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Kriminalistik

Die Seelenspione

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die SeelenspioneDie Seelenspione

Wie erkennt man, ob ein Mensch lügt oder kriminelle Absichten verfolgt? Forscher haben jetzt aufsehenerregende Methoden entwickelt, um der Unwahrheit auf die Spur zu kommen. Unbemerkt von der Öffentlichkeit sind einige der neuen Techniken bereits im Einsatz.

Mal wieder ein Autodiebstahl. Ein offenbar jüngerer Mann ruft an, er will Schadenersatz. Doch erst einmal muss er der Mitarbeiterin der britischen Versicherung einige Fragen beantworten: Name, Versicherungsnummer, ob die Polizei schon benachrichtigt sei, wo er den Wagen zuletzt geparkt habe. Und: ob auch der Autoschlüssel verschwunden sei.
»Ja, der ist weg.«

»Wo bewahren Sie den denn normalerweise auf?«
»Also, eigentlich immer, äh, in meiner Jacke. Oder zu Hause auf der Kommode.«
»Und wie erklären Sie sich, dass er da jetzt nicht mehr ist?« Noch bevor die Sachbearbeiterin diese Frage stellt, sieht sie auf dem Bildschirm einen Hinweis: »HR« – High Risk, hohes Risiko. Die Software hat die Stimmfrequenz des Anrufers analysiert und festgestellt, dass sie beim Thema Autoschlüssel deutliche Anzeichen von Stress zeigt (siehe Bild). Täuscht der Mann den Diebstahl nur vor? Dieser Fall muss näher untersucht werden, eine schnelle Regulierung ist ausgeschlossen. Die würde nur erfolgen, wenn der Computer »Low Risk« anzeigt.

»Mir fällt auf, dass Sie gestresst klingen«, sagt die Sachbearbeiterin. »Vielleicht lassen Sie sich die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen und rufen mich dann wieder an?« Das will der junge Mann tun. Sagt er. Und meldet sich nie wieder.

Tausende von Autoschäden hat die britische Highway Insurance schon mithilfe der Stimmen-Risikoanalyse bewertet. Mehr als 15 Prozent dieser Fälle wurden daraufhin zurückgezogen oder abgelehnt – für die Versicherung eine Ersparnis von mehreren Millionen Euro. Andere Versicherungen wie Provident Insurance und Esure vertrauen in Großbritannien der Stimmenanalyse ebenso wie Unternehmen und Behörden.

Dies ist nur eine neue Technik von mehreren, die einen alten Menschheitstraum ermöglichen sollen: herauszufinden, was andere denken, planen oder empfinden. Offensichtlich funktioniert das immer besser. Die Gedanken sind frei? Nicht alle. Mit Hochdruck arbeiten Forscher an der Entwicklung von effektiven Methoden der Seelenspionage. Dass diese Arbeit schon Früchte trägt, bleibt der Öffentlichkeit weitgehend verborgen.

Im Rückblick erscheint die Zeit, in der man die Wahrheit mithilfe eines Lügendetektors herausfinden wollte, geradezu idyllisch. Wer sich der Untersuchung mit dem sogenannten Polygrafen unterzog, der wusste zumindest, dass er getestet wurde. Die neuen Techniken dagegen arbeiten nicht nur zuverlässiger, sie sind auch unsichtbar. Der Überwachte spürt nicht, dass er überwacht wird. Ob im Flughafen, am Telefon oder am PC – die jüngsten Systeme lassen sich unbemerkt an vielen Orten einsetzen.

Wieder klingelt das Telefon, diesmal ist es rein privat. Eine junge Frau ruft ihren neuen Freund an. Sie ist verliebt, zweifelt aber daran, dass er es auch ist. Was er nicht weiß: Sie hat an ihrem Apparat ein Gerät mit dem Namen »Love Detect« installiert. Es zeigt ihr an, welchen Grad von Erregung und Konzentration seine Stimme aufweist, wenn er mit ihr spricht – ob seine Gefühle in Bewegung geraten oder ob er entspannt ist wie nach einer dreijährigen Ehe.

»Uns interessiert nicht, was der Betreffende sagt, sondern wie er es sagt«, erklärt ein Mitarbeiter des Herstellers Nemesysco. »Alles, was im Gehirn passiert, hinterlässt Spuren in der Stimme, und die lassen sich messen.« Anspannung sei in diesem Fall ein Zeichen für sexuelles Begehren. Nemesysco, ein israelischer Anbieter von Sicherheitstechnik, hat auch die anfangs erwähnte Stimmen-Risikoanalyse der Versicherungen entwickelt. Ursprünglich war die Software nur ein Produkt für Militärs. Inzwischen wird sie weltweit auch im zivilen Bereich verkauft, in Lizenz und unter verschiedenen Namen.

