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Naturkatastrophen
Die schwere Wiedergeburt von New Orleans
2005 zerstörte eine Naturkatastrophe, einer der brutalsten Wirbelstürme aller Zeiten, New Orleans. Jetzt gibt es einen Planungskrieg um den Wiederaufbau: Spekulanten wollen in der Stadt vollendete Tatsachen schaffen. P.M.-Autor Michael Kneissler war nach der Naturkatastrophe vor Ort.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die »Katrina Sightseeing Tour« startet im historischen »French Quarter« von New Orleans pünktlich um 13 Uhr. Das Ticket kostet 35 Dollar. Dafür bekommt man durch die Fenster des klimatisierten Busses drei Stunden lang zu sehen, was ein tropischer Wirbelsturm aus einer Großstadt machen kann, wenn er sie frontal trifft: Überall zerstörte Häuser, Dämme und Straßen, überall Schuttberge, Ödnis und Elend. Die Katastrophe liegt jetzt fast zwei Jahre zurück, und noch immer sind große Teile der Stadt unbewohnbar. »Die scheinen vollständig überfordert zu sein«, sagt Professor Kees Christiaanse von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, Architekt und Stadtplaner von Weltgeltung.
Allerdings ist New Orleans kein normaler Sanierungsfall. Die Stadt im Mississippi-Delta wurde von der größten Naturkatastrophe getroffen, die jemals die USA heimgesucht hat. 80 Prozent der Stadt wurden überflutet, über eine Million Menschen versuchten, vor Katrina zu fliehen. 1800 verloren ihr Leben.
Jetzt herrscht eine Art Planungskrieg in der untergegangenen Stadt: Turbo-Kapitalismus gegen soziale Verantwortung. Spekulanten versuchen, maximalen Profit aus dem Wiederaufbau zu ziehen, während die Einwohner hoffen, in eine bessere Stadt zurückkehren zu können. Denn schon vor der Katastrophe war New Orleans heruntergekommen. Fast ein Drittel der Bevölkerung lebte unterhalb der Armutsgrenze, viele Häuser waren baufällig, die Qualität der Schulen war niedrig, die Kriminalität hoch. Die Altstadt mit den Jazzkneipen rund um die Bourbon Street und die beflaggten Schaufelraddampfer auf dem Mississippi glitzerten noch – aber in vielen Teilen der Stadt war das Licht längst ausgegangen.
»Nach einer Zerstörung dieses Ausmaßes gibt es zwei Möglichkeiten«, sagt Christiaanse. »Entweder verhängt man ein Moratorium für Besitztransaktionen, bis ein Bebauungsplan vorliegt, damit die Spekulanten keine vollendeten Tatsachen schaffen können. Oder man überlässt den Wiederaufbau dem freien Spiel der Kräfte. Im ersten Fall kann eine soziale, ökologische, zukunftsfähige Stadt entstehen. Im anderen Fall entsteht wahrscheinlich eine Karikatur der amerikanischen Stadt mit einem glänzenden Herzen für Reiche und Touristen und drumherum Barackensiedlungen für die Armen.«
Die Politik in New Orleans hat bisher weder Moratorium noch Bebauungsplan durchgesetzt. Und das ist in Wahrheit eine Entscheidung gegen die Bürger und für
die Spekulanten. Zahlreiche Berater wurden angeheuert, millionenteure Visionen präsentiert. Aber einflussreiche Gruppen haben ihre Realisierung verhindert. Zurzeit investiert nur, wer Geld hat und die Macht, es in seinem Interesse auszugeben. Luxushotels und das gigantische Spielcasino haben wieder eröffnet, das zentrale Krankenhaus nicht. Die Innenstadt glitzert bereits wieder. Aber ein paar hundert Meter von den teuren Restaurants und Hotels entfernt herrscht weiterhin Chaos.
Schon seit fast einer Stunde fährt der Sightseeing-Bus durch die Stadtteile Mid City, Lakeview, Gentilly, New Orleans East. Einige Häuser werden renoviert, andere sind abgerissen und planiert, und die meisten stehen noch so da, wie Katrina sie hinterlassen hat: vom Fundament geschoben, abgedeckt, verschimmelt, ausgeplündert, zerstört. Viele Bewohner sind nicht mehr zurückgekommen, ein paar tausend wohnen neben ihren zerstörten Häusern in Wohnwagen, die die amerikanische Katastrophenbehörde FEMA zur Verfügung gestellt hat.
- New Orleans
- Serie Gesellschaft im Wandel, Teil 4
- Natur & Reise
























