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Militärtechnik

Die Schlacht ums All

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Schlacht ums AllDie Schlacht ums All

Hochpräzise Anti-Satelliten-Waffen könnten die nächsten Kriege entscheiden. Auch Deutschland mischt mit im Rennen um die Macht im Weltraum. Wie gefährlich sind die Pläne der Militärstrategen?

Nur einen Schuss braucht die US-Armee, um ihren defekten Spion vom Himmel zu holen. USA-193 wird voll erwischt. Getroffen von einer Rakete, zersplittert der Satellit in Tausende kleine Teile. Der Lärm der Kollision verhallt im Vakuum des Weltalls. Lautlose Präzisionsarbeit in 247 Kilometer Höhe.

Und das alles, um die Welt zu retten? Zumindest die USA sind davon überzeugt. Den Abschuss ihres Spionagesatelliten im Februar dieses Jahres rechtfertigen sie mit humanitären Gründen: Im Tank des taumelnden Trabanten habe sich fast eine halbe Tonne hochgiftiges Hydrazin befunden, das unter keinen Umständen die Erde erreichen durfte.

Experten streiten noch immer, wie groß das Risiko wirklich war. Sicher ist jedoch: Das Schützenfest im Orbit war für die Amerikaner eine willkommene Demonstration ihrer Stärke. »Auch wenn die Bush-Regierung gern betont, es gebe kein Wettrüsten im Weltall, sieht die Realität ganz anders aus«, sagt Michael Krepon vom Henry L. Stimson Center, einer auf Konfliktforschung spezialisierten Denkfabrik in Washington. Erst vergangenes Jahr hätten die Amerikaner ihre Weltraumdoktrin konkretisiert. Seither beanspruchen sie nicht nur die Macht im Weltraum. Sie wollen auch alles dafür tun, die US-Überlegenheit zu verteidigen. China und Russland, aber auch Indien, Japan und Europa wollen dabei nicht tatenlos zusehen – der Welt droht ein neuer Rüstungswettlauf im All!

Denn wer den Weltraum kontrolliert, kontrolliert die Welt: Dieselben GPS-Navigationssatelliten, die deutsche Autofahrer auf Kurs halten, geleiten auch amerikanische Präzisionsbomben ans Ziel. Unbemannte Drohnen verlassen sich bei ihren Angriffen auf die Signale aus dem All. Und auch die Kämpfer am Boden kommen ohne Hightech-Unterstützung nicht mehr aus: Im Golfkrieg 1991 mussten sich noch 200 US-Soldaten einen GPS-Empfänger teilen, sagt Mischa Hansel, Experte für Weltraumpolitik an der Universität Köln. Zwölf Jahre später, beim Angriff auf den Irak, hatte jeder zehnte Soldat ein GPS-Gerät im Gepäck. Mehr als 100 Satelliten unterstützten die Koalitions-Truppen, der Irak konnte auf keinen einzigen zurückgreifen. »Ohne die Hilfe aus dem All ist moderne westliche Kriegsführung nicht mehr denkbar«, sagt Hansel.

Da möchte auch Europa nicht hinten anstehen. Nach jahrelangem Widerstand hat das europäische Parlament Anfang Juli entschieden, das geplante Satellitensystem Galileo, Europas Antwort auf das amerikanische GPS, auch militärisch zu nutzen. 502 Abgeordnete stimmten für den Antrag, nur 83 waren dagegen.

Selbst Deutschland wandelt sich zur militärischen Weltraummacht. Seit Juli dieses Jahres ist die Bundeswehr stolze Besitzerin von fünf einsatzbereiten Spionagesatelliten. Das Quintett, das auf den Namen SAR-Lupe hört, kann Objekte von weniger als einem Meter Größe ausmachen – dank seiner Radaraugen auch nachts und bei schlechtem Wetter. »Militärpolitisch bringt SAR-Lupe Deutschland auf Augenhöhe mit anderen Staaten«, freut sich Vizeadmiral Wolfram Kühn. Friedensforscher können diese Begeisterung nicht teilen. Peter Strutynski von der Universität Kassel fürchtet, jeder neue Militärsatellit könne als zusätzliche Bedrohung angesehen werden: »Die logische Konsequenz sind Anti-Satelliten-Waffen, Anti-Anti-Satellitenwaffen und so weiter.«

Zumal Satelliten ein leichtes Ziel abgeben: Ihre Bahnen lassen sich exakt vorausberechnen, und auf eine Panzerung wird aus Gewichtsgründen verzichtet. Bereits vor 20 Jahren versuchten Sowjets und Amerikaner diese Verwundbarkeit auszunutzen, berichtet Michael Krepon. Allein die USA hätten ihre Satellitenabwehr 36-mal getestet, ein Satellit wurde dabei zerstört. Die Sowjetunion soll etwa 20 Versuche unternommen haben, die Hälfte mit Erfolg. Danach wurde es ruhig um Anti-Satelliten-Waffen. Bis zum vergangenen Jahr.