Sind das Techniken, mit denen nur Kriminelle aufgespürt werden? Oder müssen wir alle fürchten, dass demnächst unsere intimsten Gedanken ans Licht gezerrt werden? Ein Sprecher des britischen Versicherers Esure verteidigt sich: »Wir fragen unsere Kunden am Telefon, ob sie einverstanden sind, wenn ihre Stimmen analysiert werden. Bisher hat niemand abgelehnt.« Und wenn jemand sich doch weigere, dann werde sein Fall ja trotzdem bearbeitet, nur gründlicher und weniger schnell.

Kritiker sagen, eine Stimme könne aus unterschiedlichen Gründen getresst klingen, Stress müsse kein Zeichen von Unehrlichkeit sein. Ob jemand lüge oder die Wahrheit sage, lasse sich deshalb zweifelsfrei nur dort untersuchen, wo eine Lüge entsteht: im Gehirn.

Genau dorthinein blickt eine neue Generation von Lügendetektoren. Die erhöhte Anstrengung, eine Lüge zu formulieren, zeigt sich in einer stärkeren Durchblutung der beteiligten Gehirnzellen. Mithilfe von Kernspintomografen lässt sich beobachten, dass beim Lügen vor allem Bereiche im Stirnhirn,
in den Schläfenlappen sowie im limbischen System, dem Gefühlszentrum, besonders aktiv sind.

Die Firma No Lie MRI im kalifornischen San Diego bietet diese aufwendige Form der Spurensuche bereits an. John-Dylan Haynes, Kognitionsforscher am Berliner Bernstein-Center, ist davon überzeugt, dass das »Brain-Reading« Zukunft hat: »Unsere Forschung hat gezeigt, dass man sogar in der Lage ist, verborgene Absichten und Pläne aus der Hirnaktivität abzulesen.« Auch die von Terroristen? Im Prinzip ja – nur legt sich keiner von denen freiwillig in die Röhre eines Kernspintomografen. Um die Terrorgefahr zu erkennen, muss man anders vorgehen. Aus der Entfernung. Und so, dass der Betreffende es nicht merkt.

Internationaler Flughafen Boston. In einer Schlange von Passagieren steht ein leicht in sich zusammengesunkener Mann, der mit zittriger Hand immer wieder in
die Innentasche seines schlecht sitzenden Sakkos greift. Mehrfach
huscht für Sekundenbruchteile ein kaum wahrnehmbarer Ausdruck über sein Gesicht. Paul Ekman, Psychologe und Pionier der Mimikforschung, hat den Mann beobachtet – der hat offenbar Angst oder erleidet Seelenqualen, die er verbergen will. Aber warum? Führt er etwas im Schilde?

Auf Ekmans Zeichen eilt ein Sicherheitsbeamter herbei und fragt den Passagier nach dem Grund seines Fluges. Der Mann will zur Beerdigung seines Bruders, der unerwartet gestorben ist. Ekman: »Die Mikro-Ausdrücke seines Gesichts waren der Versuch, seinen Kummer zu verbergen« – dem Blick des Psychologen sind sie nicht verborgen geblieben. Nach Ekmans Muster arbeiten inzwischen auf 14 US-Flughäfen speziell geschulte Angestellte, die in den Körperbewegungen und dem Gesichtsausdruck von Menschen nach Verdachtsmomenten fahnden.

Und wie erkennt man, ob ein verdächtiger Passagier bei der Befragung lügt? Das behalten Experten wie Ekman für sich, nur ein Beispiel nennt er: Wenn jemand auf eine Frage »Nein, auf keinen Fall« antwortet, dabei aber ganz kurz und unmerklich mit dem Kopf nickt, dann hat er die Frage unbewusst bejaht.

Ist auch die Vermeidung des Augenkontakts ein sicherer Hinweis aufs Lügen? »Nein«, sagt der Psychologe Mark Frank, ein Schüler Ekmans. Frank unterrichtet unter anderem FBI-Agenten darin, Lügen anhand von unauffälligen Bewegungen der Mimik zu erkennen. Auch er verrät nur so viel: Wenn die Augenbrauen kaum sichtbar und nur für einen sehr kurzen Moment nach oben zusammengezogen werden, so sei dies häufig ein Zeichen von Angst. Solche Mikrobewegungen, die mit Emotionen verbunden sind, lassen sich nicht unterdrücken.

In Zukunft wird verräterisches Mienenspiel noch systematischer untersucht: Das US-Ministerium für Heimatschutz hat der Rutgers University in New Jersey 3,5 Millionen Dollar dafür zur Verfügung gestellt. Sie soll ein Computersystem entwickeln, das Gesichter noch genauer und zuverlässiger liest, als Menschen es können.

Bis es einsatzbereit ist, muss man weiterhin auf Experten wie Ekman setzen. Oder den ehemaligen FBI-Agenten Bill Brown aus Oklahoma. Brown sagt, er erkenne einen Lügner daran, dass der vor seiner Antwort auf eine Frage für einen ganz kurzen Moment nach rechts oben blicke. Menschen, die das bemerken, sind selten. Tests der amerikanischen Psychologin Maureen O’Sullivan haben ergeben, dass von rund 20 000 Personen nicht einmal 200 zum menschlichen Lügendetektor taugen.

