanalisation genauso wenig überlebensfähig wie ein Mensch ohne Verdauungssystem. Im 19. Jahrhundert kamen zwei rauschebärtige Herren mit Zwicker auf der Nase zu dem Schluss: Entweder bekommt Berlin einen »Darm« – oder es wird an Typhus, Cholera und anderen Infektionskrankheiten zu Grunde gehen, wenn die Abwässer weiterhin an den Straßenrändern entlangfließen. Die beiden klugen Köpfe waren der Ingenieur James Hobrecht und der berühmte Arzt und Virologe Rudolf Virchow. Innerhalb weniger Jahre peitschten sie den Bau der Kanalisation durch.
Ab 1869 ließ Hobrecht unter dem Pflaster zwölf Kanalsysteme errichten, die man sich am besten vorstellt wie große, durchhängende Netze: Die Abwässer fließen von den Häusern zum jeweils tiefsten Punkt eines solchen Netzes und werden von dort über eine Pumpstation nach oben in ein Klärwerk geleitet. Das alte Netz wurde seit Hobrechts Zeiten immer wieder erweitert – heute sind die Gedärme Berlins über 9000 Kilometer lang: Aneinander gereiht würden sie bis nach Peking reichen. Neben Abwässern aus Badewannen, Wasch- und Spülmaschinen verdauen sie pro Tag 1300 Tonnen Fäkalien, pro Jahr das 65fache Gewicht des Eiffelturms. Zusammen mit diesem endlosen Strom menschlicher Hinterlassenschaften fließt neuerdings auch der stetig anschwellende Datenstrom der Informationsgesellschaft durch die Kanäle. Statt neue Gräben aufzureißen, hat man mit Spezialrobotern bereits mehr als 50 Kilometer Glasfaserleitungen in den Berliner Kanälen verlegt. Die Wasserbetriebe verdienen so doppelt: am Abwasser- und am Datentransport.
Der Bau neuer Abwasserkanäle hat viel Ähnlichkeit mit dem U-Bahn-Tunnelbau. Wie gefräßige Raupen bohren sich dabei Tunnelbaumaschinen in 20 bis 30 Meter Tiefe durch den Berliner Untergrund. Ihr rotierender Bohrkopf reißt mit scharfen Zähnen die Erde auf, der Abraum wird durch eine Art Speiseröhre abgepumpt. Ein Roboter kleidet die Tunnelwand mit Betonfertigteilen aus: In diesem stabilen »Kokon« werden anschließend 1,20 Meter dicke Abwasserrohre verlegt. Allein durch eine der großen neuen »Schlagadern« – sie unterquert das gesamte Stadtgebiet von Norden nach Süden – pulsieren täglich 90000 Kubikmeter: ein Sechstel des gesamten Berliner Abwassers. Der schmuddelige Strom fließt unbemerkt unter Ballungs- und Landschaftsschutzgebieten hindurch, unter der Spree und dem Teltowkanal. Gesamtlänge: 18 Kilometer, Gesamtkosten: 128 Millionen Euro.
128 Millionen Euro – dafür kriegt man bei der U-Bahn nicht 18, sondern gerade mal einen Kilometer. Denn deren Röhren sind dreimal so dick, und die Gleisanlagen sowie die technischen Einrichtungen machen den Bau von Bahntunneln wesentlich aufwändiger als den von Abwasserkanälen. Die 144 Streckenkilometer der Berliner U-Bahn entsprechen fast der Entfernung München–Nürnberg; die bayerische Landeshauptstadt kommt nur auf 82 und Frankfurt auf 56 Kilometer. Die Zahl von 170 U-Bahnhöfen ist in Deutschland ebenfalls Spitze, und bei einem Alter von 100 Jahren kann man die Untergrundbahn in der Hauptstadt als die große alte Dame der »subkutanen« Personenbeförderung bezeichnen. Eine alte Dame, die viele Geheimnisse birgt. Eines davon sind ihre toten Gleisanschlüsse und Bahnhöfe sowie die aufgelassenen Versuchsstollen. Sage und schreibe 70 solcher Überbleibsel liegen heute wie riesige Blinddärme unter der Berliner Erde, vom kleinsten Tunnel bis zum saalartigen Großbahnhof. »Die Gesamtlänge aller ungenutzten U-Bahn-Tunnel beträgt gut fünf Kilometer«, schreibt Dietmar Arnold in seinem Buch »Dunkle Welten«. Zwischen den Stationen Alexanderplatz und Lehrter Bahnhof schläft eine nagelneue, 1,8 Kilometer lange U-Bahn-Röhre einen Dornröschenschlaf – einschließlich des halb fertigen U-Bahnhofs Reichstag. Wie lange die beeindruckende Säulenhalle noch schlummern wird, ist angesichts der schlechten Finanzlage des Bundes und des Landes Berlin offen. Die neun Meter dicke U-Bahn-Röhre endet einstweilen vor einer Betonwand.