Ohne Vorwarnung visierte die chinesische Armee Anfang Januar einen ausgedienten Wettersatelliten an. Bevor ihn die Rakete erwischte, umkreiste Feng Yun 1C (»Wind und Wolken«) die Erde in einer Höhe von 865 Kilometern – genau dort, wo sich auch die meisten amerikanischen Spionagesatelliten aufhalten. »Damit haben die Chinesen dem Pentagon unmissverständlich klargemacht, dass ihm der Weltraum nicht allein gehört«, sagt Krepon. Die Amerikaner protestierten vehement, nur um im Februar dieses Jahres nachzulegen: mit dem Abschuss von USA-193. Wie schon die Chinesen verzichtete auch die US-Armee bei ihrer Zielübung auf einen Sprengkopf. Angesichts einer Aufprallgeschwindigkeit von fast 37 000 km/h reichte allein die Bewegungsenergie des Geschosses, um den Satelliten zu zerstören.

Amerikanische Rüstungsingenieure haben kürzlich erstmals einen extrem energiereichen Laser getestet, der in der Nase einer Boeing 747 Platz gefunden hat. Eigentlich wurde der Megawatt-Lichtstrahl dazu ersonnen, feindliche Raketen zu zerstören. Er könnte aber auch gegen erdnahe Satelliten gerichtet werden, diese blenden oder für immer unschädlich machen.

GPS-Satelliten, die in mehr als 20 000 Kilometer Höhe um die Erde kreisen, sind für Laser und Raketen allerdings nicht zu erreichen. Unverwundbar macht sie das noch lange nicht: Schon in den 1980er Jahren haben die Sowjets erfolgreich mit Killersatelliten experimentiert. Die unfreundlichen Gesellen können sich ihrem Ziel autonom nähern, es mit Lasern beschießen, Störsignale aussenden oder gleich auf Kollisionskurs gehen. Winzige Parasitensatelliten haben keine andere Aufgabe, als sich an ihren Gegner anzuheften und bei Bedarf zu explodieren.

Die Aggression muss dabei nicht unbedingt von den großen Raumfahrtnationen ausgehen, warnt Mischa Hansel. Derzeit haben etwa 50 Staaten Kontrolle über Satelliten – darunter Länder wie Algerien, Vietnam und Nigeria. Wer das nötige Geld hat, kann heute Mikrosatelliten einkaufen und sie passend zu den eigenen militärischen Fantasien ausbauen.

Der Weltraumvertrag aus dem Jahr 1967 untersagt lediglich den Einsatz von Massenvernichtungswaffen im Orbit. Alle Versuche, die Aufrüstung im All zu regulieren, sind bislang am US-Widerstand gescheitert. Wer die All-Macht will, unterschreibt keine Verträge.

Michael Krepon vom Stimson-Center hält das für »unklug«. Gerade Amerika, das mehr als die Hälfte der rund 850 Satelliten betreibt, hätte bei einem Krieg der Sterne am meisten zu verlieren.

Auch durch Kollateralschäden: Allein der Abschuss des chinesischen Wettersatelliten vor eineinhalb Jahren produzierte enorme Mengen an Weltraummüll – mindestens 2317 Trümmerteile von der Größe eines Golfballs und darüber. Es wird Jahrzehnte dauern, bis dieser Schrott langsam absinkt und in der Erdatmosphäre verglüht. »Dabei ist es gut möglich, dass einer der 300 Satelliten in den niedrigeren Umlaufbahnen beschädigt wird«, warnt Krepon. Und mit jedem Abschuss wird dieses Risiko größer. Wer darunter am stärksten leidet, ist klar: das Land mit den meisten Satelliten.

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Autor/in: Alexander Stirn


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