Um nicht vom Können einzelner besonders Begabter abhängig zu sein, sollen in Zukunft zwei neue Distanzverfahren Verdächtige in Warteschlangen aufspüren: das Laser-Doppler-Vibrometer und die Thermografie.

• Das Vibrometer schickt einen unsichtbaren Laserstrahl auf die Schlagader im Nacken eines Wartenden und misst den Puls. Ist der erhöht, spricht das für Stress –
besitzt der Betreffende gefälschte Papiere, hat er Schmuggelware bei sich? Das Verfahren ist noch nicht einsatzfähig, weil es mindestens drei ungelöste Probleme gibt: Der Laserstrahl ist noch nicht unsichtbar; er kann kaum mehr als drei Meter zurücklegen; und wenn der Beobachtete keinen sichtbaren Hals hat, geht gar nichts.

• Die Thermografie könnte schneller zum Erfolg führen. In Flughäfen und an anderen gefährdeten Orten installierte Kameras sollen mithilfe von Sensoren feinste Unterschiede der Hauttemperatur erkennen. Selbst Abweichungen von 0,025 Grad Celsius entgehen ihnen nicht. Auf die Frage »Haben Sie Drogen bei sich?« könnte das Thermografie-Bild zeigen: Kaum hört der Betreffende die Frage, erhöht sich die Temperatur um seine Augen herum – auch dies ein Zeichen für Stress und häufig festzustellen, wenn jemand lügt.

Aber selbst wenn man einen Verdächtigen gar nicht sieht, sondern nur hört, soll die Seelenspionage künftig funktionieren. So will der forensische US-Psychologe Michael Woodworth herausfinden, ob Kriminelle anders sprechen als normale Menschen. Dazu analysiert er in den Verhörprotokollen von Mördern den Satzbau der Aussagen. Ob dabei etwas herauskommen wird, steht noch nicht fest. Eines ist dem Wissenschaftler aber schon jetzt aufgefallen: Seelisch gestörte Straftäter reden überdurchschnittlich oft vom Essen und vom Geld.

Nicht nur Redner können sich verraten, auch Schreiber. Israelische Wissenschaftler baten kürzlich 34 Studenten, auf einer mit Sensoren ausgestatteten Unterlage jeweils eine wahre und eine erfundene Geschichte zu notieren. Anschließend stellte ein Computer fest: Beim Lügen drückten die meisten Testpersonen den Schreibstift kräftiger auf, zudem wurden die Buchstaben höher und breiter. Mit bloßem Auge waren diese Ver-änderungen nicht zu erkennen. Grund für die Abweichung: Wer lügt, muss sich mehr konzentrieren – er muss etwas erfinden und darauf achten, dass es plausibel klingt –, und diese Anstrengung verändert den Schreibfluss.

Sind E-Mails vor Seelenspionage sicher? Vermutlich nicht.
Jeff Hancock, Forscher der Cornell University im Staat New York, hat Zehntausende elektronische Texte analysiert. Eine von mehreren Erkenntnissen: Mails, in denen gelogen wird, enthalten im Durchschnitt 28 Prozent mehr Wörter als andere. »Wenn man lügt, versucht man, eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen«, sagt Hancock, »also schmückt man sie mit Details und gerät leicht in eine redselige Stimmung.« Außerdem gebrauchen Lügner seltener das Wort »ich«, sondern wählen eher Begriffe wie »man«, weil sie sich offenbar unbewusst von ihren eigenen Äußerungen distanzieren wollen. Jeff Hancock träumt von einer Software, die automatisch erkennt, ob ein gesprochener oder geschriebener Text Unwahrheiten enthält.

Technisch schon weiter entwickelt ist ein System, hinter dem der amerikanische Software-Riese Microsoft steckt. Es sieht vor, dass Menschen, die mit Computern arbeiten, über kabellose Sensoren automatisch alles Mögliche von sich preisgeben: Pulsrate, Körpertemperatur, Blutdruck, Mimik, ob sie schwitzen oder gestresst sind. Angeblicher Sinn: Man wolle erkennen, ob sich ein Mitarbeiter unwohl fühle, um ihm helfen zu können. Das klingt uneigennützig, birgt aber die Gefahr des gläsernen Mitarbeiters. Denn das System kann nicht unterscheiden, ob jemand gerade die Bilanz fälscht oder an Liebeskummer leidet.
Bisher spricht kaum etwas dafür, dass uns technisierte Seelenspionage die Arbeit, Lügner zu entlarven, abnehmen kann. Sie wird uns wichtige Hinweise geben – aber wer Täter und wer unschuldig ist, das muss letztlich weiterhin der Mensch entscheiden.

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