Aber warum reißt man jene Bahntunnel, die niemand mehr braucht, nicht einfach ab? Warum überdauern unterirdische Investitionsruinen aus der Vergangenheit unbehelligt die Jahrzehnte? Die Antwort ist einfach: Weil erhalten selbst langfristig billiger ist als abreißen. So hat man sich entschieden, die Relikte von damals einfach ruhen zu lassen.
Das gilt auch für die zahlreichen Bunker aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ein großer Teil der Geschichte der Berliner Unterwelt ist mit dem Dritten Reich verbunden. Ab 1937 plante Hitlers Chefarchitekt Albert Speer die Verwandlung Berlins in die neue Reichshauptstadt »Germania«. Mittelpunkt dieses Größenwahns in Beton sollte die »Volkshalle« im Tiergarten unweit des Brandenburger Tores werden: ein gigantischer Kuppelbau mit Platz für rund 200000 »Volksgenossen«. Geplant als das größte Bauwerk der Welt, sollte es den Machtanspruch des Dritten Reiches markieren – zur Ausführung gelangte es zum Glück nie. Aber im Untergrund war bereits alles für »Germania« vorbereitet: Hier wurde der Bau einer 2,3 Kilometer langen Tunnelanlage begonnen, die den Autoverkehr der neuen Hauptstadt über ein verästeltes Röhrensystem in alle Richtungen verteilen sollte. 1945 errichteten die Sowjets über der unvollendeten Anlage ein Ehrenmal für ihre Soldaten – darunter liegen noch heute zwei 90 Meter lange und 14 Meter breite Tunnelabschnitte. Eine kalte, gespenstische Welt aus den dunkelsten Zeiten Deutschlands, in der fast kniehoch das Grundwasser steht. Dieses Bauwerk wird erhalten und regelmäßig auf Schäden untersucht – Abriss wäre zu teuer.
Ab 1940 legten die Nazis »Germania« auf Eis – der Bau von Bunkern zum Schutz vor den Bomben der Allierten war jetzt vorrangig. Insgesamt wurden rund 1000 Bunkeranlagen und Luftschutzstollen in den Untergrund betoniert, sie boten Platz für bis zu eine Million Menschen – allerdings nur bei mehrfacher Überbelegung. Gleichzeitig wurden Tausende von Kellerwänden durchbrochen, um Schutzsuchenden die Flucht in die Nachbarkeller zu ermöglichen. Alle wichtigen Regierungsgebäude bekamen einen Bunker, und die Villen von Nazigrößen wie Goebbels und Göring wurden gleich zweimal erbaut – oberirdisch als normales Wohnhaus und unterirdisch als Privatbunker. Im »Führerbunker« an der Wilhelmstraße zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz sollten drei Meter dicke Wände und 4,50 Meter starke Decken den Diktator vor den Bomben schützen. Heute sind davon nur noch Reste erhalten. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass Hitlers Bunker über eine unterirdische Straße mit dem Flughafen Tempelhof verbunden gewesen wäre – unbewiesen, aber denkbar. Hier hätte der »Führer« eine Fluchtmaschine besteigen können; außerdem gab es unter dem Flughafen einen noch erhaltenen Bahnhof, auf dem die Güterzüge der Berlin-Mittenwalder Eisenbahn verkehrten.
Von den über ganz Berlin verstreuten alten Bunkern sind 23 so gut erhalten, dass sie noch heute als Zivilschutzanlagen benutzbar sind: Sie bieten Platz für 27191 Menschen, also für 0,8 Prozent der 3,3 Millionen Berliner. Für Reiner Janick, Mitbegründer und Vorstand des »Vereins Berliner Unterwelten«, sind diese alten Bunker »eine surreale Welt«. Der Zigarillo rauchende und berlinernde Mann dirigiert im Hauptberuf die Müllfahrzeuge der Hauptstadt – in seiner Freizeit geht er im Untergrund auf die Jagd nach dem Geheimnisvollen, längst Vergessenen und noch nie Erforschten. Was fasziniert ihn so? »Die Unterwelt – das hat mit teils düsteren und kriminellen, aber auch bizarren Fantasien zu tun.« So sind die Bunker des Dritten Reiches nicht nur leblose Betonklötze – sie erzählen von Schicksalen. Von den Schreien und dem Stöhnen der Verwundeten in den Bombennächten, von den Zärtlichkeiten der Liebespärchen, die in einer Mischung aus Angst, Agonie und Erregung des letzten Augenblicks hier zueinander fanden. Auch geboren wurde im Bunker. Auf den Führungen des Vereins durch die alten Anlagen (s. Kasten) versucht mancher Besucher, sein »Geburtszimmer« zu finden.
Nach dem »heißen« hinterließ auch der »kalte« Krieg seine Spuren unter dem Pflaster Berlins. Zwar besiegelte erst der Mauerbau 1961 die Teilung der Stadt – aber im Untergrund waren West und Ost schon seit 1952 getrennt. Bis dahin hatte Ost-Berlin alle Gas-, Strom-, Rohrpost- und Telefonleitungen nach West-Berlin gekappt. 1956 buddelten westliche Geheimdienste einen 450 Meter langen und 30 Millionen Dollar teuren Abhörtunnel zu den Haupttelefonleitungen der Sowjets im Ost-Sektor. Eine Klimaanlage sorgte dafür, dass im Winter der Schnee über dem Tunnel nicht schmolz – das hätte die Lauschaktion verraten.
Mit dem Bau der Mauer wurden auch mehrere U-Bahn-Stationen für den Fahrgastverkehr geschlossen. Westzüge, die auf einem Teilstück Ostberliner Terrain unterquerten, mussten die dort gelegenen Bahnhöfe ohne anzuhalten in Schrittgeschwindigkeit durchfahren. Diese mutierten zu Geisterbahnhöfen, bewacht von DDR-Wachtposten. Jede Regung der Fahrgäste wurde registriert. 1969 zum Beispiel notierte man elf »Zurufe« aus den Zügen und fünfmal »Winken«. Die Kanalisation wurde an 75 Stellen mit Spezialgittern verrammelt, um »Republikflucht« zu verhindern. Verzweifelte Ostdeutsche bohrten in den folgenden Jahrzehnten über 40 Fluchttunnel in den Berliner Untergrund. Legendär: der »Seniorentunnel«, den zwölf Rentner zwischen 55 und 81 Jahren im Berliner Norden buddelten, um in den Westen zu gelangen. Besonders trickreich war der »Friedhofstunnel« in Pankow: Vermeintliche Trauergäste versammelten sich vor einer präparierten Grabstätte und tauchten auf ein Signal hin in den Untergrund ab. Einer der bekanntesten Tunnel ist der »Tunnel 57« unter der Bernauer Straße: Er lag in elf Meter Tiefe, war 145 Meter lang und ermöglichte 57 Menschen die Flucht. Zu den Männern, die ihn gebuddelt hatten, gehörte der spätere Astronaut Reinhard Furrer.
Im Büro des Vereins »Berliner Unterwelten«, tief unten in einem ehemaligen Luftschutzbunker im U-Bahnhof Gesundbrunnen, zieht Reiner Janick an seinem Zigarillo und sucht eine Antwort auf die Frage, warum der Berliner Untergrund ein Tourismusfaktor geworden ist. Hier »scheint die Zeit stehen geblieben zu sein«, sagt er nachdenklich, und was die Besucher berühre, sei »dieses Innehalten des Augenblicks, wenn man in einen Raum kommt, in dem seit 50, 60 Jahren keiner mehr dringewesen ist«.
Zum Beispiel in den riesigen unterirdischen Brauereikellern. Bis 1867 hatten sich 50 Brauereien in den Boden Berlins gewühlt, immer auf der Suche nach der idealen Kühltemperatur für die Herstellung obergärigen Gerstensaftes. Im Winter wurden die Kellergewölbe mithilfe von Deckenluken gekühlt, im Sommer musste man zusehen, dass man die leicht verderbliche Ware im angeschlossenen Biergarten schnell an den Mann brachte. In den Gewölben der ehemaligen Patzenhofer Brauerei in Friedrichshain waren noch lange Zeit die Bodenschalen der gewaltigen Braukessel zu besichtigen, die aussahen wie auf Stelzen stehende fliegende Untertassen. »Wenn man da zum Beispiel irgendwelche Armaturen von Gärkesseln sieht und dabei ahnt, dass man nach dem Brauereiarbeiter von damals vielleicht der erste Mensch ist, der diesen Ort betritt, dann kommt man diesem Menschen sehr nahe«, sagt Reiner Janick, »dazwischen klafft nur ein schwarzes Loch aus Zeit.«
Durch ein solches Zeitloch reisten vor wenigen Jahren die Planer des Berliner Regierungsviertels. Unter dem vorgesehenen Gelände fanden sie nicht nur 25 unterirdische Bauten (vor allem Bunker), sondern auch Abschnitte des alten Rohrpostnetzes, das die Hauptpostämter mit den Ministerien, dem Reichstag und später mit der neuen Reichskanzlei Hitlers verband. Die Rohrpost, in den zwanziger Jahren installiert, war die E-Mail ihrer Zeit und transportierte jährlich Millionen Sendungen. 1941 betrug ihre Netzlänge rund 400 Kilometer; endgültig stillgelegt wurde sie im Westen 1971, im Osten sogar erst 1984.
Was im Regierungsviertel neu in den märkischen Sand gesetzt wurde, reicht bis zu 14 Meter in die Tiefe. Lieferanten, Besucher und Volksvertreter gelangen unterirdisch in den Reichstag: Ein weit verzweigtes Tunnel- und Tiefgaragensystem zieht sich von der Einfahrt nördlich des so genannten Luisenblocks unter der Spree hindurch bis zum Parlament. Baukosten: rund 50 Millionen Euro. Auch der wiederauferstandene Potsdamer Platz ist untendrunter im Wesentlichen hohl. Zufahrtstunnel und ein gigantisches unterirdisches Zentrum für die Versorgung mit Gütern und die Entsorgung von Abfällen verschlangen Unsummen. Der gesamte Unterbau des traditionsreichen Platzes kostete nicht die üblichen 40, sondern satte 55 Prozent der Bausumme von über fünf Milliarden Euro.
Der Untergrund einer Großstadt ist immer für Überraschungen gut: Erst kürzlich ist herausgekommen, dass nicht wenige der 6800 Kilometer langen Erdgasleitungen Berlins ausgerechnet rund um den Airport Berlin-Schönefeld verlaufen. Sollte eine solche Gasleitung platzen oder undicht werden, könnte ein Jet durch eine riesige Gaswolke fliegen – und explodieren. Ein vor der Landebahn aufsetzender Flieger könnte die Leitungen aufreißen und so ebenfalls eine Explosion verursachen.
Gas- und Fernwärmeleitungen, Abwasserkanäle, Bunker, U-Bahn, Telefonleitungen und 40000 Kilometer Stromkabel: Es wird allmählich eng im Berliner Untergrund – besonders dort, wo sich die »Maulwurfsgänge« begegnen: »Unter der Oberfläche sieht eine Straßenkreuzung aus wie ein Schnittmusterboden von Burda«, sagt Eike Krüger von den Berliner Wasserbetrieben. Einen Gesamtplan aller unterirdischen Einrichtungen gibt es nicht. Immer mehr Planer suchen ihr Heil in der Tiefe: Wo noch niemand gebuddelt hat, kann es keine »Zusammenstöße« geben. So wurde die tiefstgelegene »U-Bahn« von Berlin 35 Meter in den Boden versenkt: ein Tunnel, an dessen Decke eine kleine Schwebebahn aufgehängt ist. Diese dient aber nicht der Beförderung von Fahrgästen, sondern dem Transport der Männer, die die an den Tunnelwänden befestigten Hochspannungsleitungen überwachen. Die sechs armdicken Kabel verbinden die elf Kilometer voneinander entfernten Umspannwerke Berlin-Mitte und Marzahn und repräsentieren die elektrische Aorta der Stadt: Sie verteilen den Strom an strategisch wichtige Punkte.
Doch im Untergrund gibt es nicht nur Technik, hier pulsiert auch das Leben. Allein die U-Bahn verschluckt jeden Tag ein Drittel der Berliner und spuckt sie an irgendeinem anderen Ende der Stadt wieder aus. In der warmen Jahreszeit buchen Tausende, die Berlin von unten sehen wollen, eine Tunnelwanderung in einem nicht befahrenen Stollen. Beliebt auch: eine Fahrt im »U-Bahn-Cabrio«. Von einer Diesellok gezogen, rollen drei offene Wagen mit bis zu 150 Fahrgästen nachts zwei Stunden lang rund 35 Kilometer weit durch die finsteren U-Bahn-Tunnel – »ein weltweit einmaliges Erlebnis«, wie man bei den Berliner Verkehrsbetrieben versichert.
Wer die Unterwelt als Arbeitsplatz gewählt hat, sieht das Leben in der Tiefe wohl gelassener. Zahllose Berliner sind unter Tage beschäftigt:als U-Bahn-Fahrer, Elektriker, Bau- und Kanalarbeiter, Kabelverleger, Tunnelbauer oder Bunkerforscher. Einige dieser Jobs sind nicht ungefährlich. So steigen die Männer, die die Abwasserkanäle in Schuss halten, nie ohne Gassonden in die Tiefe, die vor giftigen Dämpfen aus der schmuddeligen Brühe warnen.
Arbeitsplatz Unterwelt: Das gilt leider auch für zwielichtige Gestalten, die ihren dunklen Geschäften unbeobachtet nachgehen wollen. Die Gebrüder Sass buddelten Tunnel um Tunnel durch den Berliner Untergrund und räumten auf diesem Weg 1929 die Silberkammer der Disconto-Gesellschaft am Wittenbergplatz aus. Sie sollen übrigens Hunde zum Gasschnüffeln mitgenommen haben; ihre Beute ist angeblich noch heute irgendwo vergraben.
Auch der Kaufhauserpresser »Dagobert« trickste 1993 die Polizei aus, indem er unter Tage agierte. Als Übergabeort für das Lösegeld war eine Streusandkiste an der Straße vereinbart – Dagobert kam durch die Kanalisation, schnappte sich die Beute durch den Kistenboden und konnte in den Abwasserröhren ungesehen entkommen. 1995 buddelten Bankräuber von einer angemieteten Garage aus einen Stollen unter eine Zehlendorfer Bank. Als Komplizen durch den Eingang des Geldhauses stürmten, brachen ihre Kumpels mit dem Elektrobohrer durch den Boden des Tresorraums. Während die Polizei die Bank umzingelte, entkamen die Gangster durch den Tunnel.
Aber nicht jeder, der sich unbefugt in der Unterwelt aufhält, führt Böses im Schilde – die wenigen Obdachlosen zum Beispiel, denen es gelingt, in die Stadt unter der Stadt einzudringen, suchen nur einen Schlafplatz. Vor wenigen Jahren entdeckten die Forscher vom Verein »Berliner Unterwelten« einen bisher unbekannten Bunker im Berliner Norden; hier hatte sich jemand häuslich eingerichtet – mit Matratzen, Radio und Wecker. »Selbst das Rasierzeug und die Zahnbürste standen da, ganz so wie in einer richtigen Wohnung«, erinnert sich Janick. »Dieser Mensch ging offensichtlich ganz normal tagsüber zur Arbeit und kam abends nach Hause in seinen Bunker.«
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